L├╝tringhaus, Arthur (1906-1992), Chemiker-Organiker

Category: Kurzbiografien Published: Thursday, 21 August 2014 Written by Alexander

Lüttringhaus, Arthur, Chemiker-Organiker

*6.07.1906, Mülheim-Köln. Kath. + 27.05.1992, Freiburg/Br.

V Max L., Fabrikant (1875-?)

M Gertrud L., geb. Oberbörsch (1882-?)

G 4: Max (), Walter ()

∞1 16.12.1938 (Berlin) Maria Anna (Marianne)Ditt (1901-1989)

KGertrud Roswitha (*1939), Stieftöchter Ingeborg (*1925) u. Margaret (*1927)

∞2 Adelheid Korth

1912-1924                              Schulbildung: Volksschule (1912-1916) u. Reform-Realgymnasium in Mülheim-Köln; Abitur 13.03.1924

1924 IV – 1930 IV                 Studium Chemie an den Univ. München (SS 1924-WS 1926/27) u. Göttingen (SS 1927-WS 1929/30)

1930 VII 9                               Promotion summa cum laude zum Dr. phil.; Diss.: „Über einige Dehydrierungen u. Oxydationen in d. Ergosterinreihe“ ebd.

1930 X – 1932 XII                  Privatassistent bei Adolf Windaus ebd.

1933 I – 1936 I                       Privatassistent bei Karl Ziegler bis Mai 1934, dann Stipendiat d. Deutschen Forschungsgemeinschaft, ab Juni 1935 planmäßiger Unterrichtsassistent am Chemischen Institut d. Univ. Heidelberg

1936 II – 1940 VIII                  Wiss. Assistent, ab August 1938 Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie u. Elektrochemie

1936 XII                                  Habilitation an d. Univ. Heidelberg; H.-schrift „Zur Stereochemie aromatischer Ringsysteme“.

1938 VII 22                             Ernennung zum Dozenten d. Univ. Berlin nach der Lehrprobe am 12.05.1938: „Die Entwicklung der Raumvorstellungen in der Chemie“, 18.10.1939 Ernennung zum „Dozenten neuer Ordnung“ unter Berufung in das Beamtenverhältnis.

1940 IX – 1947 III                   Planmäßiger a.o. Professor an d. Univ. Greifswald (Lehrstuhl für Organische Chemie, bis Juli 1941 vertretungsweise)

1947 IV – 1950 IX                  o. Professor u. Direktor des Chemischen Instituts an d. Univ. Halle

1950 IX – 1951 III                   Mitarbeiter bei Wander GmbH, Säckingen, Schweiz

1951 IV – 1971 XII                 o. Professor u. Direktor des Chemischen Laboratoriums an d. Univ. Freiburg/Br.

1972 I                                     Emeritierung auf eigenen Antrag

Ehrungen: korr. Mitglied d. Heidelberger Akademie d. Wissenschaften (Mai 1951), d. Deutschen Akademie d. Naturforscher Leopoldina in Halle (Dezember 1951), Emil-Fischer-Medaille d. Gesellschaft Deutscher Chemiker ( September 1967), Ehrenmitglied d. Societé Chimique de Belgique (März 1970), Dr. rer. nat. h. c. d. Universität Karlsruhe (Februar 1975)

