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Wurster, Carl (1900-1974), Chemiker, Industrieller

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Wurster, Carl, Chemiker, Industrieller

*2.12.1900, Stuttgart, ev., +14.12.1974, Frankenthal (Pfalz)


V Karl W. (1860-1941), Stadtpolizeirat, Vorstand des Stadtpolizeiamts in Stuttgart; M Clara Julie, geb. Sippel (1873-1962); G Halbschwester Marie Charlotte, verh. Christmann (1887-1973); Halbbruder Oskar (1890-1907); Bruder Friedrich (Fritz) (1898-1996); Schwester Maria, verh. Motz (1904-1983)

 

∞ 24.7.1926, Stockholm, Anna Margareta Bergman (1902-1984); K Birgitta W. (1929-1951); Monika (Mona), verh. Ruef (geb. 1933), Dr. med.

 

1906-1918              Besuch des humanistischen Eberhard-Ludwig-Gymnasiums

                                in Stuttgart; Abschluss mit dem Reifezeugnis                      

1918 VII-XII              Militärdienst beim Feldartillerie-Regiment  13

1919 I - 1923 II        Studium Chemie an der TH Stuttgart

1923 II 23                Promotion zum Dr.-Ing. "mit  Auszeichnung"; Diss. "Beiträge

                               zur Kenntnisse des Deacon'schen  Chlorprozesses" (Doktorvater 

                               Prof.A. Gutbier, Referenten E. Wilke-Dörfurt und G. Grube)          

1922 X-1923 XII      Assistent am anorganisch-chemischen Laboratorium der TH 

                               Stuttgart

1924 I 2                   Eintritt in die BASF, Ludwigshafen

1924-1928              Laboratoriumstätigkeit im Anorganischen Labor; 1926 Leiter der

                               Anorganischen Labor und der anorganischen Versuchsbetriebe

1930                       Betriebsleiter der anorganischen Betriebe

1932 I                     Stellvertretender Leiter der Anorganischen Abteilung

1934 IV 1                Prokurist der IG Farbenindustrie AG

1936 VI 1                Titulardirektor ebd.

1938 I 1                   Vorstandsmitglied ebd. und Betriebsleiter der Werke

                               Ludwigshafen/Oppau          

1941-1945              Präsident d. Industrie- und Handelskammer v. Pfalz

                                

1947 IV 25                Verhaftung wegen der Anklage von dem Nürnberger Militärgericht

                                 (Fall 6)

1948 VII 29               Freispruch

1949 IX-1968 IX       Verwaltungsrats- bzw. Vorstandsmitglied des Stifterverbands für

                                die Deutsche Wissenschaft

1952 I-1965 V          Vorsitzender des Vorstands d. BASF

1952 III                     Honorarprofessor der Chemie und chemischen Technologie an

                                der Univ. Heidelberg

1953 IV-1959 III      Senator und Kuratoriumsmitglied der Deutschen

                               Forschungsgemeinschaft

1958 II-1967 I           Mitglied des Wissenschaftsrats

1958 I-1959 XII       Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker

1960 V-1972 VI       Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft

1962 I-1963 XII       Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie

1965 V-1974 VII     Vorsitzender des Aufsichtsrats der BASF

 

Ehrungen:

Dr. rer. nat. h.c. d. Univ. Tübingen (1952); Dr.-Ing. h.c. d. TH München (1953); Das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der BRD (1955); Dr. rer. pol. h.c. d. Wirtschaftshochschule Mannheim (1960); Ehrenbürger d. Stadt Ludwigshafen (1960); Ehrensenator d. Univ. Heidelberg (1960); Ehrenbürger d. TH Stuttgart (1960); Ehrensenator d. Univ. Mainz (1960); Ehrensenator d. TH Karlsruhe (1960); Ehrensenator d. Univ. Tübingen (1963); Ehrenmitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (1966); Schillerpreis der Stadt Mannheim (1966); Harnack-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft (1970); Ehrensenator der Max-Planck-Gesellschaft (1972).

