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Kutscher, Waldemar (1898-1981), Biochemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Kutscher, Waldemar, Biochemiker

*15.9.1898, St.Petersburg, griech.-kath., + 28.10.1981, Wiesloch

 

Albert (1873-1943), Ingenieur.

M Helene (Elena Karlowna), geb. Martinson (1878-1950).

3; Sergej (ca. 1895-1974), Anatol (ca. 1900-1980), Lydia (+ ca.1970).

oo 15.08.1931 (Heidelberg) Maria, geb. Gabriel, Dr. med. (1903-1989). 2; Ingrid, (*1938), Dr. med., verh. Schäfer, u. Ursula (*1939), Dr. med., verh. K.-Diemer.

 

1898-1914                                           St.Petersburg, Besuch des Realgymnasiums d. dt.                                              St.Katharinenschule

1914 VIII.                             Verschleppung d. Familie nach Sibirien

1918 VI.                               Flucht nach Deutschland

1918 X1-1920 IV1             Dienst im Heere u. beim Freikorps "Grenzschutz Ost"

1923 III.                                Reifeprüfung am "Alten Realgymnasium" München

                                             als Privatschüler

1926 III. 23                           Diplom-Vorprüfung in Chemie an d. TH München

1927 III. 22                           Diplom-Hauptprüfung

 

 

1929 III. 20                           Dr.-Ing. „mit Auszeichnung“: Diss: „Über                                               substitutionierte Acetylpyrrole u. Homologe“

1930 X 30                            Immatrikulation an d. Univ. Heidelberg für das                                               Medizinstudium                                                            

1932 X. 1                            ordentl. Wiss. Assistent am Physiologischen Institut

                                             d. Medizin. Fakultät Heidelberg

1934 VI 26                          Promotion zum Dr. med. "magna cum laude

                                            superato"; Diss.: "Vergleichende

                                            Stickstoffuntersuchungen an Mittelohrsekreten bei

                                            akuter Otitis u. beim Tubenmittelohrkatarrh".

1936 IV 6                           Grad eines habilitierten Doktors d. Medizin,                                              Habilitationsschrift: "Über Phosphatase"

1936 XII 7                            Dozentur für physiolog. Chemie Probevorlesung (30.                                              Sept. 1936): "Über den Blutfarbstoff"

1938 X 24                           Ernennung zum planmäßigen ao. Professor für                                              physiolog. Chemie

1961 V 8                             o. Professor

1970, Frühjahr                    Ende d. Lehrtätigkeit

1971 VI.                               Bundesverdienstkreuz I. Klasse

 

 

Es gibt fast keine Informationen über K.s Abstammung und Familie. Sein Vater, ein deutscher Ingenieur, hatte durch Errichtung mehrerer Industriebauten im Ausland großes Ansehen gewonnen. In St. Petersburg leitete er eine große Eisengießerei. K.s Mutter entstammte einer großbürgerlichen Familie in St. Petersburg. K. besuchte das Realgymnasium der deutschen Gemeinde in St. Petersburg bis zur Obersecunda. Kurz nach dem Ausbruch des I. Weltkrieges wurde die Familie, wie damals fast alle in Russland lebenden Deutschen, nach Sibirien deportiert. Im Sommer 1918 gelang K. eine abenteuerliche Flucht nach Deutschland. Nach anderthalb Jahren Militärdienst kam er nach München, wo sein Onkel, der Theaterwissenschaftler Professor Artur K., wohnte (Später, im August 1932, begleitete K. als Dolmetscher dessen Studienreise mit 35 Personen nach Leningrad, Moskau, Charkow und Kiew).

