Husemann, Elfriede (1908-1975), Polymerchemikerin

Category: Kurzbiografien Published: Tuesday, 31 March 2015 Written by Alexander

Husemann, Elfriede, Polymerchemikerin

*27.12.1908, Gütersloh, Westfalen. Ev. +9.11.1975, Freiburg

V Heinrich August H. (1876-1931), Fleischwarenfabrikant

M Wilhelmine H., geb. Viefhaus (1879-1942)

G 1: Heinrich (1904-?), Kaufmann

Ledig

1920 – 1928                           Besuch des Lyzeums in Gütersloh, ab 1926 d. Auguste-Viktoria-Schule in Bielefeld. Abitur Ostern 1928

1928 IV – 1933 V                   Studium d. Chemie an d. Univ. Freiburg (SS 1928-SS 1929), Leipzig (WS 1929/30-WS 1930/31) u. wieder Freiburg

1933 XII 1                               Promotion zum Dr. phil., Diss.: „Gitterbau u. Bindungsart binärer Magnesiumverbindungen“; Doktor-Diplom vom 14.02.1934

1933 – 1946                           Assistentin am Chemischen Laboratorium bei Hermann Staudinger

1939 X                                    Habilitation mit d. Schrift „Über die Konstitution von Holzpolyosen“

1942 VIII 27                            Ernennung zum Dozenten für Organische Chemie; Lehrprobe: „Die Konstitutionsaufklärung d. Proteine“ 23. u. 24.06.1942

1946 I                                     außerplanmäßiger Professor

1956 IV                                   a.o. Prof., Direktor des Instituts für Makromolekulare Chemie

1962 II                                    o. Professor für Makromolekulare Chemie

1974 IV                                   Emeritierung

Ehrung: Saare-Medaille d. Deutschen Arbeits-Gemeinschaft für Getreideforschung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Stärkeforschung und Stärketechnologie.

Es ist erstaunlich, wie karg die Informationen über das Leben E. H.‘s sind, der bedeutenden Forscherin auf dem Gebiet der Makromolekularen Chemie, der ersten Professorin in Freiburg. Im Weiteren ist nahezu Alles dargestellt, was über H. stückchenweise herausgefunden werden konnte. Ihr Leben als wissenschaftliche Pionerin ist einmalig und beispielhaft.

Ihr Vater, der Kaufmann Heinrich August H., hatte als Fleischwarenfabrikant und Teilhaber der „Gütersloher Fleischwarenfabrik J.F. Marten“ eine führende Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt inne. Zeitweilig leitete er auch die Provinzialfleischstelle in Westfalen, um die Fleischversorgung in den Notzeiten nach dem 1. Weltkrieg sicherzustellen. Im Herbst 1923 richtete er mit Hilfe des Vaterländischen Frauenvereins eine stadtbekannte Notstandsküche ein, die im Winter 400 Mitbürger kostenlos versorgte (Auskunft des StadtA Gütersloh). Vermutlich erbte H. von ihm ein Gutteil ihrer Zielstrebigkeit und Selbständigkeit.

In ihrer Heimatstadt besuchte sie das Lyzeum, damals eine siebenklassige Mädchenschule, bis zur Obersekundareife. Anschließend setzte sie ihre Aufnahme in ein Gymnasium durch, und zwar in die renommierte Auguste-Viktoria-Schule in Bielefeld (heute Gymnasium am Waldhof). Obwohl der Besuch der Schule in der Nachbarstadt „mit erheblichen persönlichen Unbequemlichkeiten verbunden war“ (E. H. zum Gedenken, 1976, 7), gab H. nicht auf und so konnte sie eine gute Schulbildung genießen. Schon damals hatte H. eine deutliche Neigung zu den Naturwissenschaften und führte Experimente im Elternhaus durch, allerdings insgeheim im Badezimmer. Von 20 Abiturientinnen erhielten zwei Ostern 1928 ihre Reifezeugnisse „mit Auszeichnung“. Eine von ihnen war H.. Von besonderer Bedeutung für ihre Entwicklung war der Einfluss des begnadeten Lehrers Bernhard Bavink (1879-1947), der als ein bedeutender Naturwissenschaftler von ungewöhnlicher Weite und als Naturphilosoph bekannt ist. Er verfasste u. a. mehrere erfolgreiche Lehrbücher der Chemie. „Das so geheimnisvoll scheinende Spiel der miteinander reagierenden Stoffe“ zog ihn „mit wahrhaft magischer Gewalt“ an, erinnert sich Bavink (Niedersächsische Lebensbilder 5, 1962, 29), und diese Begeisterung konnte er weitergeben. Zweifellos wählte H. die Chemie als Studienfach dank dieses markanten Lehrers und Gelehrten.

