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Holzer, Helmut (1921-1997), Biochemiker

Category: Kurzbiografien Published: Wednesday, 13 September 2017 Written by Alexander

Holzer, Helmut Emil, Biochemiker

*14.06.1921 Neuenbürg im Schwarzwald. Ev. + 22.08.1997 Freiburg

V Emil Karl H. (1875-1956), Fabrikdirektor

M Emma Friedrike Bertha, geb. Steinmayer (1888-1969)

G 3: Irmgard (*1910); Rudolf Friedrich, (1911-1928); Gertrud Emma (*1917).

1952 (München) Erika Vogel, Dr. rer. nat.

K keine

                      1928-1939                              Schulbildung: Besuch d. Grundschule in Rotenbach, einer mittleren Schule in Neuenbürg u. d. Oberrealschule in Pforzheim. Abitur Ostern 1939

                      1939-1948                              Studium d. Chemie an d. Universität München: Trimester 1939/40 u. 1940; SS 1943 – WS 1944/1945; Diplomarbeit: „Untersuchungen über Kathodenpotentiale bei d. Elektrolyse schwefelsaurer Ammonsulfatlösungen“ im Dezember 1944; Doktorarbeit bei Feodor Lynen (1911-1979) 1946-1948.

                     1940-1943                              Kriegsdienst an d. West- u. Ostfront; im Februar 1942 Verwundung, anschließend Versetzung in eine Militärdienststelle in München

                     1948 VII 30                             Promotion summa cum laude zum Dr. rer. nat. an d. Univ. München; Diss.: „Zur Kenntnis d. Umsetzung von Butylalkohol u. Butyraldehyd mit Hefe“

                     1947 XI- 1953 IX                    Hilfsassistent ab WS 1948/1949 Assistent bei F. Lynen am Chemischen Institut d. Univ. München

                     1953 I                                     Habilitation für das Fach Biochemie mit d. Schrift „Untersuchungen zum Zusammenwirken d. Fermente in d. lebenden Zelle: Analyse stationärer Zwischenstoffkonzentrationen“, Probevorlesung „Aspekte d. dynamischen Biochemie zum Krebsproblem“ am 28, Jan. 1953

                     1953 XII                                  Umhabilitation an d. Medizinischen Fakultät d. Universität Hamburg für das Fach „Physiologische Chemie“; Antrittsvorlesung „Dynamische Biochemie d. diabetischen Stoffwechselstörung“ am 27. Jan. 1954

                     1953 XII – 1957 IV                 Dozent für Physiologische Chemie an d. Universität Hamburg (ab SS 1956 beurlaubt)

                     1956 IV-IX                              Gastforscher bei Otto Warburg (1883-1970) am Max-Planck-Institut für Zellphysiologie, Berlin

                     1956 XI – 1957 IV                  Kommissarischer Leiter des Lehrstuhls u. Instituts für Physiologische Chemie an d. Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg

                     1957 V – 1989 IX                   o. Prof. u. Direktor des Instituts für Physiologische Chemie (ab 1963 Institut für Biochemie) an d. Universität Freiburg; bis Oktober 1992 – Vertreter seines Lehrstuhls

                     1964 V – 1965 IV                   Dekan d. Medizinischen Fakultät

Ehrungen: Paul-Ehrlich- u. Ludwig-Darmstädter-Medaille (1962); Wilhelm-Wagner-Preis für Krebsforschung (1963); Mitglied d. Deutscher Akademie d. Naturforscher Leopoldina, Halle (1970); Ehrenbürger d. Stadt Indianapolis, Indiana, USA; Ehrenmitglied d. American Society of Biological Chemistry (1973); Otto-Warburg-Medaille (1975); Mitglied d. Sociedad Espanola de Bioquimica (1975); d. Japanese Biochemical Society (1975); d. Heidelberger Akademie d. Wissenshaften (1981), Dr. h.c. Univ. Tokushima, Japan (1982); Mitglied d. Finnischen Akademie d. Wissenschaften (1984), d. European Molecular Biology Organisation (1984), Bundesverdienstkreuz I. Klasse; Mitglied d. Academia Europea (1993).

H. wurde als letztes Kind der Familie des Fabrikdirektors Emil H. im Nordschwarzwald geboren. Sein Vater, wie schon sein Großvater, leitete ein Sägewerk mit Parkettfabrik im Dorf Rotenbach (heute Stadtteil von Neuenbürg), südwestlich von Pforzheim. Vermutlich war der Name H. durch die Berufsausübung der Vorfahren bestimmt. H.s Mutter entstammte einer schwäbischen Pfarrersfamilie. „Im Familienkreis mit zwei älteren Schwestern wurde viel musiziert, – erinnerte sich H., – und meine Freude am Klavierspiel initiiert“ (1982, Antrittsrede, 27).

