Responsive Joomla Templates by BlueHost Coupon

Lettré, Hans (1908-1971), Chemiker, Krebsforscher

Category: Kurzbiografien Published: Saturday, 03 May 2014 Written by Daniel

Lettre, Hans Heinrich, Chemiker, Krebsforscher

*29.11.1908 Wuppertal, ev (ref.), + 27.07.1971 Heidelberg

V Ludwig Christian L. (1869-1953), Ingenieur;

M Luise Justine Marie, geb. Vitt;

G Johanna (Hanna), verh. Ockermann (1906-1978);

∞ 4.02.1942 in Berlin Renate Alice Harttung (1899-1983), Dr. med. (1944), Prof. in Heidelberg (1968);

K keine

 

1918-1927                                                                 Besuch des Realgymnasiums zu Wuppertal-Elberfeld

1927 SS                                   Studium d. Mathematik und Naturwissenschaften an der Univ. Munchen

1927-1932                                Studium der Chemie an der Univ. Gottingen

1932 V 24                                 Promotion bei A. Windaus; Diss.: "Uber Additionsverbindungen und Mischkristalle in der Sterinreihe"

1931 X-1938 XII                         Assistent am Chemischen Inst. der Univ. Gottingen

1937 X                                      Habilitation ebd.; H.-schrift: "Die Stereochemie der Sterine und verwandter Naturstoffe"

1939 I-1942 VIII                         Leiter der chemischen Abteilung des Instituts gegen die Geschwulstkrankenheiten am Rudolf-Virchow-Krankenhaus, Berlin

1942 IX-1948 X                          Planma?iger a.o. Prof. fur organische Chemie und organische Technologie an der Univ. Gottingen

1948 XI-1962 II                          Planma?iger a.o. Prof. und Direktor des Instituts fur experimentelle Krebsforschung an der Univ. Heidelberg; Antrittsvorlesung 3.12.1948 "Zur Biochemie der Tumoren"

1962 III-1971 VII                        o. Prof. ebd. (nach der Einrichtung des Lehrstuhls fur experimentelle Krebsforschung)

1971                                        Vorbereitung und Leitung der Tagung von UICC (Internationale Union gegen Krebs) in Heidelberg, namlich 4. Int. Symposium uber die biologische Charakteristik menschlicher Tumoren

 

Ehrungen: Carl-Duisberg-Gedachtnispreis des Vereins Dt. Chemiker (1943); Nationalpreis d. DDR (1949); Scheele-Medaille d. Biochem. Ges. Stockholm (1954); Mitglied d. New York Academy of Sciences (1961); Mitglied d. American Association for Cancer Research (1962); Wilhelm-Warner-Preis f. Krebsforschung (1966); Orden Legion d?Oro (1968); Stiftung des  "Renate u. Hans Lettre Forschungspreises" d. Dt. Ges. f. Zell- u. Gewebezuchtung (2000)

 

L., Sohn eines Ingenieurs, zeigte schon als Gymnasiast Neigung zur Naturwissenschaft. Im Bericht des Realgymnasiums zu Eberfeld vom Ostern 1927 steht, dass L. Studium der Physik vorhabe. Nach einem Semester in Munchen wechselte L. nach Gottingen, damals einem Weltzentrum der Mathematik und Naturwissenschaften. Hier war sein Lehrer Adolf Windaus (1876-1959), der gro?e Organiker, dem eben (1928) der Nobelpreis fur Chemie verliehen worden war und der seinen Schulern zusammen mit der Wissenschaft hohe ethische Standards einpragen konnte. Spater schrieb L., dass Windaus ihm immer "Vorbild" bleibe. Der begabte Student zog bald die Aufmerksamkeit des Lehrers an sich. Bereits 1930 publizierte L. seinen ersten Artikel: Mit physikalischen Mitteln loste er eine Fragestellung aus dem von Windaus bearbeiteten Gebiet der Naturstoffchemie.  Windaus nahm ihn als "Lektionassistenten" - eine Stelle, die L. auch nach seiner Promotion im Fruhling 1932 jahrelang innehatte. Sein Kommilitone, Prof. Arthur Luttringhaus (1906-1992), erinnerte spater an L. als an einen Forscher, der damals "schon immer ein oder zwei Ecken weiter dachte, als andere". Seine rein chemischen Forschungen in Windaus' Institut wurden 1936 mit einem zusammenfassenden Buch uber Sterine gekront, das zum Standardwerk wurde. L.  habilitierte sich auch uber Sterine.

