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Becker, Josef (1905-1983), medizinischer Radiologe

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Becker, Josef, medizinischer Radiologe

 *6.07.1905 Billed (heute Biled, Rumänien). Röm.-kath. + 8.09.1983 Heidelberg

Johann B. (1871-1918), Kaufmann.

M Elisabeth B., geb. Tobias (1879-1907).

1, d. ältere Bruder

∞ 21.12.1937, Heidelberg, Paula  Helene Maria Tyrell, Dr. med. (1905-1963). 4: Hildegard (Hilda), verh. Bräutigam, (*1938), Dr. med.; Irene (Reni), verh. Böhmer (*1940); Helmut (Heio) B. (*1942), Dr. med.; Hans B. (*1944), Dr. med.

∞ 1964 Heidelberg Ingrid Zischka, Dr. med. (1929-2007).

 

1912-1922                              Schulbildung: 1912-1915 u. 1915-1919 ungarische Volks- und Bürgerschule in Groß-Sankt-Nikolaus, Banat, 1919-1922 - deutsche Mittelschule in Temeswar

1922-1925                              Kaufmännisches Studium an d. Handelshochschule Nürnberg

1925-1926                              Franz-Deak-Realgymnasium in Budapest, Abitur im Juni 1926

1926-1932                              Medizinstudium: Univ. Budapest (SS 1926), Univ. Heidelberg (WS 1926/27 - SS 1928 u. SS 1931 - WS 1931/32), Univ. Berlin (WS 1928/29), Univ. Wien (SS 1929 - WS 1930/31). Die ärztliche Hauptprüfung 8.01.1932 Beurteilung "gut"

1933 V                                    Beitritt zur NSDAP, Nr. 2289755

1936 XI 7                                Promotion "magna cum laude" zum Dr. med. an d. Univ. Heidelberg; Diss.: "Das Carcinoid des Wurmfortsatzes"

1937 IX                                   Assistenzarzt am Samariterhaus (Klinische Abteilung des Instituts für Krebsforschung d. Univ. Heidelberg, ab 1942 - Czerny-Krankenhaus)

1940 VI                                   Habilitation: "Ein Beitrag zur Kasuistik u. Therapie bösartiger Tumoren"; Probevortrag: "Röntgenbehandlung d. tuberkulösen Lyphome"

1940 X - 1945 IV                   Militär- u. Kriegsdienst; anschließend bis Mitte August 1945 britische Kriegsgefangenschaft in Bad Harzburg

1944 I                                     Während eines Sonderurlaubs in Heidelberg Lehrprobe "Die Aufgabe d. Strahlentherapie im Kriege"; Ernennung zum Dozenten 26.04.1944

1945 VIII - 1948 V                 Zeit d. Entnazifizierung: Entlassung durch amerikanische Militärregierung; Einstufung durch Spruchkammer Heidelberg als Mitläufer am 7.02.1947; Wiedereinstellung in den Dienst als Dozent u. Wiss. Assistent am Czerny-Krankenhaus nach  Zustimmung d. Militärregierung vom 18.02.1948

1949 VIII                                 Außerplanmäßiger Professor u. Leiter d. Klinischen Abteilung des Czerny-Krankenhauses

1955 VII                                  a.o. Prof  für Strahlenheilkunde u. ab Februar 1956 Direktor des Czerny-Krankenhauses

1962 III - 1973 IX                   o. Professor für Medizinische Strahlenkunde; 1973 X - XII Vertreter seines Lehrstuhls

1962 IX - 1963 VIII                Dekan

 

 

Ehrungen: Dr. h. c. Univ. Gent (1965, I); Ehrenmitgliedschaften: The Section of Radiology of  the Royal Society of Medicin, London (1966, III), Die Österreichische Röntgengesellschaft (1966, X), Verband d. Ungarischen Medizinischen Gesellschaften (1968, XI), Japanische Radiologische Gesellschaft (1970, III); Albers-Schönberg-Medaille d. Deutschen Röntgengesellschaft u. d. Gesellschaft für Medizinische Radiologie, Strahlenbiologie u. Nuklearmedizin e. V.