Zunächst immatrikulierte er an der Universität München, wo der damals bedeutendste Vertreter der Organischen Chemie Deutschlands, Richard Willstätter (1872-1942) lehrte. Nach fast dreißig Jahren schrieb L. über den „hervorragenden Lehrer“ Willstätter: „Niemand vermochte sich dem Zauber seiner Persönlichkeit zu entziehen, jener einzigartigen Koinzidenz von Grazie und Würde. Wir zu seinen Füßen waren tief beeindruckt von der brillant aufgezogenen Experimentalvorlesung. Welch hervorragende Schule hat er hinterlassen!“ (1952, Nachruf, 240). Während sechs Semester in München konnte L. auch den physikalisch-chemischen Unterricht von Kasimir Fajans (s. dort) genießen, was später auch seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten prägte. Bald war L. durch die Erfolge der Chemie in Bereichen Biologie und Medizin begeistert. Als er das erste Verbandsexamen im März 1927 abgelegt hatte, wechselte er nach Göttingen, wo Adolf Windaus (1876-1959) eben solche Fragestellungen bearbeitete. 1928 wurde diesem der Nobelpreis für seine Verdienste um die Erforschung des Aufbaus der Sterine und ihres Zusammenhanges mit den Vitaminen verliehen. (Sterine sind polyzyklische Alkohole, die bei verschiedenen Prozessen in lebenden Organismen eine Rolle spielen, z. B. Cholesterin). Das Zentralproblem im Arbeitskreis Windaus‘ war damals die Konstitution des Ergosterins und der daraus durch starke Belichtung gewonnenen antirachitischen D-Vitamine. Nach dem zweiten Verbandsexamen, das L. bereits im Mai 1928 bestand, erhielt er von Windaus für die Doktorarbeit ein Thema zur Untersuchung einiger Reaktionen des Ergosterins. Im Frühjahr 1930 war die Arbeit fertig und Windaus stellte sie für die Promotion vor: „Herr L. gehört zu den wenigen wirklich begabten Chemikern, die zur Zeit im Institut arbeiten. Ich habe ihn eine Untersuchung über Dehydrierung und Oxydation des Ergosterins durchführen lassen. Er hat mit sehr gutem Erfolg gearbeitet. Besonders charakteristisch ist es, dass er seine Untersuchungen in so klarer Weise zusammengestellt hat, dass ich nichts habe zu ändern brauchen“ (UA Göttingen, Promotionsakte L.). Das Rigorosum mit Chemie als Hauptfach, mit Physikalischer Chemie, mit Physik und Landwirtschaftlicher Bakteriologie als Nebenfächer dauerte fast drei Stunden, wobei L. in allen Fächern „sehr gut“ erhielt. Interessant ist die Eintragung von Windaus: „Der Kandidat zwar etwas langsam (müde?), seine Antworten sind aber sehr gut“ (ebd.).

Nach der Promotion blieb L. noch zwei Jahre als Privatassistent bei Windaus. Hier gelang es ihm, die erstmalige Kristallisation der Vitamine D1 und D2 durchzuführen, was als beachtlicher Erfolg galt: Damit wurden zum ersten Mal D-Vitamine rein hergestellt. Als Mittel gegen Rachitis waren sie unter dem Namen „Vigantol“ bekannt.

Trotz des Vorteils, bei dem großen Wissenschaftler zu arbeiten, strebte L. jedoch nach selbständiger Forschung. Dank der Vermittlung von Windaus bekam L. 1933 eine Stelle bei Karl Ziegler (s.dort) am Chemischen Institut der Universität Heidelberg. Mehr als ein Jahr arbeitete L. als Privatassistent von Ziegler und konnte sich in ein ihm neues, bis dahin unbekanntes Gebiet einarbeiten, insbesondere durch die Arbeit mit organischen Verbindungen von Alkalimetallen. Ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft erlaubte ihm völlig selbständige Forschungen zu beginnen. Nach dessen Ablaufen konnte er ein Jahr in der Eigenschaft eines Unterrichtsassistenten die Arbeit fortsetzen, nämlich, wie er selbst schrieb, „auf dem mir besonders am Herzen liegenden Gebiet der Raumchemie“ (UA Greifswald, PA 237, Bd.5, Lebenslauf L.). Bemerkenswert: Ende 1933 hatte der Direktor des Heidelberger Chemischen Instituts Karl Freudenberg (s. dort) ein großes Kollektivbuch „Stereochemie“ herausgegeben, das lange Zeit Standardwerk blieb und das L. aktiv studierte und benutzte. Viel später widmete L. durch ihn bearbeitete deutsche Fassung der Monographie „Stereochemie der Kohlenstoffverbindungen“ (1966) „dem Altmeister der Stereochemie Karl Freudenberg“.

Durch die schon veröffentlichten Arbeiten L.‘ wurde inzwischen seine Berufung an das Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem als Assistenten in der Abteilung der Organischen Chemie veranlasst. Dort fand L. eine sehr gute Einrichtung, die ihm bei stereochemischen Forschungen zugute kam.