Nach der Anfangsschulbildung in Rotenbach und Neuenbürg trat H. in die Oberrealschule in Pforzheim ein. Dort galten H.s Leistungen von „gut bis befriedigend“: Note Eins hatte er nur in Mathematik und Physik, sowie in Musik, in anderen Fächern erhielt er meistens eine Zwei oder Drei. Die allgemeine Bewertung der Schule im Abschluss sieht positiv aus: „Pflichteifrig und zuverlässig. Ist gut begabt aber nicht gleichmäßig in Fleiß. Besitzt klares Urteil und Selbständigkeit“ (StadtA Pforzheim K 11-64).

Nach dem Abitur musste H. den damals obligatorischen Arbeitsdienst ableisten; er wurde in Kehl am Rhein beim Bau von Unterständen und Stacheldrahtverhauen eingesetzt. Danach hoffte er, Astronomie und Physik studieren zu können. Mitte September 1939, kurz nach Kriegsbeginn, wurde bekannt gemacht: wer Chemie studieren wolle, könne sofort zum Studium entlassen werden. So begann H. sein Chemiestudium in München und hörte zwei Trimester lang u.a. Vorlesungen des Direktors des Chemischen Laboratoriums, des Nobelpreisträgers Heinrich Wieland (1877-1957).

Im Sommer 1940 wurde H. zum Militär einberufen. Nach Ausbildung bei einer Panzerabwehr-Abteilung nahm er an den Feldzügen in Frankreich und ab 1941 in Russland teil. Im Februar 1942 wurde H. an der Ostfront, südöstlich von Moskau, verwundet und verlor den rechten Daumen. Nach einem Lazarettaufenthalt wurde er in eine militärische Dienststelle in München versetzt und im Sommer 1943 schließlich aus dem Militär entlassen. So konnte er wieder an der Universität immatrikulieren. Seine Rückkehr zum chemischen Studium verlangte von ihm große Mühe und Beharrlichkeit: Er musste mit seiner rechten Hand ohne Daumen zu arbeiten lernen. Es gelang ihm sogar auch wieder Klavier spielen zu können.

Im Dezember 1944 bestand H. sein Diplomexamen mit einer elektrochemischen Diplomarbeit, die er unter Anleitung des Professors für Physikalische Chemie Klaus Clusius (1903-1963) ausführte. H. hoffte, Doktorand bei Clusius zu werden, was schon vorläufig abgesprochen worden war. Das Schicksal steuerte aber anders. Ende April 1945 wurde München von den Amerikanern besetzt, die Universität geschlossen, und Clusius ging in die Schweiz – insgeheim, weil jegliche Auslandsreisen verboten waren. H. erwarb seinen Lebensunterhalt als chemischer Gelegenheitsarbeiter bei der Herstellung von Süßstoff, Schuhkreme und Likör und wartete auf die Wiedereröffnung der Universität. Diese fand aber erst am 23. Juli 1946 statt. Er wollte weiter in der Physikalischen Chemie arbeiten, fühlte sich aber allein gelassen. Der Professor für Organische Chemie, Rolf Huisgen (*1920) riet ihm, sich an den jungen Dozenten Feodor Lynen zu wenden, der einigermaßen auch physikalischer Chemiker sei, weil er Biochemie mit interessanten physikalischen Apparaten betriebe.

So wurde H. Doktorand des zukünftigen Nobelpreisträgers Lynen. Ab Januar 1947 wurde Lynen zum ersten planmäßigen a.o. Professor für Biochemie in Deutschland und H. zu dessen Hilfsassistent.

Zeitbedingt war eine Nebentätigkeit notwendig: Die Münchener Biochemiker waren „vom Meister bis zum Lehrling emsig mit der Herstellung des als Tauschobjekt besonders begehrten Süßstoffes Dulcin aus dem Arzneimittel Phenacetin beschäftigt“ (1976, 18). „Überhaupt war es nur mit Tauschgeschäften am schwarzen Markt möglich, <…> sich so „Zeit-sparend“ Nahrungsmittel zu besorgen, dass noch Zeit zur Laboratoriumsarbeit übrig blieb“ (ebd.).

