Schnell, Hermann (1916-1999), Polymerchemiker

Category: Kurzbiografien Published: Thursday, 21 August 2014 Written by Alexander

Schnell, Hermann Josef, Polymerchemiker

*8.09.1916. Gaienhofen am Bodensee. ev. + 7.09.1999 ebenda

V Leopold S. (1873-1935), Postagent.

M Maria, geb. Mögging (1876-1966).

G 4; Emma, verh. Fallert, Agathe, verh. Busam, Trudi, verh. Baumbusch, u. Georg, Postinspektor.

   1942 (Freiburg) Irmgard Klara Anna, geb. Göldner (1917-1982). K 3; Ute Barbara (* 1943), Axel Klaus (* 1948) u. Eva Charlotte (* 1954).

 

1922 X – 1935 III                    Schulbildung: 1922-1926 Volksschule in Gaienhofen, 1926-1933 

                                                Oberrealschule im Schloss Gaienhofen, 1933-1935 Oberrealschule 

                                                im Schloss Bieberstein in d. Rhön; Abitur dort „mit Auszeichnung“ am 

                                                 8.03.1935

1935-1937                              Arbeits- und Militärdienst

                 1937-1941                             Chemie-Studium an d. Univ. Freiburg und (Herbst 1939) d. Univ. Prag;

                                                                 Diplom-Examen am 28.03.1941

                 1940 I – 1943 VI                     Kriegsdienst (mit Studienurlauben für WS 1940/41 u. WS 1941/42)

                  1944 IV 4                                Promotion mit dem Prädikat „sehr gut“ an d. Univ. Freiburg; Diss.: „Untersuchungen über Konstitution d. Polyamide u. über die Zusammenhänge zwischen d. Kettenlänge u. d. Festigkeit ihrer Fasern“

               1943 VII – 1945 V                  Arbeit bei H. Staudinger im Auftrag des Reichsforschungsamts auf dem Gebiet Polymerfasern

               1946 III 1                                Antritt als Chemiker des Wissenschaftlichen Hauptlaboratoriums in das Werk Leverkusen d. IG-Farbenindustrie (ab 1950 – d. Farbenfabriken Bayer AG)

               1953 II 1                                 Abteilungsvorstand und Leiter des Uerdinger Hauptlaboratoriums

               1956 I 1                                   Erteilung d. Prokura

               1963 I 1                                   Ernennung zum Direktor

                1971 I 1                                  Übernahme d. Leitung d. Zentralen Forschung

                1974 VII 1                               Pensionsurlaub

                1976 X 1                                 Pensionierung

Ehrungen: Swinburne Award – Goldmedaille des Kunststoff- und Kautschuk-Instituts, England (1976), Hermann Staudinger-Preis d. Ges. Deutscher Chemiker (1977), (postum) Dr. Hermann Schell-Preis d. Ges. Deutscher Chemiker.

S., der jüngste unter den fünf Geschwistern, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und sah sich sehr früh gezwungen, der Beste zu sein, um eine Ausbildung zu ermöglichen. Nur als Primus konnte er nach der Volksschule eine freie Stelle im Deutschen Landeserziehungsheim Schloss Gaienhofen bekommen, wo er bis einschließlich Obersekunda die Oberrealschule besuchte, und wieder wurde ihm als dem Klassenbesten ein Schulplatz in der „Hermann Lietz-Schule“ im Schloss Bieberstein in der Röhn vermittelt. Dort absolvierte S. die Unter- und Oberprima und im März 1935 bestand er das Abitur „mit Auszeichnung“. Das erlaubte ihm, ein Stipendium der Reichsförderung für Studium zu erhalten.

Nach dem freiwilligen halbjährigen Arbeitsdienst immatrikulierte S. für das WS 1935/36 an der Universität Freiburg. Er hatte zunächst vor, Lehrer zu werden (so in seinem Reifezeugnis) und begann Vorlesungen für das höhere Lehramt in Mathematik, Physik und Chemie zu besuchen. Bald war er aber durch die stark ideologisierten Lehrgänge für angehende Studienräte so sehr enttäuscht, dass er die Universität verließ und freiwillig zum Militärdienst ging – in die Infanterie, Regiment 14 zu Konstanz. Dort wurde er zum 1. Mai 1937 in die NSDAP aufgenommen, bekleidete aber nie einen Parteiposten.

