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Glaser, Carl (1841-1935), Chemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

GlaserCarl Andreas, Chemiker

27.6.1841 Kirchheimbolanden (Pfalz), ev., + 25.7.1935 Heidelberg

V Friedrich Heinrich Wilhelm G. (1814-1849), Dr. med., prakt. Arzt;

M Regine Luise, geb. Gießen (1818-1956);

G 5: Luise Maria G. (1842-1931); Heinrich Adolph (1844-1844); Therese Katharina G. (1845-1864); Caroline (Lina) G. (1846-1881); Ernst Ludwig (1848-1849).

 

∞ I: 25.4.1874, Zweibrücken, Anna Jakobine (Bina) Doflein (1843-1883). K 4: Heinrich (1875-1882); FriedrichLuise Dorothea (1880-1969), verh. Michel; Ernst Ludwig (1882-1904). Ludwig Franz (1879-nach 1934), Jurist, Publizist;

∞ II: 5.09.1885, Karlsruhe, Elisabeth Frederike Adolphine (1857-1941). K 2: Marianne (1886-1964), verh. Ligniez; Paul Ludwig (1890-nach 1934), Kaufmann.

 

1851-1855                            Besuch d. Lateinschule in Kirchheimbolanden

1855-1858                                                         Besuch u. Abschluss d. Gewerbeschule in                  Kaiserslautern

1858-1862                                                         Studium an den Polytechnischen Schulen in  

                                                Nürnberg   u. München

1862-1864                            Studium Chemie an d. Univ. Erlangen (von WS                                                            1862/63  bis WS 1863/64) u. an d. Univ. Tübingen                                                    (SS 1864)

1864 VIII 17                           Promotion in Tübingen; Diss.: "Über die                                                                    Verbindungen  des Naphtalin?s mit Brom"

1864 X-1869 VIII                  Assistent A. Kekulés in Gent u. Bonn

1869 IV 30                            Habilitation an d. Univ. Bonn aufgrund seiner                                                Publikationen über Derivate d. Zimtsäure

1869 VIII 15                          Antritt bei d. BASF

1872-1879                           Leiter d. Alizarinabteilung

1879 II                                   Stellvertredender Direktor mit Prokura

1884 I - 1895 V                   Direktor d. BASF

1895 V - 1920 V                 Mitglied, ab 1912 Vorsitzender des Aufsichtsrats d.                                               BASF

 

G. wurde in einer kleinen pfälzischen Stadt als erstes Kind des dortigen Arztes geboren. Sein Vater starb, als G. im siebenten Lebensjahr war, und die Mutter, allein geblieben mit ihren fünf Kindern, erzog sie "in den kümmerlichsten Verhältnissen", so G.. Mit 13 Jahren wurde er Vollwaise. Sein Vormund, ein Onkel, bestimmte ihn für die Gewerbeschule zu Kaiserslautern. G. zeigte keine Neigung zu den Sprachen, dagegen großes Interesse für Naturwissenschaften, besonders für die Chemie: Er experimentierte mit Lösungen von Arzneimitteln schon als 10jähriger Bub. Das Studium der Chemie wurde G. zuerst nicht erlaubt, weil der Vormund sie als "eine brotlose Kunst" betrachtete., G. sollte sich für ein Ingenieursstudium in den polytechnischen Schulen Nürnberg und München vorbereiten. Trotzdem trieb er "immer nebenbei mit Vorliebe chemische Studien" und hörte so im Jahre 1861 in München die Vorlesungen von Justus Liebig. Als G. mit der Note "würdig" die Münchener polytechnische Schule absolviert hatte, gab der Vormund endlich seine Zustimmung und G. durfte auch Chemie studieren.

Während drei Semestern in Erlangen machte G. rasch die Lehrgänge der qualitativen und quantitativen Analyse durch und laborierte über Chlorderivate des Naphtalins. Er wurde durch das 1861 erschienene "Lehrbuch der organischen Chemie" von August Kekulé stark beeindruckt und wechselte nach Tübingen, wo Adolph Strecker (1822-1871) lehrte, der gerade über solche Verbindungen publizierte. G. hoffte, dort im Sinne Kekulés eine Synthese von Alizarin aus Naphtalin durchzuführen. Dies gelang ihm nicht, aber er synthetisierte eine Reihe neuer Bromderivate von Naphtalin und promovierte mit dieser Arbeit. Bezeichnend für seine Persönlichkeit ist nun, dass G. seine Dissertation seinem Vormund aus Dankbarkeit widmete.