Lynen verfügte über „einen damals in Deutschland sehr selten zu findenden Zeiss-Monochromator mit Hochspannungbetriebener Wasserstofflampe“ (1976, 15). Unter Einsatz dieses Spektralgeräts konnte H., trotz harter Nachkriegszeitumstände, eine interessante Arbeit durchführen, wo die Phosphorylierung (Bindung von anorganischem Phosphat mit OH-Gruppen enthaltenden organischen Stoffen) von Butylalkohol und Butyraldehyd in Hefe erforscht wurde. Die allgemeine Bedeutung dieser Arbeit war der Nachweis der Phosphorylierung in der Atmungskette bei Hefe. Seitdem diente ihm die Hefe jahrzehntelang als ein Modellorganismus für die Erforschung chemischer Prozesse in lebenden Zellen.

Anfang Juni 1948 stellte H. sein Gesuch zur Doktorprüfung. „Das vorgelegte Material lässt erkennen, – schrieb Lynen in seinem sehr positiven Gutachten, – dass Herr H. die Methodik biochemischer Forschung beherrscht und sie mit Geschick anzuwenden versteht. Die klare und gewandte Form der Darstellung beweist vielseitiges Wissen und großes Verständnis“ (UA München OC-Npr-SS 1948). Der zweite Gutachter, Heinrich Wieland, betonte, dass einige der festgestellten Tatsachen „recht bemerkenswert“ seien, und schloss sich dem Gutachten Lynens an (ebd.). Das Rigorosum in Chemie als Hauptfach und Physik und Physiologie als Nebenfächer bestand H. mit dem Prädikat „summa cum laude“.

Nach seiner Promotion erhielt H. die bezahlte Assistentenstelle bei Lynen. Als einziger Assistent hatte er Demonstrationen für Vorlesungen vorzubereiten und außerdem im Praktikum „für kaputte Zentrifugen, fehlende Chemikalien etc. den Kopf hinzufügen“ (1976, 20). Gleichzeitig fand er Zeit für selbständige Forschungen über enzymatische Regulation des Abbaustoffwechsels der Glukose in Hefezellen. Um die relativen Aktivitäten verschiedenen Enzyme zu erfassen, maß er stationäre Konzentrationen von wichtigsten Zwischenstoffen, indem er scharfsinnige enzymatische Analysemethoden ersann und anwendete. So fand H. insbesondere die Rolle des Enzyms der sog. Triosephosphatdehydrogenase in der Glukolyse (d. h. im Abbau der Glukose).

Die enorme Arbeitsfähigkeit H.s zeigte sich sehr anschaulich in der Tatsache, dass er sich, außer in allen erwähnten Tätigkeiten, auch in die klassisch gewordenen Arbeiten Lynens über „die aktivierte Essigsäure“ einschalten konnte. Er publizierte wichtige Zusammenfassungen darüber (1952) und, noch mehr, führte, zusammen mit seiner jungen Frau, einige Experimentaluntersuchungen durch, um Lynens Grundergebnis (Entdeckung der Thioesterbindung) weiter zu entwickeln.

In Juli 1952 legte H. seine Ergebnisse über das Zusammenwirken der Enzyme als Habilitationsschrift der Fakultät vor. Der erste Gutachter, Lynen, betonte, dass H. einen Weg aufzeigte, „das Zusammenspiel der verschiedenen Enzyme in der lebenden Zelle“ zu erforschen. Seine Arbeiten „lassen erkennen, dass Dr. H. die moderne Methodik der dynamischen Biochemie glänzend beherrscht und sie in origineller Weise erfolgreich einzusetzen versteht, dass er daneben aber auch die Problematik sieht und bestrebt ist, wirklich aktuelle Themen zu bearbeiten“. Lynen hob auch H.s „ausgesprochene Lehrbegabung“ H.s hervor, „die er bei der Leitung des Praktikums und bei zahlreichen Vorträgen unter Beweis gestellt hat“ (UA München OC-VII-57).

Der zweite Gutachter, Rolf Huisgen, schloss sich dem Urteil Lynens an, die Habilitation zu empfehlen. Er bemerkte u. a.: „Obwohl die vorliegende Arbeit in der Problematik und Methodik die enge Beziehung zum Lynen’schen Arbeitskreis erkennen lässt, zeigt sie doch zur Genüge, dass Herr Dr. H. selbständig denkt und ein schönes Arbeitsgebiet gefunden hat, dem er sicher noch länger treu bleiben wird“ (ebd.).