Als Privatdozent sollte L. uber "Die chemischen Kampfstoffe" (fur alle Fakultaten) lesen, fuhlte sich aber sehr unzufrieden. Als an Windaus eine Anfrage wegen eines Leiters der chemischen Abteilung des Krebsinstituts in Berlin kam, konnte er L. empfehlen. So wurde L. beurlaubt und begann Anfang 1939 seine neue Tatigkeit in Berlin. Hier lernte er die Methode der Gewebezuchtung kennen, d. h. der Zuchtung tierischer und menschlicher Zellen au?erhalb des Organismus, und wandte sie als erster systematisch fur das Studium der Beeinflussung chemischer Faktoren auf das Zellwachstum an. Dabei entwickelte er auch einen einfachen Test mit dem Mause-Ascites-Tumor: Er wurde zum Standardindikator zur Prufung von Substanzen hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Krebszelle.

Ab 1941 fungierte L. auch als Privatdozent an der Univ. Berlin. Er las uber "Wege chemischer Krebsforschung", "Wirkstoffe des Wachstums" und "Immunochemie". Hier traf er die begabte und zielstrebige Medizinstudentin Renate Harttung, die im Gebiet der Tumormedizin promovieren wollte und die seine Lebensgefahrtin und Mitarbeiterin wurde. Mit ihr publizierte L. etwa 25 Aufsatze, den ersten noch vor der Eheschlie?ung (1941).

Ende 1942 wurde L. zuruck als ao. Professor nach Gottingen berufen, um zur Entlastung fur Windaus die Vorlesungen uber "Organische Chemie" zu ubernehmen. Er las auch uber "Organische Technologie" und "Biochemie der Tumoren". Gleichzeitig setzte er seine Forschungen zur Entwicklung der Grundidee uber die Hemmung der Zellteilung (Mitose) durch die "Mitosegifte" fort. Der Physiologieprofessor Hermann Rein (1898-1953) stellte ihm in seinem Institut Raume fur die Gewebezuchtung zur Verfugung. L. konnte bis zum Kriegsende arbeiten, weil Gottingen von der Zerstorung durch die Luftangriffe verschont blieb. Nach dem Zusammenbruch durfte L. sofort mit der Neueroffnung der Universitat zu seiner Lehr- und Forschungstatigket zuruckkehren. Politisch war er, wie auch seine Frau,  unbelastet.

 

1946 begann der erste Heidelberger Nachkriegsrektor, Chirurg und Krebsforscher Karl Heinrich Bauer eine Neugrundung des 1906 errichteten und 1935 geschlossenen Krebsforschungsinstituts anzutreiben. In demselben Jahr traf Bauer L. und bemuhte sich, wie er schrieb, "einen hervorragenden Forscher..., der die Heidelberger Tradition der Krebsforschung neu zu begrunden in der Lage ware", als Direktor zu berufen. Die zahen Verhandlungen der Universitat mit den Behorden dauerten bis Herbst 1948, um eine Finanzierung des Instituts und seiner Stellen zu schaffen.

Im November 1948 kam L. mit seinen engsten Mitarbeitern nach Heidelberg. Am Anfang waren die Verhaltnisse sehr eng: Es gab nur vier Raume, wo zuerst, so L., "kein Stuhl, keine Gluhbirne, kein Reagenzglas mehr war". Die Raume wurden flexibel, je nach Bedarf, fur Gewebezuchtung, Kukenzucht, Histologie, Mikrokinematographie, Spulkuche oder Tierversuche genutzt.

Ebenso flexibel versahen die Mitarbeiter alle Funktionen des Instituts von der exakten Forschung bis zur Gebaudereinigung - die Gewebekulturen sollten ja steril bleiben. Dank des gedeihlichen Zusammenarbeitens und L.s standiger Bemuhungen um Erweiterung wurde diese anfangliche Armut allmahlich uberwunden. L. wohnte im Institut und war immer ansprechbar. Er verlie? sein Arbeitszimmer selten vor 23 Uhr. Seine Mitarbeiter schatzten seine durch Weitblick gepragten Anregungen, seine Hilfsbereitschaft und Gro?zugigkeit. Im Institut herrschte "die faszinierende Atmosphare aus naturwissenschaftlicher Neugierde, tiefster menschlicher Verantwortung und akademischer Freizugigkeit", bezeugte Prof. Heinrich Wrba (1922-2001), ein langjahriger Mitarbeiter L.s. Seine Leitung forderte die erfolgreiche Entwicklung des Instituts: Wahrend des Direktorats von L. verlie?en 534 Publikationen und daruber hinaus 394 Dissertationen das Institut, dazu 13 Habilitationsschriften.