Strecker hatte ihn August Kekulé, damals in Gent, als Privatassistenten empfohlen. Die Jahre bei dem großen Chemiker, als dieser in seinen Sternstunden die Struktur des Benzols erschlossen hatte, hielt G. im Alter für "die schönsten meines Lebens".

Noch in Gent erhielt G. die Stelle des Unterrichtsassistenten und so auch Möglichkeiten für selbständige Forschungen. Besonders bedeutend waren seine "Untersuchungen über einige Derivate der Zimtsäure" die er drei Jahre lang durchführte.

Als Kekulé 1867 nach Bonn berufen wurde, folgte G. seinem Meister, obwohl er bereits verlockende Aussichten in Belgien hatte. G. half Kekulé das Bonner Institut einzurichten und in Gang zu bringen. Gleichzeitig beendete er seine Untersuchungen über Derivate der Zimtsäure, die durch die Entdeckung der Phenylpropiolsäure gekrönt wurden. Im April 1869 habilitierte sich G. mit diesen Untersuchungen. In seinem Gutachten hielt sie Kekulé "für eine der wichtigsten Arbeiten..., die in neuerer Zeit in der reinen Chemie ausgeführt worden sind". Er glaubte, G. werde bald als Kandidat bei der Besetzung "der besseren Professuren" benannt. G. hatte bereits ein Dutzend guter Arbeiten in deutschen, französischen und belgischen Zeitschriften veröffentlicht, zuletzt über einen neuen Gasofen für die Elementaranalyse - ein bedeutender methodischer Fortschritt. Ohne Zweifel, hätte G. eine erfolgreiche akademische Laufbahn fortsetzen können.

Jedoch wechselte er in die chemische Industrie. Am Anfang stand seine Bekanntschaft im Jahre 1867 mit Carl Graebe (1841-1927), der durch die Entdeckung der Alizarinsynthese berühmt wurde. Anlässlich eines Ferienbesuchs seiner Schwester in Mannheim traf G. auch Graebe, der sich damals bei der BASF mit der Ausarbeitung seiner Synthese befasste. Über ihn lernte er auch den Fabrikleiter der BASF Friedrich Engelhorn kennen, der G. überredete, über das künstliche Alizarin - "ein Traum meiner Jugend", so G., - bei der BASF zu arbeiten.

Sein Entschluss, die angebotene Stellung anzunehmen, so gab er zu, wurde noch dadurch erleichtert, dass auf seinen Vorschlag hin auch sein Freund Heinrich Brunck [s. dort] angenommen wurde.

Von Anfang an unterstützte G. seinen sechs Jahre jüngeren Freund in dessen ersten Schritten im Unternehmen. Die Wirklichkeit zeigte sich viel härter, als Engelhorn sie ausgemalt hatte. Die leitenden Persönlichkeiten der Firma waren selbst weder zuverlässig noch untereinander in gutem Einverständnis; wie die Zukunft zeigte, waren sie nur durch Geldinteressen verbunden. So wurden Mitarbeiter und bessere Entwicklung der Betriebe gefährdert durch die Gegensätze innerhalb der Leitung. Zunächst sollte G. sich mit der Fabrikation der Farben Palatin-Orange und Indulin in der Mannheimer Abteilung im Jungbusch beschäftigen, um sich die technischen Kenntnisse als Betriebsführer beizubringen. Nach einigen Monaten konnte G. diese Farben tonnenweise gewinnen. Die Hoffnungen auf den großen Erfolg dieser Farben erschienen jedoch trügerisch. Die Fabrik auf dem Jungbusch wurde im Frühjahr 1870 verkauft.

Nun setzte man G. auf das Problem der fabrikmäßigen Herstellung des synthetischen Alizarins an, wobei er ganz allein gelassen wurde. Enorme Schwierigkeiten entstanden an allen Enden, rein chemisch, organisatorisch, einschließlich der Beschäftigung von Arbeitern, die keinerlei berufliche Vorbildung hatten. G. war allein verantwortlich für die gesamten Betriebs- und Laboraufgaben in ganz verschiedenen Gebäuden. Nicht nur einmal fühlte sich G. durch die Fabrikleitung betrogen. Sein Pflichtgefühl, seine Zielstrebigkeit, aber auch die Freundschaft mit Brunck halfen ihm durchzuhalten.