Die „wissenschaftliche Aussprache“ (Kolloquium) fand am 7. Januar 1953 statt und zeigte, dass H., so Lynen; „über vielseitiges und gründliches Wissen und selbständiges Urteil verfügt“ (ebd.). Zum Schluss des Habilitationsverfahrens hielt H. am 28. Januar seinen öffentlichen Habilitationsvortrag über „Aspekte der dynamischen Biochemie zum Krebsproblem“ und anschließend verteidigte er die von ihm gestellten Thesen, deren erste lautete: „Alle Krankheiten sind verknüpft mit Störungen im Zusammenwirken der Fermente und damit prinzipiell einer biochemischen Analyse zugänglich“ (ebd.). „In der Verteidigung der teilweise Grundprobleme berührenden Thesen schlug er eine scharfe Klinge“, berichtete Lynen (ebd.).

Nun erteilte die Fakultät H. die Venia legendi für das Fach Biochemie.

Im April 1953 hielt H. einen Vortrag über seine Ergebnisse vor dem 4. Kolloquium der Gesellschaft für Physiologische Chemie in Mosbach, an dem sich der Direktor des Physiologisch-Chemischen Instituts der Universität Hamburg, Prof. Dr. Joachim Kühnau (1901-1983) beteiligte. Wahrscheinlich wurde letzterer beeindruckt, denn bald danach erhielt H. den Ruf aus Hamburg, die Forschungsabteilung am Universitätskrankenhaus Eppendorf zu übernehmen, die zum Physiologisch-Chemischen Institut gehörte. Im Dezember 1953 habilitierte die Medizinische Fakultät der Universität H. für das Fach „Physiologische Chemie“ um. Seine Antrittsvorlesung widmete das jüngste Mitglied der Fakultät dem Thema der diabetischen Stoffwechselstörung vom Standpunkt der Biochemie. H.s Forschungen über dieses Problem fielen hauptsächlich in seine Hamburger Zeit. H.s Tätigkeit in Hamburg dauerte weniger als drei Jahre, aber sie war sehr fruchtbar.

Die Einrichtungen im Institut waren reichhaltiger als in München, und H. konnte seine Forschungen, besonders über die Regulation der Glukolyse erweitern. Ihm gelang es, mehrere Doktoranden heranzuziehen. U.a. führten seine Ergebnisse zu Kontakten mit dem Nobelpreisträger Otto Warburg: Dieser vermutete einen Zusammenhang zwischen der aeroben Glukolyse und dem Wachstum von Tumorzellen, und H.s Experimente sprachen zugunsten dieser Hypothese.

Für das SS 1956 wurde H. beurlaubt, um als Gastforscher am Max-Planck-Institut für Zellphysiologie in Berlin bei Warburg zu arbeiten. Fürs WS 1956/1957 wurde er weiter beurlaubt – diesmal wegen einer Einladung aus Freiburg – und erst im Mai 1957 aus dem Dienst in Hamburg entlassen.

Wegen Krankheit und frühzeitiger Emeritierung des Ordinarius wurde der Lehrstuhl für Physiologische Chemie in Freiburg zum WS 1956/57 vakant. Da die Medizinische Fakultät noch keinen Kandidaten parat hatte, lud sie H. für dieses Semester als kommissarischen Leiter des Lehrstuhls und des Institut für Physiologische Chemie ein. Binnen weniger Monaten bewährte sich H. so ausgezeichnet, dass die Berufungskommission im Februar 1957 ihn primo loco stellte. Im Gutachten der Kommission wurde H. als „einer der aktivsten und erfolgreichsten Vertreter der modernen enzymatisch eingestellten physiologischen Chemie“ charakterisiert, wobei betont wurde, dass H. „in bewusster Hingebung zur Medizin auch der Klinik fruchtbare Anregungen geliefert“ habe (UA Freiburg, B 53/193). Und weiter: „Obwohl nüchtern und kritisch in seiner wissenschaftlichen Grundhaltung wirkt Herr H. ungewöhnlich anregend durch den Gedankenreichtum seiner Konzeptionen und seine methodische Vielseitigkeit“ (ebd.). Während seiner dreimonatigen Tätigkeit in Freiburg habe H. „bereits den Ruf eines ausgezeichneten Lehrers“ gewonnen: „Sein Vortrag ist klar, ansprechend und systematisch; seine Praktika sind modern gehalten und auf das Wesentliche ausgerichtet“ (ebd.). Zum Schluss stand: „Herr H. ist persönlich bescheiden und angenehm; seine dynamische Persönlichkeit bietet die Gewähr, dass das neue Physiologisch-Chemische Institut der Universität Freiburg mit Leben erfüllt wird, falls er den Ruf erhält“ (ebd.).

