Maier-Leibnitz, Heinz (1911-2000), Atomphysiker Wissenschaftsorganisator

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Maier-Leibnitz, Hermann-Heinrich (Heinz), Atomphysiker, Wissenschaftsorganisator

Geb. 28.03.1911, Esslingen, ev., + 16.12.2000, Allensbach am Bodensee

 

V Hermann Maier (nach d. Eheschließung Maier-Leibnitz) (1885-1962), Bauingenieur, ab 1919 o. Prof. an d. TH Stuttgart; M Marianne, geb. Leibnitz (1887-1969); G 2: Susanne, verh. Misch (1913-1942), Medizinerin; Magdalene (1916-1941).

∞ 1 26.08.1937, Heidelberg, Rita Lepper (1911-1971); K 4: Christine Marianne, verh. Raum (*1938), Hermann Bernd (1941-1941), Brigitte Dorothea, verh. Tillmanns (*1942), Elisabeth, verh. Kunkel (*1946);

∞ 2 1980 I, München, Elisabeth Noelle, verw. Noelle-Neumann (1916-2010), Demoskopin

 

1917 IV - 1929 III       Besuch und Abschluss der Elementarschule (1917-1919) u. des Gymnasiums (jetzt Georgii-Gymnasium) in Esslingen

1929 IV-X                    Werkstattpraxis an d. Maschinenfabrik Esslingen

1929 X - 1931 IV        Studium d. Technischen Physik an d. TH Stuttgart

1931 IV-1935 IV         Studium d. Physik an d. Univ. Göttingen

1935 IV 17                  Promotion zum Dr. phil.; Diss.: "Ausbeutemessungen beim Stoß langsamer Elektronen mit Edelgasatomen"

1935 VIII 1                  Assistent des Physikalischen Instituts am Kaiser-Wilhelm-Institut für Medizinische Forschung, Heidelberg

1939 X -1941 XII         Militärdienst

1942 II 10                   Habilitation an d. Univ. Heidelberg; H.-schrift: "Die Koinzidenzmethode u. ihre Anwendung auf kernphysikalische Probleme"

1942 XI 19                  Ernennung zum Dozenten für Physik (Lehrprobe am 4.07.1942: "Natürliche u. künstliche Radioaktivität")

1947 V --1948 V         Arbeit in der Gruppe deutscher Wissenschaftler am Aeromedical Center, Randolph Field, San Antonio, Texas, USA

1948 VI                      Oberassistent des Physikalischen Instituts am Institut für Medizinische Forschung; Gleichzeitig Assistent und Diätendozent am Physikalischen Institut d. Univ. Heidelberg; ab August 1949 - ao. Professor ebd.

1952 X 1- 1979 IX        o. Prof. für Technische Physik an d. TH (seit 1970 - Technische Universität) München

1964 X - 1965 III         Freisemester, Arbeit am Labor Oak Ridge, USA

1967 I - 1971 XII         Mitbegründer u. erster Direktor des deutsch-französischen Gemeinschaftsinstituts Max von Laue ? Paul Langevin in Grenoble.

1974 I - 1979 XII         Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft

1979-1984                  Kanzler des Ordens ?Pour le mérite?

 

Ehrungen (Auswahl)Ehrendoktorate der Universitäten Wien, Grenoble, Reading (England), Heidelberg; Mitgliedschaften Bayerische Akad. d. Wiss., Leopoldina, Halle, Heidelberger Akad. d. Wiss., Österreichische Akad. d. Wiss., Königliche Akad. Stockholm, Institute of Physics London, Ehrenmitglied d. Deutschen Physikalischen Ges.; Orden Bundesverdienstkreuz mit Stern, Ehrenlegion (Frankreich), Pour mérite.

 

M.s Vater, ein begabter Bauingenieur, begann seinen beruflichen Weg als Statiker in der Maschinenfabrik in Esslingen und stieg dort zum Vorstandsmitglied auf. 1919 wurde er o. Professor für Konstruktiven Ingenieurbau an der TH Stuttgart. Er gilt als Wegbereiter des Industriestahlbaus (s. NDB 15, 1987, 699f.). M.s Mutter, Forstmeisters Tochter in Schorndorf  und Enkelin eines Malers, studierte Altphilologie und half später ihren Kindern mit Latein und Griechisch in der Schule. "Unser Haus war voll von Büchern" (M., 1994, 141).

