Förster, Theodor (1910-1974), Physiker, Physikochemiker

Category: Kurzbiografien Published: Wednesday, 11 February 2015 Written by Alexander

Förster, Theodor, Physiker, Physikochemiker.

*15.05.1910, Frankfurt/M. ev. +20.05.1974, Stuttgart

V Theodor F. (1883-1974), Arbeiter (Expedient in Frankfurt)

M Johanna, geb. Scriba (1880-?)

G keine

27.10.1943 (Posen) Martha Pauline Schmölder (1917-2009)

K 2: Eberhard Wolfgang F. (*1945), Chemiker, Mediziner, Dr. phil. nat., Dr. med.; Carl Dietrich F. (*1947), Physiker, Dr. phil. nat.

1920-1929                              Besuch d. Adlerflychtschule (bis Ostern 1926) und Klinger-Oberrealschule in Frankfurt; Abitur Ostern 1929

1929 IV – 1933 XI                  Studium d. Physik u. Mathematik an d. Univ. Frankfurt

1933 XI 15                              Promotion zum Dr. phil. nat.; Diss.: „Zur Polarisation von Elektronen durch Reflexion“; Rigorosum 31.07.1933.

1933 VII – 1935 III                  Besoldeter Hilfsassistent an den Instituten für Physikalische Chemie in Frankfurt, ab 1935 in Leipzig

1935 IV – 1942 IV                  Assistent am Institut für Physikalische Chemie d. Univ. Leipzig, bis Oktober 1938 außerplanmäßiger, danach planmäßiger

1938 IX-XII                             Habilitation mit d. Schrift: „Die gegenseitige Beeinflussung d. Valenzen im Kohlenstoffatom“

1940 IV                                   Ernennung zum Dozenten für Physikalische Chemie; Lehrprobe „Die Gestalt des Benzolmoleküls“ am 11.10.1939

1942 V – 1945 I                      o. Professor u. Direktor des Instituts für Physikalische Chemie (bis August 1942 stellvertretend) an d. damaligen Reichsuniversität Posen (heute in Polen)

1945 II – 1947 XI                    Aufenthalt in Göttingen; private Forschungstätigkeit

1947 XII – 1949 III                  Stellvertretender Leiter des zu errichtenden Max-Planck-Instituts für Physikalische Chemie in Göttingen

1949 IV – 1951 IV                  Abteilungsleiter ebd.

1951 V – 1974 V                    o. Professor u. Direktor des Laboratoriums für Physikalische Chemie u. Elektrochemie an d. TH (ab 1967 – Universität) Stuttgart. Antrittsvorlesung „Probleme d. Photochemie“ am 13. Juli 1954

1954-1974                              Mitherausgeber der in der BRD 1954 neugegründeten „Zeitschrift für physikalische Chemie, Neue Folge“

1960 – 1962                           Dekan d. Fakultät für Natur- u. Geisteswissenschaften

1964 I                                     Ruf an die TU München, im November 1964 abgelehnt

1964 VI – 1974 V                   Honorarprofessor an d. Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim

Ehrungen: Wissenschaftliches Mitglied d. Max-Planck-Gesellschaft (1950); auswärtiges wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Physikalische Chemie, Göttingen (1952); Mitglied d. „Society of the Sigma Xi devoted to the promotion of research in science“ d. Universität Florida, USA (1963); Mitglied d. Kommission für Molekülstruktur u. Spektroskopie d. IUPAC (Internationale Union für reine und angewandte Chemie) (1963); Mitglied d. Kommission für Physikalische Chemie d. IUPAC (1965); Mitglied des ständigen Ausschusses d. Deutschen Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie (1966-1967); Bunsen-Denkmünze d. Deutschen Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie (1971); Finsen-Medaille des Internationalen Kongresses d. Photobiologie (1972). Postum: „Theodor-Förster-Gedächtnisvorlesung“ (ab 1976).

F. wurde als einziges Kind des Expedienten Theodor F. in eine bescheidene Frankfurter Familie geboren. Er besuchte 1920-1926 die Adlerflychtschule, dann die Klinger-Oberrealschule, wo er Ostern 1929 die Reifeprüfung bestand. Sofort nach seinem Abitur meldete sich F. an der Universität seiner Heimatstadt an. Als angestrebten Beruf gab er „Technischer Physiker“ an.

