Maaß, Hans (1911-1992), Mathematiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Maaß, Hans, Mathematiker

*17.06.1911, Altona bei Hamburg. Ev. +15.04.1992, Heidelberg

Johannes M. (1880-1919) Photograph u. Künstler. M Maximiliane, geb. Huber (1884-1961), Sozialfürsorgerin. Gkeine (?)

∞1) 20.07.1940, Hamburg, Eveline, geb. Klose (1914-1968), geschieden 1957; 2) 5.12.1957, Heidelberg, Christa, geb. Caliebe (*1934).

5: Michael, (*1942), Kurt (*1943), Rainald (*1957), Matthias (*1958), Arian (*1963).

1925 IV – 1931IV                   Besuch d. Aufbauschule in Hamburg bis zur Reifeprüfung

1931 IV – 1935 VI                  Studium d. Mathematik, Physik u. Astronomie an d. Univ. Hamburg

1937 V 1                                 Eintritt in die NSDAP

1937 VI 26                              Promotion zum Dr. rer. nat.; Diss.: „Konstruktion ganzer Modulformen halbzahliger Dimension mit ϑ-Multiplikatoren in einer u. zwei Variablen“ (Doktorbrief u. Diplom vom 7.02.1938).

1938 II 24                               Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen in Mathematik, Physik und Angewandter Mathematik bestanden

1938 IV – 1939 V                   Statiker an d. Focke Wulf Flugzeugbau GmbH, Bremen

1939 VI 1                                Assistent am Mathematischen Institut d. Univ. Heidelberg

1940 III 19                              Habilitation für das Fach Mathematik; H.-schrift: „Zur Theorie d. automorphen Funktionen von n Veränderlichen“

1940 VI 20                              Lehrprobe: „Konstruktionen mit Zirkel u. Lineal“. Ernennung zum Dozenten am 29. Aug. 1940

1942 III – 1945 IV                   Militärdienst als Wetterdienstinspektor auf dem Flughafen Mannheim-Sandhofen

1945 IV –XI                            Kriegsgefangenschaft

1948 X                                    Planmäßiger a.o. Prof. für Mathematik an d. Univ. Heidelberg

1958 VI -1979 IX                    o. Professor, ab 1957 VI auch Mitdirektor des Mathematischen Instituts

1960 IX -1961 VIII                  Dekan d. Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät

u. 1969 III – VIII

Ehrungen:  Mitglied d. Heidelberger Akad. d. Wiss. (1974, VII); d. Indian National Science Academy in New Dehli (1982, X).

Die Vorfahren von M.s Eltern waren Bauern und Handwerker. Sein Vater hatte sich in Altona (damals noch eine selbständige Stadt bei Hamburg) zu einer Zeit niedergelassen, als sein Gewerbe, die Photographie, noch als Kunstgewerbe galt. M. war gerade drei Jahre alt, als sein Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Er starb an einer Kriegsverletzung. „Was ich nun geworden bin“, berichtete M. später, „verdanke ich meiner Mutter, die als Sozialgehilfin unseren Lebensunterhalt bestritt und mir ein Studium ermöglichte“ (Antrittsrede, 1974, 133).

Sein ursprüngliches Vorhaben, Astronom zu werden gab M. bereits im ersten Semester auf, als er bei seinen astronomischen Studien auf Kettenbrüche stieß, von denen er nichts verstand. Um diese Wissenslücke zu schließen, griff M. zum damaligen Standardwerk über Kettenbrüche  und war so fasziniert, dass er sich seitdem vollständig der Mathematik verschrieb.

Dies zeigte sich als glückliche Wahl, denn das Mathematische Seminar der Hansischen Universität war damals „eine Forschungsstätte ersten Ranges“ (Antrittsrede, 1974, 133) und galt als das lebendigste Glied der Universität. Hier wurde eine besonders intensive Zusammenarbeit von Dozenten und Studierenden gepflegt.

Als M. in seinem vierten Semester stand, veränderten sich diese schönen Verhältnisse drastisch. Später erinnerte M.: „Der allgemeine Terror, der nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten über deutsche Lande hereinbrach, warf seine Schatten auch auf das Mathematische Seminar und setzte dem unbeschwerten fröhlichen Wissenschaftsbetrieb ein abruptes Ende. Furcht vor Denunziantentum sorgte dafür, dass die Kommunikation im größeren Kreis zum Erliegen kam“ (Antrittsrede, 1974, 133). Das Seminar funktionierte dennoch weiter. Unter dem starken Einfluss von Emil Artin (1998-1962), dessen Hauptgebieten Algebra und Zahlentheorie waren, fertigte M. seine erste wissenschaftliche Arbeit, die er im Juni 1936 dem Seminar vorlegte;  1937 wurde sie publiziert.

