Schulz, Günter Viktor (1905-1999), Polymer-Physikochemiker

Category: Kurzbiografien Published: Tuesday, 30 December 2014 Written by Alexander

Schulz, Günter Viktor, Polymer-Physikochemiker

*4.10.1905, Lodz. Ev. + 25.02.1999, Mainz

V   Robert S. (1861-1946), Seidenfabrikbesitzer

M Martha, geb. Nippe (1882-1954)

G 1: Liselotte, verh. Kähler (1908-2004)

∞ 1: 3.04.1933 (Gut des Schwiegervaters in Schlesien) Erika Grössler (1908-1967), Pianistin

∞ 2: 1974 (Mainz) Helma Mühle

K 3: Dietrich Joachim (1934-1989), Dr. phil., Gymnasialpädagoge; Vera Helene (1936-1983), verh. Szeleniy; Sibylle (*1937), verh. Deussen, Flötistin u. Musikpädagogin

1911 – 1924                           Schulbildung: 1911–1914 Vorschule des deutschen Gymnasiums in Lodz; 1914–1924 Paulsen-Realgymnasium in Berlin-Steglitz; Abitur Ostern 1924

1924 – 1929                           Chemiestudium an den Universitäten Freiburg (WS 1924/25), München (SS 1925–SS 1927) u. Berlin (WS 1927/28 – WS 1928/29)

1929 IV – 1931 VII                 Doktorand am Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Physikalische Chemie u. Elektrochemie, Berlin-Charlottenburg

1931 VII 23                             Promotion magna cum laude zum Dr. phil. an der Univ. Berlin; Diss.: „Die Bedeutung d. Ionen für die innere Stabilität d. Proteinmoleküle (Untersuchungen an Casein)“; Doktordiplom vom 7.12.1931

1931 VII – 1933 X                  Volontärassistent an d. Kolloidchemischen Abteilung des KWI für Physikalische Chemie u. Elektrochemie

1933 X – 1937 III                    Nichtplanmäßiger Assistent am Chemischen Laboratorium d. Univ. Freiburg

1936 VII                                  Habilitation mit d. Schrift „Osmotische Molekulargewichtsbestimmungen in polymerhomologen Reihen hochmolekularer Stoffe“

1937 III -1942 IV                     Planmäßiger Assistent u. Leiter d. Medizinischen Abteilung des Chemischen Laboratoriums

1937 X                                    Dozent für das Fach Kolloidchemie; Lehrprobe am 16.01.1937; „Die Eiweißkörper als Elektrolyte“; ab 14.02.1940 Dozent neuer Ordnung für das Fach Chemie; ab 1.10- 1941 Diätendozent

1942 IV – 1945 III                   Planmäßiger a.o. Professor u. Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an d. Univ. Rostock (bis Aug. 1943 – stellvertretend)

1945 III – 1946 X                    Aufenthalt in Freiburg; literarische Arbeit

1946 XI – 1973 IX                  o. Prof. u. Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an d. Univ. Mainz; WS 1973/74 – Vertreter seines Lehrstuhls.

1951/1952                              Dekan d. Naturwiss.- math. Fakultät

1953 VII                                  Mitglied d. neugegründeten Kommission für Makromolekulare Chemie d. Internationalen Union für Reine u. Angewandte Chemie (IUPAC)

Ehrungen: Mitglied d. Akademie d. Wissenschaften New York [New York Academy of Sciences] (1960); Dr. phil. h.c. d. Univ. Uppsala, Schweden (1970); Dr. rer. nat. h.c. d. Univ. Freiburg (1971); Hermann-Staudinger-Preis d. Ges. Deutscher Chemiker (1971); Dechema-Medaille (1980); Dr. h.c. d. Univ. La Plata, Argentinien (1982).

S. stellt eine der bedeutenden Figuren der Gründerszeit der Makromolekularen Chemie dar. Als einer der herausragenden Mitarbeiter Hermann Staudingers (→ II, 265), des Vorkämpfers und Altmeisters, konzentrierte er sich auf die physikalisch-chemischen Aspekte von Bildung und Eigenschaften makromolekularer Stoffe und bearbeitete dieses Gebiet über fast ein halbes Jahrhundert.