Im Frühjahr 1928 meldete sich H. bei der Freiburger Universität an und blieb dort drei Semester lang. Sie konnte die chemische Hauptvorlesung hören, die der Organiker Hermann Staudinger (1881-1965) hielt, der damals am Anfang seines Lebenswerks, der Gründung der makromolekularen Chemie, stand. Zum WS 1928/29 kam nach Freiburg der glänzende junge Anorganiker Eduard Zintl (s. dort), dessen „persönliche und wissenschaftliche Ausstrahlungskraft“ H. beindruckten (E. H. zum Gedenken, 1976, 8). Trotzdem wechselte sie im Herbst 1929 nach Leipzig, vielleicht, um näher zu ihrer Eltern zu sein, die 1928 nach Braunschweig umgezogen waren. Bei der Immatrikulation erklärte sie, dass sie ihr Studium hier zum Oktober 1934 abzuschließen vorhabe (UA Leipzig, Quästur 039038). In Leipzig waren ihre akademischen Lehrer insbesondere der Organiker Burkhardt Helferich (1887-1982), der Anorganiker Franz Hein (1892-1976) und der Physikochemiker Peter Debye (1884-1966). Im Sommersemester 1930 bestand H. das erste Verband-Examen (Vordiplom-Prüfung). Es bleibt offen, wo und wann H. das zweite Verbandexamen ablegte und warum sie ihre ursprüngliche Absicht, in Leipzig bis Oktober 1934 zu studieren, aufgab. Bekannt ist, dass sie zum SS 1931 nach Freiburg zurückkehrte und an der Anorganischen Abteilung bei Zintl ihre Doktorarbeit anfertigte.

Das Thema entsprach dem damaligen Forschungsgebiet Zintls: Kürzlich hatte er salzartige intermetallische Verbindungen entdeckt und begann eine systematische Erforschung des Übergangs zwischen Ionenbindung und metallischer Bindung in intermetallischen Verbindungen. H.s Arbeit bestand dementsprechend hauptsächlich in vergleichenden röntgenographischen Untersuchungen von Verbindungen des Magnesiums mit Wismut, Antimon, Arsenik und Phosphor, wobei H. Magnesiumarsenid und Magnesiumphosphid selbst synthetisieren musste – ein ziemlich schwieriges Verfahren, das viel Experimentiergeschick verlangte.

Zum Sommer 1933 wurde die Dissertation fertig und durch Zintl mit „sehr gut“ bewertet. Die Ergebnisse veröffentlichte Zintl zusammen mit H., ihre erste Publikation. Im Herbst 1933 wurde Zintl aber nach Darmstadt berufen, so dass die Promotion bereits ohne ihn stattfand. In seinem Gutachten über die Dissertation schrieb Staudinger: „Die Darstellung der Arbeit ist übersichtlich und gut, ebenso ist die experimentelle Durchführung nach Angaben von Prof. Zintl eine sorgfältige, sodass ich mit Einverständnis mit ihm die Note 2= sehr gut vorschlage“ (UA Freiburg, B 31/822). Das Rigorosum in der Chemie als Hauptfach, Physik und Mineralogie als Nebenfächer bestand H. mit der Gesamtnote „sehr gut“.

Nun wurde die begabte angehende Forscherin in den Arbeitskreis von Staudinger aufgenommen und dadurch in das damals noch nicht anerkannte Gebiet der Chemie der Makromoleküle einbezogen. Sie blieb, mit Ausnahme der Frau Staudingers Dr. Martha Staudinger, die einzige Frau unter den Mitarbeitern des Institutsdirektors. „Elfriede war eine warmherzige Frau, von regem und kritischem Verstand, die sich durch ihre Schlagfertigkeit auch gegen den gelegentlich rauhen Ton im Labor gut zu behaupten wusste“ (G. V. Schulz, Ein erfülltes Forscherleben. Lebens- und Arbeitserinnerungen eines deutschen Wissenschaftlers in den Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts, 1995, S. 36)

Im Unterricht führte sie das Praktikum in der Medizinischen Abteilung des Chemischen Instituts durch als Assistentin „mit Sondervertrag“. Mehrere Jahre musste Staudinger deswegen die Verlängerung ihrer Verwendungszeit jährlich beantragen.

Gleichzeitig, zunächst unter Anleitung Staudingers, dann auch in Zusammenarbeit mit dem Physikochemiker G. V. Schulz (s. dort) führte H. eine Reihe von Forschungen an makromolekularen Substanzen durch, wobei sie ein breites Spektrum experimenteller Methoden beherrschte und anwendete. Diese verlangten teilweise sehr verfeinertes technisches Geschick, und H. zeigte es: Das passte ihr ausgezeichnet. H.s Neigung zu allem Technisches kam auch darin zum Ausdruck, dass sie (wie auch ihr Doktorvater) ihr eigenes Motorrad liebte und regelmäßig mit ihm Ausflüge in die Umgebung unternahm. Das war für eine Dame damals ganz außergewöhnlich.