Diese Forschungen bildeten den Inhalt der Habilitationsschrift „Zur Stereochemie aromatischer Ringsysteme“, die L. jetzt in Berlin beendete und im Herbst 1936 Freudenberg mit dem Gesuch um Habilitation vorlegte. Diese Schrift wurde nie gedruckt, sie existierte nur als Typoskript und ist vermutlich verlorengegangen (es gibt sie weder in Heidelberg, noch in Berlin, noch in Freiburg). Ihr Inhalt ist jedoch nach dem Gutachten Freudenbergs und publizierten Artikeln L.‘ rekonstruierbar. Der Schwerpunkt dieses Werks sind Erarbeitung und Anwendung einer Methode zur Angliederung von Ringen an aromatische Moleküle in beliebigen „ungewöhnlichen“ Stellungen. Die so hergestellten eigenartigen Verbindungen bezeichnete L. später (1942) als „Ansa-Verbindungen“, weil das lateinische „ansa“ „Henkel“ bedeutet: Es handelt sich um einen „Henkel“ aus Kohlenstoff-Atomen, der an zwei Stellen eines aromatischen Moleküls angeknüpft ist. Freudenberg fasste zusammen: „L. hat sich als ein fähiger, selbständiger Experimentator und Wissenschaftler ausgewiesen“ (UA Heidelberg, PA 4887).

Die vorgeschriebene „wissenschaftliche Ansprache“ fand am 17. Dezember 1936 statt. Nach dem Antrag der Universität „ermächtigte“ der Kultus-Minister in Karlsruhe Ende Januar 1937 die Heidelberger Fakultät L. den Titel Dr. rer. nat. habilitiert „auszusprechen“.

Um den Dozenten-Titel zu erwerben, musste L. nach damaliger Verordnung ein zweites Verfahren durchzulaufen: Ein Gesuch an der Universität Berlin, dann eine Probevorlesung und die Genehmigung des Ministeriums. Im Juli 1938 wurde L. zum Dozenten ernannt. Er kündigte „privatissime und gratis“ einstündige Vorlesungen im Raum des Kaiser-Wilhelm-Instituts an: über „Stereochemie“, „Ausgewählte neue Methoden der Organischen Chemie“ und „Organisch-chemische Synthese“ Unbekannt bleibt, ob er Zuhörer hatte.

Seine Arbeit war nach wie vor die Erforschung organischer Stoffe vom Standpunkt der Zusammenhänge zwischen ihrer räumlichen Konstitution und ihren Reaktionsfähigkeiten

und -wegen. In Berlin setzte L. die Untersuchungen vielgliedriger Ringsysteme fort, wobei eine Reihe der „Valenzwinkelstudien“ mit Mitarbeitern durchgeführt und in sieben Artikeln veröffentlicht wurde. Außerdem erforschte L. „Reaktionsweise metallorganischer Verbindungen“, in vier Mitteilungen dargestellt (später kamen dazu noch drei Mitteilungen). In einer von ihnen ist eine neue Klasse von Reaktionen, später als „Lüttringhaus-Umlagerung“ bezeichnet, beschrieben (Umwandlung von Diarylethern in o-Arylphenole).

Gegen Ende seiner Berliner Zeit gelang es L., im Laufe der Weiterentwicklung von Ideen seiner Habilitationsschrift, eine neue Art von Ansa-Verbindungen zu synthetisieren. Hierbei wird der Benzolring mit großen Substituenten versehen, so dass der Henkel so eng wird, dass sich der Ring nicht mehr unter der „Brücke“ hindurch drehen kann. Damit entstehen zwei optisch aktive Isomere. Diese neue Klasse optisch aktiver Stoffe wurde weithin benutzt zur Behandlung von Problemen der Isomorphie, der Raumerfüllung und der inneren Rotation.

Im Sommer 1940 erhielt L. einen Ruf von der Universität Greifswald auf ein Extraordinariat für Organische Chemie. Zwei Umstände veranlassten ihn, die Hauptstadt und das für Forschungsarbeit glänzend ausgerüstete Kaiser-Wilhelm-Institut für eine provinzielle Universität einzutauschen. Einerseits bedeutete der Ruf eine akademische Beförderung zum Rang eines Professors. Andererseits aber wollte L. sich vom ständigen Druck befreien, der NSDAP beitreten zu sollen. Als unvermeidliche Konzession zum NS-Regime hattte er schon den Beitritt in den NS-Dozentenbund ertragen müssen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie galt als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“, und L. hatte dort ohne Parteimitgliedschaft keine Perspektive.