 

B. wurde im ehemaligen Österreich-Ungarn, in der Region Banat geboren, wo ab dem zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts deutsche Kolonisten, u.a. seine Vorfahren aus Elsass-Lothringen, siedelten. Sein Heimatort Billed wurde 1765 als deutsches Dorf gegründet. B.s Mutter starb, als er nur zwei Jahre alt war. 1912 wechselte sein Vater nach dem ebenfalls 1765 gegründeten Ort Groß-Sankt-Nikolaus, 1942 zur Stadt erhoben. Dort besuchte B. die ungarische Volks- und anschließend die Bürgerschule.

1914, mit Ausbruch des Kriegs, wurde sein Vater eingezogen. Wegen eines Leidens, das er sich an der Front zugezogen hatte, starb er Ende 1918. So geriet die dreizehnjährige Vollwaise in die Wirren der Nachkriegszeit, als der größte Teil des Banats 1919 in rumänische Herrschaft überging. Dementsprechend wurde B. rumänischer Staatsangehöriger.

Nach den Jahrzehnten der Madjarisierung wurde 1919 die deutsche Mittelschule in Temeswar, der Hauptstadt der Region eröffnet. Dank der Unterstützung von Verwandten konnte B. sie besuchen. 1922 beendete er die Schule mit Reifezeugnis. Dort trat er auch der 1921 entstandenen "Deutsch-Schwäbische Volksgemeinschaft" bei.

Sein Vormund in Deutschland wollte, dass B. Wirtschaftswissenschaft studierte, so bezog B. im Herbst 1922 die 1919 gegründete Handelshochschule in Nürnberg, wo er zum Sommer 1925 die kaufmännische Diplomprüfung ablegte. Den größten Teil seines Aufenthalts in Nürnberg war B. als "Werk-Student" tätig, und das brachte ihm die Mittel, um seinem eigenen Wunsch zu folgen: Er hatte kein Interesse an kaufmännischer Laufbahn, sondern wollte Medizin studieren.

Dafür machte er während des Schuljahrs 1925/26 sein Abitur am "Frank-Deak"-Realgymnasium im Kleinpest (Stadtteil von Budapest) und begann sein Medizinstudium an der dortigen Universität. Für das nächste Semester kam B. nach Heidelberg, "der Stadt, die seit dieser Zeit meine zweite und wirkliche Heimat wurde" (B., Lebensbeschreibung, UA Heidelberg, PA 831, S. 97). In seinem Gesuch um die Immatrikulation schrieb er: "Bin Auslandsdeutscher aus dem von den Rumänen besetzten Gebiet Ungarns und möchte daher meine Hochschulstudien an einer reichsdeutschen Universität absolvieren" (UA Heidelberg, Studentenakte B., Oktober 1926). In Heidelberg machte B. sein Physikum und verbrachte die klinischen Semester in Berlin und Wien, kehrte dann nach Heidelberg zurück, um sein Studium abzuschließen.

Nach dem ärztlichen Staatsexamen erhielt B. einige Jahre lang seine praktische Ausbildung an verschiedenen Krankenanstalten - bis März 1934 im Wormser Städtischen Krankenhaus an der Chirurgischen Abteilung, vom April 1934 bis Oktober 1936 an der Frauenklinik der Universität Heidelberg, dann noch fast ein Jahr an der Städtischen Frauenklinik Wiesbaden, bis er sich ab September 1937 an der Universität Heidelberg endgültig niederließ, und zwar am sog. Samariterhaus, d. h. an der Klinischen Abteilung des 1906 von Vinzenz Czerny (1843-1916) gegründeten Krebsinstituts; nach ihm wurde sie seit 1942 Czerny-Krankenhaus genannt.

Noch im November 1936 bestand B., damals Assistent an der Frauenklinik, die Promotionsprüfung mit "Frauenheilkunde" als Hauptfach und "Innere Medizin" und "Gerichtliche Medizin" als Nebenfächer. Seine Doktorarbeit, so das Gutachten des Direktors der Frauenklinik Hugo Kleine (1898-1971), "ist mit Fleiße und großem Verständnis für die gegebenen klinischen und wissenschaftlichen Fragestellungen angefertigt worden" (UA Heidelberg, H-III-862/74). B. wurde mit der Gesamtnote "gut" zum Dr. med. promoviert.