Zum WS 1937/38 kehrte S. in die Freiburger Universität zurück, diesmal, um Chemie zu studieren. Ende 1939 bestand er erfolgreich das erste Verbandexamen. Mit Kriegsausbruch wurde die Universität vorübergehend geschlossen (der Generalstab befürchtete, der Krieg könnte auf dem Schwarzwald übergreifen). S. wechselte deswegen nach Prag, studierte dort jedoch nur ein Trimester 1939, weil er Anfang Januar 1940 eingezogen wurde. S. nahm am Frankreichfeldzug teil, wurde zum Leutnant befördert und konnte einen Studienurlaub für das WS 1940/41 erhalten. Während weniger Monaten führte S. bei Hermann Staudinger (1881-1965), einem der Begründer der makromolekularen Chemie, Viskositätsmessungen an langkettigen Estern durch – sie wurden seine Diplomarbeit – und zum Ende des Semesters, am 28.03.1941, bestand er das Diplom-Chemiker-Hauptexamen.

Danach sollte er am Russlandfeldzug teilnehmen, für das WS 1941/42 setzte er aber seinen zweiten Studienurlaub durch und kam wieder zu Staudinger – seine Doktorarbeit anzufertigen. Dabei stellte Staudinger ihn als seinen Hilfsassistenten ein. Was S. binnen vier Monaten erreichen konnte, beeindruckte seinen Doktorvater so sehr, dass er S.s Namen in die Liste der Forscher, die für die kriegswichtigen Arbeiten in der Heimat benötigt wurden, eintrug.

Im März 1942 erhielt S. einen Abstellungsbefehl wieder nach Russland. Diese Zeit, so seine Tochter Eva, hat „unseren Vater psychisch nachhaltig negativ verändert“. Er „war nicht unbedingt linientreu, aber hat Befehle ausgeführt, die ungut waren“ (Brief vom 2.06.2014).

Glücklicherweise wurde S. im Juni 1943 in Rahmen der sog. „Aktion Osenberg“ als UK gestellt – zu seiner, sowie zu Staudingers Überraschung. Er bekam die Stelle eines Privatassistenten Staudingers zur Bearbeitung von Aufträgen des Reichsforschungsrats, und zwar auf dem Gebiet der Polyamidfasern, die insbesondere zur Herstellung von Fallschirmseiden bestimmt waren.

Die sieben folgenden Monate reichten S. aus, um seine geheim gehaltene Dissertation über die Konstitution der Polyamide und über die Festigkeit ihrer Fasern zu erledigen.

Dass S. in insgesamt elf Monaten die Resultate erzielte, die üblicherweise mindestens die zweijährige Arbeit eines Doktoranden in Anspruch nahmen, „ist einmal auf die besondere Begabung und auf die große experimentelle Fähigkeit des Kandidaten zurückzuführen und weiter durch den rastlosen Fleiß desselben bedingt“, schrieb Staudinger in seinem Referat (UA Freiburg B31/1013). Der Korreferent, Professor G. Wittig (s. dort) betonte, dass „die fleißig und klar niedergeschriebene Arbeit einen ausgezeichneten Eindruck macht“ (ebd.).

Das Rigorosum, übrigens in erleichterter Form, im Hauptfach Chemie und den Nebenfächern Physik und Physikalische Chemie, fand am 4. April 1944 statt. S. wurde mit der Gesamtnote „sehr gut“ promoviert.

Der frischgebackene Doktor setzte seine Arbeit entsprechend den Aufträgen aus dem Reichsforschungsrats fort – bis zur Zerstörung des Instituts durch den Luftangriff Ende November 1944. Das brachte ihm sein letztes Kriegsabenteuer ein: Staudinger beauftragte ihn damit, eine Außenstelle des Instituts aufzubauen, und zwar in Althabendorf im Sudetengau (heute Straz nad Nisou).  So schickte S. Mitte Dezember seine Familie nach Gaienhofen und  begab sich selbst zusammen mit Personal und Inventar nach Althabendorf. Das Unternehmen scheiterte: kaum war die Einrichtung vollendet, kamen die Russen. Das Inventar fiel in ihre Hände, die Chemiker konnten noch gen Westen fliehen.

