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Hieber, Walter (1895-1976), Chemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Hieber, 
Walter Otto, Chemiker
*18.12.1895 Stuttgart, ev., +9.11.1976 München


V Johann Hieber, Dr., Theologe, Gymnasialprofessor, Politiker, später Kultusminister und Staatspräsident in Württemberg (1862-1951); M Mathilde Auguste, geb. Schmid (1871-1946); G 5 Martin H. (1891-1917); Ernst H. (1892-1915); Gertrud, verh. Gerock; Hedwig H.; Margarete, verh. Fritz;

Ledig

 

1902-1905                                         Elementarschule in Stuttgart 
1905-1915                                         Humanistisches Karlsgymnasium in 
Stuttgart

 

1915-1918                                         Studium an der Universität Tübingen
1919 I 23                                           Promotion summa cum laude zum Dr.
 phil. ebd.

                                                                             Diss. "Über Komplexverbindungen des

                                                          dreiwertigen Eisens mit unterphosphoriger Säure"
1919 II 1                                            Vollassistent am Chemischen Institut 
an d. Univ.

                                                                             Würzburg
1924 VII 2                                          Habilitation ebd. :"Zum Problem des
                                                          Ringschlusses bei Anlagerungsverbindungen 

                                                          (Vielgliedrige cyclische Molekülverbindungen d.

                                                         Zinnhalogenide)"; Probevorlesung: "Das

                                                         Periodische System d. Elemente"
1925 III - 1926 III                                Vollassistent und Abteilungsleiter am

                                                                            Chemischen Laboratorium d. Univ. Jena
1926 V 20                                         a.o. Professor an der Univ. Heidelberg (ab

                                                                            1926 IV - Vollassistent am chemischen Institut)

                                                                            Antrittsvorlesung: "Neuere Anschauungen über den

                                                         Bau d. Moleküle"
1932                                                Abteilungsleiter an der TH Stuttgart
1933                                                a.o. Professor u. stellvertretender Vorstand am Lab.

                                                        d. anorganischen Chemie ebd.
1935 IV 1                                         o. Professor und Vorstand des Laboratoriums d.

                                                        anorganischen Chemie an d. TH München
1964 III 31 Emeritierung

Ehrungen: Mitglied d. Bayerischen Akad. Wiss. (1944), d. Akad. Leopoldina, Halle (1956); Dr. rer. nat. h.c. Univ. Heidelberg (1959), Univ. Tübingen (1969), Univ. Würzburg (1969)

H. stammte aus einer angesehenen Familie von starkem Pflichtgefühl und fairen patriotischen und sozialen Einstellungen. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, war Gymnasiast H., zusammen mit seinen Brüdern, als Freiwilliger sofort in den Heeresdienst eingetreten, mußte aber wegen Krankheit Ende September 1914 wieder entlassen werden. Seitdem war H. für den Militärdienst untauglich. (Seine beiden Brüder waren im Krieg gefallen).


Nach dem humanistischen Abitur im Jahre 1915 widmete sich H. auf eigenen Wunsch dem Studium der Naturwissenschaften an der Univ. Tübingen, wo sein Vater und später seine Brüder Geisteswissenschaften studiert hatten. Nach zwei Semestern ging er von der Mathematik und Physik zur Chemie über. Sein "unvergeßlicher Lehrer", Professor R. Weinland, so H., "lehrte die Liebe zur Wissenschaft um ihrer selbst willen","ihm verdanke ich eine solide Ausbildung, die unter dem Grundsatz stand, dass der Chemiker vor allem den neuen Stoff zu suchen hat".

Der Schüler begriff diese Lektionen. Weinland führte H. in die Chemie der Komplexverbindungen ein; in diesen Bereich gehört die Promotionsarbeit H.'s und fast alle seine spätere Forschungen. (Physik und Mineralogie wurden bei der Promotion zu Nebenfächern). Der Referent, Prof. W. Wislicenus meinte, dass H.'s "Ergebnisse von besonderem Interesse" seien und dass H. "ein sehr tüchtiger Chemiker auf dem anorganischen Gebiete zu werden verspricht".


Der promovierte Chemiker ging als Unterrichtsassistent an die Univ. Würzburg, wobei er auch mit der Abhaltung der Vorlesungen über Spezialgebiete der anorganischen Chemie betraut wurde. Er las über die Chemie der Metalle, der Nichtmetalle und über Komplexverbindungen. Gleichzeitig bereitete er seine Habilitationsarbeit vor. Im Februar 1922 erlitt H. einen schweren Unfall: infolge einer Explosion im chemischen Labor verlor er seine rechte Hand. Zäher Wille und Zielstrebigkeit ermöglichten ihm, weiter experimentell zu arbeiten und sich erfolgreich zu habilitieren. Im Empfehlungsschreiben der Fakultät stand, dass von H. "hohe wissenschaftliche Leistungen und eine anregende und ersprießliche Lehrtätigkeit zu erwarten sind".