S. wurde in Lodz, Polen, damals Teil des russischen Zareneichs, als der einzige Sohn des Seidenfabrikanten Robert S. geboren. Die Zeit bis zum Ausbruch des I. Weltkriegs verbrachte er in Lodz, wo er die Vorschule des deutschen Gymnasiums besuchte. Danach wohnte S. bei den Großeltern in Berlin-Steglitz und besuchte das dortige Paulsen-Realgymnasium. Sein besonderes Interesse gehörte der Biologie, die von einem begeisterten Lehrer unterrichtet wurde. Ostern 1924 bestand S, das Abitur. Anschließend musste er auf Wunsch seines Vaters eine Art Praktikum im väterlichen Betrieb in Lodz ableisten: Sein Vater hoffte, dass S. vielleicht in die Firma einsteigen und sie später übernehmen könnte. S. erkannte jedoch, „dass eine wissenschaftliche Betätigung meiner Veranlagung besser entsprach“ (S., Lebenslauf, UA Freiburg B15/684).

So begann S. sein Chemie-Studium, zunächst in Freiburg, führte es in München fort, wo er im Sommer 1927 das erste Verbandsexamen bestand, und schließlich in Berlin.

Man kann etwas Symbolisches in der Tatsache erbkicken, dass S. in Freiburg bei der Antrittsvorlesung Staudingers zum ersten Mal von Makromolekülen hörte. Tatsächlich wurde seine Dissertation den Makromolekülen gewidmet, nämlich durch Eiweißuntersuchungen. An seiner Dissertation arbeitete S. am Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für physikalische Chemie und Elektrochemie, sein Doktorvater war der bedeutende Kolloidchemiker Herbert Freundlich (1880-1941). Bereits bei der Anfertigung seiner Doktorarbeit zeigte sich eine besondere Befähigung S.s, chemische Probleme mathematisch vom Standpunkt der physikalischen Chemie zu behandeln. Das Rigorosum bestand S. an der Berliner Universität, wobei er im Hauptfach, Physikalische Chemie, durch den Direktor des KWI Friz Haber (1868-1934) geprüft wurde. Nebenfächer waren Physik und Philosophie und das freiwillige Zusatzfach Botanik. Seine Antworten in allen Fächern wurden mit „sehr gut“ bewertet.

Nach der Promotion blieb S. als Volontärassistent bei Freundlich. Er arbeitete originelle theoretische Vorstellungen über das Solvatationsgleichgewicht in kolloidalen Lösungen aus: Die Abweichungen der von ihm akribisch gemessenen Werte des osmotischen Drucks kolloidaler Lösungen von der bekannten van’t Hoffschen Formel erklärte S. damit, dass die gelöste Substanz eine größere Menge Lösungsmittel bindet (Solvatation) und hierdurch ihre Raumbeanspruchung (Kovolumen) sehr groß ist. Diese Theorie wurde 1932 publiziert. Trotz der (unbegründeten) Kritik hatte sie Bestand; eine modifizierte Fassung seiner ursprünglichen Gleichung wurde in einer der letzten Publikationen S.s (1986) erläutert.

Bald nach der „Machtübernahme“ veränderten sich die Verhältnisse im KWI dramatisch. Haber und Freundlich als „Nichtarier“ mussten ihre Posten verlassen und S. suchte eine neue Stelle.

Nach Freundlichs Empfehlung wurde S. von Staudinger in sein Freiburger Laboratorium aufgenommen, um sich an den dort durchgeführten Arbeiten über hochmolekulare Stoffe zu beteiligen. Dies wurde dank eines Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht, denn Staudinger hatte keine planmäßige Stelle für S. parat.

Die Freiburger Zeit ist für S.s Berufsweg besonders wichtig, ja entscheidend. In Freiburg, im Anschluss an seine Berliner Arbeiten, begann S. mit der Konstruktion einer Apparatur zur Präzisionsbestimmung kleiner osmotischer Drücke. Sein Verfahren fand bald Anwendung nicht nur in Freiburg, sondern auch in der chemischen Industrie. Die so bestimmten Molekulargewichte wurden mit den nach Staudinger aus Viskosität berechneten verglichen,

wobei sich ergab, dass bei Zellulosederivaten die Staudingersche Gleichung im ganzen Messbereich bis zum Molekulargewicht 450 000 gültig ist. Diese Ergebnisse legte S. als Habilitationsschrift im März 1936 der Naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät vor.

Bereits als S. nach Freiburg gekommen war, war es ihm klar, dass er sich dem NS-Regime anpassen müsse, um seine berufliche Laufbahn fortführen zu können. Obwohl er diesem Regime gegenüber sehr kritisch eingestellt war, sah er sich gezwungen, gleichzeitig mit dem Beginn seiner Tätigkeit in Freiburg der SA beizutreten. Später, im Mai 1937, wurde er automatisch in die NSDAP aufgenommen, bekleidete dort jedoch keine Posten. 1946 verlief seine politische Rehabilitierung zunächst in Freiburg, dann in Mainz ganz glatt durchgelaufen, weil es viele Zeugen gab, die seine wirkliche Einstellung gegen Nationalsozialismus bestätigten.