In einem späteren Lebenslauf (1950) wies F. darauf hin, er habe in Frankfurt „Physik, Chemie und Mathematik“ studiert. Es mag sein, dass er gelegentlich Chemievorlesungen besuchte, aber nur gelegentlich: Tatsächlich waren seine Fächer Physik und Mathematik. In dem seiner Dissertation beigelegten Lebenslauf listete er seine „akademischen Lehrer“ auf, und zwar fünf Physiker, drei Mathematiker, einen Geographen und einen Zoologen (dieser war der beliebte Professor Otto zur Strassen (1869-1961)), jedoch keinen Chemiker.

Ab WS 1930/31 beschäftigte sich F. mit seiner Doktorarbeit, deren Thema der Professor für Theoretische Physik, Erwin Madelung (1881-1972), ihm gegeben hatte. Es handelte sich dabei um einen allgemeinen Beweis, dass ein unpolarisiert einfallender Elektronenstrahl bei der Reflexion nicht polarisiert wird. Obwohl die Problemstellung und der allgemeine Ansatz dem Doktoranden vorgegeben wurden, arbeitete er weiter „ganz selbständig…, das Wesentliche der Arbeit ist sein geistiges Eigentum…, insgesamt ist die Arbeit als ‚sehr gut‘ zu bezeichnen“, schrieb Madelung in seinem Gutachten (UA Frankfurt, Abt. 146, Nr. 768). Das Rigorosum fand am 31. Juli 1933 statt. (Die Prüfung im Hauptfach, Theoretische Physik, nahm Madelung am 28. Juli in seiner Wohnung ab). Die Nebenfächer waren Experimentalphysik und Mathematik, alle drei Antworten wurden mit 1 bewertet. Die Prädikate im Doktordiplom vom 15. November lauteten für die Doktorarbeit „sehr lobenswert“ und für das Examen „vorzüglich bestanden“.

Kaum war die Dissertation beendet, noch vor dem Rigorosum, nahm der Ordinarius für physikalische Chemie, Karl Friedrich Bonhoeffer (1899-1957), F. als besoldeten Hilfsassistenten in sein Institut: Er brauchte einen Theoretiker und es ist zu vermuten, dass Madelung ihm seinen begabten jungen Doktoranden empfohlen hatte.

In die letzten Monate seines Studiums fiel der erzwungene Beitritt F.s in die SA und NSDAP. Er stand unter starkem Druck der sehr einflussreichen Zelle junger NS-Aktivisten, die das Eintreten in die Partei als Erfüllung einer „vaterländischen Pflicht“ forderten. F. bat Bonhoeffer um Rat, da „ihn der ganze Partei- und SA-Rummel anwidere“ (Zeugnis Bonhoeffers vom 11.04.1946, UA Stuttgart SN 56, Nr. 6). Da unter solchen Umständen offensichtlich war, dass keine akademische Laufbahn ohne Eintritt in die NS-Organisationen für den 23jährigen möglich sei, stimmte Bonhoeffer zu. (ebd.).

Nach dem Krieg bestätigten zahlreiche Zeugen aus Frankfurt und Leipzig – außer Bonhoeffer die Professoren: Biophysiker Boris Rajewsky (1893-1974), Physikochemiker Alfred Magnus (1880-1960) und Friedrich Jost (1903-1988), Chemiker Burkhardt Helferich (1887-1982), Mathematiker Max Deuring (1907-1984), und noch mehrere Akademiker, – dass F. unter Druck stand und nur nominales Parteimitglied war. 1948 wurde er entlastet und erhielt die Erlaubnis für Lehrtätigkeit (ebd.).

Als Bonhoeffer Ende 1934 nach Leipzig wechselte, lud er F. mit sich ein, und F. folgte dieser Einladung; er meldete sich in Leipzig zum 1. März 1935 an. In Leipzig arbeitete F. als „Haustheoretiker“; ein „Rechner für alles“ (Weller, 1970, 219), und löste geschickt verschiedene Probleme, die bei Bonhoeffer und dessen Mitarbeitern entstanden. Dementsprechend ist die Thematik seiner damaligen Publikationen ziemlich bunt. Aber dies war auch eine sehr gute Schule der physikalischen Chemie in ihrer ganzen Vielseitigkeit. Wahrscheinlich waren für F. auch Kontakte mit dem Professor für Theoretische Physik, einem der Begründer der Quantenmechanik, Werner Heisenberg (1901-1976) wichtig.