Dem NS-Regime machte H. nur minimal-notwendige Konzessionen: Sie gehörte zum „NS-Bund Deutsche Technik“ und der „Frauenwarte“. Offensichtlich verlangte man in dieser Hinsicht von Frauen weniger, als von Männern, z. B., wurde der gleichzeitig mit H. zu Staudinger gekommene G. V. Schulz gezwungen, in die NSDAP einzutreten. Andererseits war es vor Allem die Partei, die Frauen in den Hochschulen nicht gerne sah. Bei H. zeigte es sich im Jahr 1937, als der damalige Dozentenführer die nächste Verlängerung der Verwendungszeit H.s nicht genehmigte. Glücklicherweise konnte Staudinger, mit der Begründung, dass die Arbeiten seines Instituts dem Vierjahresplan dienen, seine ihm unentbehrlich gewordene Mitarbeiterin von Mitteln des Reichsforschungsamts bezahlen. Beim Chemischen Institut galt H. damals als „Volontärassistent“.

Nach einigen Jahren fand H. ihr eigenes Forschungsgebiet – Erforschung von natürlichen Polysacchariden (polymolekularen Kohlenhydraten). Mit Einverständnis und Unterstützung von Staudinger führte sie eingehende Untersuchungen über die Polysaccharide des Holzes durch, damals Holzpolyosen genannt. Als erste gewann sie Ergebnisse über die Konstitution von Xylanen, Mannanen und Arabogalaktanen (d. h. Klassen von natürlichen Polysaccariden) verschiedener Herkunft. Im Juni 1939 legte H. diese Ergebnisse als Habilitationsschrift vor.

Am Ende der Schrift dankte H. ihrem „verehrten Lehrer… für die Anregung zu dieser Arbeit und seine großzügige Förderung“. Später gab H. zu, dass ihre Verbundenheit mit Staudinger unter anderem darin begründet gewesen sei, dass „sie eine Ähnlichkeit zwischen Staudinger und ihrem Vater empfand“ (E. H. zum Gedächtnis, 1976, 8). Bezeichnend für ihre Beziehung zu Staudinger ist auch, dass es ausgerechnet H. war, die die Staudinger-Festbände der von ihm gegründeten Zeitschrift „Die Makromolekulare Chemie“ zu dessen 70. und 75. Geburtstagen 1951 und 1956 herausgab.

Die beiden Gutachter, Staudinger und Georg Wittig (s. dort), bewerteten H.s Habilitationsschrift sehr positiv. So schrieb Wittig, dass H. „nicht allein die in Freiburger Institut ausgearbeiteten Methoden zur Charakterisierung hochpolymerer Stoffe beherrscht, sondern darüber hinaus mit diesem Rüstzeug Neuland zu erschließen versteht“ (UA Freiburg, B 24/1517). Im Oktober 1939 wurde H. „Dr. phil. habil.“. Das war erst die achte Habilitation einer Frau in der Chemie für ganz Deutschland. Die Habilitation veränderte H.s Situation aber kaum: Die unbedingt verdiente Dozentur ließ noch lange auf sich warten.

Unbeirrt arbeitete H. weiter. Insbesondere war sie die erste, die wagte, eine ganz neue Methode, die Elektronenmikroskopie in der Forschung der Polysacchariden anzuwenden. Bereits 1940 gelang es ihr, in Zusammenarbeit mit dem „Laboratorium für Übermikroskopie der Siemens & Halske AG“, Berlin, die ersten elektronenmikroskopischen Bilder von Makromolekülen des Glykogens zu bekommen. „Es ist damit zum ersten Mal gelungen, die Existenz von Makromolekülen, also Molekülen überhaupt, durch direkte Beobachtung nachzuweisen“, betonte Staudinger (ebd.). Seit dieser Pionierarbeit wurde die Elektronenmikroskopie zur Standardmethode der optischen Darstellung von Makromolekülen.

1942 erwarb das Institut ein eigenes Elektronenmikroskop, das selbstverständlich H. anvertraut wurde: Nicht umsonst hatte sie den Umgang mit solcher Apparatur in Berlin vervollkommnet. Typisch dafür: Auf dem einzigen Bild von H., über das die Freiburger Universität verfügt, ist sie stehend vor einem Elektronenmikroskop dargestellt. Dieses Bild ist im Freiburger Uniseum ausgestellt.