Vielleicht hätte M. sich unter direktem Einfluss des bedeutenden Algebraikers weiter entwickelt, aber Artin wurde bald als „jüdisch versippt“ entlassen. M. siedelte sich in der geistigen Umgebung des zweiten Mathematik-Ordinarius, Erich Hecke (1887-1947), an, dessen Hauptgebiet die Funktionentheorie war. So geschah es, dass die Fragestellungen, mit denen M. sich lebenslang beschäftigen sollte, im Gebiet zwischen Zahlentheorie und Funktionentheorie lagen. Heckes Assistent Hans Petersson (1902-1964) stellte M. ein Thema zur Doktorarbeit über automorphe Funktionen in mehreren Veränderlichen. (Automorphe Funktionen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie bei bestimmten Transformationen ihres Arguments ihren Wert nicht ändern). Wie M. betonte, sei seine Dissertation „unter alleiniger Anleitung“ Peterssons entstanden. (Er versuchte vergeblich, dessen Namen auf dem Titelblatt seiner Dissertation drucken zu lassen) (StaatsA Hamburg, Promotionsakte M.).

1937 trat M. der NSDAP bei, offensichtlich, um seine akademische Laufbahn zu sichern, zumal sein Mentor Petersson der NSDAP, sowie der SA zugehörte. Dieser Schritt schien umso  notwendiger, als M. eine heikle Einzelheit seiner Biographie verheimlichte: Seine Mutter war uneheliche Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Im März 1936 konnte jedoch M. eine Bescheinigung der Landesunterrichtsbehörde erhalten, dass er arisch sei. Diese ermöglichte ihm, sein Gesuch um Zulassung zur Doktorprüfung zu stellen.

Am 26. Juni 1937 bestand M. das Doktorexamen in Mathematik als Hauptfach und in Theoretischer Physik und Astronomie als Nebenfächer mit der Gesamtnote „sehr gut“. Im umfangreichen Gutachten über M.s Dissertation, dem sich auch Hecke anschloss, führte Petersson aus, wie der Verfasser „einige schwierige Gegenstände aus der höheren Analysis mit Erfolg behandelt“ hatte, wies auf dessen „großes Geschick“ bei Ausführungen hin und bewertete die Arbeit mit dem Prädikat „sehr gut“ (StaatsA Hamburg, Promotionsakte M.).

Nach der Promotion musste der begabte junge Doktor seine Alma mater jedoch verlassen, da dort bekannt wurde, dass er ein „Vierteljude“ sei. Er fand eine Stelle bei der Firma Focke-Wulf-Flugzeugbau in Bremen, wo er mit der Berechnung von Flugzeugschwingungen beauftragt war.

Nach einem Jahr konnte M. am Mathematischen Institut der Heidelberger Universität eine Stelle erhalten.

Ab 1937 wurde dieses Institut durch den Nationalsozialisten Udo Wegner (1902-1989) geleitet. Wegner war kein bedeutender Mathematiker, aber ein tüchtiger und eifriger Geschäftsführer, der sich um sein Institut ausgiebig kümmerte. Nach der Entlassung jüdischer Dozenten und Assistenten suchte Wegner neue Mitarbeiter und so fand er M.. Wegner konnte beim Kultusministerium durchsetzen, dass M. als „Assistent mit Sonderauftrag“ ins Institut bestimmt wurde, d.h. mit einem Dozentenzuschlag von 70 RM und mit dem Auftrag, noch ohne Venia legendi Vorlesungen für die Anfänger zu halten.

Bei der Einstellung M.s benutzte Wegner dieselbe Bescheinigung über die arische Abstammung M.s,, die bei der Promotion vorgelegt worden war. Vermutlich erfuhr Wegner bereits damals, dass M. „jüdischer Mischling“ ist. Trotzdem unterstützte er ihn alle Jahre seiner Direktorenzeit. Insbesondere setzte Wegner mehrmals verschiedene Zuzahlungen für M. durch, da dieser seine kranke Mutter, die auch nach Heidelberg gekommen war, unterstützen musste.