Die eigenen Interessen F.s konzentrierten sich mehr und mehr auf quantenmechanische Theorien der chemischen Bindung, insbesondere, in organischen Stoffen. Auf diesem Gebiet führte er eine ausführliche theoretische Arbeit über Valenzen des Kohlenstoffatoms durch. Diese legte F. im Juni 1938 der Fakultät als Habilitationsschrift vor. Im Dezember 1938 verlieh ihm die Fakultät, nach der entsprechenden Genehmigung des Ministeriums, den Grad „Dr. phil. habil.“. Nach einem weiteren Verfahren, einschließlich Lehrprobe, wurde F. zum Dozenten der physikalischen Chemie ernannt. Als Dozent las F. über „Optische Methoden in der Chemie“. Später wurde bescheinigt: „Mit großer Hingabe und außerordentlichem Erfolg sei er sich den physikalisch-chemischen Unterricht bemüht und habe dabei gerade auch bei den Chemikern sehr großen Anklang in seinen Vorlesungen und den von ihm geleiteten Übungen gefunden“ (UA Frankfurt, Abt. 13, Nr. 262).

Im Januar 1942 wurde F. durch den Reichsminister beauftragt, „mit Wirkung vom 1. Februar 1942 ab, die Vorarbeiten für die Errichtung eines Lehrstuhls für physikalische Chemie und die damit zusammenhängenden Fragen an der Reichs-Universität Posen zu übernehmen“ (UA Leipzig, PA 466, Bl. 7). Die Universität wurde im April 1941, zu Hitlers Geburtstag, eröffnet. Ab Mai 1942 fungierte F. in Posen als kommissarischer Direktor des neu zu errichtenden physikalisch-chemischen Instituts, im August wurde er zum ordentlichen Professor befördert. Zunächst war F. hauptsächlich mit der Einrichtung seines Instituts befasst und hielt nur Vorlesungen über Physikalische Chemie, 3 Stunden wöchentlich, in Räumen des Organisch-chemischen Instituts. Zum SS1943 konnte er auch ein Physikalisch-chemisches Praktikum und Kolloquium im eigenen Institut durchführen.

Das Hauptereignis seiner Posener Zeit war wohl sein Zusammentreffen mit angehenden Philologin Martha Schmölder, die bald seine Frau und treue Helferin wurde. Die Ehe war außerordentlich glücklich.

Im Januar 1945, als die Kriegsfront vorrückte, begab sich F. nach Göttingen, wo er sowohl Kriegsende wie britische Besatzung erlebte. Soweit es die damaligen Verhältnisse erlaubten, setzte er seine theoretischen Forschungen fort; bereits 1946 erschienen erste Publikationen. Martha F. war damals als Lehrerin tätig und ernährte die Familie.

Nachdem im September 1946 die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in der britischen Zone gegründet worden war, begann ihr Präsident Otto Hahn (1879-1968) ab März 1947 mit der Errichtung eines Instituts für Physikalische Chemie in Göttingen, das die Tradition des früheren Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin fortsetzen sollte. Für den Anfang wurde F. beauftragt, auf dem Gelände der Aerodynamischen Versuchsanstalt zunächst eine „Arbeitsstätte für Strukturforschung in der MPG“ kommissarisch ab 1. Dezember zu übernehmen und die Errichtung des Instituts vorzubereiten. Im März 1949 kam Bonhoeffer nach Göttingen als Direktor des neuen Max-Planck-Instituts für Physikalische Chemie. F. wurde Leiter der Strukturabteilung dieses Instituts; im Dezember 1950 ernannte ihn der Senat der MPG zum Wissenschaftlichen Mitglied des Instituts und der MPG.

Die Göttinger Zeit gilt als die bedeutendste in F.s Forscherleben. Obwohl er bereits in Leipzig Ansätze zu Zusammenhängen zwischen Licht und durch Licht hervorgerufene Veränderungen in organischen Molekülen zu suchen begonnen hatte, fielen die entscheidenden Durchbrüche ausgerechnet in die Göttinger Jahre, seit denen F. seine Forschungen ausschließlich der Photochemie widmete. Im Allgemeinen beschrieb F. Problemstellungen etwa so: Durch Absorption eines Lichtquants wird das Elektronensysteme des betreffenden Moleküls in einen angeregten Zustand versetzt, in dem es wesentlich reaktionsfähiger ist, als in seinem Normalzustand. Die Photochemie beschäftigt sich traditionell mit chemischen Reaktionen von angeregten Molekülen, bei denen die Energie der Anregung verbraucht wird. F., mit erstaunlichem Gespür für Neues, eröffnete und entwickelte eine „unkonventionelle Photochemie“ (F., 1972), die sich im Gegensatz zu „konventioneller Photochemie“ grundsätzlich auf Prozesse konzentriert, die unter Erhaltung der Anregung erfolgen.

