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Engelhorn, Marie (1866-1953), Unternemensbesitzerin

Category: Kurzbiografien Published: Saturday, 16 January 2016 Written by Alexander

Engelhorn, Marie Friederika, geb. Joerger , Unternehmensbesitzerin

*7.05.1866, Mannheim. Altkath. +13.12.1953, Feldafing)

V Joerger, Carl Joseph Valentin (1837-1895), Kaufmann, Geheimer Kommerzienrat, Vizepräsident der Handelskammer Mannheim.

M Marie, geb. Oesterlin (1843-1894).

G 5: Sibilla (1865-1870); Franziska (Fanny) Luise Maria (1868-1936), verh. Boehringer; Carl (1871-vor 1953), Bankier; Anna Augusta (1872-1959), verh. Giulini; Otto Georg (1875-1955), Kommerzienrat.

∞ 26.09.1885 in Mannheim Engelhorn, Johann Friedrich August (1855-1911), Dr., chemischer Unternehmer  

K 4: Fritz Carl E. (1886-1956); Hans Robert E. (1888-1960); Curt Maria E. (1889-1958); Rudolf Conrad Ernst E. (1892-1945).

1912                Friedrich-Luise-Medaille für soziales Engagement

1911-1913      Leiterin d. C. F. Boehringer & Söhne OHG

        1913-1920                  Formelle Übergabe an die beiden ältesten Söhne, tatsächlich bis 1920 weiter im Geschäft

        1920                Umwandlung in die C. F. Boehringer Söhne G.m.b.H.

 

E. wurde als zweites Kind in eine großbürgerliche Familie in Mannheim geboren. Ihr Vater, Carl Joerger, war Großkaufmann, hatte den Titel eines Kommerzienrats, und gehörte dem alteingesessenen Mannheimer Großbürgertum. Wie üblich genoss E, eine gute Hauslehrerausbildung.

Mit 19 Jahren heiratete sie Dr. Friedrich E. (s. dort), den Teilhaber der Firma „C. F. Boehringer & Söhne“, einen Sohn des vielleicht reichsten Mannes Mannheims, Friedrich Engelhorn (1821-1902), der als der Gründer der BASF bekannt ist. Die Hochzeit wurde mit gebührendem Pomp im Haus Joerger gefeiert. Das Heiratsgut der Braut bildete 200 000 Mark. Danach wohnte das junge Paar im prachtvollen Haus der Familie E. Dafür wurde das Gebäude erweitert, so dass die E.s eine schöne Wohnung erhielten. Hier gebar E. ihre vier Söhne.

Nach dem Tod des dominanten E. sen. entschieden die E.s, eine eigene Villa zu bauen. Diese wurde 1902-1905 im Elitenstadtteil Oststadt, in der Werderstraße 44, errichtet und 1905 bezogen. (Heute befindet sich hier Friedrich Engelhorn-Archiv e. V.).

Die Ehe war glücklich, E. stand an der Seite ihres Mannes, der seit 1892 alleiniger Besitzer der Firma war, und sie war auch in die Arbeit ihres Mannes im Allgemeinen eingeweiht.

Die ersten Jahre hatte E. ohnehin viel zu tun als Mutter und fürs Haus Verantwortliche, das Letzte besonders nach dem Umzug ins eigene Haus. Sie engagierte sich auch aktiv in Wohltätigkeitsvereinen. Für diese ihre Tätigkeit, insbesondere als Stellvertretende Vorsitzende des 1902 eröffneten Säuglingsheims (Krippe), verlieh ihr die Großherzogin Hilda von Baden die Friedrich-Luise-Medaille.

Allerdings wurde es bereits 1903 bekannt, dass ihr Mann an einer ernsten Herzkrankheit litt. Er wusste, dass ihm nur noch wenige Jahre blieben, deswegen kümmerte er sich um das Schicksal seiner Familie und seines Geschäfts. So verfasste er für seine Frau Verfügungen über die Leitung der Firma nach seinem Tod.

Gleichzeitig schrieb er seinen Söhnen: „…es bleibt nun Aufgabe Eurer Mutter, Euch zu tüchtigen Männern weiter herauszubilden: ihre Liebe gehört Euch voll und ganz <…> Euer höchstes Ziel muß immer sein, ihre Anerkennung Euch zu erwerben. Sie ist so edel in ihrem Denken und Trachten, daß sie für Euch immer verehrungswürdig bleiben wird; bei uns Männern kann es einem so edlen Wesen gegenüber nur einen Ausdruck der Verehrung geben: ‚Nieder auf die Knie!‘“ (Im Brief an M. E. vom 29/30 Juni 1903, Institut für Personengeschichte bzw. Friedrich Engelhorn-A. Sign. 1/31, auch Möllmer, 2012, 120).

