Werner, Richard (1875-1945), Krebsforscher, Radiologe

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

 Werner, Richard, Krebsforscher, Radiologe

22.07.1875Freiwaldau/Österreichisch Schlesien (heute  Jesenik, Tschechien). Isr., ab ca. 1904 ev. + 8.02.1945 Theresienstadt (heute Terezin, Tschechien)

V         Sigmund (* 1844), Kaufmann. M      Elisabet(h), geb. Goldschmied (* 1854). G   4; Heinz (* 1877), Hugo, Elsa u. Paula. Unverh. K       keine.

 

1885(?) – 1893                     Besuch u. Abschluss (Juli 1893) des Staatsobergymnasiums in Waidenau (heute Vidnava, Tschechien)

1893 X – 1899 VI                 Studium Medizin an d. Univ. Wien

1899 VII 7                              Promotion zum Dr. med. ohne Dissertation

1899 VII – 1900 III u.             Ärztliche Praktik an der chirurgischen Klinik in Heidelberg u. an dermatologischen u.

1901 IV – 1903 II                  gynäkologischen Kliniken in Wien     

1900 IV – 1901 III                  Militärdienst als einjähriger Freiwilliger; die zweite Hälfte als Assistenzarzt an d. inneren Station des Garnisonsspitals in Brünn

1903 III                                   Assistent an d. chirurgischen Klinik d. Univ. Heidelberg

1905 IV                                   Dasselbe am neu zu errichtenden Institut für Krebsforschung ebd.

1906 VII                                  Habilitation für das Fach Chirurgie; H.-Schrift: „Vergleichende Studien zur Frage d. biologischen u. therapeutischen Wirkung d. Radiumstrahlen“, Probevorlesung 6.07.1906: „Die chirurgische Behandlung d. malignen Tumoren“

1910 VIII                                Oberarzt am Institut für Krebsforschung

1912 VI                                  Gründung d. Fachzeitschrift „Strahlentherapie“ mit W. als Mitbegründer u. Mitherausgeber

1912 VII                                 a. o. Professor

1914 IX – 1916 IV                Kriegsdienst: Kommandant an einem Spitalzug vom Roten Kreuz, Wien

1916 X – 1933 IV                  Mitdirektor des Instituts für Krebsforschung u. Leiter dessen klinischer Abteilung (Samariterhaus)

1934 IV – 1939 III                  Leitender Primararzt [Direktor der klinische Abteilung] d. Masaryk-Heilanstalt für Geschwülste „Haus des Trostes“, Brünn

1942 I                                     Deportation nach Theresienstadt

 

Ehrungen: Offizierskreuz des Franz-Joseph-Ordens (1915); Präsident d. Deutschen Röntgen-Gesellschaft (1927); Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit; korrespondierendes Mitglied d. Argentinischen Gesellschaft für Krebsforschung.

 

Die bedeutenden Beiträge W.s zur Krebsforschung und –behandlung, zur medizinischen Radiologie während deren früher Entwicklung, auch seine Rolle als ein Pionier der Chemotherapie des Krebses und sogar sein Name gerieten in Vergessenheit wegen seines unglückliches Schicksals als Opfer des Holocaust. 1956 versuchte J. Becker (s. dort), ein Radiologe der nächsten Generation, den Namen W.s der Vergessenheit zu entreißen, sein Versuch wurde aber kaum wahrgenommen. Erst die letzte Zeit beginnt ihm gerecht zu werden.

 

W. wurde als erstes Kind in eine jüdische Familie in dem tschechischen Ort Freiwaldau des Habsburger Reiches geboren. „Seine Vorfahren waren Kaufleute, Rechtsanwälte und Ärzte“ (Reichshandbuch, 1931). Er besuchte ein humanistisches Gymnasium und nach Ablegung der Matura in Weidenau, am 22. Juli 1893, immatrikulierte er an der medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Seine Promotion zum Dr. med. erfolgte im Juli 1899. Da es in Österreich damals nicht erforderlich war, für die Erlangung eines medizinischen Doktorates eine Dissertation zu verfassen bzw. eigenständige wissenschaftliche Forschung zu betreiben, hatte W. auch keinen Doktorvater im eigentlichen Sinn.