In Greifswald wurde L. als für den Unterricht UK gestellt. Bis zum Kriegsende hielt er Vorlesungen und führte Übungen im Praktikum für Studenten der Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Fakultäten durch. Er konnte auch einige in Berlin begonnene Arbeiten über die „Lüttringhaus-Umlagerung“ fortsetzen.

Nach dem Kriegsende engagierte sich L. sehr aktiv im „Hochschulverband für die demokratische Erneuerung der Universität“, der Juli 1945 gegründet wurde. Im Juni 1945 trat L. auch der CDU (Ortsgruppe Greifswald) bei, deren Mitglied er bis zu seinem Weggang nach Westen blieb. Damals ging es oft um einfaches Überleben. L. zeigte sich dabei sehr erfinderisch. So organisierte er das Sammeln des an der Ostseeküste verfügbaren Lebertrans, aus dem man einen roh-öligen Vitamin-D-Extrakt herstellte. Das damals noch geschätzte DDT wurde im Institut produziert und als Läuse-Pulver vermarktet. Schließlich wurde der im benachbarten Peenemünde lagernde V2-Raketentreibstoff nach einem (der Besetzungsmacht vorenthaltenen) Verfahren zu reinem Alkohol umgewandelt und „in den Naturalienhandel eingeschleust“ (Prinzbach, 1998, 736). Später benannte L. all dies als ehrenamtliche Beteiligung „am Aufbau von Wirtschaft, Industrie, Nähr- und Heilmittelerzeugung“ (UA Halle, Personalakte L.).

1947 erhielt L. Rufe aus Berlin und Halle auf Stellen eines ordentlichen Professors der Chemie. Er nahm den letzteren an, der deshalb ehrenvoll war, weil L. damit seinem Mentor Ziegler nachfolgen konnte. Ziegler und Freudenberg hatten der Berufungskommission L. als ersten Kandidaten empfohlen: „L. ist sehr frisch und tatkräftig, hat sehr schöne Arbeiten aufgewiesen und verspricht viel für die Zukunft“, so Freudenberg (UA Halle, Personalakte L.). Obwohl die materiellen Verhältnisse nach dem Krieg ziemlich eng waren, konnte L. fähige Mitarbeiter finden und mit ihnen nicht nur die Arbeit über Ansa-Verbindungen fortsetzen, sondern auch ein neues Forschungsgebiet erschließen, nämlich sog. Trithionen entdecken und untersuchen (Trithionen sind heterozyklische Verbindungen mit drei miteinander verbundenen Schwefelatomen in dem Ring). Diese letzten Arbeiten, so in einem zeitgenössischen Gutachten, „werden zu dem Besten gerechnet, was in der präparativ-organischen Chemie in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erschienen ist“ (UA Frankfurt Kuratorakte, Abt. 13, Nr. 287).

Nach drei Jahren sah sich L. jedoch gezwungen, die Universität und die „Ostzone“ überhaupt, „wegen des steigenden politischen Terrors“, wie er später formulierte (UA Freiburg, B 15/132), zu verlassen. Bisher fuhr er mehrmals im Urlaub in den „Westen“, wo alle seine Verwandten lebten, kehrte aber immer wieder zurück zu seiner Arbeit und zu seinen Mitarbeitern. Im September 1950 teilte er dem Rektor aber mit, dass er diesmal um Entlassung aus dem Lehrkörper bitte. Als Anschlag gebend nannte er die „Suspendierung zahlreicher Leipziger Studenten, die zumeist vor dem Abschlussexamen standen. Nach diesem Ereignis war mir – ganz abgesehen von sonstigen Entwicklungen – der Sinn meiner Tätigkeit, für den Aufbau der Industrie möglichst rasch gut ausgebildet Chemiker hervorzubringen, problematisch geworden“ (UA Halle, Personalakte L.).

Als erste Zuflucht im Westen fand L. eine von Freunden vermittelte Stelle am Forschungsinstitut der schweizerischen Wander GmbH in Säckingen (am Rhein, östlich von Basel). Sein Hauptwohnsitz war damals in Heidelberg, wo auch seine Familie schon seit Sommer wohnte. Während seiner ersten Monate in der BRD fuhr L. viel über Land, Kontakte mit Kollegen erneuernd und Vorträge über seine Arbeiten haltend.