Im Juli 1936, nach der „wissenschaftlichen Ansprache“ S.s, beantragte die Fakultät beim Ministerium die Ermächtigung, S. zu habilitieren. Bald darauf wurde S. der Grad eines „Dr. habil.“ verliehen. Damals bedeutete dieser noch keine Venia legendi. Um eine Dozentur zu erhalten, musste ein nächstes Verfahren durchgeführt werden. Es schloss u. a. eine Lehrprobe und Teilnahme an einem „Dozentenlager“ ein. Dieses hätte eigentlich der Indoktrination dienen sollen, tatsächlich aber noch sehr fachbezogen geriet: „ [...] es gab sogar echten interdisziplinären Austausch zwischen den Vertretern der verschieden Fachdisziplinen“ (Sillescu, 2009, S. 89). Im Oktober 1937 wurde S. zum Dozent für Kolloidchemie ernannt. Nach weiteren Anträgen und ziemlich ausgedehntem Briefwechsel beförderte man ihn im Februar 1940 zum Dozenten für das Fach Chemie nach der „neuen Ordnung“, d. h. zu einem Beamten. Als Dozent las S. Chemie und Physikalische Chemie für Medizin-Studenten; ab März 1937 leitete er auch die medizinische Abteilung des Chemischen Laboratoriums.

Noch vor seiner Habilitation führte S. eine Forschung durch, die als seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung noch heute gilt. Da die meisten hochmolekularen Stoffe kein einheitliches Molekulargewicht haben, sondern Gemische von Polymerhomologen sind, bildete sich in S. die Vorstellung, dass die statistische Verteilung der Molekulargewichte dieser Polymermoleküle eindeutig durch ihre Entstehung bestimmt sei, also mit der Kinetik ihrer Bildung zusammenhängen müsste. Aufgrund dieser Idee entwickelte S. eine Theorie, die diese Zusammenhänge beschreibt. Für einen Fall konnte er sie auch experimentell bestätigen. Nämlich, er erkannte die durch Peroxide ausgelösten Polymerisationen als Kettenreaktionen, die mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie beschrieben werden können, und berechnete die resultierende Molekulargewichtsverteilung. Die letztere findet sich heute in den Lehrbüchern als „Schulz-Verteilung“ oder „Schulz-Flory-Verteilung“. (Die Doppelnamen-Bezeichnung der Formel entstand folgenderweise: Die grundlegende erste Arbeit S.s lag einige Monate lang auf dem Schreibtisch Staudingers, der zunächst misstrauisch war und S.s Manuskript erst dann zum Druck einrichten ließ, als er auf einer Tagung erfuhr, dass der Amerikaner Paul Flory (1910-1985) ähnliche Vorstellungen entwickelte. Die beiden Publikationen erschienen fast zeitgleich). „Für G. V. S. waren die Untersuchung der Kinetik der Polymerreaktionen und die experimentelle Bestimmung von Molekulargewichtsverteilungen fortan Forschungsgebiete, denen er für den Rest seines Lebens die Treue hielt“ (Sillescu, 2009, 90).

Für die kinetischen Untersuchungen S.s waren auch die Kontakte mit Georg Wittig (BWB IV, 404) wichtig, der im Herbst 1937 nach Freiburg kam. Unter Wittigs Einfluss wurde S.s Interesse an Mechanismen der Polymerisationsreaktionen erweckt, was seinen kinetischen Arbeiten eine neue Dimension eröffnete.