Der zweite Professor, Herbert Seifert (1907-1996), kein Sympathisant des NS-Regimes, stand anfangs mit verständlicher Zurückhaltung M. gegenüber. M.s Geradlinigkeit, Sachlichkeit und besonders seine überzeugende wissenschaftliche Tätigkeit konnten aber allmählich Seiferts Vorurteile überwinden. Übrigens wurde Seifert Ende 1939 für eine Forschungsarbeit bei der Luftwaffe beurlaubt; erst nach dem Kriegsende kehrte er zurück.

Gleichzeitig mit  dem Unterricht und den rechnerischen Aufgaben, die ihm Wegner stellte, bearbeitete M. Fragestellungen seiner Dissertation weiter und bereits nach weniger als einem Jahr konnte er seine Habilitationsschrift der Fakultät vorlegen.

Die Habilitationsschrift M.s war dem Thema gewidmet, das von dem berühmten David Hilbert (1862-1943) vor mehreren Jahrzehnten gestellt worden war, nämlich, das der Verallgemeinerung der Theorie der automorphen Funktionen auf mehr als eine Veränderliche. M. konnte, aufgrund der neueren Entwicklung der Funktionentheorie, worin sich der hervorragende Göttinger Mathematiker Carl Siegel (1896-1981) hervortat, einen bedeutenden Beitrag in der Erarbeitung solcher Verallgemeinerung schaffen. Der erste Gutachter Wegner betonte, dass M. „ein problemreicher, mit tiefen Hilfsmitteln ausgerüsteter Mathematiker ist“ (UA Heidelberg, PA 8293) und wies auf das Gutachten von Petersson hin, einem anerkannten Experten auf dem Gebiet. Petersson, schloss nach der fachlicher Begutachtung der Schrift: „Die Arbeit ist in hervorragendem Maße geeignet, die wissenschaftlichen Qualitäten ihres Verfassers erkennen zu lassen. Wenn es üblich wäre, auch Habilitationsschriften mit einer Prädikat zu versehen…, so käme nur das Prädikat ausgezeichnet oder summa cum laude in Betracht“ (Ebd.).

Die „wissenschaftliche Ansprache“, wie man damals das Habilitations-Seminar der Fakultät bezeichnete, schloss rein theoretische, sowie praktische Fragestellungen ein. „Der Bewerber zeigte durchweg eine klare, mit den Einzelheiten voll vertraute Einstellung zu den zu behandelnden Fragen und einen weiten Blick für mathematische Probleme und Methoden im allgemeinen“, steht im Bericht des Dekans A. Becker (s. dort), der dem Ministerium vorgelegt wurde (Ebd.).

Die Verleihung der Dozentur folgte, dank der Bemühungen Wegners, bald nach der Habilitation. Bereits im Juni fand die öffentliche Lehrprobe statt. „Dieselbe konnte auf eine Vorlesungsstunde beschränkt werden, da der Bewerber durch seine ausgedehnte Unterrichtsfähigkeit im Mathematischen Institut sich hinsichtlich seiner Lehrbetätigung bereits weitgehend ausgewiesen hat“. Dabei zeigte M. „einen umfassenden wissenschaftlichen Weitblick und

erhebliche rechnerische und unterrichtliche Begabung. In dieser Hinsicht vermag

er ebenso wie persönlich charakterlich allen Anforderungen zu genügen, die an

den akademischen Lehrer gestellt werden“ (Ebd.).

Als Dozent hielt M. Vorlesungen mit Übungen über allgemeine mathematische Disziplinen wie Differential- und Integralrechnung, sowie über spezielle Fragen, z.B. „Elliptische Funktionen“. Insgesamt war sein Unterrichtspensum ungewöhnlich groß – 13-16 Stunden pro Woche.

Mit Kriegsaufbruch stellte Wegner M. sofort UK, da dieser nicht nur mit Unterricht sondern vor Allem mit kriegswichtigen Navigationsrechnungen für die Luftwaffe betraut sei. Mehrmals konnte Wegner diese UK-Stellung verlängern. Schließlich, im Marz 1942, wurde M. jedoch einberufen – als Wetterdienstinspektor auf dem Flughafen Mannheim-Sandhofen. Trotzdem konnte M. auch während seines Militärdienstes in Mannheim, nach Vereinbarung zwischen Wegner und den Militärbehörden, seine Lehrtätigkeit teilweise fortsetzen, je 5-7 Stunden wöchentlich. Sogar auch im SS 1944 und WS 1944/45 hielt  M. eine zweistündige Vorlesung wöchentlich. Zur Zeit der Besatzung befand sich M. in Heidelberg.