Im November 1920 schrieb sich K. an der chemischen Abteilung der TH München als "Hörer" ein, unterbrach aber sein Studium "wegen Kriegsleiden", so er selbst, vielleicht aber auch, um mit seinen Eltern zusammenzutreffen. Diese waren inzwischen durch Vermittlung des Roten Kreuzes ausgetauscht worden und bei Neapel gelandet. Sein Vater leitete dort bis zum seinem Tod eine Maschinen- und Waggonfabrik. K. begann in Neapel Chemie zu studieren, wechselte dann aber wieder nach München. Nachdem er im Frühjahr 1923 die Reifeprüfung am Alten Realgymnasium als Privatschüler abgelegt hatte, konnte er sich als ordentlicher Student an der TH ab Sommersemester 1923 immatrikulieren. Im Frühjahr 1927 bestand er die Diplomhauptprüfung mit der Note "gut". Vom Sommersemester 1927 an arbeitete er beim bekannten Organiker und Biochemiker Hans Fischer, dem 1930 der Nobelpreis für seine Arbeiten über Pyrrolen verliehen wurde. Fischer schlug K. vor, eine Reihe neuer Pyrrolverbindungen zu synthetisieren, was K. erfolgreich gelang. Seine "mit außerordentlichem Fleiß und Gewissenhaftigkeit durchgeführte Arbeit", so Fischer, "förderte eine ganze Anzahl neuer Pyrrole zu Tage, lehrte ihr Verhalten kennen und bedeutet einen wichtigen pyrrolchemischen Beitrag". Im März 1929 wurde K. zum Dr. Ing. "mit Auszeichnung" promoviert.

 

H. Fischer, der selbst sowohl zum Dr. chem., wie auch zum Dr. med. promoviert

und mehrere Jahre "medizinische Chemie" doziert hatte, beeinflusste ohne

Zweifel den wissenschaftlichen Weg seines fleißigen Schülers. Denn kaum

promoviert, wandte sich K. dem Medizinstudium zu. Vielleicht trug aber auch

der damalige Einstellungsstopp in der Chemie zu diesem Entschluss bei.

K. ging nach Heidelberg und war dort zunächst als "Volontärassistent", später

dann als ordentlicher Assistent beim Physiologischen Institut tätig. Bereits nach

vier Jahren wurde er zum Dr. med. promoviert. Sein Heidelberger Lehrer war

der ao. Professor für physiologische Chemie Siegfried Edlbacher (s. dort), der

die Chemische Abteilung des Physiologischen Instituts leitete. Im Herbst 1932

ging Edlbacher nach Basel, K. wurde de facto sein Nachfolger und nach seiner Habilitation wurde die Chemische Abteilung unter seiner Leitung als

Physiologisch-Chemisches Institut verselbständigt. Der Lehrstuhl wurde erst

1960 eingerichtet. K. leitete beide Institutionen bis zu seiner Pensionierung.

 

K.s Einstellung gegenüber dem "Dritten Reich" war indifferent. Er folgte aber

den Spielregeln, so dass "keinerlei Bedenken politischer Art" vorlagen. 1937

wurde K. "Parteianwärter", damals Bedingung für eine Professur; Mitglied der

NSDAP wurde er aber nie. Tatsächlich war K. eher ein unpolitischer Mensch.

Nach dem Krieg wurde er aufgrund einer Untersuchung vom Oktober 1945 bis

Ende Februar 1946 "unbeschränkt wiederverwendet". In den schwierigen Nachkriegsjahren bemühte sich K. erfolgreich, Kontakte mit chemischen Firmen herzustellen, um die nötigsten Reagenzien für sein Laboratorium zu erhalten.

 

K. publizierte, teilweise allein, teilweise mit seinen Mitarbeitern, knapp 60

Aufsätze, wobei die eher unzulänglichen Räume des Physiologischen Instituts

aber immer wieder hinderlich wirkten. Seine Arbeiten befassen sich mit dem Grenzgebiet zwischen organischer Chemie und Physiologie und betreffen vor

allem die Biologie und Physiologie der Fermente, sowie den

Intermediarstoffwechsel der Kohlenhydrate. Von besonderer Bedeutung war die im Jahr 1935 erfolgte Entdeckung der Prostata-Phosphatase, des Ferments, das sich

später als diagnostisch wichtiger Tumormarker bei Prostatakrebs erweisen

sollte: Die quantitative Bestimmung der Prostata-Phosphatase im Blutserum

war die erste praktisch verwendbare Methode für die Diagnostik und Therapie-

Kontrolle einer bösartigen Geschwulst. Diese grundlegenden Arbeiten wurden jahrzehntelang in der Fachliteratur zitiert und erst unlängst durch die Entwicklung neuer immunologischer Tests in den Hintergrund gedrängt.