 

 

W. wurde als fünftes von sechs Kindern eines Stuttgarter Amtmanns geboren. In seinem Elternhaus lernte er, so er selbst, "eine bescheidene Lebensführung kennen, verbunden mit der glücklichen Harmonie eines auf Heim und Familie abgestellten Milieus". Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums, das er "mit guten Erfolge" abgeschlossen hat, und nach einem halbjährigen Militärdienst begann W. sein Chemiestudium an der TH Stuttgart. Ursprünglich wollte er Medizin studieren, wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie konnte er sich aber ein Studium außerhalb des Wohnorts der Eltern nicht leisten. Die Mittel für sein Studium verdiente W., indem er Unterrichtsstunden für Gymnasiasten gab und während der Hochschulferien 1919, 1920 und 1921 als Werkstudent im Laboratorium der BASF (Ludwigshafen) arbeitete. Im Dezember

1921 bestand W. "mit Auszeichnung" seine Diplomprüfung und setzte sein Studium fort mit Promotion "summa cum laude" im Gebiet der anorganischen Chemie; gleichzeitig arbeitete er als Unterrichtsassistent. Nach der Charakteristik seines Doktorvaters Prof. A. Gutbier (s. dort) hat sich W. "in jeder Beziehung als ein hervorragend begabter, durchaus zuverlässiger Chemiker erwiesen, der mit größtem Fleiß und peinlicher Gewissenhaftigkeit alle Arbeiten erledigt hat."

Bald verließ W. die akademische Laufbahn, teilweise wegen seiner "verhältnismäßig sehr niederen Vergütung", teilweise, weil die Arbeit in der Industrie, nämlich bei der BASF interessante wissenschaftliche Aussichte bot.

Ab Mitte 1924 arbeitete W. im "Säurelaboratorium" und erreichte viel in der Verbesserung alter und der Ausarbeitung neuer Verfahren, insbesondere erfand er ein neues Verfahren zur Herstellung von wasserfreien Metallchloriden. Diese Ergebnisse wurden in 11 deutschen und 22 ausländischen Patenten fixiert und im Betrieb eingeführt. Carl Bosch wurde aufmerksam und begann ihn zu fördern, zuerst als Betriebsleiter der anorganischen Betriebe, dann als Leiter der Anorganischen Abteilung und schließlich, ab 1938,  machte man ihn zum Leiter der Werke Ludwigshafen/Oppau. (1925-1945 gehörte die BASF zur IG Farbenindustrie AG, geleitet durch C. Bosch). Aufgrund der Entscheidung des Aufsichtsrats der IG Farbenindustrie vom 18. Dezember 1937 "übernahm er die soziale Führung des Betriebes". Die technische Leitung teilte W. mit zwei anderen Direktoren; dabei blieb er verantwortlich für die anorganische Produktion.

Der neue "Betriebsführer", so seine damalige Bezeichnung, sah sich bald zwangsweise in die NSDAP aufgenommen, ohne einen Antrag dafür gestellt zu haben. (Früher hatte er die Angebote, die Partei einzutreten, abgelehnt.) Er blieb aber ausschließlich sachbezogen und versetzte seine Arbeit nie mit politischen Faktoren.

Seine neuen Funktionen erfüllte W. mit voller Verantwortung. Mit dem Fahrrad besuchte er die Fabrikanlagen fast täglich mehrere Stunden und gab den Leuten die Möglichkeit, direkt mit ihm zu sprechen. Aussagen sprechen von "frischem Wind" für das Unternehmen. Ausgestattet mit höchsten Gaben der Klarheit und der Schnelligkeit des Denkens bewältigte W. scheinbar spielend seine Aufgaben, aber trotz dieser "ganz erstaunlich raschen Arbeitsweise" hielt er sich bis in die späten Abendsstunden in der Fabrik auf  und beschäftigte sich Samstags und Sonntags häufig mit größeren Planungen. Eine der größten seiner organisatorischen Innovationen im Bereich der Forschung war, schon Anfang 1938, die Wiederaufnahme der Technischen Direktionsbesprechungen.

Seit Kriegsbeginn, so sagte er 1941, "waren gewaltige soziale Probleme zu lösen" - "die Absorption der ausländischen Arbeitskräfte" und "den ganz großen Einbau der Frauenarbeit in unsere Werke". Seine besondere Sorge war "die Sicherheit der Belegschaft". Bekanntlich wurden Ludwigshafen und das Werk durch Luftangriffe 1944-1945 fast völlig zerstört. Auf eigene Faust verweigerte W. vor dem Abzug der deutschen Truppen den militärischen Befehl die Reste zu sprengen; er blieb beim Werk bis zum Einmarsch der Amerikaner. Die Besatzungsmächte, zuerst amerikanische, dann französische, bestätigten ihn weiter als Leiter des Werks.