Aus Unachtsamkeit geriet er Ende April in amerikanische Gefangenschaft. Nach drei schweren Monaten wurde M. als Transportarbeiter in einem amerikanischen Lebensmittedepot eingesetzt, was für ihn die Rettung war. „Ich hatte wieder ein Dach über dem Kopf und die Mathematik begann mich wieder zu beschäftigen“ (Antrittsrede, 1974, 134). Eben damals kam ihm „urplötzlich die entscheidende Idee“ (Ebd.), auf der die bedeutendste seiner Arbeiten basiert.

Anfang Dezember 1945 konnte M. aus der Gefangenschaft zurückkehren und seine Idee verwirklichen: Er entwickelte eine Theorie nicht-analytischer automorpher Formen – so heißt der von ihm eingeführter Begriff. Bereits Anfang April 1946 wurde seine grundlegende Arbeit „Über eine neue Art von nichtanalytischen automorphen Funktionen…“ der Redaktion der Mathematischen Annalen“ zugeschickt. Wegen der Nachkriegslage erschien sie erst 1949. Sie ist „Erich Hecke zum Gedächtnis“ gewidmet.

Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft setzte M. zunächst dafür ein, als rechte Hand des zurückgekehrten Seifert, den mathematischen Unterricht wiederaufzubauen. Im Januar 1946 wurde er zwar durch die Militärregierung als Parteimitglied für eine kurze Zeit aus der Fakultät ausgeschlossen, aber bald nach der Bitte der Fakultät als „conditionally accepted“ zurückgestellt. „Es war ein beglückendes Gefühl, mit einer Jugend zusammenarbeiten zu

können, die jahrelang alles hatte entbehren müssen und die nun in großer Erwartung mit dem Vorsatz, Versäumtes nachzuholen, zur Universität strömte. In den ersten Nachkriegsjahren wurde an dem relativ kleinen Mathematischen Institut mit unvergleichlicher Intensität gearbeitet“ (Antrittsrede, 1974, 134f.). Seifert hob M.s „ausgezeichnete pädagogische Begabung“ hervor, „die ihm ermöglicht selbst bei der vielfach unzureichenden Vorbildung der Studenten diesen den Stoff nahe zu bringen“ (UA Heidelberg PA 8243).

Im Mai 1947 stufte die Spruchkammer in Heidelberg M. in die Gruppe der Mitläufer ein und setzte als Geldsühne 600 RM fest. Dies eröffnete der Fakultät die Möglichkeit, M. zu befördern. Nach mehr als einjährigem Papierkrieg gegen Behörden wurde M. zum planmäßigen a.o. Professor ernannt. Nach wie vor arbeitete er intensiv als Dozent und als Forscher.

Seine Arbeiten der 1950er Jahre, besonders der fundamentale Artikel „Über die Darstellung d. Modulformen n-ten Grades durch Poincarésche Reihen“ (1951), stellten hauptsächlich eine Weiterentwicklung von Fragestellungen von Carl Siegel dar. Das war kein Zufall: 1952 lud M. Siegel nach Heidelberg für einen Vortrag ein und so traf er mit ihm zum ersten Mal zusammen. „… durch sein Werk und die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit [hat er] wie kein anderer Einfluss auf meine Entwicklung genommen“, erinnerte M. „Unsere erste Begrüßung glich der alter Freunde“ (M., Antrittsrede. 1974, 135). Mit Siegel blieb M. in enger persönlichen und wissenschaftlichen Verbindung bis zu dessen Lebensende. Es war M., der zusammen mit dem indischen Kollegen K. Chandrasekharan die vierbändige Sammlung wissenschaftlicher Abhandlungen von Siegel herausgab.

