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Koenigsberger, Leo (1837-1921), Mathematiker

Category: Kurzbiografien Published: Saturday, 03 May 2014 Written by Daniel

Koenigsberger, Leo, Mathematiker

*15. Okt. 1837, Posen, isr., ab 1860 oder 1861 ev., +15. Dez. 1921, Heidelberg

 

 

Eine etwas verkurzte Version wurde in den "Badischen Biographien, Neue Folge", Bd. V (2005), S. 151-153  publiziert.

 


 

V Jakob K. (1807-1881), Kaufmann

M Henriette, geb. Kantorowicz (1816-1900)

G Elf jungere Geschwister, von denen vier in fruhem Alter starben

 

oo13. Aug. 1873 in Baden-Baden Sophie Kappel (1848-1938)

K Johann Georg K. (1874-1946), Physikprofessor; Ani (1876-?), heir. Martin Pfister.

 

 

 

 

 

1846 - 1857                          Besuch des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums zu

                                               Posen

1857 IV - 1860 V                 Studium der Mathematik an der Univ. Berlin; Promotion zum Dr. phil. magna cum laude am 22. Mai 1860; Dissertation: "De motu puncti versus duo fixa centra attracti"

1861 IV - 1864 III                  Lehrer der Mathematik und Physik am Kadettencorps zu Berlin

1864 SS                                a. o. Professor der Mathematik an der Univ. Greifswald

1866 V 9                               o. Professor ebd.

1869 IV - 1875 III                  o. Professor der Mathematik an der Univ. Heidelberg

1875 IV - 1877 III                  o. Professor der Mathematik am Polytechnikum Dresden

1877 IV - 1884 IV                 o. Professor der Mathematik an der Univ. Wien

1880                                      Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

1884 IV - 1914 IV                 o. Professor der Mathematik an der Univ. Heidelberg

1893                                       Mitglied der Preu?ischen Akademie der Wissenschaften

1895/1896                            Prorektor

1909 VI -1915 IV                  Sekretar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

1914 IV                                  o. Honorarprofessor ebd.; wirklicher Geheimrat

1918 III                                   Ende der Lehrtatigkeit

 

 

 

K. wurde als altestes von zwolf Kindern eines Posener Kaufmanns geboren. Sein Vater grundete und leitete ein fur damalige Verhaltnisse gro?es Leinwandgeschaft. Wahrend zweier Jahre besuchte K. die Elementarschule, dann trat er in die Septima des Posener Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums ein. Nach ersten Erfolgen hat K. seine Lust zum Lernen verloren; Jahre lang gehorte er zu den Schlechtesten seiner Klasse, blieb in der Quinta hangen und wurde aus der Oberquarta gar zuruckversetzt in die Unterquarta. Spater begegnete ihm jedoch das Gluck in der Person des Lazarus Fuchs (1833-1902). Er hatte dieses Gymnasium ausgezeichnet abgeschlossen und wirkte als Hauslehrer bei K.. Binnen eines Jahres konnte Fuchs aus dem lernunlustigen Knaben einen vorzuglichen wissensdurstigen Schuler machen, so dass K., der als letzter in die Untersekunda versetzt worden war, schon als zweitbester der Klasse in die Obersekunda eintreten durfte. Fuchs, selbst spater ein bedeutender Mathematiker, erweckte in K. besonders das Interesse fur die Mathematik. Die beiden blieben die engsten Freunde bis zum Tod von Fuchs.

 

Zum Ostern 1857 beendete K. das Gymnasium "mit recht gutem Abiturientenzeugnis" und immatrikulierte an der Universitat Berlin, um Mathematik zu studieren. Er horte E. Kummer, G. Magnus, besonders aber K. Weierstra?, der kurzlich als Extraordinarius nach Berlin gekommen war. Weierstra? stellte K. auch das Problem fur seine Doktorarbeit: Die Zuruckfuhrung der Lagrangeschen Bewegungsausdrucke eines von zwei festen Zentren nach dem Newtonischen Gesetz angezogenen Punktes auf Tetafunktionen. Im Mai 1860 promovierte K. mit einer lateinischen Dissertation "Uber die Bewegung eines Punktes gegen zwei Zentren der Anziehung hin". Im Keime schloss sie bereits die Hauptthemen seiner spateren Werke ein: Funktionstheorie, Analysis, Mechanik.