 

1966 wurde das Institut in das 1964 neugegrundete Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ubernommen. (Der Umzug des Instituts in den Neubau des DKFZ unter dem Namen Institut fur Zellforschung fand erst 1972, nach dem Tod L.s, statt). Aber schon Anfang der 1950er erreichte das Institut internationales Ansehen. Gaste aus dem Ausland arbeiteten regelma?ig dort. L. verstand wie nur wenige die Notwendigkeit des Zusammenwirkens wie auch der "Verstandigung untereinander" von verschiedenen Naturwissenschaften und Fachgebieten, um das Krebsproblem losbar zu machen. Deswegen trug sein Institut nie eine einschrankende nahere Bezeichnung seiner Arbeitsrichtung.

 

L entwickelte aus alteren Interessengebieten folgende prinzipielle Frage: "Warum wachsen Tumorzellen unter Bedingungen, unter denen die normalen Zellen nicht wachsen?" Die endgultige Antwort ist bis heute nicht gefunden. Im Verlauf der Forschungen wurden aber interessante Hypothesen zum Mechanismus der Mitose entwickelt und das Problem der Wirt-Tumor-Beziehung wurde begriffen, ebenso die Erscheinung der Resistenz von Tumorzellen gegen Chemotherapeutica, welche die Suche nach deren Uberwindung vorantrieb.

L. erkannte sehr fruh die Rolle und Bedeutung der modernen physikalischen Forschungsmethoden und bemuhte sich, sie in seinem Institut zu beherrschen und fur die Krebsforschungsfragen zu entwickeln. Besonders erfolgreich war er mit der sog. Elektronenmikroskopischen Autoradiographie. Die Arbeit daruber wurde au?enordentlich oft in der Fachliteratur zitiert.

Bei der Suche nach neuen Mitose hemmenden Stoffen - schon gegen 1960 wurden ca. 2000 Verbindungen bezuglich ihrer Wirkung auf Gewebekulturen normaler und maligner Zellen untersucht -  unterlie? L. nicht auch rein chemische Forschungen in seinem Instutut durchzufuhren. Ihre Ergebnisse wurden teilweise patentiert und meistens an den chemischen Konzern Bayer AG verkauft. Chemie bedeutete fur ihn vor allem, so er selbst, "den festen Boden!", von dem aus er "immer wieder den Vorsto? in das Unbekannte wagen" konnte.

 

L. besa? eine ausgepragte literarische Ader und publizierte nicht nur viele originelle Arbeiten, sondern auch zahlreiche popularwissenschaftliche Aufsatze und Ubersichten. Insgesamt stammen von ihm etwa 360 Publikationen.

Nicht selten trat L. vor die Presse, da die Finanzierung seines Instituts entscheidend von Behorden und Stiftungen abhing. Er verstand, in klaren Worten die Gro?e des Problems vor der Offentlichkeit darzustellen. Au?erdem fungierte er als Mitherausgeber einiger Zeitschriften, insbesondere der "Zeitschrift fur Krebsforschung" (ab 1948), sowie vieler einmaliger Sammlungen.

Als Professor der Medizinischen Fakultat hielt L.  die Arbeit der Studenten im Labor fur das Wichtigste. Er las uber "Geordnetes und ungeordnetes Wachstum", "Cytochemie", "Cancerogene und mutagene Faktoren", "Mitose und Mitosegifte" und uber weitere ahnliche Themen, die er erforschte, - jeweils aber nur eine Stunde wochentlich, selbst in der Eigenschaft eines o. Professors.

 

Ein guter Redner war er nicht. Nicht die Form, sondern der immer originelle Inhalt oder neue Standpunkt seiner Vorlesungen und Vortrage machten ihn sehr gefragt bei vielen Kongressen und Tagungen im In- und Ausland. L. unternahm viele Reisen, mehmals in die USA, nach West- und Osteuropa, einschlie?lich der Tschechoslowakei, Rumanien und UdSSR (1956), aber auch nach Indien (1960 und 1966), Uruguay und Japan (1965-66), und uberall schatzte man ihn als gro?en Kenner des Krebsproblems.  Aus demselben Grund wahlte man ihn zum Mitglied und/oder Berater mehrerer Gremien, so des wissenschaftlichen Beirats fur Krebsforschung bei der Weltgesundheitsorganisation (1959-1964), des standigen beratenden Ausschusses fur Biologie der Europaischen Atomgemeinschaft [EURATOM] (ab 1961), des Vorstands der Internationalen Gesellschaft fur Chemotherapie (ab 1961).

Die standige uberma?ige Anstrengung endete tragisch: L. starb unerwartet an einem Lungeninfarkt mit 62 Jahren.

 

L. gilt als einer der bedeutendsten Krebsforscher Deutschlands. Die von ihm entwickelten Testmethoden bildeten weltweit die Grundlage fur die Suche nach der chemotherapeutischen Behandlung maligner Tumoren. Seine bahnbrechenden Arbeiten lieferten neue Ansatzpunkte und brachten die Erforschung des Krebsproblems auf ein hoheres Niveau, obwohl, wie bekannt, bis heute kein endgultiger Erfolg erreicht wurde: "Die Welt ist bunt und warum soll das Krebsproblem nicht auch bunt sein?", bemerkte L. einst.