Ein Hauptproblem war die Reinheit des Ausgangsstoffs Anthracen. Nach vielen Bemühungen war ein Verfahren ausgearbeitet, das einigermaßen befriedigende Ergebnisse lieferte. Die weitere Entwicklungsarbeit wurde auf die 1872 neugegründete Alizarinabteilung konzentriert, deren Leitung G. übernahm. Schon Ende 1871 teilte G. Graebe mit, dass Alizarin trotz gesteigerter Produktion "immer auf Monate voraus verkauft" sei. Doch blieben ernste Verfahrensmängel. Die Situation verschärfte sich auch durch aufkommende starke Konkurrenz. Erst nach sechs Jahren allmählicher Verbesserungen konnte endlich die sog. Druckschmelze unter Zusatz von Kaliumchlorat in den von G. konstruierten großen Rührkesseln als einwandfreies Verfahren aufgenommen werden:  Ein tadeloses Produkt, das jede Konkurrenz bestehen konnte.

Bei diesen Arbeiten entdeckte G. im rohen Anthrazen zwei neue Stoffe - Phenanthren und Carbazol. Ihre Erforschung sollte er Graebe überlassen, da er mit der laufenden Arbeit überlastet war. Seinen ersten Urlaub hatte er nach fast fünf Jahren für seine zehntägige Hochzeitreise nicht ohne Kampf mit Engelhorn erhalten.

Das Verschaffen der technisch und wirtschaftlich vorbildlichen Alizarin-Produktion macht den größten Erfolg und Verdienst G.s bei der BASF aus. Die bald notwendig gewordene Erweiterung des Betriebs folgte dem gegebenen Muster. 1876 entschied G., seine Abteilung zu reorganisieren, um seinem Freund Brunck ein angemessenes Arbeitsfeld zu schaffen: Brunck wurde Leiter der Fabrikationsbetriebe für Anthracen und Anthrachinon, G. behielt die Fabrikation des Dichloranthrachinons, der Sulfosäuren und der Alizarinfarbstoffe.

Eine wichtige Entdeckung, die G. 1877 im Betriebslabor machte, war Alizarinblau - ein neuer aussichtsreicher Farbstoff. Da aber G. eine auswärtige Aufgabe bekommen hatte, übergab er die Ausarbeitung dieser Entdeckung seinem Freund Brunck und machte großzügig niemals Ansprüche auf sie.

G. löste die auswärtig gestellte Aufgabe glänzend: Während zwei Russlandreisen G.s im Juli-August 1877 und im August-September 1878 wurde eine fast verlassene Seifensiederei im Vorort Moskau Butirki gekauft und eine Alizarinfabrik dort begründet und wirtschaftlich gefestigt.

Offensichtlich wurde die Position G.s (und Bruncks) zu 1879 so gestärkt, dass man sich sie in den Vorstand der Firma einzugliedern gezwungen sah. G. räumte später ein, dass es ihm nur "in stetigen Kampfe ums Dasein" stückweise gelang, sich "größeren Einfluss auf die Geschäfte zu verschaffen".

Die verbesserte Finanzlage ermöglichte G. die Übersiedlung nach Mannheim, wo die Luft für seine kranke Frau und seine Kinder besser war. Bald ließ sich G. ein eigenes Haus in Mannheim erbauen. (Allerdings übersiedelten die G.s 1901 nach Heidelberg).

Inzwischen wurde die weitere Entwicklung der Firma gravierend durch Gegensätze im Vorstand behindert: Die notwendig langfristig gelegten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten waren mit der Einstellung Engelhorns auf die schnellste Geldgewinnung nicht vereinbar. Nach schweren Kämpfen, allen voran G., wechselte die Leitung der Firma zu 1884. Die alten Direktoren gingen, der neue Vorstand vereinte in sich Brunck, G., August Hanser (1851-1895), Gustav Siegle (1840-1905) und aus dem vorigen Vorstand Heinrich Caro. Die führende Kraft bildete das Tandem Brunck-G., so dass die begonnene Periode als "die Ära Brunck-Glaser" in der Geschichte der BASF bezeichnet wird. In allen wichtigeren Fragen arbeiteten die beiden Hand in Hand, wobei sie einander vorzüglich ergänzten. Nun trat G. von seiner "Vorderstellung" gegenüber Brunck bewusst in die zweite Linie zurück - "für das Wohl des Ganzen", wie er später schrieb. Jeder hatte sein eigenes Feld. Für G. bedeutete dies die Leitung der Anilinabteilung, der auch die Produktion der Azofarbstoffe angegliedert war, sowie die Überführung der zahlreichen aus den Laboratorien kommenden Produkte in den Großbetrieb. Dafür gliederte G. seiner Abteilung ein technisches Versuchslaboratorium an. Auch für das 1887 begründete Hauptlaboratorium, wo A. Bernthsen (s. dort) als Leiter angestellt war, wirkte G. als direkter Vorgesetzter. Schließlich musste er sich mit den Fabrikationsfilialen in Russland und Frankreich beschäftigen.