Die ersten Publikationen F.s in dieser Hinsicht stellen Überlegungen über „Energiewanderung“ zwischen Molekülen, ausgehend vom Standpunkt der klassischen Physik dar, insbesondere bei der Photosynthese. Mitte 1947 beendete F. seine grundlegende Arbeit (F., 1948), in der er zwischenmolekulare Übertragung von Elektronenanregungsenergie quantenmechanisch behandelte. Dabei entdeckte er eine nichttriviale Energieübertragung von einem angeregten Sensibilisatormolekül zu einem Energieakzeptor, die durch Dipol-Dipol-Kopplung über große Abstände erfolgte. Die Kopplung illustrierte F. durch die Analogie mit der Kopplung mechanischer Pendel. Bald wurde dies als „Förster Energy Transfer“ international anerkannt. Heute bezeichnet man sie als FRET = Förster Resonance Energy Transfer. Eine ausführliche Geschichte dieser Entdeckung und deren weiteren Entwicklung ist in der Fachliteratur dargestellt (Masters, 2014).

Die Göttinger Periode wurde durch die Herausgabe der Monographie „Fluoreszenz organischer Verbindungen“ (F., 1951) gekrönt, die später klassisch wurde. F. widmete sie seiner Frau.

1950 erhielt F. zwei Rufe auf vakante Lehrstühle für Physikalische Chemie – in Frankfurt und Stuttgart. In beiden Berufungslisten stand F. an erster Stelle als „der beste Physikochemiker der jüngeren Generation“ (UA Frankfurt, Abt. 13, Nr. 262) bzw. „als einer der befähigsten physikalischen Chemiker der jungen Generation“ (UA Stuttgart, 54/52a). Obwohl F. seine Unterlagen nach Frankfurt schickte, und das Kuratorium mit seiner Kandidatur einverstanden war, gibt es keine Informationen über weitere Verhandlungen. Der Stuttgarter Ruf dagegen verlief positiv.

Nach Stuttgart kam F. als reifer Gelehrter mit der eigenen schon festgelegten Arbeitsrichtung. Hier war ihm hilfreich, dass das Institut noch vor seinem Antritt geteilt wurde, wobei die früher überwiegende Metallkunde dem entsprechenden Max-Planck-Institut in Stuttgart übergeben wurde. Trotzdem waren F.s Aufgaben nicht leicht: Er musste nahezu von Null anfangen und hatte einerseits den Unterricht der Physikalischen Chemie, andererseits die Forschungsarbeit aufzubauen. Die Einrichtung des Forschungslaboratoriums sollte auch dem Unterricht dienen: Damit sollten interessierte Physik- und Chemie-Studenten ihre Diplom- und Doktorarbeiten durchführen können. Eine sprechende Einzelheit: F. vereinbarte eine lange Verschiebung seiner Antrittsvorlesung „Probleme der Photochemie“, um die für Demonstrationen notwendigen Apparaturen zunächst zu beschaffen.

Sein viersemestriger Hauptkurs der physikalischen Chemie schloss „Chemische Thermodynamik“, „Elektrochemie“, „Aufbau der Materie“ und „Reaktionskinetik“ ein. Zusätzlich las F. bis zur Mitte 1960-er Jahre eine Stunde wöchentlich über spezielle Themen für Fortgeschrittene, wie z. B. „Probleme der Fluoreszenz organischer Verbindungen“, „Chemische Bindung“, „Absorptionsspektren organischer Verbindungen“, „Die quantenmechanische Theorie der aromatischen Bindung“, „Elektronenstruktur von Molekülen“. Materialien des Nachlasses F. (UA Stuttgart, SN 56, Nr. 19 bis 30) zeigen, dass die Abschnitte seines Hauptkurses bis Mitte der 1950er Jahre gut formuliert wurden, aber dass F. Verfeinerung seiner Vorlesungen fort setzte. Seine Entwürfe bezeugen, wie viel Sorgfalt er auf die Vorbereitung des Unterrichts anwandte. Zu jedem Abschnitt seines Hauptkurses erarbeitete er auch zahlreiche Übungen.