Nun erreichte ihn der Ruf auf die Stelle des eben sich emeritierenden Hermann Staudinger (II, 265) an der Universität Freiburg. Die Berufungskommission klassifizierte L. „mit Abstand“ primo loco als einen der „bedeutendsten organischen Chemiker der jüngeren Generation in Deutschland“ (UA Freiburg, B 15/132)

Der Ruf war nicht allzu verlockend, weil das Chemische Laboratorium weitgehend zerstört war und es auch keine gute Wohnung gab. Ein Büroraum wurde L. im Zoologischen Institut vorgeschlagen, denn Staudinger, der sein Forschungsinstitut für makromolekulare Chemie behielt, war entschieden dagegen, einen Platz für L. in seinen Räumen abzugeben. Trotzdem bedeutete dieser Ruf die Möglichkeit, zum akademischen Leben zurückzukehren.

Gleichzeitig kam einen Ruf nach Frankfurt/M. Es ist wert, einige Zeilen aus der L.-Charakteristik der dortigen Berufungskommission zu zitieren; „Seine Erfolge lassen ihn als einen der aussichtsreichsten Chemiker seiner Generation erscheinen. Allgemein wird er als hervorragender Dozent mit ausgesprochen pädagogischer Veranlagung angesehen: Klar, die Zusammenhänge ordnend, einfach im Ausdruck, von strenger Sachlichkeit, doch immer frisch und lebendig im Vortrag. Sein gutes Verhältnis zu den Studenten wird besonders hervorgehoben, die Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit seiner Persönlichkeit bestätigt“ (UA Frankfurt Kuratorakte, Abt. 13, Nr. 287). Zwar gab L. seine Unterlagen auch nach Frankfurt, entschied aber, nachdem er Freiburg am 10. Januar besucht hatte, den Frankfurter Ruf abzulehnen, umso mehr, als die dortigen Bedingungen nicht besser waren.

Den Berufungsbedingungen entsprechend wurde bereits 1952 der erste, noch kleine Neubau („Chemie I“) bezogen. Bald aber, wegen der rasch ansteigenden Zahl der Studenten, erschienen weitere Bauarbeiten notwendig. Als zweite Phase wurde eine viel größere „Chemie II“ 1956 errichtet, die für Anorganische und Analytische Chemie bestimmt war, und als dritte entstand ein 10-stockiges Haus für Organische Chemie und Biochemie, das 1968 bezogen werden konnte. L. musste also fast alle seine Jahre in Freiburg als Bauherr auftreten, eine Rolle, die kein sein innerstes Anliegen war und „die für ihn eine endlose Strapaze bedeutete“ (Prinzbach, 1998, 737).

Trotz dieser wenig günstigen Verhältnisse konnte L. ein reges wissenschaftliches Leben in seinem Institut erblühen lassen. Aus Halle kamen einige seiner Doktoranden, die auch wichtiges know how mitbrachten. Anlässlich der Eröffnung der „Chemie II“ veranstaltete L. ein wissenschaftliches Kolloquium, wo 20 Vorträge von Institutsmitgliedern abgehalten wurden. Das Kolloquium zeigte insbesondere, welch reiche Mannigfaltigkeit von neuen Substanzen unter L. synthetisiert und erforscht wurde.

Wissenschaftlicher Höhepunkt seiner Freiburger Zeit war die Erschließung (1958) und die Verwirklichung (1964 und 1967) eines neuen chemischen Bauprinzips – die Herstellung von sog. Catena-Verbindungen (nach dem lateinischen catena = Kette). L. stellte sich die Aufgabe, neuartige Ringsysteme zu schaffen, bei denen sich mindestens zwei Ringe wie Glieder einer Kette zueinander verhalten, ohne in irgendeiner chemischen Bindung miteinander zu stehen. Er sah drei verschiedene Wege zu diesem Ziel, zwei davon wurden in seinem Laboratorium erfolgreich umgesetzt. Der erste, der als schönster erschien, glückte bei Versuchen im Jahr 1958 nicht. Erst nach seinem Tod wurde dieser Weg durch eine Gruppe amerikanischer Forscher realisiert. Sie schrieben über die Pionierarbeit vom Jahr 1958: „Dieses Experiment ist trotz seines Scheiterns in die Geschichte der Catena-Chemie eingegangen als erster Versuch, solche Verbindungen zu synthetisieren“ (D. Armpach et al., Angewandte Chemie 105, 1993, 944).

