Becker, August (1879-1953), Physiker

Category: Kurzbiografien Published: Friday, 02 May 2014 Written by Daniel

Becker, August, Physiker 

 

  *19. Febr. 1879, Osterburken (Baden), ev., + 16. Jan. 1953, Heidelberg

V  Friedrich August B. (1838-1897), Gendarmeriewachtmeister; M  Christiane, geb. Heintzmann (+ vor 1897); G  ? (ein Bruder ist im I. Weltkrieg gefallen)

∞ 29. Dez. 1903 in Neustadt Marie Roth (1878-1961);

K Gertrud Wilhelmine (1905-1978) verh. mit Dr. H. Lefo; Friedrich August (1919-1945)

  

1885-1888                  Besuch der Volksschule in Karlsruhe

1888-1897                  Besuch der Oberrealschule in Karlsruhe

1897-1901                 Studium der Physik in Heidelberg und Kiel

 

1901 II                        Prüfung für das höhere Lehramt in Karlsruhe

1901 VIII                      Promotion summa cum laude in Physik   bei G. Quincke;

                                   Diss.  "Interferenzröhren für elektrische Wellen"

1901 VI                        Assistent am Physikalischen Institut d.Univ. Kiel

1905 V                        Habilitation ebd.; Habilitationsschrift:  "Messungen an

                                   Kathodenstrahlen"

1907 X                        Privatdozent und Assistent am Physikalischen Institut d. Univ.

                                   Heidelberg

1913 XII                       Etatmäßiger a. o. Prof. ebd.

1935 VI                       o. Prof. und Direktor des Physikalischen Instituts ebd.

1937                            Mitglied d. Heidelberger Akademie d. Wissenschaften

 1937-1939                  Dekan d. Math.-Naturwiss. Fakultät

1940  VII                    Beitritt in die NSDAP, Nr. 8373586

1945 XII                       Emeritierung zum 31. März 1946

1946 II                         Entlassung aus d. Univ. Heidelberg gemäß Erlass der

                                   amerikanischen Militärregierung            

1951 X                        Status Prof. Emeritus

 

 Über B.s Familie und frühe Jahre ist wenig bekannt. Als 18jähriger war er schon Vollwaise, konnte aber zu diesem Zeitpunkt die Oberrealschule in Karlsruhe mit dem Prädikat "sehr gut" beenden und in Heidelberg immatrikulieren. Er widmete sich dem Studium der Naturwissenschaften und der Mathematik mit dem Schwerpunkt Physik. Während seines ersten Semesters in Heidelberg hatte B. Ph. Lenard, damals a. o. Prof. der Physik kennengelernt; wahrscheinlich deswegen verbrachte B. das Sommersemester 1899 in Kiel, wo Lenard ab 1898 o. Professor war. Nach weiteren drei Semestern in Heidelberg schloss B. sein Studium mit einer erfolgreichen Promotion in Experimentalphysik bei G. Quincke ab. Zuvor hatte er in Karlsruhe die Prüfung für das höhere Lehramt mit dem "Zeugnis 1. Grades" bestanden, da er seine Zukunft sichern wollte. Dies erwies als unnötig: Schon vor seiner Promotion bekam er, nach Lenards "gütiger Aufforderung", eine Assistentenstelle am Physikalischen Institut in Kiel ab 1. Juni 1901.

Diese Einladung bestimmte das ganze Schicksal B.s: Seine Laufbahn verlief seitdem im Schatten von Lenard, dessen Ruf damals sehr hoch im Kurs stand (Nobelpreis 1905).

B. habilitierte sich in Kiel und hatte "die ehrenvolle Aufgabe", im SS 1905 und SS 1907 Lenard "in den Vorlesungen und Übungen und den Direktorialgeschäften des Physikalischen Instituts zu vertreten". Seine eigenen Vorlesungen las er über Kathodenstrahlen, über Spektralanalyse und über die geschichtliche Entwicklung der Elektrizitätstheorien.

Als im Herbst 1907 Lenard in der Nachfolge von Quincke nach Heidelberg wechselte, bekam B. seine "liebenswürdige Einladung" zur Übernahme der ersten Assistentenstelle am Physikalischen Institut. Dazu hatte er einen verlockenden Ruf an die TH Hannover abgelehnt. Im November 1907 wurde B. der Titel a. o. Professor verliehen; 1909-1919 hatte er einen Lehrauftrag "Radiologisch-Experimentale Vorlesung". In den Jahren 1912-1914 widmete sich B. nachdrücklich dem Neu- und Ausbau des Physikalischen Instituts am Philosophenweg. Bei  Planung und Aufbau des Instituts als einer damals ganz modernen Forschungsstätte hat er maßgeblich mitgewirkt.