Trotz dieses großen Unterrichtspensums blieb der Schwerpunkt in F.s Tätigkeit die Forschungsarbeit, und zwar auf dem Gebiet der „unkonventionellen Photochemie“.

Eine wichtige Ausrichtung der Stuttgarter Arbeiten basierte auf einer Entdeckung, die schon in Göttingen gemacht worden war: Aufgrund der Abhängigkeit der Fluoreszenzspektren einiger Verbindungen von der Azidität der Lösung wurden Erscheinungen der Protonenabspaltung oder Protonenanschließung bei den angeregten Molekülen entdeckt –, „protolytische Reaktionen im angeregten Zustand“ genannt. Zur Berechnung der Enthalpie solcher Protonenübertragungen ersann F. einen Kreisprozess, der in der Fachliteratur als „F.-Zyklus“ („F. cycle“) bekannt ist.

Eine weitere bedeutende Entdeckung fällt ausschließlich in die Stuttgarter Zeit. Anfang 1954 wurde in F.s Laboratorium eine ungewöhnliche Konzentrationsabhängigkeit des Fluoreszenzspektrums bei Lösungen von Pyren entdeckt: Mit zunehmender Konzentration erfolgte, anstatt der üblicherweise auftretenden Konzentrationslöschung des Spektrums, dessen Umschlag – Erscheinen einer neuen Komponente im Spektrum. Als Träger dieser Komponente nahm F. ein langlebiges angeregtes Doppelmolekül an, das je aus einem angeregten und einem unangeregten Pyrenmolekül entsteht. Dieser „Konzentrationsumschlag der Fluoreszenz“ wurde dann mit mehreren Mitarbeitern auch an anderen Stoffen ausführlich untersucht und die Entstehung von Doppelmolekülen bestätigt. Für solche Assoziate hat sich seit 1960 die Bezeichnung „Excimere“, zunächst in der englischen Fachliteratur, durchgesetzt (excimer = excited dimer).

Protonübertragungen und Excimerbildung zeigten sich als die schnellsten, im Nanosekundenbereich ablaufenden, Reaktionen, die einer Untersuchung, und zwar mit Fluoreszenzspektroskopie, zugänglich wurden.

F.s schon erwähnte Monographie „Fluoreszenz organischer Verbindungen“ nannten seine Mitarbeiter „Hausbibel“ – „eine sehr treffende Bezeichnung, einmal, weil dieses Buch Wege der Erkenntnis vermitteln konnte und zum zweiten, weil bei der genauen und knappen Formulierung, bei der es auf jedes Wort ankam, manche Sätze sehr sorgfältigen zwei- und mehrmaligen Lesens oder – noch besser – der Interpretation eines Auslegers bedurften, ehe man ihren ganzen köstlichen Inhalt erfasst hatte“ (Weller, 1970, 220).

F. pflegte seine Ideen seinen Mitarbeitern und Schülern großzügig zu übergeben, so dass die verhältnismäßig geringe Anzahl seiner Arbeiten – insgesamt 85 Publikationen – seine tatsächliche wissenschaftliche Produktivität nicht widerspiegelt: Zahlreiche seiner Ideen und Vorschläge haben seine Schüler „mit seiner tatkräftigen gedanklichen Unterstützung“ (Weller, 1970, 220) bearbeitet und selbständig veröffentlicht.

F.s Schule auf dem Gebiet von Reaktionen angeregter Moleküle erwarb internationales Ansehen, und sein Institut galt als Mekka für Photochemiker der Welt. Er war insgesamt ein äußerst bescheidener Mensch, der jede Form von Personenkult verabscheute.

Im Januar 1963 erhielt F. einen verlockenden Ruf nach München, den er nach langen Überlegungen letztendlich im November doch ablehnte, um sein sich gut entwickelndes Arbeitsfeld, sowie die sehr freundliche Kontakte mit Kollegen zu bewahren. Das Ministerium dankte ihm mit zusätzlichen Mitteln und Stellen für sein Laboratorium.