Mit 65 Jahren beantragte L. seine Emeritierung. Gewiss, war er erschöpft sowohl von den Bauarbeiten wie auch von den Studentenunruhen. Nur ein Artikel von ihm erschien nach 1967. Der Grund für seinen frühen Rückzug war wohl kaum sein Gesundheitszustand, es war herbe Enttäuschung bei der Durchführung der Reformen: Er hat gelitten unter dem Verlust an akademischen Kultur, an „nur politisch-opportunen Argumentationen und Regelungen, an der Trennung von Kompetenz, Entscheidungsbefugnis und Verantwortlichkeit“ (Prinzbach, 1993, 12)

Noch viele Jahre, bis Herbst 1988, blieb L. in Freiburg. Zu seinem 70. Geburtstag publizierte die Universitätszeitschrift einen Jubiläumartikel, L. selbst, wie er in einem Brief schrieb, hatte sich aber „versteckt, nachdem meine Schüler meinem Wunsch entgegen zum 60. und 65. hier unangenehm großen Festtrubel veranstaltet hatten“ (UA Heidelberg, HAW 300).

„Ein festliches Kolloquium zum Anlass des 80. Geburtstages, am 7. Juli 1986 von der Fakultät für Chemie und Pharmazie, dem Chemischen Laboratorium und der Gesellschaft Deutscher Chemiker gemeinsam ausgerichtet, im vollbesetzten Großen Hörsaal „seines“ Chemischen Laboratoriums, im Kreis einer großen Zahl alter Freunde und Schüler, war die Gelegenheit, A. L. ein letztes Mal offiziell zu ehren, seine große Verdienste zu würdigen, ihn mit seiner Universität zu versöhnen“ (Prinzbach, 1998, 741).

Ein vollständiges Verzeichnis von Werken L.‘ existiert nicht. Bisher konnten 133 wissenschaftlichen Publikationen und 13 Patente belegt werden. Eine Besonderheit des Werks L.‘ ist eine außerordentliche Mannigfaltigkeit seiner Arbeiten. Der große Teil von ihnen ist völlig neu hinsichtlich der Problemstellung, und die Durchführung jeder Arbeit brachte jeweils immer interessante Ergebnisse. Dabei verbindet seine Arbeiten aber allgemeine Gedanke, nämlich herauszufinden, wie feine Strukturfaktoren, die in der Raumchemie eine Rolle spielen – insbesondere Bindungslänge, Bindungswinkel, Spannungsenergien, Möglichkeiten innerer Rotation – das Reaktionsverhalten von Molekülen bestimmen. Dazu konzipierte L. Modelle, Molekülgerüste verschiedener Geometrie und suchte bei ihnen Kontaktfähige Stellen. Daraus entstanden L.‘ „Ansa-Verbindungen“ und, später, wohl die genialste seiner Ideen, „Catena-Verbindungen.

In stetiger Suche nach neuen Fragestellungen verfolgte er sie nicht immer mit letzter Konsequenz: „Das Säen schien ihm oft wichtiger als das Ernten“ (Prinzbach, 2007, 219).

Was L. gesät hatte wird in der heutigen Chemie weiterentwickelt. Besonders Catena-Chemie blüht als eine Grundlage der Nanotechnologie.