 

In den letzten Jahren seiner Tätigkeit widmete sich K. Untersuchungen über krebserregende Bestandteile in der Luft und wurde deswegen auch in die

Kommission zur "Reinhaltung der Luft" berufen. Außerdem prüfte er Lebensmittelzusätze auf ihre Verträglichkeit und warnte beispielsweise immer

wieder vor den gesundheitsgefährdenden Folgen, die der Einsatz von

Polyphosphaten bei der Herstellung von Wurst- und Fleischwaren bringen kann.

 

Kennzeichen seiner literarischen Tätigkeit war auch, dass K. die russische und italienische Sprache ebenso beherrschte wie die deutsche, so referierte er

mehrfach russische Arbeiten zur physiologischen Chemie für das "Chemische Zentralblatt".

 

Seine reichen Kenntnisse hat K. erfolgreich bei der Ausbildung von Studenten

weit über das übliche Pensionsalter hinaus eingesetzt, zuletzt als Vertreter

seines Lehrstuhls. K., ab 1949 auch Vorsitzender der

Studentenstipendienkommission für die Fakultät und zuletzt für die gesamte

Universität, war ein außerordentlich beliebter Professor, und Immer wieder

wurde nicht nur die Klarheit seines didaktisch vorbildlichen Vortrags sondern

vor allem die überaus menschliche Art hervorgehoben, mit der er Mitarbeitern

und Studenten begegnete.

K. lässt sich mit seinen eigenen Worten über Edlbacher charakterisieren: "Er

war ein ausgezeichneter Lehrer und ein anregender und fruchtbarer Forscher"

 

Q  HistA d. TU München, PromAkten K.; StA Heidelberg, Auskünfte; UA Heidelberg, Studentenakten 1930-1940; Personalakte 1042, 2829 u. 4740,

H-III 862/64, Rep. 35-8; Rep. 36-5; Rep. 40-289; UB Heidelberg Hs 3824; Informationen von Frau Ursula K.-Diemer.

 

W  (Auswahl) Harnphosphatase (Drei Mitteilungen), in: Naturwissenschaften 23, 1935, 558-559; Zs. für physiolog. Chemie 235, 1935, 62-73, 238, 1936, 275-279; Prostataphosphatase (Drei Mitteilungen) ebd. 236, 1935, 237-240, 239, 1936, 109-126, 255, 1938, 169-189; Über Nucleinsäurespaltung im Gewebe maligner Tumore, in: Zs. für Krebsforschung 56, 1949, 253-257; Edlbacher, Siegfried, NDB 4, 1959, 314; Über die kondensierten Phosphate (Polyphosphate), in: Dt. Lebensmittel-Rundschau 57,1961, 140-144; Formen u. Gesetze des Stoffwechsels, in: Universitas 21, 1966, 121-129; (mit R. Tomingas) Untersuchung von Rußen u. Luftstäuben in Mannheimer Raum, in: Staub. Reinhaltung d. Luft 26, 1966, 230-235; (mit R. Tomingas u. H. P. Weisfeld) Untersuchungen über die Schädlichkeit von Rußen u. Luftstäuben unter bes. Berücksichtigung ihrer kanzerogenen Wirkung, in: Archiv für Hygiene u. Bakteriologie 151, 1967, 646-668, 152, 1968, 260-264 u. 285-288; Über Vorkommen von Benzpyren im Ruß d. Luft, in: Schutz unseres Lebensraumes, hg. v. H. Leibundgut, 1971, 297-311.

 

L  Poggendorfs Biogr.-literar. Handwörterbuch Bd. 7a, T. 2, 1958, 975; Heidelberger Tageblatt vom 15.9.1958 u. vom 14/15.9.1968 (mit B); RNZ vom 16.9.1958 (mit B) u. vom 14.9.1963; Ruperto Carola 31. Jg., 1979, H. 62/63, 102f..

 

B  UA Heidelberg; Heidelberger Tageblatt u. RNZ (vgl. L)

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