 

M. wuchs also in einem gebildeten und intelligenten Milieu auf. Im Elternhaus  bekam der Junge eine kleine Werkstatt - seine Neigung zum Basteln war sehr früh offensichtlich. Dazu nahm er an einem Kurs in der Berufsschule für Schreinerei teil. Für seine geistige und physische Entwicklung erschienen regelmäßige Aufenthalte in Arosa, Schweiz, sehr wichtig. Sein Vater  kaufte dort ein Haus, wo viele Prominente als Gäste weilten, unter anderen solche berühmte Physiker wie Niels Bohr (1885-1962), Erwin Schrödinger (1887-1961), Gustav Mie (1868-1957)  und James Franck (1882-1964) - M.s zukünftiger Doktorvater. Mit ihren Gesprächen prägten sie M. unbewusst ein tiefes Interesse für die Naturwissenschaft ein. Bezeichnenderweise blieb Arosa für M. jahrzehntelang der Ort, an dem er nicht nur Erholung, sondern auch neue Ideen und Fragestellungen fand. Und eben hier erarbeitete er unter Anleitung des Geophysikers Paul Götz (1891-1954) noch als Student seine erste wissenschaftliche Arbeit. 

 

In der Schule gehörte M. zu den Besten, das Gymnasium beendete er mit "Sehr gut", so durfte er auch die Rede ("Über den neuen Baustil") beim Abschlussakt halten (damals galt dies noch als Auszeichnung).

 

Nach seinem Abitur studierte M. zuerst "Technische Physik" an der TH Stuttgart. Nach vier Semestern wechselte er nach Göttingen, das damals das deutsche Mekka der Physik war. Bekanntlich erfuhr die goldene Zeit Göttingens ihres jähes Ende mit der NS-Machtergreifung - eben als M. seine Doktorarbeit unter James Franck begonnen hatte. Um seine Promotion zu ermöglichen, sah sich M. gezwungen, im April 1934 in die SA einzutreten. "Durch die Anpassung hatte ich meine Ruhe für den Abschluss meines Studiums", erklärte er später (Edingshaus, 51). Trotzdem berichtete M. schonungslos über seine damalige "Ängstlichkeit" (ebd., 53).

 

Franck trat als Jude von seinem Lehramt zurück, und blieb ab 1934 in Kopenhagen bei Niels Bohr. M. unterrichtete ihn in Briefen über den Stand seiner Arbeit, und als er im Dezember fertig war, reiste er mit seiner Dissertation zu Franck nach Kopenhagen. Dort trug er seine Arbeit im Seminar von Niels Bohr vor. Nach einer Woche kehrte er nach Göttingen zurück mit Francks Gutachten über seine Dissertation. Dieses erschien in den Promotionsakten nicht, wurde jedoch offensichtlich durch den Direktor des Physikalischen Instituts, Professor Robert W. Pohl (1884-1976), benutzt, denn M. erhielt bei der Promotion die Note "sehr gut".  Franck wurde für M. "mein größtes Vorbild auch als Mensch" (M., 1997, 59) insbesondere dank seiner Uneigennützigkeit und Großzügigkeit in seinen Beziehungen mit Studenten und Doktoranden. Später, ähnlich wie Franck, ließ M. seinen Diplomanden und Doktoranden stets ihre Arbeiten allein veröffentlichen, wenn auch Themen und Beratung von ihm stammten. So war es auch bei der Entdeckung des berühmten Mößbauer-Effekts (s. unten).

 

Nach der Promotion wurde M. Hilfsassistent beim Nachfolger Francks Georg Joos (1894-1959). Ihre Zusammenarbeit dauerte nur zwei Monate: Nach der Empfehlung von Pohl  lud Walther Bothe (1891-1957) M. in sein physikalisches Institut des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Medizinische Forschung in Heidelberg ein.