Nach der Promotion folgten Jahre der ärztlichen Praxis, zunächst sieben Monate an der chirurgischen Klinik in Heidelberg unter Vinzenz Czerny (1842-1916) als Volontär, dann – während der zweiten Hälfte des Militärdiensts – an der inneren Station des Garnisonsspitals in Brünn, anschließend drei Monate an der dermatologischen und 11 Monate an der gynäkologischen Klinik der Universität Wien, an der letzteren als Operationszögling unter dem bedeutenden Gynäkologen Rudolf Chrobak (1843-1910) und wieder sieben Monate an der chirurgischen Klinik in Heidelberg.

Bereits als Volontär zeigte W. Neigung und Fähigkeit zu Forschungsarbeit und konnte eine gediegene experimentelle Untersuchung über Wachstum und Regeneration des Epithels durchführen, die Czernys Interesse erweckte. So erhielt W. seine erste feste Stelle als Assistent der Chirurgischen Klinik Heidelberg. Czerny orientierte seinen neuen Assistenten auf die Krebsforschung und –behandlung; er selbst hatte sich seit mehreren Jahren auf diesem Gebiet beschäftigt.

W.s erste Ergebnisse über biologischen Wirkungen von Radium-Bestrahlung schienen sehr vielversprechend. Sie erlaubten insbesondere die Vermutung, dass Zersetzungsprodukte des Radium bestrahlten Lecithin ähnlich wirken, wie die Bestrahlung selbst. Werner vermutete, aufgrund seiner Experimente, dass „die Radiumwirkung – der Hauptsache nach – eine Intoxikation mit den Zersetzungsprodukten des Lecithins darstellt.“ „Es scheint mir nämlich nicht ausgeschlossen zu sein, dass sich auf diesem Wege ein therapeutischer Fortschritt… anbahnen lassen könnte… endlich gegen den Feind, dem wir am machtlosesten gegenüberstehen – gegen die malignen Tumoren!“, schrieb W. mit jugendlichem Enthusiasmus (W. 1904, Experimentelle.., 1239).

 Aussichten auf eine Habilitation entstanden. In dieser Zeit ließ W. sich taufen, vermutlich in seinem Heimatort. Offensichtlich wollte er seine akademische Karriere erleichtern oder gar möglich machen. Die konfessionelle Schranke war eher eine informelle. Es gab auch eine formale: Für seine Habilitation musste W. die ärztliche Approbation für das Deutsche Reich haben. Dank der Unterstützung von Czerny und der Fakultät erteilte das Ministerium ihm diese unter ausnahmsweiser Entbindung von der vorgeschriebenen Prüfungen. Nun stellte W. sein Gesuch um Habilitation und legte dabei seine umfang- und inhaltsreiche Schrift über seine Untersuchungen vor.

In seinem Gutachten schrieb Czerny zusammenfassend: „Wie in dieser Arbeit, so hat Herr Dr. W. schon in früheren Arbeiten bewiesen, dass er ein ebenso fleißiger wie ideenreicher Forscher auf experimentell-pathologischem Gebiete ist“ (UA Heidelberg, H-III-111/149, Bl. 345).

Nach der erfolgreichen Probevorlesung und auf Grund „seiner sonstigen Leistungen“ erteilte die Fakultät die Venia docendi dem angehenden Gelehrten „mit der Note Eins“ (ebd., Bl. 350).

 

Bald stellte sich ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte der Krebsmedizin Europas ein: Die feierliche Eröffnung eines besonderen Instituts für Krebsforschung – die Krönung mehrjähriger Bemühungen Czernys – und eine anschließende Internationale Konferenz auf diesem Gebiet, bei der auch W. als Vortragender teilnahm. „Mögen die Hoffnungen, welche durch sie erweckt wurden, in Erfüllung gehen!“ – so  schloss W. seinen Bericht über dieses Ereignis.

Arbeiten des ersten Jahrzehnts W.s in Heidelberg beweisen seine sehr vielseitigen Ansätze zur Krebsforschung und –bekämpfung.