Nach dem Zusammenbruch wurde der Reichsforschungsrat aufgelöst. Jetzt musste S. neue Arbeit suchen, umso mehr, als er seine Familie zu unterstützen hatte. Bei kleineren Betrieben seiner südwestdeutschen Heimat konnte er unter den damaligen Verhältnissen keine Stelle erhalten. Bei dem Werk Ludwigshafen der IG-Farbenindustrie, mit dem er während des Kriegs zusammengearbeitet hatte und wo man ihn schätzte, war es damals, wegen weitgehender Zerstörungen unmöglich, ihn anzustellen. Ende Dezember 1945 wandte sich S. mit seiner Bewerbung an das Werk Leverkusen, das noch (bis 1950) der IG- Farbenindustrie angehörte. Zum Vorstellungsgespräch erhielt S. ein Zeugnis von Staudinger, wo u.a. stand: „Herr Dr. S. hat ausgezeichnete wissenschaftliche Leistungen aufzuweisen, so dass ich ihn zur besonderen Förderung für die akademische Laufbahn empfohlen habe…Sollte Herr S., durch die Zeitumstände bedingt, in die Technik übertreten, so kann ich ihn für eine Anstellung auf das Wärmste empfehlen; denn er wird sowohl als wissenschaftliche Kraft, als auch in Betrieben sehr Gutes leisten“ (UnternehmensA d. Bayer AG, 271/8).

In Leverkusen hatte S. das Glück, seinen zweiten bedeutenden Lehrer zu treffen – Otto Bayer (1902-1982), der insbesondere durch die Entwicklung der neuen technischen Werkstoffe Polyurethane anerkannt war. Während S. von Staudinger in die allgemeine makromolekulare Chemie eingeführt wurde, lernte er nun bei O. Bayer, wie in der Industrie auf diesem Gebiet geforscht wird.

Nach nahezu einem Vierteljahrhundert eigener Erfahrungen formulierte S. scharf und eindeutig: „Die Verwendbarkeit eines Chemikers in der Industrieforschung“ kann „nur durch den mittelbaren oder unmittelbaren Beitrag zu dem in DM meßbaren wirtschaftlichen Nutzen der neuen oder verbesserten Produkte und Verfahren ausgedrückt werden“. Weder die Zahl und Qualität der Publikationen, noch die wissenschaftliche Qualifikation reichen dafür nicht (1970, 25).

S. konnte sich bald den neuen Bedingungen anpassen und die entsprechenden Arbeitsregeln meistern. Bereits im nächsten Jahr legte er seine erste Erfindung in der Polyurethan-Technologie vor, die alsbald patentiert wurde. Dann beschäftigte er sich erfolgreich mit Derivaten der Zellulose, insbesondere mit den Stickstoff-enthaltenden, wobei er u.a. neue schmelzbare Materialien für elektrische Isolierungen herstellen konnte. Auch auf diesem Gebiet erhielt er mehrere Patente.

Anfang 1953 wurde S. zum Abteilungsleiter befördert, um die Leitung des Hauptlaboratoriums beim Werk Krefeld-Uerdingen zu übernehmen und es ausbauen und neu einzurichten. Hier sollte er fast 18 Jahre lang tätig sein, und in diese Zeit fielen seine bedeutendsten Leistungen. Er begann mit einem einzigen Laboranten und gegen Ende hatte das Laboratorium 350 Mitarbeiter.

In seinem Laboratorium entschied sich S. für neue Forschungsschwerpunkte, nämlich für die Suche auf dem weiten Gebiet der sog. Polykondensationsreaktionen (sie führen zu verschiedenen Polyestern), wo noch nicht alles Mögliche patentrechtlich abgedeckt war. Nach dem Studium der vorliegenden Informationen wählte S. einen Weg, der nach seinen Überlegungen vielversprechend schien: durch Bearbeitung eines beim Werk zugänglichen Stoffs („Bisphenol A“), der zwei durch C-Atom verbundene aromatische Ringe enthält, mit Phosgen (COCl2) einen neuen Polyester der Karbonsäure herzustellen. Bereits seine ersten Vorversuche, ab 28. Mai 1953, ergaben hochmolekulare Produkte, „deren Eigenschaften – so im Bericht S.s – eine weitere Bearbeitung lohnend erscheinen ließen“ (Weirauch, 2003, 13). So wurde eine neue Klasse von Polyestern entdeckt – lineare aromatische Polycarbonate. Zum Herbst 1953 war S. mit seinen ersten Mitarbeitern soweit, dass eine überzeugende Patentanmeldung möglich wurde. Die Essenz ihrer „Erfindungsmeldung“ vom 14. Oktober 1953 lautete: „Es wurde gefunden, dass aus zweiwertigen Phenolen von Typus 4,4‘-Dioxydiphenylmethans mit Phosgen lösliche, schmelzbare, kristallisationsfähige und verstreckbare Polycarbonate hergestellt werden können“ (Weirauch, 2003, 20). Zwei Tagen darauf wurde die Erfindung durch die Bayer AG in den Patentämtern der ganzen Welt angemeldet und im nächsten Jahr, zunächst als Patent von Belgien, zum ersten Mal veröffentlicht. Das Bundespatent (Nr. 971790) für „Verfahren zur Herstellung thermoplastischer Kunststoffe“ wurde erst später, 1959, erteilt.