 

Bothes Gebiet war damals eine noch ganz junge Disziplin, nämlich die Kernphysik. Sie wurde auch M.s Hauptgebiet. Er sollte die Gerätschaften von einem aus rassistischen Gründen ausscheidenden Mitarbeiter übernehmen und die Messung von Koinzidenzien von Neutronen und Gamma-Strahlen bei der Beschießung von Beryllium mit Alphateilchen durchführen.  Diese Methode lieferte wichtige Informationen über Kernreaktionen. Später erhielt Bothe den Nobelpreis für die kernphysikalischen Anwendungen der Koinzidenzmethode. Nach zwei Jahren enger Zusammenarbeit mit Bothe wollte M. ein eigenes Thema zu bearbeiten.  Bothe respektierte sofort den Wunsch und entließ M. aus der Verpflichtung seiner Projekten. Eine der bedeutendsten damaligen Leistungen M.s war das Bauen und die Anwendung der sog. "langsamen" Wilsonkammer (Nebelkammer), d.h. eines Teilchendetektors, der dabei auch die Bahn der Teilchen sichtbar macht.

 

 

 

Mit Kriegsausbruch wurde M. eingezogen, zunächst als Soldat bei einem Flak-Regiment. Hier wurde er im April 1940 in die NSDAP als SA-Mitglied überführt. Im August 1941 bestand M. in Berlin eine meteorologische Zusatzprüfung; seitdem verlief sein Wehrdienst in der Eigenschaft eines Meteorologen bei einem militärischen Flughafen nahe Heidelberg. Zum 1942 konnte Bothe M. als UK in sein Institut zurückgewinnen.

 

So bekam M. die Möglichkeit, sich an der Heidelberger Universität zu habilitieren. In seinem Gutachten betonte Bothe, dass M. "sich als selbständiger, gründlicher und ideenreicher Forscher erwiesen [hat]". Auch der Direktor des Physikalischen Instituts der Universität, August Becker (s. dort), bezeichnete M. als "erfolgreichen Forscher... auf einem der heute wichtigsten Gebiete der Physik". Nach den damaligen Regeln bedeutete die Verteidigung einer Habilitationsschrift noch nicht das Erhalten der Venia legendi. Zum Dozenten wurde M. erst neun Monate später ernannt, nachdem er die öffentliche Lehrprobe gehalten hatte. Als Dozent las M. über "Ausgewählte Kapitel aus der Atomphysik" und "Schnelle Korpuskularstrahlen", gab aber später zu, dass er zunächst gar nicht wusste, wie er seine Vorlesungen für Studenten verständlich lesen sollte. Auch später war das Niveau seiner Kurse oft zu hoch für durchschnittliche Studenten.

 

Nach dem Zusammenbruch wurden die physikalischen Arbeiten im Institut für Medizinische Forschung fast eingefroren. M. musste Berichte über deutsche Forschungen während 1939-1946 in Gebieten "Kernprozesse und künstliche Radioaktivität" und über "Kernspektroskopie" für Amerikaner verfassen. Aus der Universität wurde er als Parteimitglied entlassen. Unter diesen Umständen erschien das Angebot  der Amerikaner, eine gewisse Zeit in den USA zu arbeiten, als eine verlockende Möglichkeit, sich über Wasser zu halten und seine Familie mit Lebensmitteln zu unterstützen. In den USA arbeitete M. ein Jahr, meistens in Texas am  Aeromedical Center, konnte aber auch seinen Lehrer James Frank besuchen und sich über den aktuellen Stand der Kernphysik informieren.

 

Inzwischen wurde sein Fall durch die Heidelberger Spruchkammer im März 1947 erledigt. Dank der intensiven Befürwortung von Seiten Bothes und Karl Freudenbergs (s. dort) war M. als "Mitläufer" eingestuft und zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Nach der Rückkehr aus den USA durfte M seine Lehrtätigkeit als Dozent, ab WS 1949, nach einem Gesuch von Bothe, als ao. Professor fortsetzen.

