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Schäfer, Klaus (1910-1984), Physikochemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

SchäferKlaus Wilhelm, Physikochemiker, 
*23.08.1910, Köln, ev., + 30.07.1984, Heidelberg

(Eine gekürzte Version in NDB Bd. 22, 2005, S. 509-510)

 

V Otto Schäfer, Oberregierungsrat, +1945
M Adele Schäfer, +1959
G Heinz Schäfer (ca. 1908-1944); Margaret Schäfer, verh. Stephan (1903-1978)
oo 29.12.1942 in Mainz Liselotte Gabriele KätheThomas (* 1920)
K Gisela, Dr. med., verh. Dittrich (*1943)

 

1929 III                        Abschluß des humanistischen Gymnasiums in 

                                     Wiesbaden
1929-1936                 Studium der Mathematik, der Physik und der 

                                    Chemie an der Univ. Frankfurt/M (SS 1929), Göttingen    

                                    (1929-1931), Marburg (1931/1932), Göttingen (1932-1936)
1934 VI                      Staatsexamen für das höhere Lehramt in der Mathematik
1936 VII 1                   Promotion zum Dr. phil. Univ. Göttingen; Diss.:"Der zweite

                                    Virialkoeffizient der verschiedenen Modifikationen des

                                    leichten und schweren Wasserstoffs". Vollziehung des

                                    Doktor-Diploms "Mit Auszeichnung" am 22. Juni 1937
1939 VII 17                Habilitation ebd.; Habilitationsschrift: "Zur Theorie der    

                                    Rotationsumwandlungen"
1946 VI -
1947 V       Vertretung der Direktion des Physikalisch-Chemischen

                                    Instituts an der Univ. Heidelberg
1947 VI -1948 XI      a. o. Professor für physikalische Chemie ebd.
1948 XII - 1950 II       Persönlicher Ordinarius ebd.
1950 II - 1978 IX        o. Professor für physikalische Chemie ebd.
1955/1956                 Rektor der Univ. Heidelberg
1962 VI 28                 Übergabe des neuen Physikalisch-Chemischen Instituts an

                                    die Universität
1977 V 20                  Bunsen-Denkmünze für die Forschungen über die

                                    zwischenmolekulare Kräfte
1978 X - 1982 IX      Lehrstuhlvertreter an der Univ. Heidelberg


S. verbrachte seine Kindheit und die erste Schuljahre in Köln, wo er das humanistische Schillergymnasium besuchte. Des Vaters Dienst als Regierungsrat brachte die Familie zuerst nach Stade bei Hamburg - dort besuchte S. das Athenäum (1920-1926) -, dann nach Wiesbaden, wo S. seine humanistische Schulbildung abschloss. Bereits in der Schule trat bei ihm "eine außerordentliche mathematisch-logische und naturwissenschaftliche Begabung" hervor. So begann S. sein Studium eben in diesem Gebiet, zuerst ein Semester in Frankfurt/M, dann in Göttingen, Marburg und wieder in Göttingen, dem Mittelpunkt der Mathematik und Physik in Deutschland vor 1933.


Die Zeit des Dritten Reichs beeinflusste den wissenschaftlichen Weg S.s. Sein Schwerpunkt war zuerst die reine Mathematik. Da die Industrie damals noch kaum Mathematiker gebrauchen konnte, wählte er nun, als Ausweg zu einer eventuell ideologisch-verpflichteten Hochschulkarriere das industrie-offene Fach der physikalischen Chemie. Diese stand in Göttingen unter Leitung von Arnold Eucken, eines offenen, höchst produktiven Wissenschaftlers und, nach S., eine Persönlichkeit von "geradezu faszinierender Kraft". So wurde Eucken S.s Lehrer und Doktorvater, der seinen "mathematisch und theoretisch-physikalisch ausgezeichnet geschulten Mitarbeiter" (so Eucken) zu schätzen und effektiv zu nutzen verstand. Und wirklich wurde S. der ideale Mitarbeiter für Eucken und später sein Erbe in vielerlei Richtung.


Wie sein Lehrer hatte auch S. eine äußerst zurückhaltende, aber nicht auffallende Einstellung dem Nationalsozialismus gegenüber. So konnte er sich kurz vor dem Kriegsausbruch habilitieren (Dafür musste er sich als Anwärter der SA einschreiben lassen. Die Mitgliedschaft vermied er aber, so dass er nicht zum a.o. Professor befördert wurde).


Zu Beginn des Krieges wurde S. einberufen, aber nach vier Monaten des Soldatendienstes dank Euckens Bemühungen als "Kriegswichtiger" freigestellt.1940 erhielt er eine Dozentur bei Eucken. In der Universität traf S. seine zukünftige treue Lebensgefährtin, Tochter des Mainzer Chemikers Dr. Fritz Thomas, die damals Chemie studierte.