Auf dem Weg zur industriellen Verwirklichung der Erfindung lagen jedoch viele Stolpersteine. S. hatte zunächst die Vorurteile von Fachleuten zu überwinden. Denn die bisher bekannten Polycarbonate – ihre Geschichte begann schon im 19. Jahrhundert – waren leichtschmelzend, wenn nicht überhaupt flüssig, chemisch und thermisch instabil und stellten keine Kunststoffe dar. Mit Genehmigung der Leitung der Firma durfte S. über seine gänzlich anderen Polycarbonate vor der Plenartagung der Gesellschaft Deutscher Chemiker im September 1956 berichten. Sein Vortrag fand große Beachtung.

Ein anderes Vorurteil pflegten die Techniker des Werks, für die Phosgen als Kampfstoff aus der Zeit des Ersten Weltkriegs galt. S. und seine Mitarbeiter mussten ganz sichere Methoden der Handhabung von Phosgen erarbeiten und demonstrieren.

Darüber hinaus mussten zahlreiche chemische, technische und organisatorische Probleme gelöst werden. Nicht umsonst behauptete S. später: „Es ist nicht genug, dass man etwas erfindet, man muss es auch merken, dass man etwas erfunden hat. Und dann muss man es durch alle weiteren Instanzen durchboxen“ (Hergenröder, 1970, 172). „Durchboxen“ bedeutete insbesondere, die Firmenleitung davon zu überzeugen, weitere Mittel für Forschung und Entwicklung, vor Allem für Investitionen in Produktionsanlagen bereitzustellen. S. konnte eine starke Unterstützung von Seiten des Leiters des Werks Uerdingen, Dr. Heinz Wolthan, gewinnen. Ende 1958 wurde die erste Produktionsanlage zur Herstellung von Polycarbonat im Werk Uerdingen in Betrieb genommen.

Inzwischen wurde noch 1955 die Schutzmarke „Makrolon“ für das neue Produkt registriert, und ab Frühjahr 1959 begann die Firma mit der öffentlichen Werbung für den neuen Kunststoff. Die rasche Entwicklung der Produktion und ständige Verbesserung von Verfahren zur Herstellung verschiedener Arten von Makrolon für immer neue Zwecke ist bis heute nicht abgeschlossen. Denn Polycarbonate bildeten einen neuen Typus von Werkstoffen, der insbesondere Lücken zwischen Metallen und den übrigen Kunststoffen ausfüllt. Die erste patentierte Anwendung von Makrolon waren dünne stabile Folien für elektrische Isolierungen. Die wohl bekannteste Verwendung ergaben die Werkstoffe zur Herstellung der CDs und DVDs.

Gleichzeitig mit den Entwicklungsarbeiten war S. bemüht, seine Erfindung auf ein solides Fundament innerhalb der allgemeinen Polymerchemie zu stellen. Er verstand sehr gut, dass es sich um eine neue Klasse von makromolekularen Substanzen handelte, die außer der angewandten von allgemeiner chemischer Bedeutung seien. Das erklärt sich aus mehreren Vorträgen und Artikeln von ihm. So, z.B., erregte sein Vortrag über Polycarbonate vor dem Plastics Institute in London im Juni 1960 eine lebhafte Diskussion. Insbesondere seine in den USA herausgegebene und zum Standardwerk gewordene Monographie über die Chemie und Physik der Polycarbonate (1964) zeigt S. als hervorragenden Vertreter der makromolekularen Chemie im Allgemeinen.

Mitte 1960er Jahre galt S. schon als eine führende Persönlichkeit in der deutschen Kunststoffindustrie, so im ersten Band des entsprechenden „Wer ist wer“ (1967, 84).