Die internationale Anerkennung und Geltung F.s ist u. a. aus zahlreichen Einladungen bei verschiedenen Angelegenheiten aus den USA, England und anderen Ländern zu sehen. So trug er im September 1957 an einem Symposium der National Academy of Science in den USA vor, im April 1959 hielt er „Spiers memorial lecture“ bei der Diskussionstagung der Faraday Society in England, im Juli-August desselben Jahres beteiligte er sich als einziger Deutscher an der Konferenz über molekulare Anregungszustände in den USA, während WS 1962/63 wirkte er als Gastprofessor an der University of Florida, USA, im August-September 1964 war er ein Vortragender an der Istanbul Internationalen Sommer-Schule für Quantum Chemie und im Mai 1965 bei einem Symposium am Enrico-Fermi-Institut in Chicago.

Es ist zuzugeben, dass F.s Arbeiten in Deutschland weniger bekannt und anerkannt wurden, als im Ausland: Sie schienen abseits der aktuellsten Entwicklungswegen der Naturwissenschaft zu liegen. F. versuchte deswegen die allgemeine Bedeutung seiner „unkonventionellen Photochemie“ zu erklären (1969, 1972). So, „gehören solche Reaktionen, wie z. B. Protonenübertragungen oder Bildung von Excimeren zweifellos zu den einfachsten Photoreaktionen und sind deshalb zum Studium grundsätzlicher Fragen besonders geeignet“ (F., 1972, „Konventionelle..“, 963). Übrigens bevorzugte er aber, seine Arbeiten nicht so sehr zu popularisieren, sondern weiter zu entwickeln. So fand er, bei Betrachtung intimer Mechanismen von Photoreaktionen, dass man zwischen „adiabatischen“ und „diabatischen“ Prozessen unterscheiden müsse, d. h., zwischen photochemischen Reaktionen, bei denen das Produkt in einem angeregten Zustand bleibt, und Reaktionen, wo das Produkt in einen unangeregten Zustand übergeht.

Rastloser Arbeiter, fand F. Erholung als „begeisterter Bergsteiger, zum Leidwesen meiner Mutter. Es zog ihn regelmäßig in die Österreichische Alpen, wo ihn auch die Übernachtung auf einem Matrazenlager nicht störte.“ (Eberhard F., Brief vom 9.02.2015).

Während der letzten Jahre seines Lebens beschäftigte sich F. insbesondere mit der Vorbereitung einer neubearbeiteten und erweiterten Ausgabe seines klassisch gewordenen Buchs „Fluoreszenz organischer Verbindungen“, er hatte vor, es gleichzeitig in englischer Übersetzung zu publizieren. Leider war es ihm nicht vergönnt: F. starb plötzlich an Herzinfarkt am Steuer seines Autos, als er in sein Institut fuhr.

Sein Schüler Professor Dr. Horst  E. A. Kramer, der nach F.s Tod das Institut kommissarisch leitete, sagtezur Einleitung der „T.-F.-Gedächtnisvorlesung 1996: „Obwohl mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen, hat ihn T. F. nicht erhalten. Er trug dies mit dem Gleichmut eines Philosophen – wohl wissend um den hohen Rang und die weitreichende Bedeutung seiner Arbeiten“ (UA Stuttgart, SA 2/3282). „Er war insgesamt ein äußerst bescheidener Mensch, der jede Form von Personenkult verabscheute.“ (Eberhard F., Brief vom 9.02.2015).

F.s Entdeckungen, wie die protolytischen Reaktionen im angeregten Zustand und die Bildung von Excimeren verbleiben in der Naturwissenschaft, sie erhielten eine weitere sehr intensive Entwicklung. Von größter Tragweite erschien aber die nach ihm benannte Erscheinung, „F. Resonance Energy Transfer“ (FRET), ehemals ein Neuland, das heute immer intensiver und fruchtbarer bearbeitet wird.Besonders bei biologischen Systemen erschien FRET als die wichtigste optische Methode der Erforschung molekularer Prozesse. Dies ist durch Tausende Fachaufsätze bezeugt, insbesondere durch F. gewidmeten Sonderhefte internationaler Zeitschriften „Interface Focus“ und „European Journal of Chemical Physics and Physical Chemistry“. Letztgenanntes Heft schließt 25 umfangreiche Artikel ein, mit verschiedensten Themen über Theorie und Anwendungen von FRET, insbesondere in der Biologie, in makromolekularer Chemie, in Elektronenmikroskopie, in Spektroskopie usw. Dies ist wohl der beste Beweis, wie fruchtbar F.s Erbe bleibt.

