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Giulini, Georg (1858-1954), Chemiker, Industrieller

Category: Kurzbiografien Published: Friday, 02 May 2014 Written by Daniel

Giulini, Georg Otto, Chemiker, Industrieller

31.12.1858, Mannheim, altkath., + 24.2.1954, Lagazzo bei Como (Italien)

 

 

 

V Lorenz G. (1824-1898), Fabrikant; 
M Marie Eleonore, geb. Hubsch (1835-1921); 
G Caroline (Lina) Franzisca (1854-1935), verh. Dumrath; Paul Johann Baptist G. (1856-1899); Karl Franz G. (1860-1906); Wilhelm Paul G. (1863-1903). 
oo 30.7.1883 in Mannheim Emma Henriette Diffene (1865-1931); 
K Chiara (1884-1949), verh. mit Ed. Rochling; Wilhelm Paolo Enrico G. (1886-1932); Helen (Elena) Berta (1887- nach 1971), verh. mit Friedrich Herr; Otto Heinrich (Enrico) (1889-1915).

 

 

1867-1874                                               Besuch der Privatschule ("Bender'sches Institut") in 
                                                              Weinheim 
1874 Ostern - 1877 Herbst                        Besuch des Realgymnasiums in Karlsruhe 
1877 Herbst - 1879 Ostern                        Studium der Chemie an der TH Karlsruhe 
1879-1881                                               Studium der Chemie an der Univ. Heidelberg 
1881, VII 19                                             Promotion ebd. zum Dr. phil. 
1891                                                       Erfindung des nassen Verfahrens zum Aufschluss der

                                                              Bauxite zur Herstellung der Tonerde 
1893                                                       Umgrundung der vaterlichen Fabrik in das

                                                              Familienunternehmen "Gebruder Giulini GmbH"

1903                                                       Alleiniger Leiter des Unternehmens 
1906                                                       Grundung des Tonerdewerks in Maste bei Laibach 
1908                                                       Grundung des Aluminiumswerks in Martigny

                                                              (Schweiz) 
1912                                                       Umzug nach Lazzago bei Como 
1931, XII 31                                              Niederlegung der Leitung der Firma 
1936 VII 24                                              Der Titel Conte

 

 

Die Vorfahren von G. stammen aus Como, Lombardei. Sein Vater war Mannheimer Chemiefabrikant in zweiter Generation, als Schuler von J. Liebig ausgebildeter Chemiker, was auch den Lebensweg des Sohnes bestimmte. 
Die Anfangsschulbildung bekam G. in Mannheim. In seinem zehnten Lebensjahr kam er in das "Bender'sche Institut" in Weinheim (eine Privatschule), das er mit der funften Klasse beendete. Am Ostern 1874 verbrachten ihn die Eltern in das Realgymnasium in Karlsruhe, das er bis zur Obersecunda besuchte und mit 18 Jahren im Herbst 1877 verließ.