 

Auch im Institut für Medizinische Forschung, wo M. zum Oberassistent und "eine Art Adjutant von Bothe" (Schmidt-Rohr, 1996, 67) wurde, war sein Rückkehr "ein Meilenstein in der Entwicklung des Instituts" (ebd., 66), da er sich bemühte, die Arbeiten im Institut "in die richtige Richtung zu lenken". (ebd., 67). Bothe übertrug damals M. eine größere Zahl von Diplom- und Doktorarbeiten zur eigenverantwortlichen Betreuung  - und das hielt noch einige Jahre an, nachdem M. 1952 auf den Lehrstuhl für Technische Physik der TH München berufen worden war. Etwa 30 Jahre später charakterisierte M. seine Heidelberger Periode so: "Die Zeit dort war der Höhepunkt meiner Lehrjahre und der Beginn selbständiger Bewegung in Neues"  (Edingshaus, 85).

 

In München stand M. vor einer ausgesprochen schwierigen Aufgabe - den Lehrstuhl und das Laboratorium, die seit Jahrzehnten auf der Wärmelehre basierten und hauptsächlich die Kältetechnik entwickelt hatten, so einzurichten, dass das für Deutschland ganz neue Gebiet der angewandten Kernphysik etabliert und entwickelt werden konnte. Zunächst jedoch fehlten die notwendigen Geräte und Einrichtungen. Die Mitarbeiter (die meist von der Tieftemperaturtechnik herkamen) mussten angelernt werden und den Studenten fehlte jegliche Voraussetzung.  M. handelte klug und untypisch: Er gab jedem Diplomanden ein Thema, das ein messtechnisches Verfahren entwickeln sollte. Dabei waren selbst ihm die Wege zur Lösung der Aufgabe nur teilweise bekannt, "was fehlte, wusste manchmal niemand auf der Welt", erzählte er später (Edingshaus, 93). Hilfreich dazu war auch M.s berühmt gewordenes Kernphysik-Seminar, aus dem mehrere bedeutende Professoren der Physik kamen. M. verlangte von seinen Studenten nicht so sehr aus Lehrbüchern erworbene Kenntnisse, sondern das Können, ihre Kenntnisse an die Lösung von Problemen anzuwenden. Er erstrebte stets, etwas Neues mit seinen Schülern zu schaffen und zu entdecken. Mächtiger Antriebsfaktor war dabei die durch M.s Persönlichkeit geprägte und für die kreative wissenschaftliche Arbeit so wichtige anregende, prickelnde Atmosphäre des Suchens nach Neuen, obwohl M. als Chef gar nicht leicht - manchmal ungeduldig und schroff - war. Insgesamt erwies sich sein Prinzip -  Ausbildung durch Forschung - als sehr fruchtbar und effektiv. Das neue Fach wurde erstaunlich schnell aufgebaut.

 

 

 

Während seiner ersten Jahre in München pflegte M. seine Verbindung mit Heidelberg (auch seine Familie ging nach München erst nach einem Jahr). Monatlich erschien er dort im Institut und hatte ausführliche Diskussionen mit jungen Physikern. "Die Gespräche mit ihm wurden so zum wissenschaftlichen Höhepunkt in der Arbeit der Assistenten", erinnert sich einer von ihnen (Schmidt-Rohr, 1996, 92).

 

Anfang 1955 fragte M., ob es möglich wäre, "einen sehr guten Doktoranden" nach Heidelberg zu schicken (in München waren noch die Plätze rar). Bothe war einverstanden, und so begann Rudolf Mößbauer ab Mai 1955 seine Arbeit in Heidelberg. M stellte ihm ein Thema über die Kernresonanzfluoreszenz und regelmäßig diskutierte mit ihm den Verlauf der Arbeit. Das Ergebnis war die sensationelle Entdeckung von Absorption und anschließender Emission von Gammaquanten in einem Atomkern des Festkörpergitters. 1961 erhielt Mößbauer  für diese Entdeckung den Nobelpreis der Physik. Charakteristisch für M. war, dass er den aus dem Nobelkomitee ausgehenden Vorschlag, zusammen mit Mößbauer nominiert zu werden, ablehnte.