Mit seiner Einstellung am Samariterhaus widmete sich B. ausschließlich der Radiologie in allen ihren medizinischen Aspekten.

Hier fand er auch sein persönliches Glück: Er heiratete die dortige Ärztin, später Dr. med. Paula Tyrell, die während der harten Jahre 1945-1947 B. als Vertragsassistentin in der Klinik vertrat.

Anfang1940 legte B. seine Habilitationsschrift vor, wo er alle im Samariterhaus stationär behandelten Tumorkranken, von 1906 bis 1939 insgesamt 6656 Fälle statistisch nach verschiedenen Gesichtspunkten bearbeitet hatte. B. fand insbesondere heraus, dass nach 5 Jahren bei 10,9% der bestrahlten Kranken eine Symptomfreiheit erreicht wurde - die erste Zusammenfassung der Bestrahlungserfolge in der damaligen Literatur. Wie der Gutachter M. Kirschner (s. dort) schrieb, "ist die Arbeit wissenschaftlich äußerst wertvoll" (UA Heidelberg, PA 831, S. 25).

 

Die harte Jugendzeit bestimmte B., sich den Umständen jeweils anzupassen. So trat er bereits im Mai 1933 der NSDAP bei, was auch seiner nationalen Einstellung entsprach. Gleichzeitig erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit.

Es ist kaum festzustellen, wie echt B. sich als Nationalsozialist betätigte. Die Spielregeln erfüllte er jedenfalls tadellos. In der Universität fungierte er als "politischer Leiter" und "Zellenleiter der klinischen Krankenanstalten" (PA 831, S. 17). In seiner Habilitationsschrift, zeit- und parteigebunden, betrachtete B. auch die Rolle der Rasse bei Krebskrankheiten und fand "deutlich die Unterschiede in der prozentualen Verteilung der Tumorlokalisation bei Ariern und Juden" (UB Heidelberg, 90 U 132, S. 18). Als nicht erzwungenes Zeichen seiner Parteitreue sieht wohl der Artikel "Maligne Tumoren bei Juden" aus, den er der Zeitschrift des NS-Ärztebundes vorgelegt hatte; zu seinem Glück wurde dieser Artikel nicht publiziert. Trotz aller solcher Treuedemonstrationen, blieb B. vor Allem ein einfühlsamer Arzt und zuverlässiger Mensch. Der Hippokratische Eid stand für ihn fraglos höher als die NS-Ideologie. Es wurde bezeugt, dass B. während des Kriegs "die kriegsgefangenen Verwundeten der alliierten Nationen und nach Deutschland  verschleppte Fremdarbeiter im Lazarett mit größter Sorgfalt und Fürsorge ärztlich betreut hat" (PA 831, S. 91).

 

Nach den damaligen Verordnungen waren Habilitation und Ernennung zum Dozenten getrennt. B. hoffte, auch das zweite Verfahren in wenigen Monaten zu erledigen. Im Juli 1940 stimmte die Fakultät B.s Antrag um Zulassung zur Lehrprobe zu. B. wurde aber zum Militär einberufen. So sollte er seinen Antrag drei Jahre später wiederholen; für die Probevorlesung konnte er für sich einen "Sonderurlaub" durchsetzen. Zum Dozenten wurde B. erst im April 1944 ernannt, übrigens - ein die Zeit charakterisierende Detail - unter der Voraussetzung, dass er die Teilnahme an einem Lehrgang in dem entsprechenden "Reichslager für Beamte nach Beendigung des Krieges" nachholt (PA 831, S. 65).