 

Q UA Göttingen: Math Nat Prom N31 (Promotionsakte L.); UA Heidelberg: PA 4887 (Habilitation L.), Rep. 14/298, 14/578 (Briefwechsel mit K. Freudenberg), HAW 300 (Akte L. als Mitglied d. Heidelberger Akad. d. Wiss.); UA Greifswald: K 5979 (Besetzungsvorschlag für Lehrstuhl d. Org. Chemie, 1940), K 724 (zur Prüfung d. politischen Zuverlässigkeit, 1945), PA 237 (Personalakte L.); UA Halle: Rep 11, PA Nr. 10345 (Personalakte L.); UA Frankfurt/M: Kuratorakte, Abt. 13, Nr. 287 (Besetzung des Lehrstuhls für Org. Chemie, 1951); UA Freiburg: B 15/132 (Berufung L.), B 17/365 (Quästurakte L.), C 95 (Nachlass L.); Auskünfte aus dem: UA Göttingen vom 13.01.2014, StadtA Köln vom 29.01.2014, StadtA Freiburg vom 4.03.2014, UA Berlin vom 13.03.2014, A d. MPG vom 14.03.2014, Amt für Bürgerservice Freiburg vom 2.04.2014, Bürgerbüro Bad Krozingen vom 8.04.2014.

 W (mit A. Windaus u. W. Bergmann) Über einige Umsetzungen des Ergosterinperoxyds, in: Liebigs Annalen d. Chemie 471, 1929, 195-201; (mit A. Windaus) Über die Einwirkung von Benzopersäure auf Ergosterin u. einige seiner Derivate, ebd., 481, 1930, 119-131; (mit A. Windaus) Über das Verhalten des Ergosterins u. einiger seiner Derivate gegenüber Maleinsäure-anhydrid, in: Berichte d. Deutschen Chemischen Ges. 64, 1931, 850-854; Vitamin D, in: Angewandte Chemie 47, 1934, 552-555; (mit K. Ziegler) Über vielgliedrige Ringsysteme: III: Meta- u. para-Ringschlüsse in der Benzolreihe, in: Liebigs Annalen d. Chemie 511, 1934, 1-12; (mit K. Ziegler) Über vielgliedrige Ringsysteme: VIII. Über eine neue Anwendung des Verdünnungsprinzips, ebd. 528, 1937, 155-161; Über vielgliedrige Ringsysteme: X, XI, XII, ebd. 181-210, 211-232, 223-233; (mit G. v. Sääf) Zur Reaktionsweise metallorganischer Verbindungen IV: Umlagerung von Diaryläthern in o-Arylphenole, in: Liebigs Annalen d. Chemie 542, 1939, 241-258; (mit H. Gralheer) Ein neuartiger Fall von Molekularsymmetrie, in: Die Naturwissenschaften 28, 1940, 255; (mit H. Gralheer) Über eine neue Art atropisomerer Verbindungen, in: Liebigs Annalen d. Chemie 550, 1942, 67-98; Klassische Methoden in d. Feinstrukturanalyse von Kohlenstoffverbindungen, in: Die Naturwissenschaften 30, 1942, 40-45; (mit G. Wagner-Sääf) Zur Reaktionsweise metallorganischer Verbindungen V: Die Arylphenol-Umlagerung gemischter Diaryläther, in: Liebigs Annalen d. Chemie 557,1947, 25-45; Molekulare Oberfläche u. Schmelzwärme bei Kohlenstoffverbindungen, in: Angewandte Chemie 59, 1947, 228-233; (mit G. Vierk) Molekulare Oberfläche u. Schmelzwärme bei Kohlenstoffverbindungen. II. Mitteilung, in: Berichte d. Deutschen Chemischen Ges. 82, 1949, 376-387; Nachruf auf Richard Willstätter, in: Jahrbuch d. Deutschen Akademie d. Wissenschaften zu Berlin für 1952-1953, 235-241; (mit W. Cleve) Über Trithione. VI: Dimethyltrithion, in Liebigs Annalen d. Chemie 575, 1952, 112-122; (mit Mitarbeitern) Über Bindungscharakter d. Thiongruppe I. Dipolmomentmessungen, II. Infrarotspektren, in: Zs. für Naturforschung 10b, 1955, 365-367, 367-370; (mit K. Hagele) Cyclische Disulfide, I: 2,3-Dithia-tetralin u. 1,2-Dithia-hydrinden, in: Angewandte Chemie 67, 1955, 304; (mit K. Schubert) Zum Auftreten des o-Phenylens (Cyclohexadien-ins) bei metallorganischen Umsetzungen, in: Die