H. kam nach Freiburg, als der Bau des neuen Instituts (anstatt des durch Bombenangriff 1944 vernichteten alten Instituts) noch im Gange war. Er musste binnen weniger Monaten die Pläne der inneren Räume und der Einrichtungen erarbeiten, die den Anforderungen moderner Forschung und Unterricht entsprechen würden. Gleichzeitig hatte er die Programme für Vorlesungen und Praktika neu vorzubereiten. Später erinnerte sich der damalige Student Professor Erwin Schöpf (*1936), wie H. „mit ihm eigener Zähigkeit den Neubau des Biochemischen Instituts bis zur Vollendung bei täglichen Besuchen der Bauarbeiter mit großem Engagement gestaltend vorangetrieben hat“ (UA Freiburg B 355/392). Zum WS 1958/1959 konnte das Institut aus dem vorläufigen engen Raum im Gebäude der Chirurgischen Klinik sein eigenes Haus beziehen.

Die ersten Jahre las H. die zweisemestrige Vorlesung über „Physiologische Chemie“. Der erste Teil hieß „Deskriptive Biochemie“, der zweite „Dynamische Biochemie“. Im Mai 1962 beantragte H. beim Kultusministerium die zeitgemäße Umbenennung seines Lehrstuhls und Instituts „von bisher ‚Physiologische Chemie‘ in ‚Biochemie‘“ (UA Freiburg B 53/193), was genehmigt wurde. Danach bezeichnete H. auch seine Hauptvorlesung als „Biochemie“.

Gleichzeitig erarbeitete H. eine Organisationsform, die damals noch ungewöhnlich war: Das Institut wurde in Forschungsgruppen gegliedert, die unabhängige und selbständige Untersuchungen unter Leitung eines Habilitanden oder eines schon habilitierten Forschers durchführte; auch H. selbst leitete eine Gruppe. Dabei ging er meisterhaft vor: „Es hat keine wesentliche personelle oder finanzielle Entscheidung im Institut gegeben, die nicht auf einem breiten Konsens der am Hause tätigen Mitarbeiter beruhte und von deren Vernünftigkeit schließlich auch die überzeugt waren, die ursprünglich andere Meinungen in der betreffenden Frage hatten“ (Grünicke, 1981, 3).

Als Lehrer war H. sehr beliebt. Ideenreich, humorvoll und gleichzeitig kritisch und sachlich, forderte er zuverlässige Ergebnisse, einer seiner Aphorismen lautete: „Es gibt kein misslungenes Experiment, sondern nur falsche Interpretationen“ (Grünicke, 1981, 2). Mit seiner wissenschaftlichen Denkweise, Disziplin und Ethik war er Vorbild für seine Schüler. Insgesamt habilitierten sich bei H. 19 Wissenschaftler und promovierten 38 Doktoranden.

Da H. dreimal an ihn gerichtete Rufe ablehnte, erlaubte ihm dies, sein Institut noch besser einzurichten. Insbesondere gelang es ihm letztendlich, ein zweites Ordinariat für Biochemie durchzusetzen (1967) und damit die Forschungsgebiete zu erweitern.

Das Ansehen, das H. unter den Kollegen gewann, trat insbesondere ans Licht, als man ihn 1964 zum Dekan wählte. Dass ein Nicht-Mediziner zum ersten Mal in der Geschichte der Fakultät ihr Dekan wurde, war geradezu eine Sensation.

1968 zwangen Studentenproteste die Regierung zu Hochschulreformen. H. wurde zum Mitglied der Grundordnungsversammlung der Freiburger Universität gewählt, wo auch Vertreter der Studenten, Assistenten und Privatdozenten beteiligt waren. Im Gegenteil zur Mehrheit der Ordinarien, die ihren privilegierten Status verteidigten, zeigte sich H. als kompromissbereit und machte sinnvolle Vorschläge, die zur Genehmigung der neuen Grundordnung im März 1969 viel beitrugen, wobei dies ein Ende der alten Ordinarienuniversität bedeutete. So konnte die Freiburger Universität bald zu einer normalen Tätigkeit übergehen, während viele andere Universitäten noch lange wegen Folgen der 1968-er Revolten leiden sollten. Trotzdem wurde H. von konservativen Fakultätskollegen hart kritisiert. Von diesen Belastungen erholte er sichdank seiner Musik.