 

Seinen Militärdienst begann B. als Sanitäts-Soldat, nach der Grundausbildung wurde er im Februar 1941 zum Unterarzt befördert und bis Januar 1942 bei verschiedenen Luftwaffen-Lazaretten eingesetzt. Dann wurde er für drei Monate an die Luftkriegsschule in Dresden zu einem Offiziers-Lehrgang abkommandiert. Die Beurteilung der Schulleitung ist aussagekräftig: B. "ist von offenem, hilfsbereitem Wesen....Er ist eifrig, strebsam und fleißig.... Geistig steht er weit über Durchschnitt. Gute Auffassungsgabe verbindet er mit klaren Gedanken und der Fähigkeit, diesen seinen Gedankengängen regen Ausdruck zu verleihen....Körperlich ist er wenig gut veranlagt. Bei Beginn des Lehrgangs Nichtschwimmer. Hat aber durch zähen Eifer genügende Schwimmfertigkeit erworben... Teilnehmer ist bereit, die Sanitäts-Offizierlaufbahn mit begrenzter Dienstzeit einzuschlagen." (UA Heidelberg, PA 6537, S. 323, hervorgehoben im Original).

Aufgrund dieser Beurteilung, sowie vertraulich angefragter Auskünfte aus Heidelberg und aus den Lazaretten, wo er gedient hatte, wurde B. zum Sanitäts-Offizier befördert - zunächst zum Assistenzarzt, dann, ab 1.01.1944, zum Stabsarzt. Er war als Abteilungsarzt in mehreren Lazaretten, als Truppenarzt von September 1942 bis Dezember 1943 an der Ostfront eingesetzt. Sein letzter dokumentierter Aufenthalt, im Sommer 1944, war ein Lazarett der Luftwaffe in Budapest.

Nach dem Zusammenbruch und vier Monaten in einem Lager für Kriegsgefangene wurde B. als Parteimitglied durch die amerikanische Militärregierung in Heidelberg aus der Universität entlassen. Trotz mehrfacher Anträge der Fakultät ging das Entnazifizierungsverfahren nicht glatt: Zunächst hatte die Spruchkammer in Heidelberg B. als "Minderbelasteter" beurteilt, was einen Dienstverbot bedeutete. Nach B.s Widerspruch beschloss die Spruchkammer im Februar 1947, ihn als "Mitläufer" einzustufen. Danach stellte die Landesregierung im August 1947 B. wieder in Dienst, "jedoch ohne Lehrberechtigung" (PA 6537, S. 348). Erst nach der Anerkennung des Spruchkammerentscheids durch die Militärregierung wurde B. auch als Dozent wieder eingestellt.

Nun entwickelte er eine unglaublich aktive Tätigkeit in der Klinik: Eifer war ja immer sein Wesenszug. Rein formell sind B.s Erfolge in seiner amtliche Karriere widergespiegelt: 1949 - Leiter der Klinischen Abteilung mit dem Titel Professor, 1955 - a. o. Professor und Beamter auf Lebenszeit; 1956 - Direktor des Czerny-Krankenhauses (Das Czerny-Krankenhaus wurde seit 1934 durch ein Direktorium aus den Ordinarien für Chirurgie, Dermatologie und Gynäkologie geleitet; 1956 wurde das Direktorium aufgelöst und B. zum alleinigen Direktor bestellt); 1958 - akademische Rechte eines ordentlichen Professors (persönlicher Ordinarius); 1962 - ordentlicher Professor und Dekan.

Als Dozent und Professor las B. jedes Semester, zunächst gratis, einen einzigen Kurs - "Klinische Strahlentherapie", 2 Stunden wöchentlich, der ab WS 1954/55 in die "Medizinische Strahlenkunde" umgewandelt und zu einem Pflichtfach geworden war. Den Schwerpunkt legte B. auf die klinische Tätigkeit.

Die tatsächliche Entwicklung der Klinik basierte auf B.s Gespür zu neuen Tendenzen in der Radiologie und auf seiner Kunst, leistungsfähige Mitarbeiter um sich in seiner Klinik zu versammeln.

Als ersten gewann er den talentierten K. E. Scheer (s. dort), mit dem er eine "Isotopen-Medizin", d.h. die Anwendung künstlicher radioaktiver Elemente in Therapie und Diagnostik auszubauen begann. B., erzählte Scheer später, "hat .... alles in seinen Kräften stehende getan, um diesen neuen Zweig der Strahlenmedizin zu fördern. Er ist unzählige Male nach Bonn gefahren, um Geldmittel zu erbitten für den Aufbau dessen, was wir heute Nuklearmedizin nennen, und ohne seine Aktivität und seine stetige Ermutigung wäre eine nuklearmedizinische Abteilung an der Universitätsstrahlenklinik nicht so bald entstanden" (UA Heidelberg, Acc 11/10). Diese Abteilung wurde nach dem Antrag B.s 1962 eingerichtet.