1942 war für H. auch in anderer Hinsicht wichtig: Sie durfte sich endlich um eine Dozentur bewerben. Allerdings war Grund dafür nicht ihre hervorragenden Leistungen, sondern ein dringendes Bedürfnis des Chemischen Instituts: Im Verlauf des Kriegs mangelte es an jüngeren Lehrkräften zur Durchführung der Unterrichtsverpflichtungen. G. V. Schulz, der die Medizinische Abteilung leitete, wurde nach Rostock berufen, und seine Stelle musste durch einen anderen Dozenten übernommen werden. Staudinger besprach die Angelegenheit mit dem neuen Dozentenführer und sicherte sich sein Einverständnis. Die Lehrprobe, ein zweistündiger Vortrag: „Die Konstitutionsaufklärung der Proteine“ fand am 23. und 24. Juni statt und wurde als erfolgreich anerkannt. Nun beantragte der Dekan R. Mecke (s. dort) H.s Ernennung zum Dozenten. Sein erster Grund war der kriegsbedingte Mangel an Lehrkräfte. Über H. selbst äußerte er sich folgendermaßen: „Ihre berufliche Zukunft, die selbstverständlich nicht in der Einweisung auf einen ordentlichen Lehrstuhl endigen kann, dürfte gesichert sein, da Frl. Dr. H. bereits seit Jahren als wissenschaftliche Arbeiterin in der Forschungsabteilung für makromolekulare Chemie des Chemischen Laboratoriums angestellt ist“ (ebd.) – ein typisches Zeitzeugnis zum Thema „Frauen in der Wissenschaft“.

Als Dozentin setzte H. ihren praktischen Unterricht für Mediziner und Forststudierende fort und fügte für dieselben auch eine Vorlesung, „Einführung in die Chemie“ hinzu. Außerdem las sie für nur wenige Interessenten „Chemische Technologie des Holzes“.

Nach dem Zusammenbruch und der kriegsbedingten Schließung wurde die Universität bereits im Herbst 1945 wiedereröffnet. Im Laufe des Wiederaufbau des Unterrichts beantragte die Fakultät, auf Staudingers Anregung, im September 1945 die Verleihung des Professorentitels an H., um damit „ihre Tätigkeit …auszuzeichnen, wenn auch die üblichen fünf Jahre nach Dozentur nicht abgelaufen sind: waren es doch ausschließlich politische Widerstände, dass diese Dozentur nicht schon im Jahre 1939 oder 1940 verliehen wurde“ (UA Freiburg, B 24/1517). Die oberen Behörden waren einverstanden, im Januar 1946 wurde H. zum außerplanmäßigen Professor befördert.

Während der ersten harten Nachkriegsjahre konzentrierte sich H., zeitbedingt, auf Möglichkeiten, praktische Anwendungen ihrer Ergebnisse ausfindig zu machen, insbesondere in der Pharmakologie: Sie verfügte über gut charakterisierte Proben von einigen Polysacchariden und organisierte Zusammenarbeit mit dem Pharmakologischen Institut der Universität. Die Ergebnisse von Tierexperimenten über die blutgerinnungshemmende Wirkung einiger modifizierter Polysaccharide, sowie von Versuchen über Blutplasmaersatz und über andere pharmakologische Wirkungen von löslichen Polysacchariden wurden in mehreren Artikeln veröffentlicht. Gleichzeitig verstand H. es, auch mit geringen Mitteln die Grundlagenforschungen fortzusetzen, nämlich über die Konstitution von Stärke und Zellulose. Ihr Ansatz schloss folgende Stufen ein: Bestimmung des Grundmoleküls; Aufklärung der Bindungsart; Bestimmung des Polymerisationsgrads; Festlegung der Molekülgestalt; Prüfung auf Sondergruppen und Sonderbindungen. Unter diesem Ansatz gelang es H. insbesondere erstmalig den Hauptbestandteil der Stärke, Amylopektin als Polymer der Glukose zu erforschen.