Zum Sommersemester 1942 wurde S. auf eine neueingerichtete planmäßige a.o, Professur für Physikalische Chemie an der Universität Rostock berufen, zunächst vertretungsweise. Triebfeder dieser Berufung war der neue Direktor des Chemischen Instituts Günther Rienäcker (1904-1989), der S. seit seiner Freiburger Zeit kannte und der dessen wissenschaftliche Qualifikation sowie dessen menschliche Eigenschaften und tatsächliche politische Einstellung sehr schätzte. In Rostock erarbeitete S. einen Vorlesungskursus und ein Praktikum für physikalische Chemie. Dabei gewann er Erfahrungen, die sich ihm später, in Mainz, als sehr nützlich erwiesen. Besonders wichtig war ihm aber seine Forschungsarbeit, für die sich neue Möglichkeiten im eigenen Institut eröffneten. Hier setzte S. seine Freiburger Arbeiten über Polymerisationsreaktionen fort, wobei er diese Arbeiten als „kriegswichtig“ darstellen konnte. Dies erlaubte ihm, seine vier Assistenten als UK in seinem Institut weiter zu halten. S. erweiterte seine Forschungen, indem er zwei neue Methoden zur Molekulargewichtsbestimmung einführte, und zwar die Lichtstreuungsmessungen an Lösungen von Polymeren und die Sedimentationsgeschwindigkeit in der Ultrazentrifuge. Eine Reihe von Publikationen zeigt, dass S. mit seinen Mitarbeitern dank dieser Methoden wichtige Ergebnisse gewinnen konnte, insbesondere über den Zustand der Makromolekülen in Lösungen und über Molekulargewichtsverteilungen.

Als die Kriegsfront schon nah war, gelang es S., sein Leben riskierend, zwei vollbepackte Lastwagen mit Geräten seines Instituts nach Westen zu schicken. Den vorgesehenen Ort Schöningen erreichten sie jedoch nicht. Sie standen glücklicherweise unbehelligt in der Nähe von Braunschweig bis zum Spätsommer 1946. S. selbst floh im März 1945 nach Freiburg. (Seine Familie befand sich ab Frühjahr 1943 in Kirchzarten, ab Sommer 1944 in Hausen im Tal). Dort blieb er bei Staudinger und erlebte die Besetzung durch die Franzosen. Eine Kriegsgefangenschaft wurde ihm erspart, und er bemühte sich, die noch unveröffentlichten Rostocker Arbeiten zur Publikation vorzubereiten. In seinem Lebenslauf vom Juni 1946 steht: „Z. Zt. befinde ich mich mit meiner Familie in Freiburg und schreibe, da ich noch keine Möglichkeit habe, experimentell zu arbeiten, ein Buch über die physikalische Chemie der makromolekularen Stoffe“ (UA Mainz: Best. 64/62). Das Buch erschien zwar nie, aber S. verfasste wichtige Beiträge für das sog. FIAT [Field Information Agency, Technical] Review über Naturwissenschaft in Deutschland 1939-1946; 1948 erschienen sie auch auf Deutsch.

Gleichzeitig suchte S. eine Stelle für sich in irgendeiner Universität – zunächst in Rostock, dann in Freiburg. Schließlich wurde er nach der neugegründeten Universität Mainz berufen. Hinter dieser Berufung stand ein Rostocker Kollege S.s, der nun Mitglied der Gründungskommission in Mainz war.

Im Mai 1946 wurde in den Gebäuden der ehemaligen Kaserne die Universität Mainz feierlich neu eröffnet. S. begann seinen Unterricht im November 1946. Zunächst konnte es sich lediglich um Vorlesungen – in kalten und mit Studenten überfüllten Hörsälen – handeln. Für Laborarbeiten gab es bis Ende 1948 nur zwei kleine Kellerräume. S. hatte jedoch den Vorteil, die zwei Lastwagen mit Geräten von seinem Rostocker Institut endlich zu erhalten: Einem seiner Rostocker Assistenten, der ihm nach Mainz folgte, gelang es, die kostbare Last abenteuerlich von Braunschweig nach Mainz zu transportieren. Ab Frühjahr 1948 konnte man allmählich mit Experimentalarbeiten beginnen. Ende 1948 erhielt das Institut der Physikalischen Chemie zusätzliche Räume durch Umbau der ehemaligen Garage. Die Apparaturen für die Praktika und für die Forschungsarbeiten wurden, trotz damaliger harter Verhältnisse nach und nach beschafft oder selbst entwickelt und gebaut. Nach Jahren zäher Arbeit erhielt das Institut 1958 einen Neubau, womit die zur Verfügung stehende Laborfläche sich etwa verdoppelte.

Etwa dreißig Jahre lang wirkte S. aktiv als Lehrer und Erzieher mehrerer Generationen von Polymer-Forschern. Über 60 Doktoranden wurden von ihm betreut. Als Lehrer und Chef handelte S. „nicht autoritär, sondern durch Überzeugung. Er hat stets eine offene wissenschaftliche Diskussion gefördert“ (Kern, Cantow, 1976, 963). Diese Seite seiner Tätigkeit gilt ebenso wichtig, wie seine Forschungsarbeit selbst. „Denn G. V. S. war Wissenschaftler mit Leib und Seele, und seine Begeisterung übertrug sich auf seine Mitarbeiter, die letztlich entscheidend zur überragenden internationalen Bedeutung seiner Arbeit beitrugen“ (Sillescu, 2009, 94).