Organisatorisch bzw. wissenschaftlich-organisatorisch wirkte H. auch außerhalb der Universität. Seit 1964 war er Mitglied des Kuratoriums der Wissenschaftlichen Gesellschaft Freiburg, seit 1967 deren stellvertretender Vorsitzender, von 1972 bis zum Tod – Vorsitzender. Hier war seine Tätigkeit auf die Unterstützung des wissenschaftlichem Nachwuchses orientiert. 1972-1989 war H. auch Leiter der Abteilung Enzymchemie in der Strahlen- und Umweltforschung GmbH in Neuherberg bei München. 1971-1973 war H. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Biologische Chemie.

H. wirkte auch auf internationaler Ebene, insbesondere als Mitherausgeber der Zeitschriften „Hormon- und Stoffwechselforschung“ (1968-1974),„European Journal of Biochemistry“ (1972-1976) und „FEBS Letters“ (FEBS = Federation of European Biochemical Societies).(1987-1997). 1977/78 war H. Gastforscher („Scholar-in-Residence“) in den USA am National Institute of Health, Bethesda, Maryland. In dieser Eigenschaft besuchte er jenes Institut später noch mehrmals.

Eine weitere Seite der Tätigkeit H.s bildeten seine außerordentliche, erstaunlich intensive Aktivitäten als Vortragender, die er mit Ideen- und Kenntnisaustausch verband. Für die zehnjährige Periode von 1973-1982 sind alle Vorträge H.s in Deutschland und weltweit, insgesamt 104, belegt (B 194/180). Z. B. während 25 Tagen in Japan im Oktober-November 1975 hielt H. acht verschiedene Vorträge in sieben Städten, besuchte dort Laboratorien und Institute und beteiligte sich bei vier Tagungen und Symposien.

Ab WS 1989/1990 wurde H. mit 68 Jahren emeritiert. Da die Fakultät drei Jahre lang keinen Nachfolger finden konnte, sollte H. während dieser Zeit seinen Lehrstuhl und sein Institut weiter leiten. Auch danach war H. fast täglich im Institut tätig, wo er einen Raum mit kleinem Labor und Büro hatte. Er beschäftigte sich entweder im Laboratorium, als Herausgeber oder konsultierte jüngere Mitarbeiter. H.s letztes Forschungsprojekt, das er um 1990 angefangen hatte, war die Untersuchung der Regulation einer Besonderheit des Stoffwechsels, die einige Arten von Hefe zeigen: Anstatt der Stärke akkumulieren diese den Disaccharid Trehalose. H. und Mitarbeiter entdeckten dabei das neue Enzym Trehalase, Die letzte Publikation darüber erschien 1995. Eine weitere Forschungsarbeit H.s wurde durch unheilbare Krankheit verhindert: Er starb an Krebs.

Das wissenschaftliche Erbe H.s ist in fast 400 Publikationen dargestellt, die ein ungemein breites Spektrum von Themen widerspiegeln – „von der Atmungskette über Vitamin-Funktionen, Enzymregulation und Proteinabbau zu Signalketten und Hitzestress“ (Pfanner, 1997, 137). Außer den schon erwähnten gelten als besonders bedeutend folgende Ergebnisse (s. Decker, 2000, 2005): Die Entdeckung des „aktivierten Azetaldehyds“ (des Hydroxyethylthiaminpyrophosphats) und die Klärung seiner Rolle als Zwischenstufe der Vitamin B1-Funktion.(1959); die Feststellung eines neuen Prinzips der Enzymregulation, nämlich der reversiblen Adenylierung (Reaktion mit Adenosinmonophosphat) des Enzyms Glutaminsynthetase (1966); Entdeckung eines Mechanismus der Stoffwechselregulation durch gezielten Abbau kritischer Enzyme, der sog. „Katabolit-Inaktivierung“ (1976); der Nachweis molekularer Schalter bei der Enzymregulation (Phosphorylyrung/Dephosphorylyrung des Enzyms Fruktose-1,6-bisphosphatase) (1981).

Das ganze wissenschaftliche Werk H.s, wie vielseitig es auch aussieht, ist ein stetiges Suchen nach Mechanismen des Stoffwechsels in lebenden Zellen, wobei er seine Aufmerksamkeit vor Allem den Enzymen – Katalysatoren und Regulatoren des Stoffwechsels – widmete. Dieses Werk sichert H.s Platz in der Geschichte der Biochemie.