1951 emeritierte Staudinger, behielt aber seine Forschungsabteilung, die nun aus der Universität als „Staatliches Forschungsinstitut für Makromolekulare Chemie“ ausgegliedert wurde. H. blieb dabei wissenschaftliche Mitarbeiterin dieses Instituts und gleichzeitig Dozentin der Universität, Leiterin der Medizinischen Abteilung des Chemischen Instituts (1950 erhielt sie eine Diätendozentur). Die Fakultät beantragte damals ein planmäßiges Extraordinariat für Makromolekulare Chemie, um dieses Fach an der Universität zu behalten, und hatte vor, H. auf diese Stelle zu berufen. Der Antrag blieb aber für mehrere Jahre auf dem toten Punkt. Erst als H. im Herbst 1954 einen Ruf auf das Ordinariat für Organische Chemie an die Universität Jena erhielt, konnte man die Sache in Gang bringen. H. schrieb dazu an den Rektor im März 1955: „Es würde mir sehr schwer fallen, die Universität Freiburg zu verlassen, da mein spezielles Arbeitsgebiet, die makromolekulare Chemie, hier besonders verankert ist, und da langdauernde Forschungsvorhaben im Gange sind, bzw. gerade beginnen“ (UA Freiburg B 333/411). Nun wurde das planmäßige Extraordinariat H. fest versprochen und sie lehnte den Ruf nach Jena ab. Allerdings musste sie noch ein Jahr warten. 1956, mit 75 Jahren, ging Staudinger in den Ruhestand. Sein Institut wurde daraufhin wieder in die Universität eingegliedert und H. zum Direktor ernannt. Gleichzeitig wurde sie endlich zum planmäßigen a. o. Professor befördert. Noch sollten einige Jahre vergehen bis ein ordentlicher Lehrstuhl für Makromolekulare Chemie eingerichtet und H. auf ihn berufen wurde.

Solche Verzögerungen markieren die ganze berufliche Laufbahn H.s..

Als Professorin an der Spitze des Instituts las sie, jeweils eine Stunde pro Woche, über „Chemie der Polysaccharide“, „Chemische Technologie des Holzes“ und „Methoden der Makromolekularen Chemie“. Außer den Praktika leitete sie auch ein zweistündiges „Makromolekulares Kolloquium“. Als der Lehrstuhl eingerichtet war, erweiterte H. ihr Angebot um einen Kursus der Makromolekularen Chemie und Seminare über „Spezielle Probleme der Biopolymere“ und „Organische Chemie und Chemie des Holzes“.

Obwohl die mit dem Direktorenposten verbundene administrative Tätigkeit für H. eher unerwünscht war, vermochte sie ihre neuen Verpflichtungen vollständig zu erfüllen. Unter ihrer Leitung erhielt das Institut 1962 einen Neubau. H. kümmerte sich insbesondere um eine Ausrüstung des Instituts mit modernster Forschungsapparatur. Sachgemäß führte sie die Aufgliederung der Forschungsbereiche durch: Synthetische Polymere, natürliche oder Biopolymere, Physikalische Chemie der Polymere, wobei Grundlagenforschungen in allen drei Bereichen harmonisch koordiniert wurden. Damit entwickelte sich das Institut, das schon als Wiege der Makromolekularen Chemie galt, zu einem modernen Zentrum der Polymerwissenschaft.

Diese Jahre waren mit intensiven Forschungen zusammen mit Doktoranden und Mitarbeitern ausgefüllt. „In allen ihren Arbeiten, die sie mit zahlreichen Schülern gemeinsam ausführte, kommt die enge Verbindung ihrer persönlichen und wissenschaftlichen Eigenart vortrefflich zum Ausdruck: Originalität, Ideenreichtum, Sinn für Klarheit und Ordnung, Schlichtheit in der Beschreibung von Tatbestand und Theorie“ (E. H. zum Gedenken, 9).

Die ursprünglichen Arbeitsgebiete wurden weiterentwickelt und inhaltlich erweitert. Hier sollten nur zwei der wichtigsten Forschungsrichtungen genannt werden:

Seit Anfang der 1950er Jahre setzte sich H. „das Ziel, exakt zu prüfen, inwieweit natürliche und synthetische Polysaccaride in Größe und Gestalt der Moleküle identisch sind und inwieweit es möglich ist, diese Größen durch Änderung der Bedingungen bei der Synthese zu variieren“ (1954, Über natürliche…, 2). Diese prinzipielle Frage hatte H. wahrscheinlich als erste in der Polymerchemie gestellt. Dadurch war es mehr über den Mechanismus der Entstehung von Polysacchariden in der Zelle zu verstehen. Für diese vergleichenden Untersuchungen wählte H. die Amylose, da sie nur aus Glukose aufgebaut ist und unverzweigte Ketten enthält. In mehreren Dutzenden Arbeiten unter dem Gesamttitel „Natürliche und synthetische Amylose“ wurde dieses Neuland gründlich bearbeitet, wobei wesentliche Unterschiede zwischen gleichnamigen natürlichen und synthetischen Polymeren festgestellt und erklärt wurden.

Eine weitere fruchtbare Forschungsrichtung bestand in der zielgerichteten Herstellung gut definierter Derivate von Amylose und Zellulose. „Derartige Substanzen wären als Modelle zur Untersuchung des Einflusses der Bindungsart auf das Verhalten der Substanzen im festen Zustand, in Lösung und gegenüber Enzymen besonders geeignet“ (1966, 213). Diese Richtung bearbeitete H. während zwei Jahrzehnte bis zu ihrem Lebensende.