W. und seine treue Belegschaft hatten, so er selbst, "ein Verhältnis zur Fabrik wie der Bauer zu seinem Acker". Unter "unbeschreiblichen Verhältnissen" wurde mit der Erzeugung der chemischen Grundprodukte begonnen und gleichzeitig an der Behebung der Zerstörungen gearbeitet. "Ohne das menschliche Sich-Wieder-Zueinanderfinden, ganz von unten her in der Familie und im Betrieb, hätte nicht sofort 1945 der Wiederaufbau einsetzen können", bemerkte er später. Mitten aus dieser Wiederaufbauarbeit wurde W. plötzlich durch den Nürnberger Militärgerichthof herausgerissen. Die Mitarbeiter und Mitbürger standen hinter ihm wie in keinem anderen Falle eines Wirtschaftsführers. Nach 15 Monaten Haft erfolgte der Freispruch.

Es gab enorme Schwierigkeiten: man muss die achtjährigen Verhandlungen über die Entflechtung der IG Farbenindustrie und die daraus folgende Notwendigkeit, das eigene wirtschaftlich-kaufmännische System für die BASF aufzubauen, aber auch die Demontagen und Besatzungsinterventionen bedenken. Trotzdem fand 1952-1953 die zweistufige Neugründung der BASF statt. Dies gilt als eine der größten Leistungen W.s. Noch mehr: Das von ihm entworfene Wiederaufbaukonzept, in dem von Anfang an die Forschungen an vorderster Stelle vorgesehen waren, und seine weitere Leitung haben schließlich die BASF zu einer der modernsten chemischen Betriebsstätten der Welt werden lassen. Seine Offenheit, seine gewinnende Warmherzigkeit, seine Achtung vor dem Anderen und sein Vertrauen zu Mitarbeitern prägten die Atmosphäre in den Betrieben. W. leitete die Firma bis zur seinen Pensionierung 1965.

 

Sein Lebenswerk war die BASF, aber er hatte viel Kraft und Zeit für zahlreiche bedeutende Aktivitäten in der Förderung der Wissenschaft eingesetzt (s. Vorspann). 1952 wurde W. zum Honorarprofessor in Heidelberg ernannt und las von 1953 bis 1961 (übrigens ohne Honorar) über "Ausgewählte Kapitel aus dem Gebiet der chemischen Technologie". Er besaß umfassenden Überblick über die Entwicklung und die Probleme von Wissenschaft und Forschung innerhalb und außerhalb der Hochschulen und konnte in mehreren Gremien der Sache angemessene Wege empfehlen. Unermüdlich wiederholte er die These, dass nur die Forschung die Blüte der Wirtschaft, insbesondere der chemischen Industrie sichern kann. Aber: "Ein Stück idealistischer Grundlage und Ethik muss der Forschung bleiben, wenn sie nicht unsere Vorstellung ihres tiefsten Wesens und ihre Freiheit verlieren will". W. meinte, "dass nichts weniger zum Organisiertwerden und für die Betätigung von Funktionären aller Kategorien eignet, als die Wissenschaft. Jegliche Einschränkung der Freiheit der Wissenschaft, Freiheit im besten Sinne des Wortes, in dieser Sphäre kann sich auf die Dauer nur negativ auswirken".

In den fünfziger und sechziger Jahren hielt W. viele Dutzende von Vorträgen, Reden und Ansprachen, die ihn nicht nur als glänzenden Redner, sondern auch als echten Erklärer, sachlichen und ideenreichen Denker und Staatsbürger zeigen. Sie enthalten vieles, was auch heute der Überlegung Wert ist, so über Bildungspolitik, Gesetzgebung bezüglich der Wirtschaft, menschliche Beziehungen in Betrieben, Führungskräfte für Unternehmen.

 

W. war Naturwissenschaftler aus Leidenschaft, aber zugleich ein Liebhaber der alten Sprachen, der Dichtung und der Kammermusik. Hierzu eine sprechende Einzelheit: Als Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (abgekürzt GDCh) sprach er mit zwei zeitgenossischen Komponisten und gab ihnen die vier Noten G-D-C-H als musikalisches Motiv in Auftrag für die musikalische Umrahmung der Festsitzungen der GDCh gegeben: Ein voller Erfolg.

W.s hohe geistige und menschliche Qualitäten ebenso wie seine großen Leistungen machen ihn zu einer leuchtenden Gestalt in der Geschichte der Wirtschaft und Wissenschaft Deutschlands.