Wenn 1954 B. und Scheer noch vorsichtig schreiben mussten, dass radioaktive Isotopen "grundsätzlich" "einen Fortschritt bedeuten" (B. u. Scheer, 1954, 137), so konnte B. bereits 1959 die neue Zeitschrift "Nuclearmedizin" gründen, deren Mitherausgeber er fast bis zum Lebensende blieb, da die "Fortschritte" sich enorm bedeutend zeigten.

Mit gleichem Elan setzte sich B. auch für andere Methoden der Strahlentherapie ein, die er für vielversprechend hielt. So gelang es ihm, das erste in Deutschland gebaute Betatron (Elektronenbeschleuniger) für seine Klinik zu erwerben. Bei diesem Gerät eröffneten sich zwei Möglichkeiten: Einerseits eine Behandlung nicht tief liegender Tumoren durch schnelle Elektronen, andererseits Behandlung tiefliegender Tumoren durch ultraharte Röntgenstrahlen, die im Betatron erzeugt werden können. Bereits 1957, drei Jahre nach der Inbetriebnahme des Apparats, veranstaltete B. ein internationales Symposium über Betatron-Therapie, das eine weltweite Resonanz fand.

Dem Betatron folgte, nach fast fünfjährigen Bemühungen, das "Gammatron" mit einer Kobaltquelle von 2000 Curie (was der Radiummenge von 3kg entspricht). Das Gerät wurde 1958 in einem speziellen Strahlenschutzbunker eingerichtet.

Überhaupt erwartete B. zu Recht besondere Erfolge von den Methoden der "Megavolttherapie", wie er das Gesamtgebiet bezeichnete, wo ultraharte Strahlen und hochenergetische Teilchen für die Krebsbehandlung verwendet werden. Bei solchen Methoden ist eine genaue Lokalisation der Behandlung möglich und in der Regel nötig. Als B. 1970 von mehr als 17 Tausend Kranken schrieb, die seit 1954 in seiner Klinik mit den Methoden der Megavolttherapie behandelt worden waren, konnte er bedeutende Vorteile dieser Methoden, verglichen mit den konventionellen, aufzeigen.

Außer mit neuen Methoden der Strahlentherapie beschäftigte sich B. mit vielen anderen Themen. So wurden in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit Anfang des Atomzeitalters, die Fälle von Strahlenkrankheit, damals als "akutes Strahlensyndrom" bezeichnet, immer häufiger. Die Medizin befand sich zunächst in einer "therapeutischen Ohnmacht" (B. u. Fliedner, 1957, 1468), musste aber diese neue Herausforderung annehmen. Dementsprechend wurde damit auch klinische Tätigkeit B.s erweitert. Auch solche Themen wie die Prüfung neuer Analgetika bei Krebskranken fanden sich jetzt in der Arbeit von B.s Klinik.

Eine Eigenart seines Fachs sah B. insbesondere darin, "dass die Radiologie in diagnostische und therapeutische Bereiche anderer Disziplinen eingreift und auf eine fachkundige und verständnisvolle Zusammenarbeit mit diesen Disziplinen angewiesen ist" (1967, Betrachtungen, 1129). B. selbst beherrschte die Kunst solcher Zusammenarbeit meisterhaft. Dabei war für ihn charakteristisch, dass er immer bestrebt war, die Patienten sehr persönlich zu behandeln und sie nicht zum Objekt der Technik werden zu lassen.

 

"Seine Dynamik, sein unerschütterlicher Optimismus und seine Fähigkeit, seine Mitarbeiter zu motivieren und zu begeistern, haben ihn zu einer überragenden Persönlichkeit der Radiologie gemacht", so urteilte sein ältester Schüler K. E. Scheer (UA Heidelberg, Acc 11/17). Es ist kein Zufall, dass zwölf Mitarbeiter B.s sich unter seiner Anleitung habilitierten und vier von ihnen ordentliche Professoren wurden. Auch drei seiner Kinder wurden Mediziner, die beiden Söhne - Radiologen.