 

 

 

Als ein Höhepunkt  von M.s Tätigkeit in München gilt die Errichtung 1956/57 des ersten deutschen Forschungs- und Versuchs-Kernreaktors auf der Garchinger Heide, 16 km nördlich des Stadtzentrums: Damals war für die Wahl des Platzes aus Sicherheitsgründen eine unbebaute Umgebung ausschlaggebend. Der deutsche Wiedereinstieg in die angewandte Kernforschung wurde wohl dank der politischen Veränderungen des Jahrs 1955  ermöglicht (die Aufhebung des Besatzungsstatus, die Freigabe der zivilen Nutzung der Kernenergie, die Einrichtung des Bundesministeriums für Atomfragen). "Die Kernenergie war eine Zeitlang Symbol des technischen Fortschritts" (M., 1994, 153). Im August 1955, nach einer Vereinbarung mit der Bayerischen Regierung, begab sich M. in die USA, um sich dort einen Reaktor anzusehen - bisher hatte ja kein deutscher Physiker je einen Atomreaktor gesehen! - und verhandelte mit mehreren dortigen Firmen, so dass er fünf Reaktorangebote einholen konnte.

 

Im Juni 1956 flog M. in die USA mit einer Ermächtigung, dort einen Atomreaktor mit Zubehör einzukaufen. In zähen Verhandlungen gelang es M., im Rahmen der Summe von 325 000 $ den Vertrag über die Projektierung und Betriebseinrichtung  des Reaktors zu unterzeichnen. Der Bau dauerte dreizehn Monate, wobei oft viele schnelle Entschlüssen M.s nötig waren. Anfang September 1957 begann der erste deutsche Kernreaktor seine Arbeit. Organisatorisch wurde der Reaktor dem Laboratorium für Technische Physik angegliedert. In Garching begannen insbesondere Untersuchungen mit langsamen und schnellen Neutronen, was  M. den Impuls für Schaffung der Neutronenoptik gab, die er etwa 1957-1972 entwickelte. Die Erfindung des Neutronenleiters, wie auch des hochauflösenden Neutronenspektroskops gehören zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen M.s, die zahlreiche Entwicklungen in der Neutronenphysik ermöglichten.

 

Das "Atomei" in Garching wurde später zum Kristallisationspunkt der physikalischen Forschungseinrichtungen in München, was auch auf eine Initiative von M. zurückgeht.

 

Gleichzeitig mit anstrengenden Bauarbeiten in Garching war M. maßgebend in der Deutschen Atomkommission engagiert. Er gilt als einer der Architekten des Atomprogramms Deutschlands. In derselben Zeit (April 1957) unterzeichnete er, als einer von 18 deutschen Atomphysikern, die berühmte "Göttinger Erklärung" gegen Atomwaffen für die Bundeswehr. Seitdem setzte er sich viel mit dem Problem der Verantwortung des Wissenschaftlers auseinander.

 

Ab etwa 1962 beschäftigte sich M. mit dem Plan, einen Kernreaktor, der besonders intensiven Neutronenfluss produzieren könnte, zu bauen, und zwar auf internationaler Basis. Nach mehrjährigen Vorbereitungsarbeiten mündete der Plan in die Einrichtung des deutsch-französischen Gemeinschaftsinstituts Max von Laue - Paul Langevin in Grenoble, wo der bis heute erfolgreichste Höchstflussreaktor gebaut wurde. M. wirkte dort während fünf Jahre als Direktor und trug enorm viel zur Entwicklung von Experimentaluntersuchungen im Gebiet der Neutronenphysik bei, wofür, u.a. der einmalige 100 Meter lange Neutronenleiter sowie mehrere neue hochauflösende Messapparate eingerichtet wurden. Gleichzeitig ist seine Tätigkeit als bedeutenden Beitrag zu internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit  zu betrachten. (Übrigens schrieb M. bereits 1946: "Die Wissenschaft kann das stärkste völkerbindende Glied sein, ihre Freundschaft ist ein Vorbild für das Zusammenleben der Völker" (UA Heidelberg, PA 5079)).