Dazu gehört vor Allem eine bedeutende Innovation bei der Technik der Bestrahlung – der von W. erfundene „Bestrahlungskonzentrator“, um „in einem bestimmten Körperbezirke unter der Haut ohne Verbrennungsgefahr für die letztere eine möglichst große Strahlenmenge zu vereinigen“.(W. 1906,  Bestrahlungskonzentrator, 115)  Dafür montierte W. mehrere Strahlenquellen auf einem bogenartigen Stativ, so dass die Strahlen radiär gerichtet und im gewünschten Punkt sich kreuzen. Dieses Gerät hat „alle wichtigen Elemente der heutigen Bewegungsbestrahlung in sich vereint. W. wird von den Radiologen als der Begründer dieser modernen Behandlungsmethode angesehen“ (Becker, 1956, 111). W. stellte seinen Apparat dem II. Kongress der Röntgen-Gesellschaft Anfang April 1906 vor. Seitdem wurde er in Klinik erfolgreich angewandt.

Andererseits untersuchte W. nach wie vor biologische Wirkungen der Bestrahlung. Er kam insbesondere zur Hypothese, „dass die Radiumstrahlen besonders leicht im Stande sind, die Teilung der Zellen zu verhindern, oder, wo sie schon im Gange ist, das Leben der Zelle selbst zu vernichten. Sie wirken offenbar mächtig auf einen Faktor des Zelllebens, der für die Vermehrung von größter Wichtigkeit ist und während derselben noch an Bedeutung für die gesamte Existenz der Zelle gewinnt“ (W., 1906, Vergleichende Studien, 117f.). Damals war es eine neue und anregende Idee, die W. seitdem jahrelang entwickelte.

Gleichzeitig suchte W., aufgrund dieser Hypothese, nach einer „chemischen Imitation“ der Strahlenwirkung, d. h. Stoffe, die ähnliche Effekte wie eine Bestrahlung hervorrufen. Er hoffte dabei Hinweise zur Mechanismus-Erklärung der Strahlenwirkungen zu erhalten, sowie neue Mittel zur Krebsbekämpfung zu finden. Dies waren Pionierleistungen auf dem Gebiet der damals entstehenden Chemotherapie des Krebses.

Seit etwa 1910 begann W. die „kombinierten Methoden“ der Krebsbekämpfung auszuarbeiten, d.h. chirurgische, strahlentherapeutische, aber auch chemotherapeutische Behandlung in verschiedenen, je nach Umständen, Kombinationen anzuwenden. Auch dies stand damals in der vordersten Linie der Krebsmedizin.

Eine Zeit, 1906-1907, beschäftigte sich W. mit der bis heute wenig erforschten Erscheinung der „Biologischen Strahlung“, d.h. der Strahlung, die lebende oder kürzlich abgestorbene Gewebe emittieren und die mit photographischen Platten registriert werden kann. Der Gegenstand erschien damals jedoch zu kompliziert, um in der Heilkunde des Krebses angewandt werden zu können. Diese Arbeiten spiegeln aber wider, wie weit W. seine Untersuchungen plante.

Eine weitere Richtung seiner Tätigkeit war die der Krebsstatistik: Er versuchte, Korrelationen zwischen der Häufigkeit von Krebserkrankungen in Baden und verschiedensten Faktoren, wie Umweltbedingungen bis Lebensalter herauszufinden. Eines seiner Ergebnisse war, dass die Häufigkeit des Krebses vor Allem von Bedingungen abhängig ist, die an den Wohnort, nicht so sehr an die Berufstätigkeit geknüpft sind.

Die Leistungen W.s blieben nicht unbemerkt: 1910 wurde er zum Oberarzt der Klinischen Abteilung (Samariterhaus) des Krebsinstituts und 1912 zum a. o. Professor befördert.

Als Professor, sowie früher als Privatdozent las W. über „Strahlungsbehandlung der malignen Tumoren“ und über „Diagnostik der Neubildungen“. Sein Fach, Strahlentherapie, war damals noch nicht obligatorisch. Trotzdem hatte er immer einige Zuhörer. Erst als W. ab WS 1921/22 „Röntgenkunde für Zahnärzte“ ankündigte, wuchs die Zahl seiner Zuhörer auf etwa drei Dutzend. Der Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit lag nach wie vor in der klinischen Arbeit.