Bald nach der Habilitation wechselte H. zu der Univ. Jena. Er las dort über "Analytische Chemie" und über den "Bau der anorganischen Molekülverbindungen". Die Umstände waren aber nicht günstig und so gelang es Prof. Karl Freudenberg (s. dort), der begabte Mitarbeiter für sein Institut in Heidelberg suchte, H. zu gewinnen und als Leiter der anorganischen Abteilung einzusetzen. Die Erwartung Freudenbergs, so er selbst, "hat H. in vollem Maße erfüllt". H. las fast alle anorganischen Spezialvorlesungen (Geochemie, Periodisches System, Fragen der chemischen Analyse, Chemie der Komplexverbindungen u.a.). "Ich verdanke ihm - berichtete Freudenberg - viele organisatorische und didaktische Neuerungen. Der Vortrag ist klar und gründlich".


Noch wichtiger war seine Forschungsarbeit. Die Jahre in Heidelberg waren für H.'s wissenschaftlichen Weg entscheidend: Hier begann er, sein Lebenswerk - die Chemie der Metallkarbonyle - zu schaffen. Das Arbeitsgebiet hatte sein Interesse bereits früher geweckt, besonders als R. Weinland (damals in Würzburg) 1922 ihm zum Demonstrationsversuch der Herstellung von Nickelkarbonyl [Ni(CO)4] die Anregung gegeben hatte. Bedingungen, diesem Interesse zu folgen, eröffneten sich erst in Heidelberg, insbesondere dank der Kontakte mit der BASF (damals IG Farbenindustrie AG, Werk Ludwigshafen), die H. mit größeren Mengen von Eisenpentakarbonyl [Fe(CO)5] versorgte. 1931 gelang H. eine große Entdeckung, die des Eisenkarbonylhydrids [Fe(CO)4H2 - eine gasförmige, sehr reaktionsfähige Substanz]. Gleichzeitig war es die Entdeckung einer neuen Klasse von Verbindungen.


1932 bekam H. eine Stelle in seiner Heimatstadt und verließ "schweren Herzens" Heidelberg. An der TH Stuttgart setzte er seine Lehr- und Forschungstätigkeit fort. Insbesondere synthetisierte er hier das zweite Karbonylhydrid [Co(CO)4H]. Der Versuch, ihn zum ordentlichen Professor zu befördern, als Nachfolger des im Dezember 1933 verstorbenen Chemieprofessors E. Wilke-Dörfurt, scheiterte aber wegen der Absage des NS-Kultusministers: "Den Sohn des Demokraten Hieber dulde ich nicht als Hochschullehrer in Stuttgart". 1935 folgte H. dem Ruf nach München, wo er dann bis zum Lebensende verblieb.


Hier entfaltete er seine Forschungstätigkeit mit über 90 bei ihm promovierten Mitarbeitern, insbesondere unter Anwendung der Hochdruckapparatur für Metallkarbonylsynthesen. H. musste die Zerstörung des Instituts im 2. Weltkrieg und ungerechtfertigte persönliche Beeinträchtigungen durchstehen, ging aber seinen Weg zielstrebig und konsequent weiter. H. war nie Mitglied der NSDAP, er hatte konsequent antinationalsozialistische Haltung, sollte aber, als Forschungsbeauftragter in dem "Vierjahresplan Institut für die Chemie der Schwermetalle" entlassen werden und eine schwere Prozedur der "Entnazifizierung" durchstehen. Erst im Mai 1947 wurde er in Amt wiedereingesetzt.
Besonders nach dem Krieg gewann er die weltweite Anerkennung als "Vater der Chemie der Metallkarbonyle". 
H. war vortrefflicher Lehrer, der mehr als 100 Doktoren erzog. "Als willensstarke, zielbewusste, stets das Wesentliche anstrebende, ungewöhnlich prägend wirkende Persönlichkeit, haben ihn seine zahlreiche Schüler kennengelernt",- schrieb sein Schüler und Nachfolger E.O. Fischer.


Nach seiner Emeritierung (1964) betätigte sich H. mit einem kleinen Mitarbeiterkreis forschend bis Ende 1970. Noch 1974 nahm er an einem ihm gewidmeten internationalen Symposium über Metallkarbonylchemie in Ettal lebhaft und aktiv teil.