Ab Januar 1971 übernahm S. die Leitung der Zentralen Forschung der Firma. Sein Programm hatte er im hochinteressanten inhaltsreichen Vortrag dargestellt. Darin sind bezüglich der Organisation der Forschung zwei Gedanken interessant: Erstens, die Notwendigkeit, mit der bestehenden konsequenten vertikalen Organisation „eine starke horizontale Verklammerung“ der Forschungseinheiten herzustellen (1970, 9) – eine sehr allgemeine Idee zur Lebensfähigkeit eines Systems. Zweitens, gegenseitige Informationen über Forschungsergebnisse, sowohl interne als auch weltweite, aufgrund der EDV – ein damals kaum verbreiteter Gedanke, weil der Siegeszug von Informationstechnologien noch bevorstand.

Ohne die geeigneten Menschen können keine Organisationsmaßnahmen Erfolge bringen, wie S. in diesem nicht publizierten Vortrag betonte. Deswegen sei die gezielte Ausbildung des Nachwuchses von entscheidender Bedeutung. Ein neuangestellter Chemiker muss „während der Einarbeitungszeit… all dies lernen, was ihm an Schule und Hochschule nicht vermittelt wurde. Dazu gehören u.a. eine ausreichende Kenntnis der englischen Sprache,… Kenntnisse des Patentwesens und nicht zuletzt der präparativen Chemie“ (1970, 12).

Zum Schluss seines Vortrags besprach S., welche Eigenschaften und Motivationen für einen Forscher in der Industrie notwendig sind. Außer Kreativität, Fleiß, Geduld und Beharrlichkeit braucht er „einen gesunden Sinn für das technisch mögliche, um aus der Fülle von Ideen diejenigen herauszusieben, die realisierbar sind“ (1970, 26). Unter verschiedenen Motivationen, die S. nüchtern auflistete (Geld, Anerkennung von Kollegen, dienstliche Karriere) nannte S. als entscheidend einen „Forscherdrang“, ohne den sollte man „sich nicht in der Forschung betätigen“ (ebd.). Hier ist hinzuzufügen, dass S. selbst während seiner Uerdinger Zeit mehr als 120 junge Chemiker in diesem Sinn erzogen hatte. Er verstand insbesondere, jeweils passende Mitarbeiter mit bevorstehenden Aufgaben zu begeistern. Ein solcher Forscherdrang begleitete S. durch sein ganzes Leben.

Ab Juli 1974 gab S. aus gesundheitlichen Gründen die Leitung der Zentralen Forschung ab, blieb aber der Firma beratend zur Verfügung, bis er mit 70 Jahren endgültig in den Ruhestand ging. Er wohnte bis zum Lebensende in seinem Haus in Gaienhofen, wo er immer wieder seine Urlaube verbracht hatte, und im eigenen Boot häufig segelte.

1995 richtete S. bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker eine nach ihm benannte Stiftung ein – dank des Makrolons war er ja ein wohlhabender Mensch geworden – zur Förderung junger Wissenschaftler auf dem Gebiet der makromolekularen Chemie. Seit seinem Tod (1999) verleiht die Gesellschaft auch die „Hermann-Schnell-Preis“ für Arbeiten auf diesem Gebiet.

Von S. stammen nur wenige wissenschaftliche Publikationen (s. W): Forscher in der Industrie haben dafür nur eingeschränkte Möglichkeiten. Seine Forschungen bei der Bayer AG waren jedoch zahlreich, vielseitig und fruchtbar, sie mündeten in über 400 deutschen und ausländischen Patenten, meistens mit Mitarbeitern, über die verschiedenen Aspekte der Laborherstellung, der Produktion, der Bearbeitung und Verwendung vieler Ausgangsprodukte, Polymere und Kunststoffe. Patente S.s sind sehr mannigfaltig, z. B. bezüglich verschiedener Anwendungen organischer Stoffe – von der Veredelung der lehmiger Böden bis zu Werkstoffen für Zahnprothesen und -füllungen. Als sehr bedeutend gelten seine Beiträge zur Polyamid-Forschung, insbesondere die 1956 entdeckte Isocyanat-Katalyse der ionischen Caprolactam-Polymerisation. Auch auf dem Gebiet der Lackrohstoffe initiiernte er viele erfolgreiche Neuentwicklungen, u.a. lufttrocknende ungesättigte Polyesterharze, wasserlösliche Alkydharze, sowie Verfahren zur Photopolymerisation ungesättigter Verbindungen.