 

Q StA Stuttgart (Auskunft vom 12.10.2004); UnternehmensA d. BASF, Ludwigshafen (W1-Wurster, Nr. 1-20); StA Ludwigshafen (Nachlass F. W. Wagner, N25, Nr. 158, 159, 161, 164, 165, 166); UA Heidelberg (PA 6443; B 1884/22; Rep. 27-1877); Informationen von Frau Dr. Mona Ruef; Auskunft des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft vom 14.12.2004.

 

W Die technische Gewinnung von wasserfreiem Aluminiumchlorid, Zs. f. angew. Chem. 43,1930, 877-880; Gedanken und Beobachtungen zur Frage Grundlagenforschung und Zweckforschung auf dem Gebiete der Chemie, Vortrag in Tübingen am 8. Mai 1952; Forschung als Grundlage der chemischen Industrie, Zs. d. Vereins Deutscher Ingenieure, 96, 1954, 797-801; Wiederaufbau und Wandlung: Die BASF seit 1945, Jb. d. Max-Planck-Ges., 5, 1955, 244-259; Über die Verwendung von Sauerstoff für chemische Reaktionen, Chemie-Ingenieur-Technik, 28, 1956, 1-8; Sinn und Wert der humanistischen Bildung im geistigen und wirtschaftlichen Leben der heutigen Zeit, Mitteilungen d. Vereins der ehemaligen Schüler des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums, Sonderheft, April 1956, S. 12-16; Menschenbildung im Zeitalter der Technik: Gedanken zur Schulreform, Die Rheinpfalz, 7. Okt. 1957, Nr. 232, S. 6; Justus von Liebig 1803-1873, in: Große Deutschen, Deutsche Biographie hg. v. H. Heimpel, Th. Heuss, B. Reifenberg, Bd. 3 (1958), S. 313-326; Analytische Chemie: "Unterentwickeltes Gebiet" der deutschen Hochschulen? Angew. Chem., 71, 1959, 96-97; Impulsgebende Chemie, Der Volkswirt (Frankfurt/M), 13, 1959, Beilage zum H. 31, S. 52-55; Chemie und Lebensstandard, Ruperto Carola, 1961, 29, 75-87; Gesellschaftliche Kräfte der Wirtschaft, Offene Welt, 1961, Nr. 71, S. 51-65; Das Zeitalter der Kunststoffe hat erst begonnen! Börsen-Ztg. (Frankfurt/M), 31. Dez. 1961, Nr. 251, S. 1-3; Aktuelle Probleme der chemischen Industrie, Baden-Baden, 1962; Kein Fortschritt ohne Wissenschaft, Der Volkswirt (Frankfurt/M), 18, 1964, Beiheft zur Nr.18, S. 10-12; Führungskräfte für die Zukunft der Unternehmen, Vortrag anlässlich der Veranstaltung "Zehn Jahre Baden-Badenschen Unternehmergespräche", 6. Nov. 1964, Die BASF, 15, 1965, H. 1, S. 23-29 (gekürzte Version in: Junge Wirtschaft, 1964, Nr. 12, 449-451); Die heutige Bedeutung der Benzolchemie, in: Kekulé und seine Benzolformel, Vier Vorträge, Weinheim, 1966, S. 79-93; Tradition - Verpflichtung zum Fortschritt, Pfälzisches Industrie- und Handelsblatt, 43, 1968, 336-343; Wandel der Unternehmensführung durch Unternehmensforschung, in: Der Akademiker in Wirtschaft und Verwaltung, 1970/71, S. 29-34.

 

L Staab, H. A. C. W.+, Jb. d. Heidelberger Akad. d. Wiss. f. 1975, S. 77-80 (B); Lüst, R., C. W.+, Max-Planck-Ges., Berichte und Mitteilungen, Sonderheft 1.1.1975-15.4.1975, S. 5-7 (B); Heine, Jens Ulrich. Verstand und Schicksal. Die Männer der IG Farbenindustrie, Weinheim, 1990, S. 175-177; Abelshauser, Werner (Hg.), Die BASF, eine Unternehmensgeschichte, München, 2002, bes. S. 279-358.

 

B In: Henning, Eckart, Kazemi, Marion, Chronik der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften 1948-1998, Berlin, 1998, S. 515 u. 522; BASF-Nachrichten, 1965, H. 3, S. 18, H. 4, S. 1; Pfälzisches Industrie- und Handelsblatt, 43, 1968, S. 330, 336, 339; s. L; UnternehmensA d. BASF.

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