Das wissenschaftliche Werk H.'s ist beeindruckend konsequent und einheitlich. Von Anfang an bearbeitete er die Chemie der Komplexverbindungen (heute häufiger "Koordinationschemie"). In diesem unermesslichen Bereich fand er ein seltenes Gebiet, in dem damals kaum geforscht wurde: die Chemie der Metallkarbonyle. Seine erste Mitteilung darüber erschien 1928, die letzte 1970, unter Nr. 163. (Numeriert wurden nur experimentelle Beiträge). Alle sind theoretisch gut durchdachte und experimentell meisterhaft durchgeführte Untersuchungen. Mit seinen zahlreichen Schülern konnte er Dutzende neuer Verbindungen synthetisieren. Außer den oben erwähnten Karbonylhydriden sind Spitzenerfolge auch die Synthesen des vorher unbekannten Rheniumkarbonyls und der Karbonylen von Edelmetallen (Rh, Ir, Ru, Os). Seine Arbeiten zeigten, dass Karbonylverbindungen keineswegs etwas Isoliertes darstellen, sondern als viele verschiedene substituierte Derivate als Übergang zu anderen Metallkomplexen aufgebaut werden können, - wie Metallnitrosyle, -isonitryle, -cyaniden u.a. wie auch gemischte Komplexe. So schuf Hieber in seinen insgesamt 284 Artikeln und mehreren Patenten die neuen Kapitel der Koordinationschemie wie auch der metallorganischen Chemie.
Als Mensch war H. eine eher scheue, die Öffentlichkeit nicht suchende Persönlichkeit. Er war äußerst sachlich und zurückhaltend. Sein Lebensweg war Arbeit und lebenslang vorbildlich erfüllte Pflicht.


Q UA Tübingen (258/7562; 136/41; 201/535; Auskunft); UA Würzburg (ARS-Nr. 545; Personalakten Hieber; Auskunft); UA Heidelberg (PA 4205; Rep. 14-574; Verhandl. Naturwiss.-Math. Fak.1932-1933, Nr. 61, 62, 63); GLA Karlsruhe (235/2096); UA Stuttgart (Auskunft); ATU München (Auskunft); A d. Bayer. Akad. Wiss. (Personalakten Hieber) 

 W Eine neue Methode zur Titration von Enolen in Keto-Enol-Gemischen (Anwendungen der Komplexchemie auf Probleme der organischen Chemie, I), Berr. Dt. Chem. Ges., 54, 1921, 902-912; Reaktionen und Derivate des Eisenscarbonyls (mit F. Sonnenkalb), ebd., 61, 1928, 558-565; Zur Kenntnis des koordinativ gebundenen Kohlenoxyds: Bildung von Eisencarbonylwasserstoff, Naturwissenschaften, 19, 1931, 360-361; Neuere Arbeiten auf dem Gebiet der Metallcarbonyle: Über Metallcarbonylwasserstoffe, Angew. Chemie, 49, 1936, 463-464; Die gegenwärtige Stand der Chemie der Metallcarbonyle, ebd., 55, 1942, 7-11, 24-28; Neuere Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Metallcarbonyle, ebd., 64, 1952, 465-470; Neuere Anschauungen über Reaktionsweisen der Metallcarbonyle, insbesondere des Manganscarbonyl (mit W. Beck und G. Zeitler), ebd., 73, 1961, 364-368; Metal carbonyls, forty years of research, Adv. Organometallic Chemistry, 8, 1970, 1-28; Nitrosyl-Komplexe von Metallen der Eisengruppe mit Aminosäuren und Aldoximen als Chelatbildnern, Zs. f. anorg. u. allg. Chemie, 381, 1971, 235-240.

 L Ed. Gerock, Johannes Hieber, Lebensbilder aus Schwaben und Franken, Bd. 13 (1977), S. 375-407; W. Hieber, Nachr. aus Chemie u. Technik, 2, 1954, 104 (B); E.O. Fischer, W. Hieber zum Achtzigsten, TU München, Mitteilungen, 1975, Nr. 7, S. 6 (B); E. O. Fischer, W. H.+, Bayer. Akad. d. Wiss., Jahrbuch 1977, 258-261 (B); J. Behrens, The chemistry of metal carbonyls: The life work of W. H., J. Organometallic Chemistry, 94, 1975, Nr.2, 139-159; Helmut Behrens, Wissenschaft in turbulenter Zeit. Erinnerungen eines Chemikers an die TH München, 1933-1953, 1998, 180 (Namensregister), Bilder Nr. 2 u. Nr. 14.

 B s. L; J. Chem. Education, 14, 1937, 580 und 31, 1954, 141; Zs. f. anorg. u. allg. Chem., 282, 1955, H. 1; UA Heidelberg; ATU München; A Bayer. Akad. Wiss.

 

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