 

Das allgemeine Ergebnis des unermüdlichen Wirkens B.s war die Umwandlung der nahezu in Verfall geratenen Czerny-Klinik in das international anerkannte Zentrum der Strahlenmedizin. Seine Klinik, die mit drei Mitarbeitern nach dem Krieg anfing und 1964 nach B.s Antrag in "Universitäts-Strahlenklinik (Czerny-Krankenhaus)" umbenannt wurde, hatte zuletzt mehrere Abteilungen: Strahlentherapie, Röntgendiagnostik, Nuklearmedizin, Strahlenbiologie, Strahlenphysik und Strahlenschutz. Deswegen wurde die Klinik "das Ziel zahlreicher in- und ausländischer Gäste, die zur Fortbildung auf dem Gebiet der medizinischen Radiologie nach Heidelberg kommen" (Kärcher, 1965)

Retrospektiv ist zu sehen, dass B. als Lehrer und Organisator herausragend war. Der Wissenschaftler in ihm trat hinter dem Arzt zurück: Wenn auch bis heute viele theoretische Probleme der Strahlentherapie nicht geklärt sind, meinte er, "darf der Kliniker nicht länger warten und muss seinem Patienten die zurzeit besten zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für eine Behandlung anbieten" (1959, Entwicklung..., 1339). "Misserfolge können den erfahrenen Radiologen nicht entmutigen, denn er weiß, dass er bei sachgemäßer Anwendung über ein Heilmittel verfügt, mit dem er Schwerkranken auch dann noch helfen kann, wenn andere Mittel versagen" (1966, Strahlentherapeutische Behandlung, 363).

In seinen über 260 Publikationen scheute B. nicht, über dieselben Gedanken und Ergebnisse seiner Klinik in verschiedenen Zeitschriften und Tagungen mehrmals zu publizieren, auch wenn in leicht unterschiedlichen Versionen. Sein Hauptanliegen war, die Bedeutung der Strahlenmedizin den weitesten medizinischen und auch nichtmedizinischen Kreisen zu vermitteln und deren Anerkennung als selbständiges klinisches Fach  zu erreichen. Das ist ihm gelungen.

 

Q   UA Heidelberg: Studentenakten B.; H-III-862/74, Nr. 11 (Promotionsakte B.); PA 831, PA 2587, PA 3240, PA 6536-PA 6538, PA 9455 (Personalakten B.); B-3029/13, B-3029/14 (Akten des Rektorats); Acc 11/17, Karton1 (Gedenkrede K. E. Scheers über B.).

 

W   (Auswahl) Über multiple primäre Krebsbildungen, in: Monatsschrift für Krebsbekämpfung 8, 1940, 169-176; Klinischer Erfolgsbericht über das stationäre Beobachtungsgut d. Jahre 1906 bis 1939 des Heidelberger Krebsinstitutes, in: Strahlentherapie 72, 1943, 351-403; Cholinum chloratum als selbständiges Chemotherapeutikum bei malignen Tumoren, in: Zs für Krebsforschung 56, 1948/50, 171-175; (mit K. J. Wulff) Klinische Erfahrungen mit dem Analgeticum  Amidon "Hoechst", in: Medizinische Klinik 44, 1949, 705-707; Ein Überblick über die Entwicklung d. Röntgentherapie des zahnärztlichen Fachgebietes bei gutartigen Erkrankungen, in: Stoma 2, 1949, 299-305; (mit Th. Franke) Die Behandlung d. Arthrosis deformans mit kombinierten Injektionen von Desoxycorticosteronacetat u. 1-Ascorbinsäure, in: Medizinische Klinik 45, 1950, 1094-1096; (mit K. E. Scheer) Radiokobalt als plastisches Präparat zur Strahlenbehandlung, in: Strahlentherapie 85, 1951, 561-588; (mit K. E. Scheer) Strahlentherapeutische Anwendung von radioaktivem Kobalt in Form von Perlen, ebd. 86, 1951, 540-547; (mit O. Bundschuh) Klinischer Bericht über Dromoran ?Roche? (Analgeticum Ro 1-5431), Medizinische Klinik 47, 1952, 846-848; (mit K. E. Scheer) Fortschritte auf den Gebiet d. Radiochirurgie mit radioaktiven Isotopen, in: Ärztliche Forschung 6, 1952, I/249-I/257; (mit K. E. Scheer u. A. Kübler) Ein neues Strahlenmeßgerät mit einer biegsamen Kristallmeßsonde u. seine Anwendung in d. Klinik, in: Strahlentherapie 88, 1952, 34-43; (mit K. E. Scheer) Ein neues therapeutisches Anwendungsprinzip radioaktiver Isotope in geschlossenen elastischen Applikatoren, in: Strahlentherapie 90, 1953, 546-552;

