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Gutbier, Alexander (1878-1926), Chemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Gutbier, Felix Alexander Maximilian, Chemiker

*23.3.1876 Leipzig, ev., +4.10.1926, Jena

V Carl G. (1843-1916), Kaufmann u. Fabrikbesitzer in Leipzig;

M Fanny, geb. Thilo (1846-1919);

G 3: Carl Ferdinand Erich (1870-), Kaufmann; Johanne Helene (1874-?); Marie Elisabeth Johanne (1878-?), verh. Tohte.

 

1 ∞ 17.1.1902 Erlangen Olga Fischer (1882-?) gesch. 1916;

K 3: Harry Karl Otto (1902-?); Rolf Wilhelm Alexander (1903-1992), Architekt, Professor; Eitel-Friedrich Herbert (1909-1919);

2 ∞ 15.8.1919 Stuttgart Gertrud Gaugler (1894-1953).

 

1882 IV - 1886 IV                 Besuch d. Teichmannschen Privatschule in Leipzig

1886 V - 1894 III                   Besuch u. Abschluss des Kgl. Staatsgymnasiums                                                     ebd.

1894 IV - 1897 IV                 Studium d. Chemie an d. TH Dresden

1895 X - 1896 IX                  Einjähriger Freiwilliger bei d. 2. Grenadier-Reg. Nr.                                                     101 ebd.

1897 SS                                 Studium Chemie an d. Univ. Zürich

1897 X - 1899 I                     Studium Chemie an d. Univ. Erlangen

1899 III 1                                  Promotion magna cum laude ebd.; Diss. : "Beiträge                                                  zur Kenntnis d. Isorosinduline"

1900 X - 1901 VII                 Studium Chemie an d. TH München

1899 II - 1900 IX u.               Assistent am Chemischen Laboratorium d. Univ.

1901 X - 1902 I                     Erlangen

1901 XI                                  Habilitation ebd.; H.-schrift: "Studien über das Tellur";                                                Probevorlesung "Über den kolloidalen Zustand der                                                Metalle" (30.11.1901)

1907 VI                                  a.o. Prof. ebd.

1912 X - 1922 IX                  o. Prof. für Elektrochemie u. Chemische Technologie                                                 an d. TH Stuttgart

1914 IX - 1918 XII                Militärdienst; EK II (1916), EK I (1918)

1920 XI - 1922 IV                 Rektor d. TH Stuttgart

1922 X                                   o. Prof. u. Direktor des Chemischen Laboratoriums                                                 an d.  Univ. Jena

1926 IV 1                               Rektor ebd.

 

G. wurde in eine wohlhabende Familie geboren und genoß eine gute Schulausbildung. Schon früh erwachte in ihm, wahrscheinlich dank der Eindrücke in der väterlichen Färbefabrik, das Interesse für Chemie, so dass G. später eine vielseitige chemische Bildung anstrebte. Zuerst studierte er an der TH Dresden, wo er die bedeutenden Anorganiker Walther Hempel (1851-1916) und Friedrich Foerster (1866-1931) als Lehrer hatte. Danach ging G. nach Zürich und lernte von dem "genialen Alfred Werner" (so G.) aus erster Quelle die neue Lehre über die Chemie der Komplexverbindungen kennen. Um auch in der organischen Chemie Kenntnisse zu erwerben, immatrikulierte sich G. an der Universität Erlangen und promovierte dort bei dem Organiker Otto Fischer (1852-1932). So gelten seine ersten Publikationen der organischen Chemie. Andererseits fühlte er sich in die Pflicht genommen, "dass der älteste Zweig unserer Wissenschaft, die anorganische Chemie ... neben der immer mächtiger sich ausbreitenden Kohlenstoffchemie nicht völlig verkümmerte, sondern lebenskräftig blieb". Deswegen entschied er sich wieder für eine anorganische Schule, für Wilhelm Muthmann (1861-1913) an der TH München. Nach einem Jahr kehrte er mit einer fertigen Habilitationsschrift nach Erlangen zurück und beschritt seine akademische Laufbahn.