S. setzte mit seinen Mitarbeitern die in Freiburg und Rostock durchgeführten Arbeiten fort, wie Abbau und Biosynthese von Zellulose, die Wirkungsmechanismen einiger Enzyme, Untersuchung der Lösungen von Polymeren und ihrer Thermodynamik sowie ihrer statistischen Mechanik, vor Allem aber umfassende Forschungen über die Kinetik von Polymerisationsreaktionen, insbesondere mit der Strömungsrohrmethode, die sehr schnelle Zwischenreaktionen zu verfolgen erlaubte.

S. wirkte auch organisatorisch: 1951/52, als er Dekan der Naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät war, konnte er eine wesentliche Verbesserung der staatlichen Finanzierung der Naturwissenschaften durchsetzen. Sehr wichtig war auch die Einrichtung eines Lehrstuhls für „Chemische Physik“ im Rahmen des Instituts für Physikalische Chemie auf sein Betreiben hin. 1954 wurde für dieses Fach, dank S.s Bemühungen, der Physiker Herbert Arthur Stuart (1899-1974) als Gastprofessor eingeladen und wurde 1955 ordentlicher Professor und Leiter des Laboratoriums der Polymerphysik.

Da auch im Institut der Organischen Chemie unter Werner Kern (s. dort) Schwerpunkt die Polymerchemie war, entwickelte sich Mainz ganz natürlich zu einem bedeutenden Zentrum für Polymerforschung, das auch internationale Anerkennung genoss. Dies führte schließlich im Jahr 1969 zur Gründung des „Sonderforschungsbereichs Chemie und Physik der Makromoleküle in Mainz. Damit wurde insbesondere eine enge Kooperation zwischen organischer Chemie, physikalischer Chemie und Physik entscheidend gefördert. U.a. leitete S., zusammen mit Kern, das Makromolekulare Kolloquium für Fortgeschrittene. S. lud auch Kollegen aus Industrielaboratorien zur Teilnahme an Spezialkolloquien ein. Die Rolle der Mainzer Universität in der Entwicklung dieses Bereichs fand ihren äußeren Niederschlag darin, dass beide, S. und Kern, die ersten Preisträger des von der Gesellschaft Deutscher Chemiker neugegründeten Hermann-Staudinger-Preises wurden. Im Allgemeinen mündeten diese Entwicklungen in der Gründung des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung 1983 auf dem Campus der Universität.

S. genoss internationale Anerkennung bereits Anfang der 1950er Jahre. Seine Kontakte führten ihn, insbesondere für Vortragsreisen in die USA (ab 1954), nach Japan über Indien, Singapur und Hongkong (1960) und nach Südamerika (ab 1962).

Kurz nach seiner Emeritierung nahm S. an einer Tagung der IUPAC in Rio de Janeiro teil. Beim anschließenden Besuch der Universität La Plata – die Partnerschaft mit der Universität Mainz – geriet S. unschuldig in einen Autounfall, lag vier Wochen im Koma und konnte sich nie mehr vollständig rehabilitieren. Als Emeritus nahm er jedoch am Leben seines Instituts und seiner Universität teil. „Es spricht für seinen unbändigen Willen, dass er <…> gestützt durch seine Beschäftigung mit philosophischen Fragen und gestärkt durch den Trost, den ihm die Musik vermitteln konnte – dem Leben noch ein weiteres Vierteljahrhundert abtrotzen konnte“ (Olaj, 2001, 445). Zum Lebensende schrieb S. seine Erinnerungen nieder: „Ein erfülltes Forscherleben. Lebens- und Arbeitserinnerungen eines deutschen Wissenschaftlers in den Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts“ (1995). Der zweite Teil, eine zusammenfassende Darstellung des eigenen wissenschaftlichen Werks, wurde 2000 postum gedruckt. Leider sind diese Lebenserinnerungen nicht zugänglich: Privat gedruckt wurden sie nur unter Freunden und Kollegen verteilt. Sogar die Universitätsbibliothek und das Universitätsarchiv in Mainz verfügen über kein Exemplar.