(mit K. E. Scheer) Radioaktive Isotope in d. Diagnostik u. Therapie d. Geschwulstkrankheiten, in: D. Krebsarzt 9, 1954, 129-138; Beispiele lokalisierter Anwendung radioaktiver Isotope in d. Krebstherapie, in: K. Fellinger u. H. Vetter (Hg.) Radioaktive Isotope in Klinik u. Forschung, 1955, 149-159; Lokalisations- u. Einstelltechnik bei dem 15-MeV-Siemens-Betatron, in: Strahlentherapie 97, 1955, 202-210; (mit R. Blöch u. F. Wachsmann) Dosisverteilung bei Kreuzfeuer- u. Bewegungsbestrahlung beim Betatron, ebd., 98, 1955, 297-307; Klinische Erfahrungen mit dem Betatron, in: Deutsche medizinische Wochenschrift 80, 1955, 920-923; (mit K. E. Scheer) Die Internationale Genfer Atomenergie-Konferenz in ärztlicher Sicht, ebd., 1545-1547; (mit K. E. Scheer) Die radioaktiven Isotope in d. Geburtshilfe u. Gynäkologie, 1956; Zum fünfzigjährigen Bestehen des Czerny-Krankenhauses für Strahlenbehandlung, in: Ruperto Carola 20, 1956, 109-111; (mit G. Wetzel u. C. R. v. d. Decken) Die Gittermethode bei d. Strahlenbehandlung mit schnellen Elektronen, in: Strahlentherapie 99, 1956, 213-220; (mit K. E. Scheer) Klinische Betrachtungen zur Isotopenbehandlung d. Karzinome des Verdauungstraktes, ebd. 100, 1956, 184-191; (mit Th. Fliedner) Aufgaben u. Erkenntnisse d. Strahlenhämatologie,  in: Medizinische Klinik 52, 1957, 264-273; (mit Th. Fliedner) Voraussetzungen u. Möglichkeiten d. Therapie von Strahlenschäden, ebd., 1456-1468; (Hg. u. Mitverfasser, mit K. E. Scheer) Betatron u. Telekobalttherapie, 1958; (mit K. E. Scheer) Nutzen u. Schaden d. Anwendung radioaktiver Isotope in d. Medizin, in: Medizinische Klinik 53, 1958, 1203-1208; Klinische Erfahrungen mit ultraharten Röntgenstrahlen u. schnellen Elektronen, in: Strahlentherapie 106, 1958, 85-95; Aktuelle Probleme d. Strahlenmedizin, in: Ruperto Carola 23, 1958, 169f.; Das neue Kobalt-Fernbestrahlungsgerät d. Medizinischen Fakultät Heidelberg, ebd., 171f.; Entwicklung d. Therapie mit energiereichen Strahlen, in: Medizinische Klinik 54, 1959, 1337-1339; (mit H. Kuttig) Die tangentiale u. schalenförmige Pendelbestrahlung mit Gammastrahlen des Kobalt 60, in: Strahlentherapie 108, 1959, 17-22; (mit K. E. Scheer) Die Hypophysenausschaltung bei fortgeschrittenem Karzinom, in: Strahlenforschung u. Krebsbehandlung, Hg. von Hans Meyer u. J. B., 1959, 130-136; (mit H. Ebner u. K.-H. Kärcher) Neue Möglichkeiten zum Studium d. klinischen Strahlenwirkung, in: Strahlentherapie 109, 1959, 357-373; (mit K. zum Winkel u. K. E. Scheer) Erfahrungen mit d. Isotopen-Nephrographie, in: Die Medizinische Welt, 1960, 576-581; (Hg., mit G. Schubert) Die Supervolttherapie: Grundlagen, Methoden u. Ergebnisse d. Therapie mit energiereichen Teilchen u. ultraharten Strahlen, 1961; (mit K. H. Kärcher) Die Bedeutung d. klinischen Strahlenpathologie, in: Strahlentherapie 118, 1962, 2-9; (mit F. Kleibel u. K. zum Winkel) Die endoperikardiale Anwendung von radioaktivem Goldkolloid, ebd., 204-212; (mit H. Kuttig u. H.-J. Frischbier) Erfahrungen u. Ergebnisse in d. Strahlentherapie des Bronchuskarzinoms, ebd. 326-340; (mit K. zum Winkel u. G. Schubert) Funktionaldiagnostische u. morphologische Studien über die Sublimatniere u. Aminonukleosidnephrose d. Ratte u. deren strahlentherapeutische Beeinflussung, ebd.,119, 1962, 4-22; (mit K. zum Winkel) Anwendung d. Strahlenheilkunde auf den HNO-Gebiet, in: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Ein kurzgefasstes Handbuch, Bd. 1: Obere u. untere Luftwege, Hg. von R. Link, 1964, 886-932; Aufgaben des modernen Strahlenklinikers, in: Strahlentherapie 124, 1964, 7-15; Radioaktive Isotope in d. Krebsforschung, in: Die Medizinische, 1964, Nr.18, 639-642; Zur Entdeckung d. Röntgen-Strahlen vor 70 Jahren, in: Ruperto Carola 38, 1965, 217-225; (mit H.-J. Frischbier) Die Strahlentherapie im Kinderalter, in: H. Opitz, F. Schmid (Hg.) Handbuch d. Kinderheilkunde, Bd. II/2, 1966, 588-604; Strahlentherapeutische Behandlung fortgeschrittener Malignome, in: Wiener klinische Wochenschrift 78, 1966, 360-363; (mit K. H. Kärcher u. F. Kleibel) Die zusätzliche Behandlung u. Verlaufsbeobachtung während d. Strahlentherapie u. cytostatischen Behandlung, in: D. Radiologe 6, 1966, 169.175; Betrachtungen über den Standort d. klinischen Radiologie. Zum Geleit, in: Die Therapiewoche 17, 1967, 1129-1131; (mit E. Jahns) Ein Ganzkörperzähler-System für universelle klinische Anwendung, ebd., 1155-1160; (Hg. u. Mitverfasser) Klinische Radiologie. Eine Einführung für Ärzte u. Studierende, 1968; Megavolttherapie ? Indikationen u. Ergebnisse, in: Strahlentherapie 139, 1970, 261-270.