Einige Zeit nach der Promotion fungierte K. als Lehrer am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin. Dann, um eine dienstliche und wissenschaftliche Laufbahn moglich zu machen, konvertierte K. zum Christentum. So konnte er ab Ostern 1861 eine nicht etatma?ige Stellung als Lehrer der Mathematik und Physik am Berliner Kadettenkorps antreten. Mit seinen taglichen Unterrichtspflichten hatte K. nur die Abend- und Nachtstunden fur seinen mathematischen Studien. Er blieb aber in Verbindung mit Weierstra?, der fur die Arbeit seines Schulers gro?es Interesse hatte. Die Unterstutzung von Weierstra? erwirkte die Berufung K.s durch die Universitat Greifswald als au?erordentlicher Professor der Mathematik.

 

K. zeigte sich als hervorragender Dozent, der, so einer seiner Schuler, "selbst begeistert, die Zuhorer zu begeistern wusste". Nach zwei Jahren wurde er zum ordentlichen Professor befordert. Als sein erstes Buch erschien, bekam K. den Ruf nach Heidelberg (als Nachfolger von O. Hesse). Damals wirkten dort Helmholtz, Kirchhoff und Bunsen. K. hatte enge Kontakte mit diesen gro?en Gelehrten: Bunsen wurde zum vaterlichen Freund fur K., Helmholtz ubte bedeutenden Einfluss auf seine allgemeine wissenschaftliche Entwicklung aus, mit Kirchhoff bearbeitete K. mathematische Aspekte der Mechanik. Spater schrieb er an Bunsen: "Fur mich war jene Zeit entscheidend fur mein ganzes Leben". Leider zerfiel bald die Professorenschaft in zwei zerstrittene Lager, das kollegiale Leben der Universitat wurde vergiftet. Viele Professoren, einschlie?lich Helmholtz, Kirchhoff und K. verlie?en Heidelberg. Fur K. war sein Wechsel zum Polytechnikum Dresden auch finanziell bedingt, weil er eine Familie gegrundet hatte.

In Dresden blieb K. allerdings nicht lange: Er bekam eine verlockende Einladung nach Wien und folgte dahin. Trotz der Schwierigkeiten der Anpassung an das osterreichische Leben konnte K. auch hier eine erfolgreiche Lehrtatigkeit entwickeln und eine bedeutende wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Differentialgleichungen leisten.

Nach sieben Jahren in Wien kam der gereifte Gelehrte nach Heidelberg zuruck, als dort der Lehrstuhl der Mathematik vakant wurde, um diesmal aber hier bis zum Lebensende zu bleiben. K. wirkte nicht nur als Dozent, sondern auch organisatorisch - als Prorektor (1895/96) und als Dekan (1889/90, 1896/97, 1903/04). Er war stets sachkundiger und unparteiischer Berater in den allgemeinen Angelegenheiten der Universitat und der Fakultat.

 

K. wurde zu Antriebsfeder bei der Grundung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Unter seinem Vorsitz als Sekretar der Akademie, zu dem er ernannt worden war, fanden die konstituierende Sitzung (25.6.1909) und die feierliche Eroffnungssitzung (3.7.1909) der Akademie statt. In seiner Eroffnungsrede zeichnete K. seine Vision von der Akademie als eine Einheit der gro?ten Vielfalt der Einzelwissenschaften: Sie "...soll humanistische und realistische Bestrebungen nicht mehr voneinander trennen, sondern sie als Krafte betrachten, welche... nur eine Resultierende haben". In dieser Eigenschaft vertrat K. den Standpunkt, dass die Akademie die Verbindung der Hochschulen Badens und den Zusammenschluss der Gelehrten des Landes fordern solle. Unermudlich war er bestrebt, die Akademie auch in uberregionale Bedeutung einzubinden. So publizierte er alle seine Arbeiten ab 1909 ausschlie?lich in den Sitzungsberichten der Akademie. Sechs Jahre lang leitete K. die Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse und alle zwei Jahre (1909/10, 1911/12, 1913/14) fungierte er au?erdem als geschaftsfuhrender Sekretar der Akademie (abwechselnd mit dem Sekretar der Philosophisch-historischen Klasse W. Windelbaud).

Nach 100 Semestern Professorentatigkeit emeritierte K. feierlich ab April 1914. Bald musste er aber wieder Vorlesungen aufnehmen, weil seine Fachkollegen zum Heeresdienst einberufen wurden. Erst 1918, wegen wiederholter Staroperationen, beendete K. seine Lehrtatigkeit endgultig.

 

K. war ein unermudlicher, temperamentvoller Arbeiter. Trotz einer fortschreitenden Sehschwache - im Alter sah er sich gezwungen, seine Formeln mit wei?er Tinte auf schwarzen Papier zu schreiben - gonnte er seiner Feder keine Ruhe; seine letzte Abhandlung verfasste er nur vierzehn Tage vor seinem Ableben. Er pflegte zeitlebens sehr intensiven Briefwechsel mit vielen Mathematikern des In- und Auslands, aber auch mit Freunden: Wie seine Autobiographie zeigt, war er recht geselliger Mensch.