Danach begann G. sein Chemiestudium an der TH Karlsruhe, nach drei Semestern setzte er es in Heidelberg fort. Funf Semester studierte er Chemie bei Bunsen und 1881 bestand sein Doktorexamen in Chemie, Physik und Mineralogie "mit der zweiten Note". (Eine Dissertation war damals in Heidelberg nicht verlangt). Hier ist Bunsens Meinung: "Das eifrige wissenschaftliche Streben, mit dem Herr Giulini seine Ausbildung abgelegt hat, gibt mir die Uberzeugung, dass derselbe einen, seinen gediegenen Kenntnissen entsprechenden Wirkungskreis mit Erfolg erfullen wird". . 
Nach der Promotion trat G. in Vaters Unternehmen, "Schwefelsaure-, Alaun- und Vitriolfabrik", die 1851 von Mannheim nach Ludwigshafen umgesiedelt war. Seine Bruder Paul und Wilhelm leiteten schon die Fabrik zusammen mit dem Vater; G. erhielt Funktionen eines technischen Direktors. 
Die Fabrik befand sich zunachst im Zentrum des damaligen Ludwigshafen. Erweiterungsmoglichkeiten gab es nicht; außerdem beschwerten sich die Ludwigshafener Einwohner uber zunehmende Umweltbelastigungen. So begann G. um 1890 einen Gelandeerwerb fur die Fabrik nahe dem Rheinufer, was unbedingt notig war sowohl fur die Transporte wie auch fur die Produktion selbst. 1893 erreiche er sein Ziel, indem er ein Fabrikgelande in Mundenheim, am sudlichen Rand von Ludwigshafen erwerben konnte. Im selben Jahr wurde die Firma umgegrundet und als "Gebruder Giulini GmbH" eingetragen. Der Umzug der Fabrik nach Mundenheim dauerte zehn Jahre und wurde von einer bedeutenden Modernisierung des Werkes begleitet. Zu diesem Zeitpunkt wurde G., wegen des fruhen Todes seiner Bruder, alleiniger Leiter der Firma, eine Rolle, die er drei Jahrzehnten ausfullte. G. verband in seiner Person in seltener Weise chemisch-technologische und kaufmannische Begabungen, was ihm erlaubte, technische Probleme einfach und billig zu losen und sein Unternehmen, trotz mancher Widrigkeiten in Blute zu bringen: Von 1893 bis 1913 hatte sich die Kapazitat der Fabrik verzehnfacht. 
1900 baute sich G. ein eigenes Haus im Nobelviertel von Mannheim, blieb aber meistens in der werknahen Wohnung, um rund um die Uhr seinen Betrieb fuhren zu konnen. Insbesondere kummerte G. sich um das Forschungslabor der Fabrik, das der Entwicklung und Verbesserung aller angewandten Produktionsverfahren diente. Er war ein guter Menschenkenner und verstand die fur seine Zwecke befahigten Mitarbeiter herauszufinden und an sich zu binden. 
G. verlangte strengste Geheimhaltung bezuglich der Verfahren und Apparaturen, so dass nicht einmal ein Chemiker einer Abteilung in eine andere hinubergehen durfte. Die Ergebnisse der Forschungen wurden von G. laufend in versiegelten Briefumschlagen zur Wahrung der Prioritat des Erfinderanspruches und Sicherstellung des Vorbenutzerrechtes beim Burgermeisteramt Ludwigshafen hintergelegt. Von Patentanmeldungen wurde abgesehen, um Verfahren nicht vorzeitig zu veroffentlichen. 
Von G. stammten viele Verbesserungen in der Produktion der traditionellen Erzeugnisse der Firma, aber auch Erweiterungen der Produktliste, insbesondere: 1) Verfahren und Apparatur zur Nassreinigung von Gasen vor dem Bleikammerndurchgang, was die Herstellung der arsenfreien Schwefelsaure sicherte; 2) Die Benutzung des Uberschusses der Fabrikationsschwefelsaure, aber auch das Verwerten der Waschsauren, um Superphosphat zu produzieren; 3) Ein stufenweises Verfahren zur Herstellung eines eisen- und kieselsaurefreien Tonerdehydrates fur farbereichemische Zwecke; 4) Eine aus dem Rotschlamm entwickelte Masse fur Reinigung des Stadtgases von giftigen Cyan- und Schwefelwasserstoffbeimischungen - glanzende Losung einer Verwertung von Abfallen. (Der Verkauf dieser Masse wurde Dr. Lux ubertragen, so hat sie die Bezeichnung "Luxmasse"); 5) Bei der Aluminiumsulfatproduktion: Gewinnung des Produkts in eisenfreier Qualitat und das sehr okonomische Ausnutzen der Reaktionswarme an Stelle von Dampf. 
G. erkannte schon die Umweltschutzprobleme. Deswegen wurde um 1909 eine eigene Gartnerei in Mundenheim eingerichtet, um die Auswirkungen von Staub und Abgasen auf den Pflanzenwuchs zu studieren. 
Die bedeutendsten Leistungen G.s sind aber seine Beitrage zur Entwicklung der jungen Aluminiumindustrie. (Seit 1886 begann man Aluminium durch Elektrolyse von in geschmolzenem Kryolith geloster Tonerde herzustellen). Dem chemischen Profil des Werkes entsprechend konzentrierte sich G. zuerst auf die Produktion der Tonerde aus Bauxiten, die bereits sein Vater ab 1865 begonnen hatte. G. erfand ein verbessertes "Pyrogen-Verfahren" zum Aufschluss der Bauxite, namlich mit Natriumsulfat und Kohle anstelle von kalziniertem Soda. Dabei wurden ab 1904 die großen Drehrohrofen eingesetzt; die Produktion begann man in Mundenheim ab 1906. Schon fruher (1891) hatte G. das nasse Bauxitaufschlussverfahren unter Druck erfunden, eilte aber mit seiner industriellen Verwirklichung nicht, weil die Moglichkeiten des Pyrogen-Verfahrens noch nicht erschopft waren, zumal es zur Gewinnung von Schwefelsaure aus den Abgasen des Aufschlussofens passte. 
Wegen des erwahnten Verzichtens auf Patentanmeldungen bekam das Nassverfahren den Namen von K. J. Bayer, der ein gleiches Verfahren 1892 patentiert hatte. Nach der Vereinbarung zwischen Bayer und G. arbeitete das G.-Werk nach dem Nassverfahren ohne Lizenzabgabe. Dieses Tonerdewerk wurde von G. in den Jahren 1906-1908 in Maste bei Laibach errichtet. Als Industrieller begann G. bereits fruh Produktionen ins Ausland zu erweitern.