Mit Kriegsbeginn leistete B. 1915/16 Militärdienst als Landsturmmann. Da er als Herzkranker nicht frontdienstfähig war, wurde er aber nach einigen Monaten für "nicht kriegsverwendungsfähig" erklärt und kehrte an Physikalische Institut zurück.

Als etatmäßiger Professor der Theoretischen Physik las er viele Jahre über "Theoretische Mechanik", "Theoretische Optik", "Wärmetheorie" und "Theorie der Elektrizität und des Magnetismus".

Nach dem Krieg begann für ihn eine harte Zeit. Die bekannte Verwandlung Lenards um 1919 zum glühenden Nationalsozialisten wirkte äußerst negativ auf die Entwicklung der Physik in Heidelberg, aber auch auf B.s Arbeit und Leben. Lenards "unbeherrschte politische Betätigung im Institut machte das Arbeiten mit ihm zur Qual, zumal er alle Gegenargumente feindselig zurückwies", wie B. später berichtete. B.s unpolitische und rein wissenschaftliche Einstellung hatte die Folge, dass seine eigene Arbeit behindert wurde und er selbst keine Verbesserung seiner beruflichen Stellung erreichen konnte. Ein Schüler schrieb: "Treue und Pflichtbewusstsein, Zurückhaltung und Güte bestimmten die Arbeit und das Auftreten B.s, auch dann, wenn ihm dadurch äußerlich Nachteile entstanden." Erst 1935 ernannte man ihm zum o. Professor und Direktor des Physikalischen Instituts. Aber auch im Ruhestand behielt Lenard seinen Einfluss auf das Leben des Instituts. Um das Institut und sich selbst vor Angriffen zu schützen, sah sich B. 1940 gezwungen, in die NSDAP einzutreten, obwohl er mit der NS Politik nicht einverstanden war. Das half nur teilweise. B. blieb von der NS-Führung abhängig und in seinen Arbeitsverhältnissen eingeschränkt. Trotzdem arbeitete er unermüdlich  u. a. zusammen mit seinem Sohn. Dieser stand schon kurz vor seiner Promotion, wurde aber ins Feld mobilisiert und fiel in den letzten Tagen des Krieges.

Bei dem Wiederaufbau der Universität nach dem Krieg wurde B. zuerst als "conditionally accepted" bestimmt, weil er nur rein nominelles Parteimitglied, so der damalige Dekan K. Freudenberg, gewesen war. Im September 1945  stellte B. den Antrag um Emeritierung ab 1. März 1946, dieser wurde genehmigt. Zum Unglück wechselten die amerikanischen Behörden, und man entließ B. sofort. Im Oktober 1946 wurde B. durch die Spruchkammer als "Mitläufer" qualifiziert, nun hätte er Emeritus werden können. Trotz mehrerer Gesuche von  Seiten der Universität wurde B. wegen bürokratischer Hindernisse erst im Herbst 1951 als Emeritus rehabilitiert.

 

Als Schüler von G. Quincke und Ph. Lenard war B. ausschließlich als experimenteller Physiker ausgebildet. Von ihm stammen 84 Artikel und 4 Monographien über verschiedene Fragen der Experimentalphysik. B. bearbeitete hauptsächlich die Gebiete, auf denen Lenard bereits geforscht hatte, trug aber viel eigene Kreativität bei. Seine Arbeitsgebiete waren: Kathodenstrahlen, insbesondere ihre Absorption und Streuung; Elektrizitätsträger in Gasen und Flammen; Radioaktivität, insbesondere Untersuchung radioaktiver Quellen; Phosphoreszenz, insbesondere Erscheinungen der Tilgung der Lumineszenz der Phosphore. Für die Arbeiten B.s sind große Sorgfalt, Beachten aller möglichen Fehlerquellen und ein erfinderisches Experimentalgeschick charakteristisch. Andrerseits, wieder unter Lenards Einfluss, vermied er, theoretische Interpretationen seiner Ergebnisse darzustellen.

Von seinen Arbeitsergebnissen seien besonders folgende erwähnt:

Bei der Messungen an Kathodenstrahlen -  eine scharfsinnige und exakte "Methode der benachbarten Dicken" für die Messung der Absorption der Elektronen. (Sie besteht darin, dass man einer vorgeschalteten Schicht noch eine dünne Schicht hinzufügt und eben in der letzteren die Absorption misst).