Auch wissenschaftsorganisatorisch engagiert sich W. immer mehr. Besonders muss die Gründung der neuen Zeitschrift, „Strahlentherapie“, hervorgehoben werden. 1912 erklärten drei Ärzte, damals alle noch Privatdozenten – der Dermatologe Hans Meyer (1877-1964), der Gynäkologe Carl Gauß (1875-1957) und der Chirurg W.: „Die Biologie der Strahlenwirkung und die darauf gründende Strahlentherapie hat sich heute zu einer Spezialwissenschaft, zu einem selbständigen sehr umfassenden Zweige der Medizin entwickelt“ (Strahlentherapie, Bd. 1, S.1). Die drei begannen eine spezielle Zeitschrift dazu herauszugeben. Allmählich wuchs und veränderte sich die Zusammensetzung der Herausgeber, W. blieb aber mehr als Vierteljahrhundert. 

Mit Kriegsausbruch musste W. als Staatsangehöriger des Habsburger Reichs in die österreichische Armee. Zunächst war er Kommandant eines Spitalzugs des Roten Kreuzes, bald wurde als leitender Chirurg in Mährisch-Ostrau und Przemysl. Unter anderem setzte er die Einrichtung eines stationären Röntgenapparats durch und während des Sommers 1915 konnte er damit etwa zwei tausend Untersuchungen durchführen.

Auf Verlangen von Czerny wurde W. wegen einer Reklamation des badischen Ministeriums Mitte April 1916 zurückgerufen, um ihn zu vertreten. Später, am 10. August 1916, schrieb Czerny dem Ministerium: „Wie ich noch in den letzten Monaten, wo mich Herr Prof. W. vertreten hat, von Neuem sehen konnte, wird das wissenschaftliche Gedeihen und die finanzielle Unabhängigkeit des Instituts im Zukunft sehr wesentlich von der Persönlichkeit des Herrn Prof. W. abhängen. Ich muss deshalb das Großherzogliche Ministerium ersuchen, alle Hindernisse zu beseitigen, welche seiner Erhaltung für das Institut im Wege stehen könnten“ (UA Heidelberg, H-III-686).

Czerny verließ seinen Direktor-Posten zum 1. Oktober 1916 und starb am 3. Oktober.

Laut der neuen Satzung wurde das Krebsinstitut durch ein Direktorium aus Leitern der beiden Abteilungen, der wissenschaftlichen und der klinischen, und einem Ordinarius der medizinischen Fakultät als Vorstand verwaltet; den letzteren Posten hatte der Okulist August Wagemann (1863-1955) bis zum 1940 inne. W. wurde also Mitdirektor des gesamten Instituts und Direktor des Samariterhauses.

Während der harten Nachkriegs- und Inflationszeit hatte das Ministerium vor, das Institut aufgrund finanzieller Schwierigkeiten zu schließen. Es gilt als großes Verdienst von W., dass das Werk Czernys damals gerettet wurde: „Durch die persönlichen Bemühungen von W. flossen Stiftungen aus aller Welt in einen ‚Fond zur Erhaltung des Samariterhauses‘ und durch zähe Verhandlungen gelang es, die Suspendierung zu verhindern“ (Becker, 1956, 111).

Im April 1927 präsidierte W. den 18. Kongress der Deutschen Röntgengesellschaft. Er sprach u.a. über die Notwendigkeit des Aufbaus einer Lehrtradition: „Es gilt nicht nur, eine trefflich geschulte Generation von Röntgenärzten und Strahlenforschern herauszubilden, sondern auch ein entsprechend vorgebildetes Hilfspersonal, und es genügt nicht, nur dafür zu sorgen, dass die technische Schulung auf der Höhe bleibt, es ist auch dringend notwendig, … dass auch die ethische Erziehung der künftiger Träger unserer wissenschaftlichen und praktischen Bestrebungen auf ein möglichst hohes Niveau gebracht wird“ (W., 1927, Ansprachen, 9).

 