Die ersten Aluminiumfabrikanten bezogen ihr Vorprodukt, die kalzinierte Tonerde 1893-1907 ausschließlich von "Gebrüder Giulini". G. galt damals als "König der Tonerde". Ihm war aber schon früh die Notwendigkeit klar, seine Tonerde in einer eigenen oder assoziirten Fabrik in Aluminium umzuwandeln, wenn er nicht das Tonerdegeschäft verlieren wollte. Dazu schloss er verschiedene kaufmannische Verbindungen ab.

Obwohl G. schon 1912 in seinen Familienbesitz in Lazzago (bei Como) ubersiedelte - er war dort 1914-1917 sogar Burgermeister - bewahrte er auch sein Haus in Mannheim, besuchte ofters Deutschland und hatte entscheidende Einfluss auf die strategische Geschafte der Firma, ohne sich dem taglichen Arger des Betriebs zu exponieren. 
Wahrend des Krieges (wo Italien sich gegen Osterreich-Ungarn und Deutsches Reich stellte, G.s Sohn Otto war Offizier der italienischer Armee) hat G. als Italiener sein Amt als Geschaftsfuhrer der deutschen Firma offiziell niederlegt und, um Beschlagnahme italienischen Eigentums zu vermeiden, seinen Geschaftsanteil (1,4 Mio. Mark) an seine Schwiegermutter, Frau E. Diffene (+1920) ubertragen. Nach Kriegsende wurde die Alleinvertretungsbefugnis von G. am 5. Dez. 1918 sofort wieder eingetragen. 
Schon fruher, ab 1911 suchte G. bei der Regierung die Unterstutzung zur Errichtung einer großen Aluminiumfabrik in Deutschland - aber vergebens. Erst der Krieg erzwang den Einsatz großer Reichsmittel in die Aluminiumindustrie. G. trug zur Planung und zum Bau der Aluminiumhutten am Niederrhein (Erft-Werk) und Oberbayern (Inn-Werk) entscheidend bei. 1915 grundete er auch die Bauxitgrubengesellschaft zur Ausbeutung der eigenen Gruben in Dalmatien und Istrien. Nach dem Krieg wurden ihm die Inn- und Erftwerke bei der Verstaatlichung der deutschen Aluminiumindustrie abgenommen. Die Abfindungen in Hohe von 9,5 Mio. Mark waren damals (1920) nur 150000 Dollar. G.s Bemuhungen von 1923 bis 1932 um Wiedergutmachung des Unrechts blieben erfolglos. 
Trotz dieser Verluste erweiterte G. seinen Konzern in den zwanziger Jahren durch Grundung weiterer Grubengesellschaften, durch Beteiligung an der Norwegischen Elektrolyse Haugvik und durch Grundung eines Walzwerks in der Schweiz. Erst Ende 1931 trat G. von der Geschaftsfuhrung der Firma zuruck. Er hatte aber noch großen Einfluss, so stammte von ihm die Grundung in Antwerpen im Jahre 1933 eines Aluminium-Walzwerkes. 1935 verließ er sein Geschaft endgultig. Die Firma blieb ein Familienunternehmen bis 1978. 
G. starb im Alter von 95 Jahren. Sein Name bleibt eng mit der Geschichte der Aluminiumindustrie verbunden.

 

 

StA Mannheim, Familienbogen (Zug. 12/1982, Nr. 91; Auskunft des Melderegisters); UA Heidelberg, Matrikel (A-702/12), Akten d. phil. Fakultat, 1881 (H-IV-102/96, Bl. 219-225); StA Ludwigshafen, Bestand Fa. "Gebruder Giulini" (noch nicht beschrieben), Chronik der Firma (WS3, Nr. G268-G273).

 

 

L Bachelin, H.: G., NDB, 6 (1964), S. 418-420; Giulini, Udo: Dr. Georg Giulini, Leben und Wirken eines gro?en Pfalzer Wissenschaftlers und Industriefuhrers. Pfalzische Heimatblatter, 4, 1956, 89-91, auch in: Ludwigshafener Chemiker, Hrsg. Kurt Oberdorffer, Dusseldorf, 1958, S. 31-46 (mit B); Knauer, Manfred. ?Le roi d?alumine?: Georges Giulini et l?industrie de l?aluminium. In: Cahiers d?histoire de l?aluminium, 24, 1999, 33-38.

 

Ausschnitt aus einem Gruppenbild (Bunsen u. seine Schüler, 1879), Bibliothek des Chem. Instituts, Heidelberg; Ludwigshafener Chemiker, 1958, 31 (vgl. L).

 

 

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