Q UA Frankfurt: Abt. 604, Nr. 782, Studentenakte F.; Abt. 146, Nr. 768, Promotionsakte F.; Abt. 13, Nr. 262, Neubesetzung des Lehrstuhls für Physikalische Chemie, 1950; UA Leipzig: PA 466, Personalakte F.; UA Stuttgart: 54/52a, Berufung F.s; 57/50, Personalakte F.; SN 56, Nr. 1 bis 30, Nachlass F.; SA2/3282, Würdigung des Werks F., 1996; Informationen von Prof. Dr. Horst E. A. Kramer vom 28.01.2015 u. von Dr. Eberhard Förster vom 3.02.2015; Auskunft aus dem StadtA Frankfurt vom 5.03.2015.

 

 

W Zur Polarisation von Elektronen durch Reflexion, in: Zs. für Physik 85, 1933, 514-529; Die Gleichgewichtskonstante d. Reaktion HDO + H2 = H2O + HD, in: Zs. für physikalische Chemie B, 27, 1934, 1-5; (mit K. H. Geib) Die theoretische Behandlung chemischer Reaktionen in strömenden Systemen, in: Annalen d. Physik 5. F. 20, 1934, 250-260; Über die experimentale Bestimmung d. linearen Kristallisationsgeschwindigkeit, in: Zs. für physikalische Chemie A, 175, 1936, 177-186; (mit J. C. Jungers) Die Ultraviolettabsorptionsspektren deuteriumsubstituierter Methylamine, in: Zs. für physikalische Chemie B, 36, 1937, 387-397; D. Einfluss einer Doppelbindung auf die Festigkeit in d. Nähe befindlicher Einfachbindungen, in: Zs. für Elektrochemie 43, 1937, 667-669; Die Lichtabsorption aromatischer Kohlenwasserstoffe, in: Zs. für physikalische Chemie B, 41, 1938, 287-306; Die gegenseitige Beeinflussung d. Valenzen im Kohlenstoffatom, in: Zs. für physikalische Chemie B, 43, 1939, 58-78; Farbe u. Konstitution organischer Verbindungen vom Standpunkt d. modernen physikalischen Theorie, in: Zs. für Elektrochemie 45, 1939, 548-573; Quantenmechanische Rechnungen zur Theorie d. organischen Farbstoffe, I, II, in: Zs. für physikalische Chemie B, 47, 1940, 245-268, 48, 1941, 12-31; Die Lichtabsorption organischer Moleküle u. Ionen nach d. Quantenmechanik, in: Zs. für Elektrochemie 47, 1941, 52-54; Energiewanderung u. Fluoreszenz, in: Naturwissenschaften 33, 1946, 166-175; Ein Beitrag zur Theorie d. Photosynthese, in: Zs. für Naturforschung 2b, 1947, 174-182; Zwischenmolekulare Energiewanderung u. Fluoreszenz, in: Annalen d. Physik 6. Folge, 2, 1948, 55-75; Fluoreszenzspektrum u. Wasserstoffionenkonzentration, in: Naturwissenschaften 36, 1949, 186f.; Quantentheorie u. chemische Bindung, in: Angewandte Chemie 51, 1949, 144-149; Versuche zum zwischenmolekularen Übergang von Elektronenanregungsenergie, in: s. für Elektrochemie 53, 1949, 93-99; Experimentelle u. theoretische Untersuchung des zwischenmolekularen Übergangs von Elektronenanregungsenergie, in: Zs. für Naturforschung 4a, 1949, 321-327; Elektrolytische Dissoziation angeregter Moleküle, ebd., 54, 1950, 42-46; Fluoreszenz Organischer Verbindungen, 1951; Photochemische Primärprozesse bei mehratomigen Molekülen, in: Zs. für Elektrochemie 56, 1952, 716-722; Das Laboratorium für physikalische Chemie u. Elektrochemie, in: Die Technische Hochschule Stuttgart 1954: Bericht zum 125jährigen Bestehen, 1954, 49-51; (mit K. Kasper) Ein Konzentrationsumschlag d. Fluoreszenz, in: Zs. für Physikalische Chemie, N. F., 1, 1954, 275-277; (mit K. Kasper) Ein Konzentrationsumschlag d. Fluoreszenz des Pyrens, in: Zs. für Elektrochemie 59, 1955, 976-980; Fluoreszenz u. Phosphoreszenz, in: Methoden d. organischen Chemie, 4. Aufl., Bd. III/2, 477-491;

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