Nach einem Jahrzehnt entschied G., wegen seiner geschwächten Gesundheit, diese überaus anstrengende Tätigkeit zu beenden. Ab Mitte 1895 lebte er in Mannheim als Privatier, blieb aber der BASF verbunden: Er wurde Mitglied des Aufsichtsrats und nach dem Tod Bruncks sein Vorsitzender. 1920 ging er endgültig in den Ruhestand. Nach der Bitte der BASF-Direktion verfasste er seine inhaltsreichen Erinnerungen, die mit 1884 enden. Befreit von den täglichen Anstrengungen lebte G. noch lange und starb mit 94 Jahren.

 

Q UA Tübingen: 40/70, 90 (Studentenakten G.); 136/1 (1864), 136/140 (1864), 136/150 (1864) Promotionsakten; UnternehmensA d. BASF: W1, Glaser; C112: Aufsichtsrat ? Sitzungsrotokolle 1885-1925; Auskünfte von UA Bonn vom 14.03.2008, StadtA Mannheim vom 10.04.2008 und StadtA Heidelberg vom 9.04.2008.

 

W  Über die Verbindungen des Naphtalins mit Brom, in: Ann. d. Chemie u. Pharmacie 135, 1865, 40-49; Über die Umwandlung des Anilins zu Azobenzol, in: ebd. 142, 1867, 364-369; Untersuchungen über einige Derivate d. Zimtsäure, in: ebd. 143, 1867, 325-346; 147, 1868, 78-107; 154, 1870, 137-171; Über einen neuen Gasofen zur Elementaranalyse, in: ebd. VII. Suppl. Bd, 1870, 213-217; (mit C. Graebe) Über Carbazol, in: ebd. 163, 1872, 343-360; August Hanser +, in: Die chemische Industrie 18, 1895, 397; Festrede bei d. Enthüllungs-Feier des Kekulé-Denkmals in Bonn, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 36, 1903, 4627-4629; Gustav Siegle +, in: Die chemische Industrie 28, 1905, 641-643; Heinrich von Brunck, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 46, 1913, 353-389; Erlebnisse u. Erinnerungen nach meinem Eintritt in die Badische Anilin- & Soda-Fabrik im Jahre 1869. Typoskript, 1921, 147 S. (in: UnternehmensA d. BASF W1, Glaser).

 

Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch III (1898), 526; IV (1904), 503; VI, Teil 2 (1937), 901; VIIa, Teil 2 (1958), 210; C. Schuster, G., in: NDB 6 (1964), 432; R. Anschütz, C. Müller, Zu C. G.s 85. Geburtstag, in: Zs. für angewandte Chemie 40, 1927, 273-281 (B); M. A. Kunz, C. G. +, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges.68, A, 1935, 166-168; E. Vaupel, Carl Graebe (1841-1927): Leben, Werk u. Wirken im Spiegel seines brieflichen Nachlasses. Diss., Univ. München, 1987, S. 158f., 168-170, 222-229, 622; Quellenband, S. 20f., 177f., 218-221, 305-391, 412;   Lexikon bedeutender Chemiker, 1989, S. 170; C. Reinhardt, Forschung in d. chemischen Industrie: die Entwicklung synthetischer Farbstoffe bei BASF u. Hoechst, 1863 bis 1914, 1997 (Freiberger Forschungshefte D, 202), S. 62f., 75, 98-101, 140f., 156f.; W. Abelshauser (Hg.), Die BASF: Eine Unternehmensgeschichte, 2002, S. 37-115.

 

B s. L (Anschütz, Abelshauser - B nach d. S. 128); Gruppenphoto (1866), in: Kekulé und seine Benzolformel: Vier Vorträge, Weinheim, 1966, S. 53; Lexikon Pfälzer Persönlichkeiten v. Viktor Carl, 2. Aufl. 1998, S. 221; UnternehmensA d. BASF: Bildersammlung, Glaser; Ölgemälde von O. Propheter (1911) u. W. Firle (1926) im Familienbesitz.

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