Naturwissenschaften 42, 1955, 17; (mit I. Sichert-Modrow) Zur Struktur d. Lösungen. I: Einfluß des Lösungsmittels auf die Gestalt beweglicher Paraffnketten, ermittelt aus Ringschlußversuchen, in: Die makromolekulare Chemie 18/19, 1956, 511-526; (mit N. Engelhard) Beobachtungen über den Verlauf d. Dehydratisierung von Arylmethylcarbinolen, in: Die Naturwissenschaften 44, 1957, 585f.; (mit G. Eyring) Optisch aktive Ansa-Verbindungen IV: Über den Wirkungsbereich des an Kohlenstoff gebundenen Wasserstoffatoms, in: Liebigs Annalen d. Chemie 604, 1957, 111-120; Kristallisieren, in: Methoden d. Organischen Chemie, 4. Aufl. (Herausgegeben von Eugen Müller), Bd. I/1, 1958, 341-389; (mit F. Cramer, H. Prinzbach u. F. M. Henglein) Cycisationen von langkettigen Dithiolen. Versuche zur Darstellung sich umfassender Ringe mit Hilfe von Einschlußverbindungen, in: Liebigs Annalen d. Chemie 613, 1958, 185-198; (mit W. Reif) D. Chemismus d. Varrentrapp-Reaktion. Die basenkatalisierte Isomerisierung von mono-Olefinen u. mono-Olefincarbonsäuren, in: Liebigs Annalen d. Chemie 618, 1958, 221-240; (mit W. Kullick) Gemischte Carbonylkomplexe des Cr0 u. Mo0 mit Organo-Stickstoffverbindungen, in: Tetrahedron Letters, 1959, No. 10, 11-13; (mit H. Prinzbach) Cyclische Disulfide, II: Normale, mittlere u. makrocyclische ß.ß‘-Dithia-cyclanone durch Dieckmann-Kondensation, in: Liebigs Annalen d. Chemie 624, 1959, 79-97; (mit G. Schill) p-Phenylen-bis-polyenale, in: Chemische Berichte 93. 1960, 3048-3055; (mit S. Kabuss, H. Prinzbach u. F. Langenbucher) Cyclische Disulfide, V: Schwefel als Acceptor von intramolekularen Wasserstoffbrücken in heterocyclischen Alkoholen, in: Liebigs Annalen d. Chemie 653, 1962, 195-211; (mit G. Schill) Gezielte Synthese von Catena-Verbindungen, in: Angewandte Chemie 76, 1964, 567f.; Ringsysteme höherer Ordnung. Catena-Verbindungen, in: Ernest E. Eliel, Stereochemie d. Kohlenstoffverbindungen, übersetzt u. bearbeitet von A. L. u. R. Cruse, 1966, 250-254; (mit H.-J. Rosenbaum) Konformations-Enantiometrie, 3. Mitt., in: Monatshefte für Chemie 98, 1967, 1322-1331; (mit G. Isele) Synthese eines Catenans nach dem halbstatistischen Prinzip, in. Angewandte Chemie 79, 1967, 945f., 1928; (mit G. Isele) N-Alkylierung von Carbonsäure-amiden, in: Synthesis, 1971, 266-268.

L Poggendorffs Biographisch-literarisches Handwörterbuch VIIa, Teil 3, 1959, 158f., VIII, Teil 3, 2004, 1835; DBE 2. Aufl. 6, 2006, 618; Anonym, Wer ist’s? A. L., in: Nachrichten aus Chemie und Technik 14, 1966, 287f. (B); H. Ley, A. L. zum 60. Geburtstag, ebd., 306f.; Emil-Fischer-Medaille an A. L., ebd. 15, 1967, 347f.; Chr. Rüchardt, Professor A. L. 70 Jahre, in: Freiburger Universitätsblätter, H. 53/54, 1976, 14f.; R. W. Pötsch, L., in: Lexikon bedeutender Chemiker, 1988, 285f., Horst Prinzbach, A. L. zum Gedenken, in: Freiburger Universitätsblätter, H. 120, 1993, 8-12 (B); Horst Prinzbach, Erinnerungen an A. L (1906-1992), in: European Journal of Organic Chemistry 1998, 735-743 (B); Horst Prinzbach, Catenane – ein neues chemisches Bauprinzip. A. L. (1906-1992), in: 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Bd. 4, 2007, 214-219.

 B UA Freiburg, C 95 (Gruppenphotos 1970); Vgl. L

 

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