 

StA Wuppertal, Auskunft vom 24.2.2006; UA Heidelberg PA 1052, 1053; PA 2837; PA 4813, 4814; PA 8259; PA 9768, 9769; H-III-557/2 u. H-III-640 (Lehrstuhl f. experimentelle Krebsforschung).

 

W Notiz uber Isomere des Ergosterins u. des Dihydroergosterins, Zs. f. physiol. Chemie, 189,1930, 1-3; Uber Additionsverbindungen u. Mischkristalle in d. Sterinreihe, Ann. d. Chemie, 495, 1932, 41-60; (mit H. H. Inhoffen) Uber Sterine, Gallensauren u. verwandte Naturstoffe, 1936, 21954; Die Gewebezuchtung als Hilfsmittel chemischer Krebsforschung, Angew. Chemie, 53, 1940, 363-368; Beobachtungen uber das Wachstum des Mause-Ascites-Tumors und seine Beeinflussung, Zs. f. physiol. Chem., 268, 1941, 59-76; Adolf Windaus. Zu seinem 70. Geburtstag am 25. Dezember 1946, in: Gottinger Universitats-Zeitung, Jg.2, 1946, Nr.2, S. 9f.; Uber Mitosegifte, in: Ergebnisse d. Physiologie, biologischen Chemie u. experimentellen Pharmakologie, 46, 1950, 379-452; Zur Chemie u. Biologie d. Mitosegifte, Angew. Chemie, 63, 1951, 421-430; Synergists and Antagonists of Mitotic Poisons, Annals of New York Academy of Sciences, 58, 1954, 1264-1275; Krebsforschung in USA, Die Therapiewoche, 5, 1954/55, 195-198; Cytotoxic agents of purine and sterol group, in: Progress in Experimental Tumor Research, vol. 1, 1960, 329-359; Zusammenfassung der experimentellen Arbeiten uber antimitotische Chemotherapie, Antibiotica et Chemotherapia, 8, 1960, 166-193; Experimentelle Krebsforschung, in: Bild d. Wissenschaft, 3, 1966, 536-545; Autobiographie, in: Wilh. Ernst Bohm (Hg.) Forscher u. Gelehrte, 1966, 178-180; (mit N. Paweletz) Probleme d. elektronenmikroskopischen Autoradiographie, Naturwissenschaften, 53, 1966, 268-271; Der Stand d. medikamentosen Behandlung des Karzinoms, Universitas, 23, 1968, 131-138; (Hg., mit G. Wagner) Heidelberger Symposion: Aktuelle Probleme aus dem Gebiet d. Cancerologie, II., 1968, III, 1971; (mit K.-H. Doenges u. a.) Synthese neuer Colchicin-Derivate mit hoher antimitotischer Wirksamkeit, Liebigs Ann. d. Chemie, 758, 1972, 185-189.

 

L Poggendorffs Biogr.-literar. Handworterb. VIIa, Teil 3, 1959, 81-83 (mit Bibliographie); D. Schmahl, L., in: NDB 14,1985, 360;Georg Gerster, Probleme d. Krebsforschung: Eine Stunde mit Professor Dr. H. L., in: Georg Gerster, Aus d. Werkstatt des Wissens, 2. Folge, 1958, 76-94 (B vor d. S. 81); Anonym, H. L., in:Nachrr. aus Chemie u. Technik 16, 1968, 412 (mit B); H. L. +, in: Ruperto Carola 49, 1971, 197; D. Schmahl, In memoriam H. L., in: Arzneimittel-Forschung 21, 1971, 1427 (B); An appreciation of Professor H. L. (1908-1971), in: European Journal of Cancer 8, 1972, 273; H. Wrba, Zum Gedenken an H. L. (mit B), in: Zs. fur Krebsforschung 78, 1972, 1-3; Dt. Krebsforschungszentrum Heidelberg. FS zur Einweihung d. Betriebsendstufe am 25. September 1972, 67-76; G. Wagner, in: Krebsforschung in Heidelberg, Semper Apertus IV, 1985, 237 f., 248; D. Werner, Von d. Chemie zur Zelle, in: Einblick (Zs. des DKFZ) 14. Jg., Nr. 2-3, 2000, 20-23 (mitB).

 

B UA Heidelberg; Journal of Clinical and Experimental Psychopathology 12, 1951, 247; Chronik d. Arzte Heidelbergs, 1985, 184; Wrba, 1972; Werner, 2000 (vgl. L).

 

 

Hits: 1251