 

Wenn einerseits die Forschungstätigkeit M.s durch sein Wirken in Grenoble gekrönt wurde, so ist andererseits als Krone seiner wissenschaftsorganisatorischen Tätigkeit seine 6-jährige Arbeit als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu bezeichnen. Während zweier Perioden seiner Präsidentenschaft gelang es ihm, auf  gesundem Menschenverstand bestehend, das verlorene Vertrauen der Öffentlichkeit in die Forschung zurückzugewinnen. Seine ideenreichen Vorschläge um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bleiben auch heute aktuell.

 

Nach der Emeritierung heiratete der schon lange verwitwete M. die Demoskopin Prof. Noelle-Neumann, was seiner Tätigkeit eine neue Facette beilegte: Er begann, effektive Wege zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Bevölkerung, aber auch die Politiker zu suchen. So entstanden seine interessanten Arbeiten über die wissenschaftliche Rhetorik sowie zahlreiche Artikel seiner letzten Jahre über die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Politik.

 

Das vielseitige Wirken von M. wird nur teilweise durch seine mindestens 300 Publikationen (die vollständige Liste fehlt noch) widergespiegelt. Zahllose Ideen und Vorschläge von ihm wurden  als Arbeiten seiner Schüler realisiert, ohne eigene Veröffentlichungen. Eben weil er seine manchmal genialen Ideen anderen für die weitere Erarbeitung übergab, wurde ihm kein Nobelpreis verliehen. Auch in seiner enormen organisatorischen Tätigkeit blieben viele Verdienste M.s verborgen. Trotzdem prägte M. maßgebend die Physik in Deutschland während 1950-1970s Jahre. Noch mehr: Insgesamt bildet die große und markante Persönlichkeit M.s einen Meilenstein in der Entwicklung der Naturwissenschaft Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

 

 

Q StadtA Esslingen:  Bestand Georgii-Gymnasium, Nr. 125 u. Auskünfte vom 2. u. 9.03.2011; UA Stuttgart: Bestand 120, Heinz Maier-Leibnitz (Studentenakte), 57/372 (Personalakte Hermann M.-L) u. Auskünfte vom 21. u. 22.02.2011; UA Heidelberg: PA 5078, PA 5079 (Personalakten M.), Rep. 27, Nr. 811 (Akademische Quästur M.), HAW 306 (Akte M.); Auskünfte des UA Göttingen vom 10.03.2011, des Archivs d. Max-Planck-Ges., Berlin, vom 1.03.2011, des Archivs d. Bayerischen Akad. d. Wiss. vom 16.03.2011, des Archivs d. Technischen Univ, München vom 5.04.2011.

 

 

 