Ende 1920er und Anfang 1930er Jahre sind als Höhepunkt der beruflichen Laufbahn W.s zu betrachten. Er galt als einer der bedeutendsten Experten auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung, beteiligte sich an der Gründung des Badischen Krebsvereins, war sehr gefragter Vortragender bei verschiedenen medizinischen Veranstaltungen, sowie Verfasser von Handbuch-Beiträgen. Er entwickelte eine rege klinische Behandlungs- und Forschungsarbeit und hätte bestimmt weitere wichtige Beiträge in seinem Gebiet leisten können. Ab 1933 wurden seine Arbeit und das ganze Leben plötzlich verändert. Bereits am 20. April 1933 wurde W. wegen seiner „jüdischen Rasse“ „bis auf Weiteres beurlaubt“ (UA Heidelberg, PA 1244). Als Kriegsteilnehmer konnte er jedoch von „Entziehung der Lehrberechtigung“ zunächst verschont werden und hielt seine Vorlesungen über Röntgenkunde für Zahnärzte während SS 1933 und sogar WS 1933/34 weiter. Ihm war aber klar, dass er weg müsse. Er suchte eine Stelle im Ausland, und zwar in der Tschechoslowakei:  Nach dem Untergang des Habsburger Reichs  wurde W., seinem Geburtsort entsprechend, dort Staatsbürger. Schon früher hatte er sich an Veranstaltungen der „Deutschen Röntgenologen der Tschechoslowakischen Republik“, beteiligt. So hatte er im November 1930 einen Übersichtsvortrag „Über den gegenwärtigen Stand der Radiumtherapie“ gehalten.

Ab 1928 bemühte man sich in der Tschechoslowakei, ein onkologisches Heil- und Forschungszentrum in Brünn zu errichten. Anfang 1934 war bereits das Projekt ausgearbeitet. W. bewarb sich als Direktor der neu zu errichtenden onkologischen Anstalt. Von vier Kandidaten benannte die Berufungskommission W. als den ersten. Bei den Verhandlungen Anfang 1934 versprach W. sein Tschechisch zu verbessern, um sich nicht nur mit Personal und Patienten verständigen zu können, sondern auch um den Nachwuchs erziehen und sich im wissenschaftlichen Leben des Landes beteiligen zu können. Das erste onkologische Zentrum im Land wurde im Januar 1935 feierlich unter dem Namen „Masaryk-Heilanstalt für Geschwülste – Haus des Trostes“ eröffnet. W. leitete dort die klinische Abteilung. Er kümmerte sich um die modernste Einrichtung seiner Abteilung. Insbesondere wurde, aufgrund der Idee seines Bestrahlungskonzentrators, der neue verbesserte Apparat, der „Radiumlokalisator“ ausgearbeitet.

Trotz seiner Verdienste blieb W. von nationalistischen und antisemitischen Angriffen in der Presse nicht verschont. Es ist hier zu betonen, dass der Schriftleiter der „Strahlentherapie“ Hans Meyer den Mut hatte, dem verbannten Kollegen seine Glückwünsche zum 60. Geburtstag auf den Seiten seiner Zeitschrift auszudrücken. Der Name W. als einer der Herausgeber blieb auf dem Titelblatt bis zur Mitte 1939, als die ganze Tschechoslowakei durch das Dritte Reich besetzt wurde. W. wurde entlassen, sollte aber mit seiner Schwester in Brünn bleiben. In der Meldekartei der Stadt steht, dass W. am 28. Januar 1942 nach Theresienstadt „ausgezogen“ sei: Wie Tausende anderen wurden die beiden dorthin abtransportiert. W. hatte die Häftlings-Nummer 628. Er starb an Herzleiden im Februar 1945, wenige Wochen von der Befreiung. (Das tatsächliche Sterbedatum W.s ist von Wondrak, 1995, festgestellt. Jedoch in der deutschen Literatur, auch in der neuesten, DBE eingeschlossen, wird nach wie vor das Sterbejahr 1943 angegeben).

 

Von 119 Publikationen W.s, die nachgewiesen werden konnten (eine Liste seiner Arbeiten existiert noch nicht), ist etwa die Hälfte unter W genannt. Es ist zu sehen, wie vielseitig W.s Tätigkeit war. Er begann als Chirurg – noch 1912 verfasste er einen Handbuch-Beitrag über Chirurgie der Appendizitis – aber der Schwerpunkt seines Lebenswerks waren alle Aspekte des Krebsbekämpfung, vor Allem – die Strahlentherapie.

Die Radiologie steckte damals noch in den Kinderschuhen: Die Röntgenstrahlen und das Radium waren erst vor wenigen Jahren entdeckt (1895 bzw. 1898), und Versuche, deren krebstherapeutische Anwendungen zu entwickeln, brachten äußerst widersprüchliche Ergebnisse. Viele damalige Resultate und Ideen, die seiner Zeit neu und anregend wirkten, wurden durch spätere Fortschritte überholt oder gar widerlegt. So geschah es auch mit W., insbesondere mit seinen Bemühungen, Cholin als Chemotherapeutikum einzuführen. Dies schmälert aber keineswegs W.s Bedeutung in der Geschichte der Krebsforschung und –therapie.