Am 13. Okt. 1907 schrieb Fr. E. an seine Frau: „Wie wir ja in unserem gegenseitigen Testament bestimmt haben, wirst Du im Fall meines Abscheidens in jeder Beziehung an meine Stelle treten. Du wirst an meiner Stelle alle Verfügungen treffen und die Verwaltung des Vermögens antreten. Vor allem liegt uns beiden das Wohl unserer Söhne am Herzen. Ihnen sollst Du Dich ganz widmen, wie Du dies so gern tust. <…> Nimm nur ja Fritz und Hans nicht zu frühzeitig aus dem Studium und Vorbereitungen zu ihrem Berufsweg“ (ebd.).

Friedrich E. starb Anfang 1911, und E. hatte die gesamte Verantwortung für das Geschäft zu tragen. Bezeichnend sind die Worte, mit denen sie vor den leitenden Persönlichkeiten des Unternehmens antrat: „Der schwere Verlust, den ich erlitten habe, hat mich auch vor schwere und neue Aufgaben gestellt. Ich bin zur Erbin der Firma eingesetzt und muss versuchen das Unternehmen im Sinne und Geiste des Verstorbenen fortzuführen, bis meine Söhne imstande sind selbständig die Leitung zu übernehmen. Dazu brauche ich natürlich in erster Linie die Mitwirkung und Unterstützung von Ihnen allen, und ich bitte Sie recht sehr, mir diese in vollem Maße zuteil werden zu lassen.“ (Friedrich Engelhorn-Archiv, S 1/32). Uns weiter: „Ihre Verehrung für meinen Mann und das rege Geschäftsinteresse, das Sie bisher in so erfreulicher Weise ^bewiesen haben, lässt mich hoffen, dass es unseren vereinten Kräften gelingen wird der Firma ihre Bedeutung zu erhalten, und dass Sie im Interesse des großen Ganzen bereit sein werden, wenn es notwendig sein sollte, eigene Interessen hintanzusetzen, um mir meine so schwere Arbeit zu erleichtern.

Ich selbst will mich auf jede Weise bemühen, das schöne Verhältnis aufrecht zu erhalten, das bei der Firma bislang zwischen dem Chef und seinen Angestellten und Arbeitern herrschte. Ich werde mich möglichst jede Woche ein oder zwei Mal bei Ihnen hier draußen einfinden, um etwaige Wünsche entgegenzunehmen und bei der Entscheidung wichtiger Fragen mitwirken zu können.“ (Ebd.)

Bemerkenswert ist, dass sie nicht buchstäblich und nicht in allen Punkten den Verfügungen ihres Mannes folgte. Ihre Söhne befanden sich noch in Ausbildung und konnten sie vorläufig nur begrenzt unterstützen. Sie sah sich jedoch gezwungen, ihren Sohn Hans das Studium der Volkswirtschaft abbrechen zu lassen und als Prokurist und kaufmännischer Geschäftsführer ins Unternehmen einzusetzen. Für die weitere Leitung des Betriebs bildete E. ein Direktorium von drei engen Mitarbeitern ihres Mannes.

Diese waren: Dr. Eduard Köbner (1868-1936)– „ein sehr gescheiter Mensch und obwohl Jud, ein in jeder Beziehung respektabler Mensch“, charakterisierte ihn ihr Mann im Brief vom 29/30 Juni 1903 (ebd.); Dr. Lorenz Ach (ca. 1865-1943), ein Schüler des berühmten Organikers Emil Fischer (1852-1919), Nobelpreisträgers – „der tüchtigste Chemiker auf dem Waldhof, besitzt aber zu wenig persönliche Gewandtheit, dass man ihn an die Spitze der technischen Teils stellen kann“ (im Brief Fr. E. an M. E. vom 14. August 1910, ebd.) und Walter Schickert – „ohne Zweifel der geeignete Leiter des kaufmännischen Teils“ (ebd.).

Ihre oben zitierte Anrede schloss E. mit dem Aufruf: „wollen wir alle an die Arbeit gehen in dem erhebenden Bewusstsein, dass wir das Andenken des teuren Entschlafenen nicht besser ehren können, als wenn wir mit demselben Fleiße wie er und mit der gleichen selbstlosen Hingabe wie er, für das Blühen und Gedeihen seines Lebenswerks unser Bestes einsetzen!“ (Friedrich Engelhorn-Archiv, S 1/32). Tatsächlich gelang es E. mit dem zuverlässigen Direktorium, das Unternehmen nach dem Tod ihres Mannes am Leben zu erhalten und weiter zu entwickeln.