Mitherausgeber: Strahlentherapie (1956-1983), Nuclearmedizin (1959-1982), Zentralblatt für die gesamte Radiologie (1955-1982)

 

L   K. H. Kärcher, Professor J. B. 60 Jahre alt, in: Heidelberger Tageblatt 6.07.1965, Nr. 152, S. 3 (B); Herbert Gawliczek, Report über die Institute, Kliniken u. Abteilungen d. Medizinischen Fakultät d. Univ. Heidelberg, 1967, 116-118; H. Kuttig, J. B. 70 Jahre alt, in: Ruperto Carola H. 55/56, 1975, 208f.; K. zum Winkel, J. B. 75 Jahre, ebd., H. 65/66, 1981,176; D. Petzoldt, J. B.+, ebd., H. 69, 1983, 297; Anton Peter Petri, Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums, 1992, 104f.; D. Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon 1933-1986, 2009, 101f...

 

B UA Heidelberg: Studentenakten B.: Photo ca. 1928; Pos I 00159, Pos I 00160, Pos I 00180 Photos 1965-1968), Pos I 06230, Pos I 06289 (Gruppenphotos, 1968); Heidelberger Tageblatt 6.07.1965, Nr. 152, S. 3; Strahlentherapie 150, 1975, 1; Chronik d Ärzte Heidelbergs, 1985, 152.

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