W  (mit P. Goetz) Zur Ultraviolettabsorption bodennaher Luftschichten, in: Zs. für Geophysik 9, 1933, 253-260; Ausbeutemessungen beim Stoß langsamer Elektronen mit Edelgasatomen, in. Zs. für Physik 95, 1935, 499-523; (mit W. Bothe) Photon Theory and Compton Effect, in: Physical Reviews 50, 1936, 187; Untersuchungen mit d. "langsamen" Wilsonkammer, in: Zs. für Physik 112, 1939, 569-586; Die Koinzidenzmethode u. ihre Anwendung auf kernphysikalische Probleme, in: Physikalische Zs. 43, 1942, 333-362; (mit W. Gentner u. W. Bothe) Atlas typischer Nebelkammerbilder mit Einführung in die Wilsonsche Methode, 1940, 21954, 31955; Absolute Zählrohrmessungen an γ-Strahlen, in: Zs. für Naturforschung 1, 1946, 243-252; Kernprozesse u. künstliche Radioaktivität, in: Naturforschung u. Medizin in Deutschland 1939-1946, Bd. 13, 1948, 141-153; Kernspektroskopie, in: ebd., 153-160; (mit L. Koester) Genaue Zählung von β-Strahlen mit Proportionalzählröhren, in: Sitzungsberr. d. Heidelberger Akad. d. Wiss., Math.-naturwiss. Kl. 1951, Abh. 5, 281-290; Bericht über neuere experimentelle Arbeiten zur Physik sehr schneller Teilchen, in: Die Naturwissenschaften 38, 1951, 6-11; Wechselwirkung von Kernen u. Lichtquanten, in: Landlt-Börnstein, Zahlenwerte u. Funktionen, Bd. I, Teil 5, 1952, 269-325; (mit L. Koester u. K. Schmeiser) Zur Absorption von Elektronen u. Positronen, in: Zs. für angewandte Physik 5, 1953, 9-11; (mit G. Ehgartner u. W. Piepenbrink) Ein Wechsellichtmonochromator für Spektrallinien von ausgedehnten Lichtquellen, in: Zs. für Physik 141, 1955, 246-253; (mit T. Springer) Ein Interferometer für langsame Neutronen, in: ebd., 167, 1962, 386-402; Theorie eines Schwerkraft-Neutronenrefraktometers zur Absolutbestimmung kohärenter Streuquerschnitte, in: Zs. für angewandte Physik 14, 1962, 738-740; Grundlagen für die Beurteilung von Intensitäts- und Genauigkeitsfragen bei Neutronenstreumessungen, in: Nukleonik 8, 1966, 61-67; Halbzeit im deutschen Atomprogramm, in: Atomwirtschaft-Atomtechnik 11, 1966, 18-20; Das Projekt eines deutsch-französischen Höchstflußreaktorinstituts in Grenoble, in: Ebd., 427f; (mit T. Springer) Production and Use of Thermal Reactors Neutron Beams, in: Annual Review of Nuclear Science 16, 1966, 207-262; Neutron Conducting Tubes, in: Neutron Capture Gamma-Ray Spectroscopy, Proceedings of the International Symposium, 1969, 93-103; New Instrumentation, with special reference to the high flux reactor, in: Neutron inelastic scattering : proceedings of a Symposium, 1972, 681-696; Zwischen Wissenschaft u. Politik, ausgewählte Reden u. Aufsätze 1974-1979, 1979; Chance u. Risiko d. technisch-wissenschaftlichen Information, 1979; Kochbuch für Füchse, 1980, 71991; D. geteilte Plato. Ein Atomphysiker zum Streit um den Fortschritt, 1981; Peter Kafka/H. M.-L. Streitbriefe über Kernenergie: Zwei Physiker über Wissenschaft, Fortschritt u. die Folgen, 1982; Die Verantwortungen des Naturwissenschaftlers, 1983 (Sitzungsberr. d. Heidelberger Akad. d. Wissenschaften, Math.-Naturwiss. Kl., 1983, 1. Abhandlung, 1-14); Die Wirkung bedeutender Forscher u. Lehrer ? Erlebtes aus fünfzig Jahren, in: Rheinisch-Westfälische Akad. d. Wissenschaften, Vorträge Nr. 318, 1983, 9-18; Erste Versuche zur Anwendung d. "Neuen Rhetorik" auf die Bewertung von Diskussionen über Naturwissenschaft u. Technik, in: Bayerische Akad. d. Wissenschaften, Math.-Naturwiss. Kl., Abhandlungen, NF, 163, 1984, 1-50; Walther Bothe, in: Semper Apertus, Bd. III, 1986, 406-416; Lernschock Tschernobyl, 1986; E. Nolle-Neumann/H. M.-L., Zweifel am Verstand: Das Irrationale als die neue Moral, 1987; Erinnerungen an die Zeit vor d. Entdeckung d. Kernspaltung, in: Naturwissenschaftliche Rundschau 44, 1991, 85-89; Walther Bothe (1891-1957). Erinnerungen aus Anlaß seines 100. Geburtstages, in: Physikalische Blätter 47, 1991, 62-64; Die Rhetorik u. die Naturwissenschaften d. Gegenwart, in: C. J. Classen, H. J. Müllenbrock (Hg.), Die Macht des Wortes: Aspekte gegenwärtiger Rhetorikforschung, 1992, 237-246; 60 Jahre Forschung, Lehre u. Forschung, Forschungspolitik, in: O. M. Marx, A. Moses (Hg.), Emeriti erinnern sich, Bd. II, 1994, 137-164; James Frank, in: M. Hassler, J. Wertheimer (Hg), D. Exodus aus Nazideutschland u. die Folgen, 1997, 59-70.