1913 übergab E. die Firma ihren beiden ältesten Söhnen, Fritz und Hans, wobei Fritz tatsächlich bei seinem Chemiestudium blieb, das er im Frühjahr 1914 abschloss. Nach seiner erfolgreichen Promotion startete er zu einer Reise um die Welt und war in Tsingtau, China, angekommen, als mit dem Kriegsausbuch hier seine Reise unfreiwillig endete: Die Stadt wurde bald von den Japanern eingenommen. Als Deutscher wurde Fritz E. durch die Japaner interniert. Er blieb Kriegsgefangener und wurde erst im Dezember 1919 entlassen. Allerdings konnte er seiner tief besorgten Mutter 1915 ein Lebenszeichen geben. Auch wegen der anderen Söhne beschwerte E. die Sorge um deren Schicksal: Die beiden jüngeren, Curt und Rudolf waren zum Kriegsdienst verpflichtet. Hans hatte sich freiwillig beim Militär gemeldet, wurde jedoch aufgrund der Gesundheitsprobleme bald entlassen und konnte nach Mannheim zurückkehren.

So fühlte sich E. verpflichtet, noch eine Zeit im Geschäft zu bleiben und ihren Sohn Hans zu unterstützen. Während 1913-1920 existierte die Firma als Offene Handelsgesellschaft (OHG) „C. F. Boehringer & Söhne“ unter der Leitung von Hans E. und des Direktoriums. Erst nach der Rückkehr von Fritz E. im April 1920 konnte E. das Geschäft endgültig verlassen. Die bisherige OHG wurde danach im Sommer 1920 in die „C. F. Böhringer Söhne GmbH“ überführt.

Über E.s Leben in der radikal veränderten Welt gibt es nur wenige Informationen. Sie beschäftigte sich, als Mutter und Großmutter mit Familienangelegenheiten: Während 1918-1925 wurden die Hochzeiten all ihrer Söhne gefeiert. Laut der Erinnerungen eines Enkels, Christoph E. (1926-2010) war sie „eine außergewöhnlich beeindruckende Persönlichkeit <…>, eine Respektperson, aber in herzlichen Sinn <…>. Sie hatte unheimliche Ausstrahlung“ (Möllmer, 2012, 133).

Zum Ende der 1930er Jahre, auch nach Kriegsausbruch blieb E. allein in ihrer Villa ohne andere Familienmitglieder.

Als Mannheim ab 1942 immer wieder den Bombenangriffen ausgesetzt wurde, verließ E. ihr Haus. Offenbar war sie mit ihren Söhnen Fritz und Rudolf und deren Familien nach Heidelberg in Hans E.s unvollendetes Haus gezogen (Möllmer, 2012, 139).

Nach dem II. Weltkrieg wohnte E. in Feldafing, Bayern, wo ihr Sohn Fritz, der damals im Bayerischen Tutzing eine biochemische Produktion aufzubauen begann, ein Wohnhaus erwarb. Dort starb sie mit 88 Jahren. Nach der Einäscherung auf dem Mannheimer Hauptfriedhof wurde ihre Asche im E.-Mausoleum beigesetzt. Im Nachruf an sie stand: „M. E. <…> war eine hoheitshohe Erscheinung, eine Frau von großer Güte und von vielseitigen Interessen. Sie hatte all die Gaben, die man in der Welt von gestern von einer großen Dame verlangte“ (StadtA Mannheim, S1, Nr. 3631, Ausschnitt aus “Mannheimer Morgen“, 17.12.1953).

Q StadtA Mannheim, Familienbögen; Personengeschichtliche Sammlung, S1, Nr. 3631; Institut für Personengeschichte, Bensheim, Biographische Sammlung: E., Joerger; Friedrich Engelhorn-Archiv, Mannheim: Sign. 1/28, Ehevertrag E; 1/31, Letztwillige Verfügungen von Fr. E. ; 1/32, Ansprache von M. E. bei d. Übernahme d. Firmenleitung; 1/ 75, Auszeichnung mit d. Friedrich-Luisen-Medaille; 1/79, Bildung des Direktoriums d. Firma; Informationen von Herrn Dr. Sebastian Parzer.

L Fl. Waldeck. Alte Mannheimer Familien. 6. Teil, 1925, 54f.; ; Anonym [Verfasst durch Eduard Köbner] C.F. Boehringer & Soehne G.m.b.H. Mannheim-Waldhof: 1859-1934; Euler, Friedrich Wilh.: Die Familie Engelhorn in Mannheim. Vorfahren und Nachkommen des Gründers der BASF: Kommerzienrat Friedrich Engelhorn (1821-1902), 1986, 111-117; Fischer, Ernst Peter: Wissenschaft für den Markt: Die Geschichte des forschenden Unternehmens Boehringer Mannheim, München 1991; Tobias Möllmer, Die Villa Engelhorn in Mannheim, 2012.

B In: Möllmer, 2012, S. 17 (1885), S. 117 (um 1908), S. 133 (1930) - Originale im Friedrich Engelhorn-Archiv.

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