Im November 1956 bekam M. einen Ruf auf ein Ordinariat an der Göttinger Universität. Er neigte, diesen Ruf anzunehmen, umso mehr, als es sich um Arbeit mit Siegel handelte. Die Fakultät gab aber ihr Bestes, um ihn in Heidelberg zu behalten, und setzte beim Ministerium dessen Vorschlag durch, M.s Stelle in ein Ordinariat zu verwandeln. Auch das günstige Arbeitsklima des Mathematischen Instituts, das im Ausbau begriffen war, blieb anziehend. Dazu kamen noch ziemlich verwickelte persönliche Verhältnisse: M. stand vor der Scheidung und seine zukünftige zweite Frau wartete schon auf ein Kind. Er selbst hat später ziemlich vage erzählt: „Es wird unverständlich bleiben, warum ich einem Ruf nach Göttingen und damit einem Ruf Siegels nicht gefolgt bin. Der Gründe sind viele, sie sind komplex und können hier im einzelnen nicht dargelegt werden“ (Antrittsrede, 1974, 135).

Als Ordinarius und Mitdirektor machte M. die Unterstützung von professionellen Kontakten im In- und Ausland insbesondere für den Nachwuchs zu einem Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Zum wissenschaftlichen Austausch gehörten Einladungen von Gästen für Vorlesungskurse oder Kolloquium-Vorträge, sowie Teilnahmen an verschiedenen Tagungen. M. selbst hatte besonders enge Verbindungen mit dem Tata Institute of Fundamental Research in Bombay, wo er zwei Mal, WS 1954/55 und WS 1962/63, als Gastprofessor wirkte.

Seine Lehrtätigkeit bildete einen ganz bedeutenden Teil des Berufslebens M.s. Wie seine Schüler bezeugten, „waren seine Vorlesungen stets perfekt mit lückenlosen Beweisen ausgearbeitet. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um eine Anfängervorlesung oder eine Spezialvorlesung handelte, beiden widmete er sich mit gleichem leidenschaftlichem Engagement. Doch stellten seine Vorlesungen durch ihren Inhaltsreichtum hohe Anforderungen an die Hörer, den bequemen Weg gab es bei ihm nicht, wohl ein Umstand, dass M. eine relativ geringe Zahl von Schülern hatte. Wer seinen Ideen folgte, konnte sich jedoch unerschütterlicher Unterstützung gepaart mit hoher Toleranz sicher sein“ (Busam, Eckert, 1999, 139).

Mehrere Vorlesungsbearbeitungen M.s – „Algebra“, „Differential- und Integralrechnung“, „Analytische Zahlentheorie“, Funktionentheorie“, „Differentialgleichungen“ in Form von Manuskripten sind als ein wertvoller Bestand in der Bibliothek der Mathematischen Fakultät Heidelberg noch heute aufbewahrt.

Im Februar 1969 wurde M. anstatt des demonstrativ ausgeschiedenen Dekans der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät zum zweiten Mal auf diesem Posten gewählt. Es war die Zeit der Studentenunruhen, die u.a. die Grundordnungsversammlung ins Leben gerufen hatten. Charakteristisch ist M.s Bemerkung dazu: „Meine Möglichkeiten, als Amtsvertreter auf die Gestaltung der Grundordnung unserer Universität Einfluss zu nehmen, waren begrenzt; denn wesentliche Entscheidungen waren bereits gefallen, als ich der Grundordnungsversammlung beitrat. Die Politisierung der Universität erschien mir damals verhängnisvoll. Der rigorose Demokratisierungsprozess hat dazu geführt, dass heute nur noch wenige bereit sind, Verantwortung an der Universität zu übernehmen“ (Antrittsrede, 1974, 135). Die harten politischen Auseinandersetzungen um die Strukturreform der Universität kosteten M. viel Kraft. Kaum hatte seine Amtszeit geendet, sollte er als Gastprofessor für WS 1969/70 in die USA, Universität Maryland in Baltimore abreisen. Die Vorlesungen dort mündeten in ein Buch (1971), das zum Standardwerk über die Siegelschen Modulformen und Dirichletschen Reihen wurde. Das schwierige Dekanat und Gastprofessur, ohne Zeit zur Erholung wirkten sich aus: „Der Rückschlag blieb nicht aus. Ungestraft treibt niemand Raubbau mit seinen Kräften“, kommentierte M. später (Ebd.). Er fühlte sich tödlich müde, kümmerte sich um das Erbe für seine Frau und Kinder und konnte erst langsam erholen. Er bat jedoch 1976 um Verminderung seiner Unterrichtsverpflichtung. Bis zu seiner Emeritierung, Ende des SS 1979, führte M. nur das zweistündige Seminar über Zahlen- und Funktionentheorie durch.