50 von S.s Patenten beziehen sich auf die Polycarbonate, sein Lebenswerk. Die Schrift, die die Bayer AG zum 50-jährigen Jubiläum des Makrolons herausgab, ist „Dr. H. S. gewidmet, der aus der Fülle der denkbaren und möglichen Polycarbonate dasjenige identifiziert hat, welches erlaubte, einen Kunststoff zu entwickeln, der bahnbrechend war – und ist“.

Q UA Freiburg: B 4/19/301 (Studienzeugnisse); B 31/1017 (Promotionsakte S.); Bayer Business Services GmbH, Corporate History Archives, Leverkusen (UnternehmensA d. Bayer AG): 271/2 u. 271/8 (Presseinformationen über S. u. Personalakte S.), 374-311 u. 374-322 (Entwürfe und Referate von Vorträgen S.s), 302-628 („Chemische Forschung u. Entwicklung bei d. Farbenfabriken Bayer AG“, interner Vortrag bei d. Übernahme d. Zentralen Forschung); Auskünfte aus dem: StadtA Leverkusen vom 11.03.2014, StadtA Krefeld vom 13.03.2014, StadtA Freiburg vom 20.03.2014 u. Archiv d. Gemeinde Gaienhofen vom 27.05.2014; Informationen von der Frau Eva Eberwein, geb. Schnell vom 2.06.2014 u. 2.10.2015.

W (mit H. Staudinger) Über die Gültigkeit des Viskositätsgesetzes bei Polyaminocapronsäuren, in: Die makromolekulare Chemie 1, 1947, 44-60; Über die titrimetrische Bestimmung der Carboxylendgruppen bei Polyaminocapronsäuren, ebd., 2, 1948, 172-175; Polycarbonate, eine Gruppe neuartiger thermoplastischer Kunststoffe: Herstellung u. Eigenschaften aromatischer Polyester d. Kohlensäure, in: Angewandte Chemie 68, 1956, 633-640; Linear aromatic polyesters of carbonic acid, in. Industrial and Engineering Chemistry 51, 1959, 157-160; Neuere Entwicklungen auf dem Gebiete d. Polyester, in: Kunststoffe, Plastics 7, 1960, 305-314; Polyesters of carbonic acid, in: Plastics Institute London, Transactions and Journal 28, 1960, 142-152; Aus d. Chemie d. Kohlensäure-Derivate, in: Angewandte Chemie 73, 1961, 629; (mit L. Bottenbruch) Über cyclische Carbonate aromatischer Dihydroxyverbindungen, in: Die makromolekulare Chemie 57, 1962, 1-11; (mit R. Krimm) Über die Bildung u. Spaltung von Dihydroxy-diarilmethan-Derivaten, in: Angewandte Chemie 75, 1963, 662-668; Chemistry and physics of polycarbonates, 1964; Ungesättigte Polyester als Lackrohstoffe, in: Bayer-Berichte, H. 15, 1965, 22-26; (mit L. Bottenbruch) Über Polycarbonate, in: Die Naturwissenschaften 54, 1967, 307-311; Chemische Forschung u. Entwicklung bei d. Farbenfabriken Bayer AG (interner Vortrag bei d. Übernahme d. Zentralen Forschung, November 1970), in: UnternehmensA Bayer AG, Leverkusen, 302-628.

L Wolfgang Göbel, S., in: NDB 23, 2007, 315f.; DBE 2. Aufl., 9, 2008, 111; Udo Hergenröder, Männer, die Erfolg erfinden, 1970, 163-184; Erik Verg, G. Plumpe, H. Schultheis (Hg.), Meilensteine: 125 Jahre Bayer, 1863-1988, 1988, 326-331; Siegfried Heimlich, Porträts in Plastik, 1998, 149-154; Hermann Schnell 1916-1999, in: Nachrichten aus Chemie, Technik u. Laboratorium 47, 1999, 1356 (B); Kurt Weirauch u. a. (Hg.), Denken, was noch niemand gedacht hat. 50 Jahre Makrolon, 2003 (B, S. 11, Gruppenphoto S. 28)

B UnternehmensA d. Bayer AG: 6606, 6606_2 (Photos 1946), 7124 (1962), 52683, 52684 (ca. 1973); Bayer-Berichte H. 15, 1965, 22; Vgl. L

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