Bei den Untersuchungen der Elektrizitätsträger in Gasen - die Einführung des durch ihn erfundenen speziellen Zylinderkondensators und eine Fülle neuer experimenteller Ergebnisse bezüglich der Flammenleitung.

Bei radiologischen Messungen - die Erfindung eines neuen Emanationsmessapparat für direkte Ablesung (1910, eine verbesserte Konstruktion 1924). Dieses allgemein verwendbare Gerät stillte den Bedarf nach leichter ausführbaren Messverfahren zur Bestimmung des Emanationsgehalts von Quellwässern; es war auch zu allen sonst in Frage kommenden Aktivitätsmessungen geeignet.

Mit seinem "Emanometer" hat  B. insbesondere die Heidelberger Radiumquelle eingehend untersucht und entdeckt, dass sie nicht nur Radiumemanation, sondern auch Radiumsalz in gelöster Form enthält. Für seine radiologischen Arbeiten wurde B. zum Mitglied der Balneologischen und Klimatologischen Gesellschaft in Prag gewählt (1935).

Nachdem man B. von der Universität entfernt hatte, beschäftigte sich dieser fleißige, bescheidene und immer hilfsbereite Mensch mit der Geschichte der Physik. Es blieb ihm aber keine Zeit, diese Arbeit zu beenden. Er starb kurz vor Vollendung seines 74. Lebensjahres.

 

Q  UA Heidelberg (Akten d. Math.-Naturwiss. Fak. 1901/1902; PA 3235; PA 3236; Rep. 14-32); StadtA Heidelberg (Auskünfte)

 

W  Kristallooptik. Eine ausführliche elementare Darstellung..., Stuttgart, 1903; Messungen an Kathodenstrahlen, Ann. d. Physik, 17, 1905, 381-471; Ein neuer Emanationsmessapparat für direkte Ablesung, Zs. f. Instrumentenkunde, 30, 1910, 293-302; Über die Elektrizitätsträger in Gasen, Ann. d. Physik, 36, 1911, 209-280; Bericht über Elektrizitätsleitung und Lichtemission metalldampfhaltiger Flammen, Jahrbuch d. Radioaktivität u. Elektronik, 13, 1916, 139-260; Über die Bestimmung von Elektronen-Austrittsgeschwindigkeiten, Ann. d. Physik, 58, 1919, 393-473; Radioaktive Quellen-Untersuchungen, Zs. f. anorg. u. allg. Chemie, 131, 1923, 209-235; Die durch α-Strahlen erregte Elektronenemission, Ann. d. Physik, 75, 1924, 217-275; Über die Rückdiffusion, Reflexion und Sekundärstrahlenerregung langsamer Kathodenstrahlen, ebd., 78, 1925, 253-276; Physik der radioaktiven Meßmethoden, In: Hans Meyer (Hg.), Lehrbuch der Strahlentherapie, Bd. 1: Die wissenschaftlichen Grundlagen der Strahlentherapie, Berlin-Wien, 1925, S. 491-576; Kathodenstrahlen (mit Ph. Lenard), in: Handbuch d. Experimentalphysik, Bd. 14, 1927, S. 1-432; Lichtelektrische Wirkung (mit Ph. Lenard), ebd., Bd. 23, 1928, S. 1039-1514; Die elektrischen Eigenschaften der Flamme, ebd., Bd. 13, Teil 1, 1929, S. 107-314; Über die Phosphoreszenzzerstörung der ZnS-Cu-Phosphoren (mit I. Schaper), Ann. d. Physik, 42, 1942, 297-336; Über die Phosphoreszenztilgung (mit Fr. Becker, Zs. d. Physik, 125, 1949, 694-706.

 

L Poggendorff, J. C., Biographisch-literarisches Handwörterbuch, V, 1926, S. 80; VI, 1936, S. 154-155; VIIa, T. 1, 1955, 116-117 (mit Bibliographie); Drüll, Dagmar, Heidelberger Gelehrtenlexikon, 1803-1932, Heidelberg, 1986, S. 14; Bandow, F., A. B. zum 60. Geburtstag, Zs. f. die gesamte Naturwissenschaft, 4, 1938/39, 479-481 (mit B); Bandow, F., A. B. 70 Jahre, Physikalische Blätter, 5, 1949, 227-228; Bandow, F., A. B. +, ebd., 9, 1953, 131; Haxel, O., Gedenken an A. B., Ruperto Carola, 5, 1953, Nr. 9/10, S. 94 (mit B).

 

B UA Heidelberg: Pos I 00153, Pos I 00154, Pos I 00155; s. L.

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