Nach der Emeritierung blieb M. noch wissenschaftlich tätig. Sein letzter Artikel, 1982, ist C. L. Siegel zum Gedenken gewidmet. Seitdem publizierte M. nicht mehr. Trotzdem verfolgte er mit lebhaftem Interesse noch mehrere Jahre lang die Entwicklung seines Arbeitsgebietes, indem er sich an Oberseminaren und Arbeitsgemeinschaften des Mathematischen Instituts beteiligte. Doch, gab M. einmal zu, „wer könnte leugnen, dass die Bürde des zunehmenden Alters jeder menschlicher Aktivität Grenzen setzt“ (Nachwort zum 4. Band Abhandlungen von Siegel, s. W). M. starb im 81. Lebensjahr.

Von M. stammen insgesamt 48 wissenschaftliche Publikationen, darunter drei Bücher. Eine Übersicht seiner Beiträge zur Mathematik ist im Artikel seiner Schüler gegeben (Busam u. Eckert, 1999). Wie die Liste seiner ausgewählten Arbeiten verdeutlicht, erforschte M. abstrakte mathematische Objekte, die teilweise durch ihn selbst in die Mathematik eingeführt worden waren und die dem weiten Gebiet zwischen Zahlentheorie und Funktionentheorie gehören. Er selbst ordnete sie der analytischen Zahlentheorie zu. Die Heidelberger Mathematiker Friedrich Karl Schmidt (1901-1977), Gottfried Köthe (1905-1989), Dieter Puppe (1930-2005) und H. Seifert, sowie der Freiburger Hans Hermes (1912-2003) haben 1974 in ihrem Antrag, M. zum o. Mitglied der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie zu ernennen, „vier von ihm besonders geförderte Problemkreise“ hervorgehoben (UA Heidelberg, HAW 301, Wahlvorschlag): Untersuchungen über Zetafunktionen in Verbindung mit Verteilungsproblemen; zahlentheoretische Analyse von Eigenschaften einiger Reihen; die Maryland-Vorlesungen, in denen u. a. die Theorie der invarianten Differentialoperatoren im Siegelschen Halbraum entwickelt wurde, vor Allem aber „eine neue Art von nicht-analytischen automorphen Funktionen“. Die Begründung der „Theorie der nicht-analytischen Modulformen“ gilt als M.s bedeutendster Beitrag zur Mathematik. Diese Theorie, die ihren Anfang in Abhandlungen von Siegel nahm, hat M. bereits 1946 formuliert und danach in mehreren Richtungen ausgebaut. „Heute gibt es eine umfangreiche Literatur über nicht-analytische automorphe Formen, die weit über das hinausgeht, was ich ursprünglich angestrebt habe“, konstatierte M. im Jahr 1974 (Antrittsrede, 134). Besonders seit Ende 1970-er Jahre erscheinen Dutzende Arbeiten, die auf dem grundlegenden Werk M.s basieren.

Die Zunft der Mathematiker bewahrt den Namen M. mit der ihm gebührender Hochachtung.

Q StaatsA Hamburg: Bestand 364-13, Nr. 593 (Promotionsakte M.); UA Heidelberg: PA 2850, PA 8293 (Personalakten M.), HAW 301 (Akte M. in d. Heidelberger Akademie d. Wissenschaften), Rep. 27, Nr. 1739 (Akademische Quästur M.); Rep 64-1, H-V-97/1, H-V-97/2 (Akten des Mathematischen Instituts); Rep 14/52.