In der Geschichte der Krebsforschung gilt für W. : „Er hat durch seine Forschungen in Heidelberg entscheidend zur Grundlegung der Strahlentherapie des Krebses beigetragen…auch die Entwicklung der strahlentherapeutischen Kombinationstherapien war wesentlich sein Verdienst“ (Eckert, 2000, S. XVII).

 

Q UA Heidelberg: PA 1244 (Personalakte W.); H-III-111/148; H-III-111/149, H-III-111/150 (Habilitation W.); H-III-111/155 (Beförderung W. als a.o. Prof.); Rep 27/1454 (Akademische Quästur W.); H-III-686 u. B-6577 (Samariterhaus); H-III-051/2 (Bekämpfung des Krebses); StadtA Brünn: Z 1 (Meldekartei 1918-1953); B 1/39 (Heimatschein W.); Auskünfte aus: UA Wien vom 23.04.2013; StadtA Brünn vom 15.04.2013; Evangelisches Kirchengemeinderat Heidelberg vom 19.06.2013.

 

W   Experimentelle Epithelstudien, in: Beiträge zur klinischen Chirurgie 34, 1902, 1-84;

Über einige experimentell erzeugte Zellteilungsanomalien, in: Archiv für mikroskopische Anatomie 61, 1903, 85-122;

Über eine merkwürdige, durch Resektion geheilte Funktionsstörung des Unterkiefergelenkes, in: Beiträge zur klinischen Chirurgie 41, 1904, 732-741;

Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung d. Radiumstrahlen auf tierische Gewebe u. die Rolle des Lecithins bei derselben, in: Zentralblatt für Chirurgie 31, 1904, 1233-1239;

(mit G. Hirschel) Erfahrungen über die therapeutische Wirkung d. Radiumstrahlen, in: Deutsche med. Wochenschrift 30, 1904, 1531-1534;

Zur Kenntnis u. Verwertung d. Rolle des Lecithins bei d. biologischen Wirkung d. Radium- u. Röntgenstrahlen, ebd. 31, 1905, 61-63;

Zur lokalen Sensibilisierung u. Immunisierung d. Gewebe gegen die Wirkung d. Radiumstrahlen, ebd., 1072-1074, 1111-1114;

Congenitale halbseitige Gesichtshypertrophie, in: Archiv für klinische Chirurgie 75, 1905, 533-541;

Zur chemischen Imitation d. biologischen Strahlenwirkung, in: Münchener med. Wochenschrift 52, 1905, 691-693;

Über Radiumwirkung auf Infektionserreger u. Gewebsinfektion, ebd., 1625-1627;

Erworbene Photoaktivität d. Gewebe als Faktor d. biologischen Strahlenwirkung und ihrer Imitation, ebd., 53, 1906, 11-14, 365f.;

Ein Bestrahlungskonzentrator für Röntgentherapie, in: Verhandlungen d. Deutschen Röntgen-Gesellschaft 2, 1906, 114-118;

Eröffnung des Krebsinstituts in Heidelberg u. die „Internationale Konferenz für Krebsforschung“, in: Berliner klinische Wochenschrift 34, 1906, 1357, 1387-1390;

Vergleichende Studien zur Frage d. biologischen u. therapeutischen Wirkung d. Radiumstrahlen (Habilitationsschrift), in: Beiträge zur klinischen Chirurgie 52, 1907, 51-161;

(mit A. v. Lichtenberg) Experimentelle Untersuchungen über die Strahlung des Gewebes u. deren biologische Bedeutung, ebd., 162-181;

Zur Genese d. Malignität d. Tumoren, in: Zs. Für Krebsforschung 5, 1907, 92-99;

(mit Emil v. Dungern) Das Wesen d. bösartigen Geschwülste. Eine biologische Studie, 1907;

Erfahrungen über die Behandlung von Tumoren mit Röntgen,- Radiumstrahlen u. Cholininjektion, in: Mitteilungen aus den Grenzgebieten d. Medizin u. Chirurgie 20, 1909, 172-194;

Statistische Untersuchungen über das Vorkommen des Krebses in Baden und ihre Ergebnisse für die ätiologische Forschung, 1910;