Das Erbe S.s spiegelt sich einerseits in 291 Publikationen wider, andererseits in Arbeiten zahlreicher direkter und indirekter Schüler. Es schließt insbesondere ein: Einen Komplex vielseitiger Experimentalmethoden zur Erforschung von Eigenschaften und Reaktionen von Polymeren; umfangreiche Daten über Kinetik von Polymerisationsreaktionen verbunden mit Bestimmungen der Molekulargewichtsverteilungen; wichtige Erkenntnisse über Eigenschaften von Polymerlösungen und über den Zustand von Makromolekülen in Lösung, u.a. über Knäuelbildung aus fadenartigen Molekülen. Insgesamt bildete S.s Lebenswerk einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung und zum Aufbau der physikalischen Chemie der Polymere.

Q UA Freiburg: B 24/3467 Personalakte S., 1939-1940; B 24/4328 Personalakte S., 1942-1943; B 15/680 Personalangelegenheiten G. V. S. (Naturwiss.-math. Fakultät), 1936-1947; B 34/180 u. B 34/788 Fall G. V. S.(Entnazifierungskommission); B 133/189 Mitgliedschaft G. V. Schulz NS Dozentenbund; B 1/1177 Diätendozenturen 1939-1954 (u.a. zu S.); B 1/4320 Assistenten Chemisches Laboratorium 1935-1939 (u.a. Vorgang zu S.); UA Mainz: Best. 64/62 (Personalakte S.), Auskünfte vom 22. u. 23.10.2014; Informationen des Prof. Dr. Hans Sillescu vom 24.11.2014

 