Zum SS 1974 emeritierte H., las jedoch in jenem Semester noch über „Chemie der Biopolymere“ und nahm auch in Kolloquien teil. Als ihre Gesundheit sich verschlechterte, zog sie sich zurück und starb nach langem Leiden im November 1975. „Nach ihrer Art hat sie sich ohne Aufsehen von uns verschiedet“ (E. H. zum Gedenken, 9).

Von H. stammen ca. 110 Publikationen. Mit Ausnahme ihrer Dissertation und einiger allgemeiner Artikeln sind sie alle den verschiedenen Aspekten der Makromolekularen Chemie gewidmet. Zu ihren Verdiensten gehören bedeutende Beiträge von internationaler Anerkennung zur Entwicklung der Makromolekularen Chemie in Deutschland als Lehr- und Forschungsfach.

Die wichtigsten Leistungen H.s. sind knapp zu listen:

Wesentliche Beiträge zur Begründung von Staudingers Vorstellungen über die Existenz der Makromoleküle in den entscheidenden Jahren der stürmischen Entwicklung der Makromolekularen Chemie;

Einführung der Elektronenmikroskopie in die Makromolekulare Forschung;

Die erstmalige Erforschung der Konstitution einer Reihe natürlicher Polysacchariden aus Holz und Stärke;

Einführung vergleichender Untersuchungen von gleichnamigen natürlichen und synthetischen Polysacchariden;

Zielgerichtete Synthese von zahlreichen gut definierten Derivaten der Zellulose und Amylose, die als Modellsubstanzen für systematische Untersuchungen in der Polymerchemie dienen.

Weiterer Ausbau des von Staudinger begründeten Instituts für Makromolekulare Chemie in Freiburg.

Und noch Eines: H. wurde zum Vorbild für viele Frauen, die ihre Laufbahn in der Naturwissenschaft wählten.

Q UA Freiburg: B 31/822, Promotionsakte H.; B 24/1517 u. B 333/411, Personalakten H.;

B 1/4321, Assistenz beim Chemischen Institut; B 15/297, Wiss. Hilfskräfte u. Assistenten des Chemischen Instituts; Auskünfte aus: StadtA Gütersloh vom 6.03.2015; StadtA Bielefeld vom 9.03. 2015, UA Leipzig vom 19.03.2015