Resultate u. Probleme d. badischen Krebsstatistik, 1910;

Zur biologischen Wirkung d. Radiumstrahlen, in: Münchener med. Wochenschrift 57, 1910, 1947f.;

Neue Ergebnisse d. badischen Krebsstatistik, in: Münchener med. Wochenschrift 58, 1911, 2325-2327, 2794f.;

Über die Leistungsfähigkeit d. chirurgischen u. combinirten Behandlungsmethoden des Krebses, in: Archiv für klinische Chirurgie 95, 1911, 595-601;

Über der Einfluss von Alter, Beruf, Familie u. Wohnung auf die Häufigkeit des Krebses in Baden, 1912;

Die chirurgische Behandlung d. Appendicitis, in: J. Schwalbe (Hg.), Therapeutische Technik für die ärztliche Praxis, 3. Aufl., 1912, 840-844;

Über die chemische Imitation d. Strahlenwirkung u. Chemotherapie des Krebses, in: Medizinische Klinik 8, 1912, 1160-1162;

Die Rolle d. Strahlentherapie bei d. Behandlung d. malignen Tumoren, in: Strahlentherapie 1, 1912, 100-120;

Über die chemische Imitation d. Strahlenwirkung u. ihre Verwertbarkeit zur Unterstützung d. Radiotherapie, ebd. 442-451 u. (mit L. Ascher) 452-456;

Die Radiotherapie d. Geschwülste, ebd. 2, 1913, 614-622;

Die nichtoperativen Behandlungsmethoden d. bösartigen Neubildungen, in: Berliner klinische Wochenschrift 50, 1913, 435-441;

Bericht über die therapeutische Tätigkeit des Samariterhauses vom 1. Oktober 1906 bis 1. Januar 1914, in: Strahlentherapie 5, 1915, 1-11;

Die Strahlenbehandlung d. bösartigen Neubildungen innerer Organe, ebd., 610-626;

Vincenz Czerny +, in: Münchener med. Wochenschrift 63, 1916, 1619f. u. Deutsche med. Wochenschrift 42, 1916, 1422f.;

Bösartige Geschwülste, in: Fr. Kraus u. Th. Brugsch (Hg.) Spezielle Pathologie u. Therapie innerer Krankheiten, Bd. II, Teil 1, 1919, 699-775;

(mit H. Rapp) Zur Strahlenbehandlung bösartiger Neubildungen, in: Strahlentherapie 10, 1920, 664-688;

Die Behandlung von bösartigen Neubildungen mit radioaktiven Substanzen, in: Strahlentherapie 13, 1921, 500-518;

(mit J. Grode) Über den gegenwärtigen Stand d. Strahlenbehandlung bösartiger Geschwülste, in: Ergebnisse d. Chirurgie u. Orthopädie 14, 1921, 223-255;

Über die Behandlung chirurgischer Karzinome u. Sarkome mit radioaktiven Substanzen, in: Strahlentherapie 15, 1923, 732-742;

Über die neuen biologischen u. chemotherapeutischen Behandlungsmethoden des Krebses, ebd., 843-850;

(Hg. u. Mitverf.) Die Strahlentherapie in d. Chirurgie (Lehrbuch d. Strahlentherapie, Hg. von Hans Meyer, Bd. II), 1925;

Über Technik u. Ergebnisse d. Strahlenbehandlung bösartiger Neubildungen, in: Acta radiologica 7, 1926, 604-625;

Über die Ergebnisse einer radio-chemischen Behandlung d. inoperablen bösartigen Neubildungen des Menschen, in: Strahlentherapie 24, 1927, 153-160;

Georg Perthes+, ebd., 26, 1927, 1-3;

Ansprachen des Vorsitzenden, in: Verhandlungen d. Deutschen Röntgen-Gesellschaft 18, 1927 (Bericht über die wiss. Sitzungen des Achtzehnten Kongresses), 6-9;

Die Röntgen- u. Radiumbehandlung im Dienste d. Zahnheilkunde, in: Deutsche Zahnheilkunde H. 71, 1928, 47-58;

Über die Abgrenzung d. Indikationen für die Röntgenbehandlung maligner Tumoren gegen die anderen Behandlungsmethoden (Radium, Operation u. medikamentöse Therapie), in: Strahlentherapie 30, 1928, 1-23;