Als Privatdozent kündigte G. eine bunte Liste von Vorlesungen an: Gasanalyse, Geschichte der Chemie, Moderne Theorien der anorganischen Chemie. Außerdem führte er gasanalytische Praktika, wie auch chemisches Praktika für Mediziner und Kolloquien über die neuere chemische Literatur. Seine Begeisterung und sein geschicktes Experimentieren zog viele Studenten an. 1907, G. hatte einen Ruf an die Universität Montevideo abgelehnt, wurde er zum a.o. Professor befördert. In dieser Eigenschaft lehrte und forschte er 5 Jahre, wobei sein Schwerpunkt mehr und mehr die Herstellung und Erforschung kolloidaler Lösungen von Elementen wurde. Zu den Themen seiner Vorlesungen fügte er noch Physikalische Chemie und Photographie hinzu.

Zwisdhen 1907-1911 war G. auch als Vorstandsmitglied der Physikalisch-medizinischen Sozietät zu Erlangen tätig; mehrmals trug er dort seine Arbeiten vor (Mitglied seit 1899, gleich nach seiner Promotion). Als G. für Herbst 1912 als Ordinarius nach Stuttgart berufen wurde, begründete er dort unverzüglich die "Chemische Gesellschaft Stuttgart", wo er Vorsitzender wurde.

In Stuttgart hielt G. mehrere Vorlesungskurse: Physikalische Chemie (SS) bzw. Elektrochemie (WS) je 2 Stunden wöchentlich, Technische Chemie - 2 Stunden wöchentlich in beiden Semestern, wie auch "Analytische Chemie auf physiko-chemischer Grundlage". Gleichzeitig bereitete G. in einer zweijährigen Übergangszeit eine Neugestaltung der Chemie in der TH nach Dresdener Muster vor. Ab 1915 wurden die bisherigen zwei Laboratorien in drei Laboratorien eingeteilt: für Anorganische Chemie, für Organische und Pharmazeutische Chemie und für Physikalische Chemie und Elektrochemie. G. selbst leitete die Anorganische Chemie. Dementsprechend las er ab WS 1915/16 "Anorganische Experimentalchemie" (je 4 Std in Wintersemestern) und "Anorganisch-Chemische Großindustrie" (je 4 Std. in Sommersemestern).

Noch während seines Studiums in Dresden "genügte" G. seiner "Militärpflicht". Auch später machte er "Übungen" (Frühjahr 1897, Spätsommer 1898) und wurde zum Leutnant der Reserve befördert. Ab November 1904 wurde G. für dauernd als "Feld- und Garnisondienst unfähig" gestellt. Trotzdem meldete er sich freiwillig bereits am 7. September 1914 beim Militär zurück. Als Reservist setzte er seine Arbeit an der TH fort. Ab Anfang 1916 wurde er Hauptmann der Landwehr und "zur besonderen Verwendung" zum Kriegsministerium kommandiert. Meistens arbeitete er als Militär-Korrespondent und absolvierte sechs 4-8-wöchige Frontreisen, insbesondere nahm er an der Sommeschlacht und am Stellungskampf vor Verdun teil. Darüber publizierte er 1916-1917 elf lange Artikel in Stuttgarter Zeitungen, unter dem allgemeine Titel "Die Württemberger im Felde". Zuletzt wirkte er als Divisions-Nachrichten-Kommandeur und "hat seine Stellung jederzeit in jeder Lage in vorbildlicher Weise ausgefüllt", so in seinem Dienstleistungzeugnis, wo auch sein "vortreffliches organisatorisches Talent" betont wird. Dass G. enthusiastischer Deutscher war, zeigte sich auch nach dem Krieg. In seiner Festrede am 50jährigen Tag der Reichsgründug rief er auf, "alle guten Kräfte in unserem Volke fest zusammenzufassen, auf dass Deutschland nicht versinke in dem verblendeten Hass und Unverstand einer ganzen Welt!" und schloss mit dem Motto "Deutschland, Deutschland über alles!". In dieser Zeit wurde G. auch Erster Landesvorsitzender des Schwabenbundes, der "die Rettung und den Wiederaufstieg unseres deutschen Volkes" proklamierte. (G. fungierte auch im Ausschusse der im Februar 1922 begründeten Stuttgarter Ortsgruppe des Schwabenbundes).