 

 

 

Poggendorffs Biographisch-literarisches Handwörterbuch VIIa, Teil 3, 1959, 185, VIII, Teil 3, 2004, 1844; B. Weiss, M.-L., H., in: Deutsche Biographische Enzyklopädie, 2. Ausgabe, Bd. 6, 2006, 679f.; Orden pour le  mérite für Wissenschaften u. Künste. Reden u. Gedenkworte  XIII, 1976/77, 1977, 189-194 (B auf d. S. 224); Anne-Lydia Edingshaus, H. M.-L.. Ein halbes Jahrhundert experimentelle Physik; 1986 (W, B); M. Eckert, Neutrons and politics. M.-L. and the emergence of pile neutron research in the Federal Republic of Germany, in: Historical Studies in the Physical and Biological Sciences 19, 1988, 81-113; Wolfgang D. Müller, Geschichte d. Kernenergie in d. Bundesrepublik Deutschland, Bd.1-2, 1990, 1996 (s. Personenregister); Paul Kienle (Hg.), Wie kommt man auf einfaches Neues? D. Forscher, Lehrer, Wissenschaftspolitiker u. Hobbykoch H. M.-L., 1991 (W, B); Anna v. Laßberg, H. M.-L. privat, in: VDI Nachrichten Magazin, 1991, Nr.4, 64-68 (B); U. Schmidt-Rohr, Erinnerungen an die Vorgeschichte u. die Gründerjahre des Max-Planck-Instituts für Kernphysik, 1996, 16-20, 32, 66-68, 92, 103-110; L. Koester, M. Pabst, 40 Jahre Atom-Ei Garching, 1997; H. Rauch, H. M.-L.+, in: Almanach d. Österreichischen Akad. d. Wissenschaften 151, 2000/2001, 435-440 (B); R. L. Mößbauer, H. M.-L.+, in: Jahrbuch d. Bayerischen Akad. d. Wissenschaften, 2001, 309-312; E.-L- Winnacker, Zum Tod von H. M.-L.. Ein hochgeschätzter Anwalt d. Wissenschaften, in: Forschung, Das Magazin d. Deutschen Forschungsgesellschaft, 2001, Nr. 1, 29; P. Kienle, H. M.-L.+, in: Physics Today 54, 2001, 65f.; Elisabeth Noelle-Neumann (Hg.), "Niemand hat das Recht, sein Talent zu vergeuden". H. M.-L.. Ein Portrait in Zitaten, 2001 (W, B); U. Schmidt-Rohr, Die Deutschen Kernphysikalischen Laboratorien von 1911 bis zur Gründung des Atomministeriums, 2003,74-84; Derselbe, Die Deutschen Kernphysikalischen Laboratorien nach Gründung des Atomministeriums, 2005, 58-63, 170f., 215f.; W. A. Herrmann (Hg.) Technische Universität München. Die Geschichte eines Wissenschaftsunternehmens, Bd. 2, 2006, 501-518, 737-740;

 

Festveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstags von Prof. H. M.-L., in: http://www.frm2.tum.de/de/aktuelles/veranstaltungen/100-geburtstag-maier-leibnitz/index.html

 

 B  Edingshaus, 1986, Bildteil; Noelle-Neumann, 2001, S. 8; Schmidt-Rohr, 2005, S. 215; Vgl. L.

 

 

B

 

 

B          Edinghaus, 1986, Bildteil; Noelle-Neumann, 2005, S. 8; Schmidt-Rohr, 2005, S. 215 (vgl.L).

          Edinghaus, 1986, Bildteil; Noelle-Neumann, 2005, S. 8; Schmidt-Rohr, 2005, S. 215 (vgl. L).

 

 

 

 

B          Edinghaus, 1986, Bildteil; Noelle-Neumann, 2005, S. 8; Schmidt-Rohr, 2005, S. 215 (vgl.L).

  

 

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