Zur Kasuistik d. Strahlenerfolge bei Tumoren, ebd., 31, 1929, 16-32;

Die Bedeutung d. Organisation d. Radiumtherapie für die Krebsbekämpfung, in: Zs. Für Krebsforschung 28, 1929, 219-227;

Neuere Behandlung von inoperablen Krebsgeschwülsten, in: D. Chirurg 1, 1929, 241-246;

Über die Verwendbarkeit d. Chemotherapie des experimentellen u. spontanen Tierkrebses als Vorarbeit für die menschliche Krebsbehandlung, in: Röntgen-Praxis 1, 1929, 545-549; Indikationen u. Ergebnisse d. Strahlenbehandlung des Krebses, ebd., 2, 1930, 1-10;

(mit K. Brummer) Über die radiologisch-chirurgische Kooperation im Dienste d. Krebsbehandlung, in: Deutsche Zs. Für Chirurgie 227, 1930, 98-114;

Über den gegenwärtigen Stand d. Radiumtherapie, In. Strahlentherapie 41, 1931, 727-745;

Die Kombinationstherapien d. Strahlenbehandlung, in: Paul Lazarus (Hg.), Handbuch d. gesamten Strahlenheilkunde, Bd. II, 1931, 213-246;

(mit H. Winter) Relativ spezifische Chemotherapie des Krebses durch Tumorabbauprodukte, in: Zs. Für Krebsforschung 39, 1933, 89-92;

Über einen kombinierten Radiumlokalisator, in: Strahlentherapie 57, 1936, 385-391;

Über Einrichtungen u. Arbeitsmethoden d. „Masarykheilanstalt für Geschwülste. Haus des Trostes“ in Brünn, ebd., 647-654;

Zur Frage d. familiären Krebshäufung, ebd., 60,1937, 184-188.

 

L  DBE, 2. Aufl., Bd. 10, 2008, 561; Reichshandbuch d. deutschen Gesellschaft, Bd. 2, 1931, 2018 (B); Fischer, K. H., in: Biographisches Lexikon d. hervorragenden Ärzte d. letzten fünfzig Jahre, Bd. 2, 1933, S. 1668; Hans Meyer, Professor R. Werner, in: Strahlentherapie 53, 1935, 361f. (B); J. Becker, Zum fünfzigjährigen Bestehen des Czerny-Krankenhauses für Strahlenbehandlung, in: Ruperto Carola, 20, 1956, 109-111 (B); Brigitte Gemmeke, D. Beitrag von R. W., ehem. Direktor d. klinischen Abteilung (Samariterhaus) des Instituts für Krebsforschung Heidelberg, zur klinischen u. experimentellen Onkologie, Diss. Med. Univ. Heidelberg, 1976; Heinz Goerke, Fünfundsiebzig Jahre Deutsche Röntgengesellschaft, 1980, 66 (B); D. Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803-1932, 1986, 296; D. Mußgnug, Die vertriebenen Heidelberger Dozenten, 1988, 35f., 146; Gernot Ludwig, Professor Dr. med. Richard Werner, ein Krebsforscher u. Strahlentherapeut aus Freiwaldau. Zur 50. Wiederkehr seines Todesjahres, in: Altvater: Zs. Des MSSGV (Mährisch-Schlesischer Sudeten-Gebirgsverein) 111, 1993, 129f. (B); E. Wondrak, Prof. MUDr. Richard Werner – neprávem téměř zapomenutý rodák z Jesenίku [Professor Dr. med. Richard Werner - Ein zu Unrecht fast vergessener Landsmann aus Jesenik], in: Severni Morava 69, 1995, 67-69 (B); Wolfgang U. Eckert (Hg), 100 Years of Organized Cancer Research, 2000, S. XVIIf., 47f.; Axel Feuß, Das Theresienstadt-Konvolut, 2002, 76f. (B); Wolfgang U. Eckert u. a. (Hg), Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, 2006, 645; Norbert Giovannini ; Claudia Rink ; Frank Moraw. Erinnern, Bewahren, Gedenken : Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933 – 1945. Biographisches Lexikon, 2011, S. 440; Isabel Atzl, Roland Helms, Die Geschichte d. Deutschen Krebsgesellschaft, 2012, 44, 53f.;

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/w/wernerr.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Werner

 

UA Heidelberg: Pos I 03270; vgl. L.

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