W (mit E. Zintl) Bindungsart u. Gitterbau binärer Magnesiumverbindungen, in: Zs. für physikalische Chemie B 21, 1933, 138-155; (mit H. Staudinger) Über das begrenzt quellbare Polystyrol, in: Berr. d. Deutschen Chemischen Ges. 68, 1935, 1618-1634; (mit H. Staudinger) Viscositäts-Untersuchungen an organischen Sphäro- u. Linearkolloiden, ebd., 1691-1697; (mit H. Staudinger) Über die Konstitution d. Stärke, in: Liebigs Annalen d. Chemie 527, 1937, 195-236; (mit H. Staudinger) Über die Konstitution des Glycogens, ebd. 530, 1937, 1-20; (mit G. V. Schulz) Über die Kinetik d. Kettenpolymerisationen, I-IV, in: Zs. für physikalische Chemie B 34, 1936, 187-213; 36, 1937, 184-194, Angewandte Chemie 50, 1937, 767-773, Zs. für physikalische Chemie B 39, 1938, 246-274; (mit H. Staudinger) Über die Bestimmung des Molekulargewichts von Polysaccariden nach d. Endgruppenmethode, in: Berr. d. Deutschen Chemischen Ges. 70, 1937, 1451-1457; (mit H. Staudinger) Über die Konstitution d. Weizenstärke, ebd., 71, 1938, 1057-1066; Über die Konstitution von Polyosen, in: Journal für praktische Chemie 155, 1940, 13-64; (mit H. Ruska) Versuche zur Sichtbarmachung von Glykogenmolekülen, ebd. 156, 1940, 1-10; (mit E. Plötze u. G. V. Schulz) Ergebnisse u. Probleme aus d. Chemie, physikalischen Chemie u. Physik d. makromolekularen Stoffe, in: Die Naturwissenschaften 29, 1941, 259-270, 305-317; Molekulargewichtsbestimmungen an hydrolytisch abgebauten Glykogenen durch Fällungstitration, in: Journal für praktische Chemie 158, 1941, 163-175; (mit O. Weber) D. Carboxylgehalt von Faser- u. Holzcellulosen, ebd., 159, 1942, 334-342; (mit O. H. Weber) Bestimmung des Molekulargewichts von Cellulosen nach einer Erdgruppenmethode, in: Die Naturwissenschaften 30, 1942, 280f., ausführlich in: Journal für praktische Chemie 161, 1942, 1-19; (mit G. V. Schulz) Vergleichende osmotische u. viscosimetrische Molekulargewichtbestimmungen an fraktionierten u. unfraktionierten Nitrocellulosen, in: Zs. für physikalische Chemie B 52, 1942, 1-22; (mit G. V. Schulz) Über die Verteilung d. Molekulargewichte in abgebauten Cellulosen u. ein periodisches Aufbauprinzip im Cellulosemolekül, ebd., 23-49; (mit A. Carnap) Über die Lagerung d. Lockstellen von Cellulosemolekülen in d. Faser, in: Die Naturwissenschaften 32, 1944, 79f.; (mit G. V. Schulz) Über eine langperiodische Struktur d. Cellulosemoleküle u. d. aus Cellulose aufgebauten Pflanzenfasern, in: Zs. für Naturforschung 1, 1946, 268-280; (mit K. N. von Kaula u. R. Kappesser) Über blutgerinnungshemmende Substanzen, ebd., 584-591; Über Lockerstellen u. ihre Spaltungsgeschwindigkeit in hydrolytisch abgebauten Ramiecellulosen, in: Makromolekulare Chemie 1, 1948, 140-157; (mit A. Carnap) Elektronenmikroskopische Untersuchungen über submikroskopische Fibrillen aus Kunstfasern, ebd. 158-161; (mit M. Goecke) Über Lockerstellen u. ihre Spaltungsgeschwindigkeit in oxydativ abgebauten Baumwoll- u. Ramiecellulosen, ebd. 2, 1948, 298-314; Neuere Untersuchungen über Stärkekonstitution u. Stärkeeigenschaften, in: Die Stärke 1, 1949, 5-9; Über Lockerstellen in oxydativ u. hydrolytisch abgebauten Holzcellulosen, in: Makromolekulare Chemie 4, 1949, 194-207; (mit R. Lötterle) Über den fermentativen Abbau von Polysaccariden. I. Der heterogene Abbau von Cellulose, ebd. 4, 1950, 278-288; (mit E. Loes u. R. Lötterle) Über den fermentativen Abbau von Polysaccariden. II. Die Bestimmung d. Aktivität von Cellulase, Xylanase u. Mannanase, ebd. 6, 1951, 163-173; (mit E. G. Hoffmann u.a.) Über die Ausscheidung u. Speicherung von radioaktiv indizierten Xylanschwefelsäureestern. I. in: Experientia 7, 1952, 153f., II. in: Makromolekulare Chemie 10, 1953, 107-121; (mit M. Wiedersheim, W. Hertlein u. R. Lötterle) Über die Pharmakologie von wasserlöslichen Polysaccariden u. Polysaccaridderivaten, in: Archiv für experimentelle Pathologie u. Pharmakologie 217, 1953, 107-129; Über natürliche u. synthetische Amylose, in: Die Stärke 6, 1954, 2-5; (mit R. Lätterle, M. Wiedenheim u. W. Hertlein) Über die Pharmakologie wasserlöslicher Polysaccaride u. ihrer Derivate in Abhängigkeit von Molekülgröße, Molekülgestalt u. Artd. Substituenten, in: Makromolekulare Chemie 12, 1954, 79-93; (mit G. Soder) Untersuchung d. Ausscheidung u. Speicherung von Dextran durch Indizierung mit 35S, in: Zs. für Naturforschung 9b, 1954, 237-239; (mit B. Pfannemüller) Vergleich d. blutgerinnungshemmenden u. hyaluronidasehemmenden Wirkung von Xylan-Schwefelsäureestern u. Heparin, in: Zs. für Naturforschung 10b, 1955, 143-150;

(mit R. Resz) Über Oxyäthylamylosen, in: Journal of Polymer Science 19, 1956, 389-400; (mit H. Bartl) Die Acetylierung d. Amylose, in: Makromolekulare Chemie 18/19, 1956, 342-351; (mit B. Pfannemüller, H. Schrill u. W. Hebtlein) Über die blutgerinnungshemmende Wirkung u. Speicherung von Amyloseschwefelsäureestern, in Zs. für Naturforschung 12b, 1957, 427-433;

(mit H. Bartl) Die Gestalt d. Amylosemoleküle, in: Makromolekulare Chemie 25, 1957, 146-158;

(mit B. Fritz u.a.) Molekülgröße u. Molekulargewichtsverteilung von synthetischer Amylose, I, II, in: Makromolekulare Chemie 26, 1958, 181-198, 199-213; (mit R. Lippert u. B. Pfannemüller) Über das hydrolysierende Enzym in Kartoffelphosphorylase, ebd., 214-225; (mit M. Reinhardt) Einbau definierter Verzweigungen in Polysaccaride, in: Angewandte Chemie 71, 1959, 429;