Die Kriegszeit benutzte Eucken für eine Neubearbeitung seines fundamentalen "Lehrbuchs der Chemischen Physik", und S. stand ihm zur Seite. Ohne S.s "nachhaltigste" Unterstützung hätte "das angestrebte Ziel vielleicht überhaupt nicht erreicht werden können", gab Eucken zu.


Im Juni 1946 übernahm S. die Leitung des Physikalisch-Chemischen Instituts der Universität Heidelberg, zunächst kommissarisch. Hier sollte er aber mehr als 35 Jahre erfolgreich arbeiten und ein modernes Lehr- und Forschungszentrum schaffen.


Seine akademischen Pflichten stellte S. über alles. Er las dauernd einen Grundkurs der physikalischen Chemie (und prüfte selbst alle Studenten). Außerdem gab er jedes Jahr immer neue Spezialkurse für Fortgeschrittene. Seinen Doktoranden ließ er viel Freiheit, war aber für Rat und Empfehlung immer erreichbar. In seinen Urteilen war er gerecht und unbestechlich.


Bald setzte sich S. auch im allgemeinen akademischen Leben ein. 1949/1950 und nochmals später, 1976/77 war er Dekan, 1956/57 und 1964/65 Prorektor und 1955/56 - Rektor. S. fungierte auch als langjähriges Mitglied der Etatkommission. Überall, aber besonders als Rektor hielt S. seine immer sachliche aber zähe Position, dass Gesellschaft und Staat die damalige Notlage der Universitätswissenschaft beseitigen müssten. "Stets eine vornehme akademische Zurückhaltung zu üben, ist ein Behandlungsverfahren, das leicht mit dem Tode des Patienten enden kann", meinte er. So unterstützte S. die Förderungen der größten Studentendemonstration (15. Mai 1956) gegen die Notlage ihrer Universität, und diese Position brachte letztendlich den Erfolg, trotz der Angriffe seitens der Ministerialbürokratie. Insbesondere konnte S. später für sein Institut, das Jahrzehnte lang in der Dienstwohnung Bunsens hauste, ein modernes, "in geradezu genialer Zweckmäßigkeit geplantes Gebäude" (so ein Zeuge) für erstaunlich niedrige Kosten schaffen. (Dazu half auch ein Ruf nach Wien, den S. 1957 erhielt).


Sein wissenschaftliches Werk ist in etwa 140 Publikationen erfasst. Wie sein Lehrer Eucken war S. kein enger Spezialist: Er bearbeitete Themen in fast allen Bereichen der physikalischen Chemie aus der Sicht der Physik. Seine "Statistische Theorie der Materie" gibt davon das beste Zeugnis. Trotzdem bezeichnete man mit Recht den Schwerpunkt der Arbeit S.s und seiner Schule in Heidelberg den der zwischenmolekularen Kräfte, in der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen und Wirkungen in Gasen, Flüssigkeiten (und ihren Mischungen) und an festen Oberflächen. Dabei sind sparsam-zweckdienliche Methoden des Experiments und der theoretischen Darstellung für seine Arbeiten charakteristisch. Dasselbe bezeugt der sachlich-nüchterne Stil seiner Publikationen.


S. konnte mit der Zeit Schritt halten. Er hatte Neigung und Fähigkeit zu Systematisierung und Verallgemeinerung und es gelang ihm, dank tieferer Einsicht, fruchtbare Ordnung in die zunehmende Fülle der zufließenden Resultate zu bringen. Von da wurden seine immer inhaltsreichen Übersichtsvorträge und/oder -artikel über vielfältige Probleme der modernen physikalischen Chemie geprägt. Dazu gehören auch seine Lehrbücher, die Standardwerke wurden, aber auch seine zahlreichen Rezensionen über Fachbücher. Dank dieser Fähigkeit konnte er als ausgezeichneter Redakteur hervortreten: Jahrzehnte lang fungierte er als Herausgeber oder Mitherausgeber der Reihe "Landolt-Börnstein-Tabellen" und einzelner Bücher und Sammlungen, als Mitglied von Kuratorien mehrerer Zeitschriften. Außerdem leitete S. 1961-1965 die Thermodynamische Kommission in der Internationalen Union der Reinen und Angewandten Chemie (IUPAC).