W  Beweis des Normensatzes in einfachen hyperkomplexen Systemen in: Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar d. Hansischen Univ. 12, 1937, 64-69;  Konstruktion ganzer Modulformen halbzahliger Dimension mit ϑ-Multiplikatoren in einer u. zwei Variablen (Diss.), Ebd., 133-162; Konstruktion ganzer Modulformen halbzahliger Dimension mit ϑ-Multiplikatoren in zwei Variablen, in: Mathematische Zs. 43, 1938, 709-738; Über Gruppen von hyperabelschen Transformationen in: Sitzungsberr. d. Heidelberger Akad. d. Wiss. Math.-naturwiss. Kl., 1940, 2. Abh., 1-26; Zur Theorie der automorphen Funktionen von n Veränderlichen (Habilitationsschrift) in: Math. Ann. 117, 1940, 538-578; Automorphe Funktionen und indefinite quadratische Formen in: Sitzungsberr. D. Heidelberger Akad. d. Wiss. Math.-naturwiss. Kl., 1949, 1. Abh., 1-42; Über eine neue Art von nichtanalytischen automorphen Funktionen u. die Bestimmung Dirichletscher Reihen durch Funktionalgleichungen in: Math. Ann.12,1949, 141-183; Modulformen zweiten Grades u. Dirichletreihen, Ebd.122, 1950, 90-108; Über die Darstellung d. Modulformen n-ten Grades durch Poincarésche Reihen, Ebd. 123, 1951, 125-151; Die Primzahlen in d. Theorie d. Siegelschen Modulfunktionen, Ebd. 124,1951, 87-122; Die Differentialgleichungen in d. Theorie d. elliptischen Modulfunktionen, Ebd. 125, 1953, 235-263; Lectures on Siegel's Modular Functions(Notes by T.P. Srinivasan) in Bombay: Tata Institute of Fundamental Research 1954-1955; Die Differentialgleichungen in d. Theorie d. Siegelschen Modulfunktionen in: Math. Ann. 126, 1956, 44-68; Über die Zurückführung d. Eigenwertprobleme bei gewöhnlichen Differentialgleichungen auf Integralgleichungen, in: Math. Zs. 58, 1953, 385-390; Zetafunktionen mit Größencharakteren u. Kugelfunktionen in: Math. Ann. 134, 1957, 1-32;  Zur Theorie d. Kugelfunktionen einer Matrixvariablen, Ebd., 135,1958, 391-416; Zur Theorie d. harmonischen Formen, Ebd. 137, 1959,142-149; Über die Verteilung der zweidimensionalen Untergitter in einem euklidischen Gitter, Ebd. 137, 1959, 319-327; Über die räumliche Verteilung d. Punkte in Gittern mit indefiniter Metrik, Ebd. 138, 1959, 287-315; 30. Die Multiplikatorsysteme zur Siegelschen Modulgruppe in: Nachrichten d. Akad. d. Wiss. in Göttingen, Math.-physikalische Kl.,1964, Nr. 11, 125-135; Über die gleichmäßige Konvergenz d. Poincaréschen Reihen n-ten Grades, Ebd., Nr. 12, 137-144; Die Fourierkoeffizienten d. Eisensteinreihen zweiten Grades in: Matematisk-fysike Meddelelser udgivet af Det Kongelige Danske Videnskabernes Selskab 34, 1964, Nr. 7, 1-25; Lectures on Modular Functions of One Complex Variable (Notes by Sunder Lal) in Bombay, Tata Institute of Fundamental Research 1964, 21983; Siegel’s Modular Forms and Dirichlet Series, Course given at the Univ. of Maryland, 1969-1970, 1971; Antrittsrede, in: Jahrbuch d. Heidelberger Akad. d. Wiss. für 1974, 132-136; Über eine Kennzeichnung d. "Koecherschen Dirichlet-Reihen mit Funktionalgleichung" in: Math. Ann. 260, 1982, 119-131.

Hg.(mit K. Chandrasekharan) C. L. Siegel, Gesammelte Abhandlungen, Bde. 1-3, 1966, Bd. 4, 1979.

L DBE 2. Ausgabe, 6, 2006, 649; Poggendorffs Biographisch-literarisches Handwörterbuch VIIa, Teil 3, 1959, 169, VIII Teil 3, 2004, 1837; R. Busam, Prof. Dr. H. M. 70 Jahre alt, in Ruperto Carola 34 Jg. H. 67/67, 1982, 241; R. Busam, E. Freitag, H. M. 80 Jahre alt, in: Ruperto Carola H. 85, 1992, 176f.; P. Roquette, H. M.+, in: Jahrbuch d. Heidelberger Akad. d. Wissenschaften für 1993, 88f. (B); R. Busam, E. Freitag, H. M., in: Jahresbericht d. Deutschen Mathematiker-Vereinigung 101, 1999, 135-150 (B, W); Florian Jung, Das Mathematische Institut d. Universität Heidelberg im Dritten Reich, Staatsexamenarbeit, Heidelberg, 1999, 60-62, 65, 70, 83 (B); D. Drüll, Heidelberger Gelehrten-Lexikon 1933-1986, 2009, 400f.; Gabriele Dörflinger, H. M. (10.05.2013):

 http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/math/homo-heid/maass.htm (B, W, L).

B  UA Heidelberg: Photo ca. 1947 in PA 8293, Pos I 01933; Ruperto Carola Nr. 3, Januar 1951, S.9, Vgl. L

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