W Die Bedeutung d. Ionen für die innere Stabilität d. Proteinmoleküle (Untersuchungen an Casein) (Diss.), in: Biochemische Zs. 239, 1931, 48-73; Die Bestimmung d. Größe; Gestalt u. Solvatation von Makromolekülen, in: Die Naturwissenschaften 20, 1932, 592; Das Solvatationsgleichgewicht in kolloiden Lösungen, in: Zs. für physikalische Chemie A, 158, 1932, 237-257; Zur Thermodynamik des Solvatationsgleichgewichts in kolloiden Lösungen, ebd., 160, 1932, 409-424; (mit G. Ettisch) Primärreaktion u. Sekundärreaktion d. Eiweißkörper mit Säuren u. Basen, ebd., 164, 1933, 97-120; (mit H. Staudinger) Vergleich d. osmotischen u. viscosimetrischen Molekulargewichts-Bestimmungen an polymer-homologen Reihen, in: Ber. d. Deutschen Chemischen Ges. 68, 1935, 2320-2335; Über die Verteilung d. Molekulargewichte in hochpolymeren Gemischen u. die Bestimmung des mittleren Molekulargewichtes, in. Zs. für physikalische Chemie B, 32, 1936, 27-45; Über osmotische Molekulargewichtsbestimmungen an Hochmolekularen, in: Angewandte Chemie 49, 1936, 863-865; Osmotische Molekulargewichtsbestimmungen in polymerhomologen Reihen hochmolekularer Stoffe (Habilitationsschrift), in: Zs. für physikalische Chemie A, 176, 1936, 317-337; Über die Temperaturabhängigkeit des osmotischen Druckes u. den Molekularzustand in hochmolekularen Lösungen, ebd., 180, 1937, 1-24; (mit E. Husemann) Über die Kinetik der Kettenpolymerisationen: Überblick über die Methoden u. bisherigen Ergebnisse, in: Angewandte Chemie 50, 1937, 767-773; (mit G. Wittig) Anregung von Kettenpolymerisationen durch freie Radikale, in: Die Naturwissenschaften 27, 1939, 387f., 659f.; Über die Löslichkeit hochmolekularer Stoffe. D. Zustand des Lösungsmittels im System Aceton-Nitrocellulose bei niedrigen u. hohen Konzentrationen (0,1 bis 75%), in: Zs. für physikalische Chemie A 184, 1939, 1-41; Über die Kinetik d. Kettenpolymerisationen. Verzweigungsreaktionen, in: Zs. für physikalische Chemie B, 44, 1939, 227-247; (mit H. J. Löhmann) Über die Kinetik des hydrolytischen Abbaus d. Cellulose, in: Journal für praktische Chemie 157, 1941, 238-282: (mit F. Blaschke) Eine Gleichung zur Berechnung d. Viscositätszahl für sehr kleine Konzentrationen, ebd., 158, 1941, 130-135; (mit A. Dinglinger) Molekulargewichtsbestimmungen an einer Reihe von Polymethacrylsäuremethylestern nach verschiedenen Methoden (osmotisch, viscosimetrisch u. durch Fällungstitration, ebd., 136-162; Zur Frage d. geschwindigkeitsbestimmenden Reaktion bei Kettenreaktionen, insbesondere Polymerisationsreaktionen, in: Zs. für physikalische Chemie B, 50, 1941, 116-123; (mit E. Husemann u. E. Plötze) Ergebnisse u. Probleme aus d. Chemie, physikalischen Chemie u. Physik d. makromolekularen Stoffen, in: Die Naturwissenschaften 29, 1941, 257-270; Über die Aktivierungsenergien d. 1,4- u. d. 1,2-Polymerisation des Butadiens, in: Ber. d. Deutschen Chemischen Ges. 74, 1941, 1766-1768; Zur Methodik d. Berechnung von Molekulargewichten aus osmotischen Daten, in: Journal für praktische Chemie 161, 1942, 147-160; (mit Gertrud Sing) Über den Anstieg d. spezifischen Viscosität makromolekularer Lösungen im Bereich kleiner Konzentrationen, ebd. 161-180; Über Beziehungen zwischen osmotischem Druck, Diffusionskonstante u. den mit d. Ultrazentrifuge ermittelten Größen bei Nichtzutreffen d. Grenzgesetze für verdünnte Lösungen, in: Zs. für physikalische Chemie 193, 1944, 168-187; Absolute Molekülgrößenbestimmungen an makromolekularen Stoffen durch Messung d. Intensität des Streulichtes, ebd. 194, 1944, 1-27; Zur Klassifizierung d. Inhibitor- u. Reglerwirkungen bei Polymerisationsreaktionen, in: Berichte d. Deutschen Chemischen Ges. 80, 1947, 232-242; (mit H. Kämmerer) Über den Mechanismus d. inhibierenden Wirkung von Chinon auf die Polymerisation des Styrols, ebd. , 327-334; Über die Kinetik des oxydativen Celluloseabbaus in Schweizerlösung, ebd., 335-347; Zur statistischen Theorie makromolekularer Lösungen, I, II, III, in Zs. für Naturforschung 2a, 1947, 27-38, 348-357, 411-419; (mit G. Harborth) Über eine dilatometrische Methode zur Verfolgung von Polymerisationsvorgängen, in: Angewandte Chemie 59, 1947, 90-92; Über die Wirkungsart von Polymerisationsinhibitoren, in: Die Makromolekulare Chemie 1, 1947, 94-105; (mit G. Harborth) Über den Mechanismus des explosiven Polymerisationsverlaufes des Methacrylsäremethylesters, ebd., 106-139; (mit G. Harborth) Die Bestimmung des Molekulargewichts u. d. räumlichen Ausdehnung von Fadenmolekülen nach d. Streulichtmethode, ebd., 2, 1948, 187-200; (mit J. Hengstenberg) Molekulargewichtsbestimmungen an Polystyrolen mit Hilfe d. Geschwindigkeits-Ultrazentrifuge u. des osmotischen Drucks, ebd. 3, 1948, 5-36; Kettenreaktionen u. Polymerisationen im kondensierten Zustand, in: Naturforschung und Medizin in Deutschland 1939-1946, Bd. 30 (Physikalische Chemie), 1948, 85-96; Mechanismus u. Kinetik d. Polymerisationsvorgänge, ebd., Bd. 35 (Theoretische organische Chemie), 1948, 104-149; Das Viskositätsverhalten d. Polystyrole im Zusammenhang mit d. Größe u. Gestalt d. Moleküle, ebd., 3, 1949, 146-162;