Nach dem Krieg wurde die Lage der TH schwierig, indem die Zahl der Studierenden sich mehr als verdoppelte im Vergleich zur Vorkriegszeit.  G. konzentrierte sich sofort auf die schnelle Wiederherstellung des normalen Unterrichts. Er kümmerte sich um die Fortführung der Forschungen wie auch um die Reanimation der Chemischen Gesellschaft, die im Juni 1919 ihre erste Sitzung nach dem Krieg unter G.s Vorsitz hatte. 1920 führte G. in seinem Laboratorium ein Praktikum für Kolloid-Chemie ein. Nahezu 40 Studierende promovierten in Stuttgart unter G.s Leitung. "Forscher wollen wir sein in erster Linie, und zu Forschern wollen wir unsere Chemiestudierenden erziehen", - erklärte er. Einige seiner Doktoranden konnten ihre Arbeiten, wegen des Kriegs,  nicht beenden. G. publizierte ihre Ergebnisse unter den Namen der gefallenen Verfasser. Man wählte ihn zum Rektor, und er leistete seinen Dienst mit voller Hingabe. Insbesondere kümmerte er sich um die Versorgung des Hochschulunterrichts: "Noch niemals ist Geld besser angewandt worden, als zur Ausbildung unserer akademischen Jugend, Deutschalands Hoffnung!"

Für Herbst 1922 wurde G. nach Jena berufen, wo insbesondere seine hervorragenden organisatorischen Fähigkeiten gefragt waren. Einerseits bemühte er sich um die schon lange dringend gewordene Abtrennung der selbständigen mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät von der philosophischen und wirkte vom Frühjahr 1924 bis zum Frühjahr 1926 als ihr erster Dekan. Andrerseits fungierte G. als Vorsitzender des Jenaer Ortsauschusses des Vereins Deutscher Chemiker, um die Tagung des Vereins und die II. Hauptversammlung der Kolloid-Gesellschaft  September/Oktober 1923 in Jena zu organisieren. Gleichzeitig leitete er sein Institut und betreute weitere Forschungsarbeiten. Ab April 1926 wurde er zum Rektor gewählt. Dies erwies sich aber als zu viel: Im Herbst, ganz spontan und impulsiv, erschoss sich G. mitten der Arbeit. Die Ursache war, so die Ärzte, "die Verstörung des Geistes infolge starker beruflicher Überlastung".

 

G., eine markante Persönlichkeit und rastlos in zahlreichen Gebietn tätig: als Lehrer, der Hunderte von Schülern zu begeistern wusste, als Verfasser erfolgreicher Lehrbücher, als talentvoller Organisator, der insbesondere die Entwicklung der TH Stuttgart und der Universität Jena befördert hatte, aber vor allem als Forscher. Obwohl er nur bereits erschlossene Felder bearbeitete, wirkte er als überaus eifriger und produktiver Forscher. Von G. stammen etwa 260 Publikationen. Fast alle seine Arbeiten gelten der anorganischen, analytischen, Komplex- und Kolloidchemie. In der anorganischen Chemie führte er fundamentale Forschungen über Tellur durch, einschließlich der neuen Atomgewichtsbestimmung dieses Elements, sowie viele Arbeiten über einige Platinmetalle, wo er eine Reihe neuer Verbindungen entdeckte. G. synthetisierte auch mehrere Komplexverbindungen von Platinmetallen. G.s Ergebnisse in der analytischen Chemie - er entwickelte einige neue analytische Verfahren - waren eher Nebenprodukte, d. h. Mittel, notwendig für seine Forschungen in der anorganischen und Kolloidchemie. Zu letzterem Gebiet gehören seine umfangreichsten Arbeiten. Es gelang ihm, mit seinen Schülern kolloidale Lösungen vieler metallischer und nichtmetallischer Elemente herzustellen und systematische Forschungen der sog. Schutzkolloide durchzuführen.

G. war leidenschaftlicher Experimentator mit außerordentlich geschickter Hand. In stetiger Eile, neue experimentelle Ergebnisse zu erhalten, fand G. keine Zeit, um zusammenfassender Übersichtsartikel zu verfassen; lediglich aus einleitenden Bemerkungen zu seinen laufenden Veröffentlichungen ist zu sehen, dass er immer das ganze Bild des entsprechenden Problems vor Augen hatte. Sein Credo war, die Phänomene genau so zu beschreiben, wie sie direkt  zu beobachten waren. Die getreue, unvoreingenommene, hypothesenfreie Wiedergabe der Naturerscheinungen, fast immer nur in tabellarischer Form, ist für alle seine Experimentalarbeiten charakteristisch. Eben deswegen besitzen sie dauernden Wert: Sie werden bis heute in der Fachliteratur zitiert.