 

K. publizierte insgesamt knapp 160 Aufsatze, darunter 14 Bucher und Broschuren, von denen einige sehr umfangreich sind. Seine Hauptgebiete waren die Funktionentheorie, besonders elliptische Funktionen und Abelsche Funktionen, und die Analysis, dabei insbesondere Differentialgleichungen: K. bearbeitete als erster Systeme von Differentialgleichungen mit komplexen Variablen. In seinen gro?eren Abhandlungen tritt er als schopferischer Systematiker des mathematischen Wissens an, der die Gegenstande im Zusammenhang darzustellen wei?. Au?erdem arbeitete K. auch uber Mechanik vom Standpunkt der Mathematik aus und verallgemeinerte den Newtonischen Kraftbegriff. Sein Buch "Prinzipien der Mechanik" ist "Dem Andenken Helmholtz... gewidmet". Auch die allgemeinen Uberlegungen K.s uber die Mathematik sind von wissenschaftlichem Interesse. So stellte er z. B. die These auf: "Ist doch die Mathematik selbst die Wissenschaft von der Natur der Dinge in und um uns, soweit sie menschlicher Erkenntnis uberhaupt sich offenbaren". Deswegen - denn auch die Geistwissenschaften "konnen nicht ganz der Erfahrung entbehren" - sollte die Mathematik "als gleich berechtigtes Glied im gro?en Reiche der Geistwissenschaften" sich betatigen. K. meinte damit, dass "eine Trennung in Geistes- und Naturwissenschaften wie eine Sonderung von Geist und Natur uberhaupt, immer mehr verschwinden... werden".

Uber alle seine zahlreichen gediegenen Arbeiten hinaus, welche Historiker der Mathematik heute erwahnen, wurde K. weltbekannt dank seiner Werke uber die Geschichte der Wissenschaft, besonders mit seiner dreibandigen Biographie uber Helmholtz, die ihre Bedeutung bis heute bewahrt hat.

 

 

 

 

 

Q UA Heidelberg: PA 1865; Rep. 27, Nr. 596; RA 6508; HAW Nr. 258; UB Heidelberg: Hs. 2741, III; Hs. 3695; Hs. 2615; StadtA Heidelberg (Auskunft); StadtA Freiburg (Auskunft)

 

 

W Uber die Transformation der Abelschen Functionen erster Ordnung. Journ. Math.,1865, 64, 17-42, 1866, 65, 335-338; Die Transformation, die Multiplication und die Modulargleichungen der elliptischen Functionen, Leipzig, 1868; Vorlesungen uber die Theorie der elliptischen Functionen nebst einer Einleitung in die allgemeine Functionenlehre, 2 Bde., Heidelberg, 1874; Zur Geschichte der Theorie der elliptischen Transcendenten in den Jahren 1826-29, Leipzig, 1879; Allgemeine Untersuchungen aus der Theorie der Differentialgleichungen, Leipzig, 1882; Lehrbuch der Theorie der Differentialgleichungen mit einer unabhangigen Variabeln, Leipzig, 1889; Die Principien der Mechanik. Mathematische Untersuchungen, Leipzig, 1901; Hermann von Helmholtz, 3 Bde. Braunschweig, 1902-1903; Carl Gustav Jacob Jacobi. Festschrift, Leipzig, 1904; Eroffnungsrede an der Heidelberger Akademie (3. Juli 1909), Jahresheft d. Heidelberger Akad. d. Wiss., 1909/1910, S. IX-XVI; Die Mathematik eine Geistes- oder Naturwissenschaft? Heidelberg, 1913; Mein Leben, Heidelberg, 1919.

 

 

L Poggensdorffs Biographisch-literarisches Handworterbuch, III, 735-736 (1898), IV, 780-781 (1904), V, 654-655 (1926); A. Pringsheim. L. K.+, Jahrbuch d. Bayer. Akad. d. Wiss. f. 1921, S. 45-49; K. Bopp. Leo Koenigsberger als Historiker der mathematischen Wissenschaften. Jahresber. d. deutschen Mathematiker-Vereinigung, 1925, 33, 104-112 (B); E. Knobloch. K. NDB, 12, 355-356 (1980); W. Burau. K. Dictionary of Scientific Biography, vol. 7, 459-460 (1973); D. Drull, Heidelberger Gelehrtenlexikon, 1803-1932, S. 145 (1986).

 

 

B UB Heidelberg, Bildersammlung; s. L (Bopp)

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