Über den makromolekularen Stoffwechsel d. Organismen, in: Die Naturwissenschaften 37, 1950, 196-200, 223-229; Gute u. schlechte Lösungsmittel für hochpolymere Stoffe, in: Angewandte Chemie 64, 1952, 553-559; Molekülgrößenbestimmungen an makromolekularen Stoffen, in: Experientia 8, 1952, 171-182; (mit H.-J. Cantow u. G. Meyerhoff) Molekulargewichtbestimmung an makromolekularen Stoffen, in: Eugen Müller (Hg.), Methoden d. Organischen Chemie, 4. Aufl., Bd. III, Teil 1, 1955, 371-448; Zusammenhänge zwischen d. Kinetik d. Elementarvorgänge u. d. Konstitution d. Makromoleküle bei Radikalpolymerisationen, in: Angewandte Chemie, 71, 1959, 590-595; (mit H. Craubner) Thermodynamische Eigenschaften u. Moleküldimensionen in makromolekularen Lösungen, in: Zs. für Elektrochemie 63, 1959, 301-307; (mit G. Henrici-Olivé u. S. Olivé) Zur quantitativen Berücksichtigung veränderlicher Mittelwerte des Polymerisationsgrades bei der Bestimmung von Übertragungskonstanten, in: Zs. für Physikalische Chemie N. F., 19, 1959, 125-141; (mit G. Henrici-Olivé u. S. Olivé) Selbstverzweigung u. Übertragungsreaktion am Polymeren bei Polystyrol, in: Zs. für Physikalische Chemie N. F., 20, 1959, 176-192; (mit A. Hornbach) Kalorimetrische Messungen zur Thermodynamik von Polystyrollösungen, ebd. 22, 1959, 377-397; (mit R. V. Figini) Über Molekulargewichtsverteilungen, die bei schnellen Polymerisationsreaktionen ohne Kettenabbruch auftreten, in: Zs. für Physikalische Chemie N. F., 23, 1960, 233-256; (mit H. Inagaki u. R. Kirste) Zur phänomenologischen u. statistischen Thermodynamik von Polymerlösungen, ebd.,24, 1960, 390-404; (mit G. Henrici-Olivé u. S. Olivé) Bestimmung d. absoluten Geschwindigkeitskonstanten für das Kettenwachstum u. beiden Abbruchsreaktionen, Disproportionierung u. Kombination, an Methylmethacrylat, in: Zs. für Physikalische Chemie N. F., 27, 1961, 1-22; (mit R. Kirste) Über den Einfluß d. inneren Beweglichkeit u. des Lösungsmittels auf die Gestalt von Fadenmolekülen in Lösung (Versuche an Polymethylmethacrylat), ebd. 39, 1961, 171-200; (mit A. Scholz u. R. V. Figini) Analyse zweier charakteristischer Verteilungen von Polystyrol durch Kolonnenfraktionierung, in: Die Makromolekulare Chemie 57, 1962, 220-240; (mit S. Jovanovic u. J. Romanovski) Molekulargewichtsverteilungen einiger Emulsionspolymerisate von Styrol, ebd., 85, 1965, 187-194; (mit J. Romatowski) Emulsionspolymerisation von Styrol mit intermittierender Radikalerzeugung. I Molekulargewichtsverteilungen. II. Kinetische Untersuchungen, ebd., 195-226, 227-248]; (mit M. Marx-Figini) Biosynthese d. Zellulose, in: Die Naturwissenschaften 53, 1966, 466-474; (mit G. Löhr u. B. J. Schmitt) Das Strömungsrohr als kontinuierlicher Reaktor zur kinetischen Untersuchung schneller Polymerisationsprozesse, in: Zs. für physikalische Chemie N.F. 78, 1972, 177-198; Einige Probleme u. Ergebnisse d. Celluloseforschung, in: Angewandte Chemie 86, 1974, 454; (mit W. H. Stockmayer) Revival and modification of an ancient osmotic pressure equation, in; Makromolekulare Chemie 187, 1986, 2235-2239.

 

L Poggendorffs Biographisch-literarisches Handwörterbuch VIIa, Teil 4 (1961), 309f., VIII, Teil 3 (2004), 2183; DBE, 2. Aufl. 9 (2008), 283f.; Anonym, G. V. S., in: Nachrichten aus Chemie u. Technik 18, 1970, 403 (B); H.-J. Cantow, E. Husemann, G. V. S. zum 65. Geburtstag, in: Ber. d. Bunsen-Ges. für Physikalische Chemie 74, 1970, 957f. (B); W. Kern, H.-J. Cantow, Herrn Professor Dr. Dres. h. c. G. V. S. zum 70. Geburtstag, in: Makromolekulare Chemie 177, 1976, 961-963; H. Gerens, H.-J. Cantow, In Memoriam G. V. S., in: Macromolecular Chemistry and Physics 201, 2000, 163-177 (B, W); Axel Müller, Professor Dr, phil, Dr. h. c. mult. G. V. S. (1905-1999), in: Macromolecular Chemistry and Physics 206, 2005, 1913f. (B); Hans Sillescu, G. V. S. (1905-1999), Begründer d. Mainzer Physikalischen Chemie, in: M Kießener, Fr. Moll (Hgg.), Ut omnes unum sint (Teil 3): Gründungsprofessoren d. Chemie u. Pharmazie, 2009, 85-100 (B).

 

B Vgl. L

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