 

  UA Erlangen: A2/1 Nr. G 31 (Personalakte G.), C4/3b Nr. 2233 (Promotionsakte G.), C4/4 Nr. 89 (Habilitationsakte), E1/1 Nr. 1 fol. 66 (Autobiographie); UA Stuttgart: 10/103 (Verzeichnis d. Dr.-Ing.- Promotionen); Programm d. K. Württ. TH in Stuttgart 1912/13-1922/23; HStA Stuttgart: M 430/3 Bü 3777 (Personalakten G.); M 1/3 Bü 490 (Frontreisen G.s); M 737 Bü 178 u. M 660/041 Nr. 10 (Kriegsaufsätze G.s); Q2/30 Bü 22 (Schwabenbund); UA Jena: D Nr. 1005 (Eine Kurzbiographie G.s); A des Instituts für Personengeschichte, Bensheim: B Gutbier (Akte G.); StadtA Leipzig, Auskunft vom 8.01.2008; ATU München, Auskunft vom 21.02.2008; StadtA Erlangen, Auskunft vom 10.01.2008; UA Jena, Auskunft vom 15.02.2008.

 

W Studien über Tellur, 1901; Über das flüssige Hydrosol des Goldes, in: Zs. für anorg. Chemie 31 (1902), 448-450; Beiträge zur Kenntnis anorganischer Kolloide, ebd. 32 (1902), 347-351; (mit C. Trenker) Über Halogenverbindungen des Rutheniums, ebd. 45 (1905), 166-184; (mit A. Krell) Zur Kenntnis d. Halogenverbindungen des Palladiums, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 38 (1905), 2385-2389; (mit L. Birckenbach) Praktische Anleitung zur Maßanalyse, 1905, 21912, 31920, 41924; (mit L. Birckenbach) Praktische Anleitung zur Gewichtsanalyse, 1907, 21919; Zur Erinnerung an Henri Moissan, in: Sitzungsberr. d. Physikalisch-medizinischen Sozietät in Erlangen 39 (1907), 298-556; Studien über anorganische Kolloide, in: Kolloid-Zs. 4 (1909), 180-185, 256-261, 308-311, 5 (1909), 46-52, 105-109; (mit E. Weingärtner) Studien über Schutzkolloide. Erste Reihe: Stärke als Schutzkolloid, in: Kolloidchemische Beihefte 5 (1913), 211-268; Zur Kenntnis des Osmiums, in: Chemiker-Ztg. 37 (1913), 857-859; Katalyse des Hydrazins durch Platinmohr, in: Zs. für physik. Chemie 84 (1913), 203-249; (mit J. Huber, E. Kuhn, G. L. Weise) Studien über Schutzkolloide, in: Kolloid-Zs. 18 (1916), 141-152, 201-210; 19 (1916), 177-191; Über Ammoniumpentahalogenoruthenate, in: Zs. für anorg. u. allg. Chemie 109 (1920), 187-212; (mit F. Falco u. Th. Vogt) Über die Alkali-pentachloro- u. pentabromorutheniate, in: ebd. 115 (1921), 225-236; Chemiestudium u. Chemieunterricht (Rede bei d. Übernahme des Rektorats am 6. Nov. 1920), 1921; Wirtschaftliche u. kulturelle Bedeutung wissenschaftlicher Forschung (Festrede am 18. Jan. 1921), in: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg 77 (1921), 79-90; Lehrbuch d. qualitativen Analyse, 1921; (mit F. Flury, Fr. Heinrich, J. Huber, R. Emslander) Über den Einfluß des Gefriererens auf kolloides Selen, in: Kolloid-Zs. 29 (1921) 161-172, 287-293; 30 (1922) 97-110; (mit J. Huber u. W. Schieber) Über einen Schnelldialysator, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 55 (1922) 1518-1523; (mit G. F. Hüttig u. H. Döbling) Zur Kenntnis des Systems Zinn(IV)-oxyd/Wasser, in: ebd. 59 (1926) 1232-1246; Goethe, Großherzog Carl August u. die Chemie in Jena. Rede. 1926; (mit H. Brintziger) Über den Einfluß hydrophiler Kolloide auf den Farbumschlag von Indikatoren, in: Kolloid-Zs. 41 (1927), 1-6.

 

L Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch V (1926), 470-472; VI, Teil 2 (1937), 983f.; J. Reitstötter, G., in: NDB 7 (1966), 337f.; F. Hein, G., in: Dictionary of Scientific Biography 5 (1974), 575f.; L. Birckenbach, A. G.+, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 59A (1926), 115-117; G. F. Hüttig, A. G. +, in: Zs. für angewandte Chemie 40 (1927), 41f.

 

B UA Erlangen, E5/2 Nr. 1 fol. 83

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