Über den enzymatischen Auf- u. Abbau von Amylose, in: Makromolekulare Chemie 35, 1960, 239-249; (mit F. Grafmüller) Über die Oxydation von Polyolefinen, I, II, ebd., 40, 1960, 161-171, 172-188; (mit W. Burchard) Eine vergleichende Strukturanalyse von Cellulose- u. Amylose-tricarbonilaten in Lösung, ebd. 44/46, 1961, 358-387; (mit R. Resz u. R. Werner) Umsetzung von Amylose u. Cellulose mit Essigesterisocyanat, ebd. 47, 1961, 48-71; (mit R. Resz) Über „gerichtete“ Substitutionen an Amylose, ebd. 48, 1961, 172-194); (mit G. J. M. Müller) Chemische Synthese von Polysaccariden, ebd., 49, 1961, 238-240; (mit B. Pfannemüller) Über den Abbau von synthetischer u. natürlicher Anylose mit Kartoffelphosphorylase u. β-Amylase, ebd. 214-240; (mit M. Reinhardt) Über die Darstellung definiert verzweigter Polysaccaride, I, II, ebd. 57, 1962 109-128, 129-149; (mit B. Pfannemüller u. R. Burchard) Streulichtmessungen an wäßrigen Amyloselösungen, ebd. 59, 1963, 1-15; (mit R. Werner) Cellulosesynthese durch Acetobacter xylinum, ebd., 43-60; (mit A. P. O. Schmidt) Über die polymeranaloge Verzweigung von Amylose durch Isocyanatzucker, ebd. 65, 1963, 114-121; (mit H. Bittiger) Elektronenmikroskopische Abbildung von Einmolekülkristallen bei Cellulosetricarbonilaten, ebd. 75, 1964, 222-224; (mit H. Bittiger) Elektronenmikroskopische Untersuchungen über die Bildung von Einmolekülkristallen aus Cellulosetricarbonilat, ebd. 80, 1964, 239-241; (mit B. Pfannemüller) Kinetische Untersuchungen an β-Amilase u. Phosphorilase, ebd. 87, 1965, 139-151; (mit G. J. M. Müller) Über die Synthese unverzweigter Polysaccaride, ebd. 91, 1966, 212-230; (mit G. Keilich u. P. Salminen) Permethylierung von Polysaccariden, in: Makromolekulare Chemie 141, 1971, 117-125; (mit G. Keilich u. N. Frank) Benzylierung von Amylose in Gegenwart von Methylsulfinylmethylcarbanion, ebd. 143, 1971, 275-277; (mit E. El-Kari u. B. Pfannemüller) Über die Synthese unverzweigter Polysaccaride, 2. Mitt., in: Monatshefte für Chemie 103, 1972, 1669-1683; (mit A. Kuppel u. H. Bittinger) Das Faserdiagramm des Triacetylcellulose-Nitromethankomplexes, in: Kolloid-Zs. u. Zs. für Polymere 250, 1972, 623f.; (mit A. Kuppel) Über hochkristalline Strukturen d. Trimethylamylose, in: Colloid and Polymer Science 252, 1974, 1005-1007; (mit G. Keilich u. N. Frank) Benzylierung von Polysaccariden in Gegenwart von Methylsulfinylmethahanid, in: Makromolekulare Chemie 176, 1975, 3269-3285; (mit B. Pfannemüller u. G. C. Richter) Synthesis of comb-like derivatives of amylose and cellulose having (1→6)-linked d-glucose side-chains, in: Carbohydrate Research 43, 1975, 151-161.

L Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch VIIa, Teil 2, 1958, 584f.; VIII, Teil2, 2002, 1572f.; P. E. Pelshenke, Ansprache anläßlich d. Verleihung d. Saare-Medaille am 2.5.1956 an Prof. Dr. E. H., in: Die Stärke 8, 1956, 99-100; Anonym, Prof. Dr. E. H. 60 Jahre, in: Cellulose Chemistry and Technology 2, 1968, 687f. (B); G. B[], B. P[fannemüller], E. H. zum Gedenken, in: Freiburger Universitätsblätter 15, H. 51, 1976, 7-9 (B); E. Boedecker, M. Meyer-Plath, 50 Jahre Habilitation von Frauen in Deutschland, 1974, 48; 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2007, Bd. 1, 293 (B), Bd. 4, 418-423.

B UA Freiburg, Bestand D 13, ; Die Stärke 8, 1956, Nr. 5, 99, 101 (Gruppenphoto); Vgl. L

 

 

 

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