Der Nachlass S.s zeigt anschaulich, welch riesige organisatorische Arbeit er "nebenbei" leistete. Besonders ist seine Tätigkeit in der Bunsen-Gesellschaft hervorzuheben, deren Mitglied er seit 1936 war. S. gehörte zu der kleinen Gruppe, die die Wiedergeburt dieser Gesellschaft nach dem Krieg (im Juni 1947) verwirklicht hatte. 1947-1953 war er der 2. Vorsitzende und Geschäftsführer und 1959-1960 der Erste Vorsitzende der Gesellschaft. S. bereitete auch deren Hauptversammlungen von 1948 (über die Struktur der Flüssigkeiten) und von 1959 (über Festkörpereigenschaften und ihre Anwendungen) vor.
Dabei war S. aber kein "Manager". Seine organisatorischen Erfolge stützten sich eher auf die Logik eines Mathematikers wie auch auf sein mächtiges Gedächtnis, seine enorme Arbeitsfähigkeit und sein Pflichtgefühl. "S. war ein integrer Mensch", so Prof. Schramm. Hilfsbereit und lebensfreudig, konzentrierte er sich aber ganz auf seine Arbeit. Er stand täglich vor Sonnenaufgang auf und kam, nach langem Spaziergang, etwa 20 km, ins Büro bereits um 6-30 Uhr. Weite Reisen mied er, verbrachte seinen Urlaub immer in einem Ort in der Schweiz (Ronco, bei Alcona) und kehrte zurück mit neuen Arbeitsideen. "Sein Hobby war sein Beruf", so Frau Schäfer.

 

 

Q UA Heidelberg (PA 2962; PA 8645; PA 8646; Rep. 14-231, -267, -491, -596; Rep. 69 [Nachlass S.s]); StadtA Heidelberg (Auskünfte); A d. Heidelberger Akad. Wiss. (1.11; 115 - Sch); Informationen von Frau Schäfer (Heidelberg), von Prof. B. Schramm (Physikalisch-chemisches Institut Heidelberg)

 

W Die Anreicherung schweren Wassers im Gletschereis und das Schmelzdiagramm des Systems H2O-D2O. Nachr. Ges. d. Wissenschaften zu Göttingen, Math.-physik. Kl., N.F., 1935, 1, 109-125, 138-146 (mit Eucken); Lehrbuch der chemischen Physik (mit A. Eucken), Bd. 2, 2. Aufl., Leipzig,1943-1944, 3. Aufl. 1948-1949; Physikalische Chemie. Ein Vorlesungskurs, Heidelberg-Berlin, 1951, 2.Aufl. 1964; Energieübertragungsmechanismus und Reaktionsgeschwindigkeit an metallischen Oberflächen, Zs. Elektrochem. 1952, 56, 398-403; Thermodynamik und Statistik der Grenzflächen, ebd., 1955, 59, 233-245; Zwischenmolekulare Kräfte, Temperatur- und Druckabhängigkeit der Diffusion von Gasen, ebd., 1959, 63, 111-117; Makroskopische Eigenschaften und atomare Struktur der Festkörper, ebd., 863-875; Statistische Theorie der Materie. Bd. I: Allgemeine Grundlagen und Anwendungen auf Gase, Göttingen, 1960; Denkmethoden und Arbeitsmethoden der modernen Naturwissenschaft, insbesondere der physikalischen Chemie, Ruperto Carola, 1956, Jg.8, H. 20, S. 125-132; Festkörpereigenschaften und zwischenmolekulare Kraftwirkungen, Angew. Chemie, 1960, 72, 503-513; Die Zeit und die übrigen Dimensionen, Studium generale, 1967, 20, 1-9; Thermodynamische Eigenschaften realer Gase und Gasmischungen und zwischenmolekuläre Kraftwirkungen, Ber. Bunsen-Ges., 1977, 81, 891-900; Arnold Eucken, Physikochemiker, Göttinger Jahrbuch, 1984, S. 263-266.

 

Poggendorfs Biographisch-literarisches Handwörterbuch, Bd. VIIa, T. 4 (1961), S. 45-46 (mit Bibliographie); E. Wicke, K. S. zum 65. Geburtstag, Ber. Bunsen-Ges., 1975, 79, 645-647 (mit Bild); K. Ebert, K. S. zum 65. Geburtstag, Ruperto Carola, 1975, Jg. 27, H. 55/56, S. 213-214; P. Hess, B. Schramm, K. S. zum 70. Geburtstag, Ebd., 1981, Jg. 33, H. 65/66, S. 201-202; K. Ebert, Zum Tode von K. S., Ebd., 1984, Jg. 36, H. 71, S. 164-165; E. U. Franck, K. S. +, Jahrbuch d. Heidelberger Akad. Wiss. für 1985, S. 112-114 (mit Bild).

 

B Ruperto Carola, Jan. 1951, Nr. 3, S. 7; Ruperto Carola, 1955, Jg. 7, H. 18, S. 6; Heidelberger Tageblatt, 1962, Nr. 148 (30. Juni), S. 17; W. Jaenicke, 100 Jahre Bunsengesellschaft, 1894-1994, Darmstadt, 1994, S. 265; UA Heidelberg; Photographien im Familienbesitz.

 

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