Q StadtA Pforzheim: K11-64 (Notenlisten d. Oberrealschule); UA München: OC-Npr-SS 1948 (Promotionsakte H.); OC-VII-57 (Habilitationsakte H.);Staatsarchiv Hamburg: 361-6 Hochschulwesen - Dozenten- und Personalakten, IV 424 (Personalakte H.); UA Freiburg: B 355/392 (Biographische Materialien H.); B 53/193 (Physiologisch-chemisches bzw. Biochemisches Institut, 1956-1981); B 194/180 (Materialien zu Vorträgen H.s); UA Heidelberg: HAW-532 (Akte H. als Mitglied d. Heidelberger Akad. d. Wiss.); Auskünfte aus: StadtA Freiburg vom 17.08., StadtA Pforzheim vom 24.08., Standesamt Neuenbürg vom 1.09. u. StadtA Neuenbürg vom 5.09.2017.

 W (mit F. Lynen u. H. Bauer) Zur Desmotropie d. Oxalbernsteinsäure, in: Liebigs Ann. d. Chemie, 562, 1949, 66-73; (mit F. Lynen). Über den aeroben Phosphatbedarf d. Hefe. Die Umsetzung von Butylalkohol u. Butyraldehyd, ebd. 213-239; Acylphosphate in lebender Hefe, ebd. 564, 1949, 234-242; (mit F. Lynen) Über den aeroben Phosphatbedarf d. Hefe. Labil an die Struktur gebundenes Phosphat in lebender Hefe, ebd. 569, 1950, 138-148; Vom Energiehaushalt d. Zelle, in: Umschau 50, 1950, 510-512; Photosynthese u. Atmungskettenphosphorylierung, in: Zs. für Naturforschung 6b, 1951, 424-430; (mit Erika Holzer) Zum Reaktionsmechanismus d. Triosephosphatdehydrierung, in: Zs. für physiologische Chemie 291, 1952, 67-86; (mit Erika Holzer) Enzyme des Kohlenhydratstoffwechsels in Chlorella, in: Chemische Berichte 85, 1952, 655-663; Acetyl-Coenzym A u. andere S-Acyl-Verbindungen bei d. Energieausnützung in d. lebenden Zelle,, in: Angewandte Chemie 64, 1952, 248-253; Zentrale des Stoffwechsels: „Aktivierte Essigsäure“, in: Naturwissenschaftliche Rundschau 5, 1952, 181-183; Über Fermentketten u. ihre Bedeutung für die Regulation des Kohlenhydratsstoffwechsels in lebenden Zellen, in: Biologie u. Wirkung d. Fermente (4. Mosbacher Kolloquium d. Ges. für Physiologische Chemie), 1953, 89-114; Zur Penetration von Orthphosphat in lebende Hefezellen, in: Biochemische Zs. 324, 1953, 144-155; (mit Stefan Goldschmidt, w. Lamprecht u. E. Helmreich) Bestimmung stationärer Zwischenstoffkonzentrationen. I. Bestimmung stationärer DPN/DPNH-Konzentrationen in lebenden Zellen u. Geweben, II. Die Entstehung d. Ketokörper u. ihre Beziehung zur Glykolyse, in: Zs. für physiologische Chemie 297, 1954, 1-18, 113-126); Chemie u. Energetik d. pflanzlichen Photosynthese, in: Angewandte Chemie 66, 1954, 65-75; (mit S. Schneider u. K. Lange) Funktion d. Leber-Alkoholdehydrase, in: Angewandte Chemie 67, 1955, 276f.; (mit S. Schneider) Zum Mechanismus d. Beeinflussung d. Alkoholoxydation in d. Leber durch Fructose, in: Klinische Wochenschrift 33, 1955, 1006-1009; Enzymchemischer Angriffspunkt einiger Tumor-wirksamer Chemotherapeutika, in: Die Medizinische, 1956, Nr. 15, 576-578; Aerobe Gärung u. Wachstum, in: Neuere Ergebnisse aus Chemie u. Stoffwechsel d. Kohlenhydrate (8. Mosbacher Colloquium d. Ges. für Physiologische Chemie), 1958, 65-85; (mit H. Kröger) Zum Mechanismus d. Wirkung von B 518 (Endoxan-Asta) auf das Jensen-Sarkom u. zur Hemmung d. Chemotherapie von Tumoren durch das Vitamin Nicotinsäureamid, in: Klinische Wochenschrift 36, 1958, 677f.; Biochemie des Kohlenhydratstoffwechsels, In: Verhandlungen d. Deutschen Ges. für Pathologie 22, 1958 (1959), 12-24; (mit K. Beaucamp) Nachweis u. Charakterisierung von Zwischenprodukten d. Decarboxylierung u. Oxydation von Pyruvat: „aktiviertes Pyruvat“ u. „aktivierter Acetaldehyd“, in: Angewandte Chemie 71, 1959, 776; Carbohydrate metabolism, in: Annual Review of Biochemistry 28, 1959, 171-222; (mit E. Grundmann u. H. Kröger) Vergleichende histologische, cytophotometrische u. biochemische Untersuchungen über die Wirkung von Endoxan auf das Jensen-Sarkom d. Ratte, in: Klinische Wochenschrift 38, 1960, 546-548; (mit R. M. M. Crawford) Prenazine Methosulphate as a Mediator in the Oxidation of Pyruvate by Pyruvate Decarboxylase from Brewer’s Yeast, in: Nature 188, 1960, 410f.; Wirkungsmechanismus von Thiaminpyrophosphat, in: Angewandte Chemie 73, 1961, 712-727; Intrazelluläre Regulation des Stoffwechsels, in: Naturwissenschaften 50, 1963, 260-270; Biochemie d. Enzyme, in: Verhandlungen d. Deutschen Ges. für Innere Medizin 70, 1964, 463-476; Biochemische Mechanismen d. Chemotherapie von Tumoren, in: Medizinische Monatsschrift 18, 1964, 50-54; Krebs u. Stoffwechsel, in: Medizinische Klinik 59, 1964, 1809-1813; (mit E. Kun, B. Langer, B. Ulrich u. H. Grunicke) The role of dpnase in the mechanism of action of an antitumor alkylating agent on Ehrlich ascites cells, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 52, 1964, 1501-1506; (Hg.) Molekulare Biologie des malignen Wachstums, 1966; Möglichkeiten in d. Tumorentherapie, in: M. Blohmke; H. Schaefer (Hg.) Erfolge u. Grenzen d. modernen Medizin, 1966, 226-236; Regulation of enzymes by enzyme-catalyzed chemical modification, in: Advances in Enzymology 32, 1969, 297-326; Some aspects of regulation of metabolism by ATP, in: Advances in Enzyme Regulation 8, 1970, 85-97; Feodor Lynen zum 60. Geburtstag, in: Zs. für physiologische Chemie 352, 1971, 327; Zur Energetik des Zellstoffwechsels: eine neue „energiereiche Phosphatbindung“, in: Freiburger Universitätsblätter 10, H. 33, 1971, 19-27; (mit W. 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 L Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch VIIa, Teil 2, 1958, 542f; VIII, Teil 2, 2002, 1551; Deutsche Biographische Enzyklopädie, 2. Aufl. 5, 2006, 114; Hans Grünicke, Laudatio, in: Symposium anlässlich des 60. Geburtstages von Helmut H. vom 08. bis 10. Oktober 1981, Titisee/Schwarzwald, o.J., 2-4; Nikolaus Pfanner, H. H. zum Gedenken, in: Freiburger Universitätsblätter 36, H. 138, 1997, 137f (B); Christoph Rüchardt. H. H. + , in: Jahrbuch d. Heidelberger Akad. d. Wiss. für 1997, 160f. (B); Karl Decker, A life-long quest for biochemical regulation (H. H.; 1921-1997), in: Comprehensive Biochemistry, Vol. 41, 2000, 531-561 (B, S. 532, Gruppenfotos S. 546 u. 556); Ders. Die Wirkungsweise des Vitamins B1: H. H.s Entdeckung einer Schlüsselreaktion des Zellstoffwechsels, in: 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Bd. 4, 2007, 235-237; Ders. Mechanismen d. Steuerung des Zellstoffwechsels: H. H.s (1921-1997) bedeutende Beiträge zur biochemischen Regulation, ebd. 238-240;

 B Foto 1991 UA Freiburg 0131/2912; Foto o. J., UA Heidelberg Pos I Nr. 07672; Symposium anlässlich des 60. Geburtstages von Helmut H. vom 08. bis 10. Oktober 1981, Titisee/Schwarzwald, o.J., Titelbild; Gruppenfoto 1949 in: G. R. Hartmann (Hg.) Die aktivierte Essigsäure u. ihre Folgen: Autobiographische Beiträge von Schülern u. Freunden Feodor Lynens, 1976, 28; Foto 1981, in: Nachrichten aus Chemie, Technik u. Laboratorium 29, 1981, 569; Vgl. L

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