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Bohn, René (1862-1922), Chemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Bohn, René Ernst, Chemiker

7.03.1862, Dornach bei Mülhausen in Elsaß, ev., +6.03.1922, Mannheim

V Charles Frédéric (Karl Friedrich) Bohn (1829-1886), Administrateur de la (Société alsacienne de construction mécanique à Mulhouse (Direktor d. Elsäßischen Maschinenbau AG in Mülhausen)

M Caroline Adèle, geb. Bourry (1838-?)

G 11

∞ 1895 in Mailand Hedwig (Edwiga) Schoch (1874-1961)

K2: René Jean Charles B. (1895-1965); Marie-Louise (Marise), verh. Röchling (1900-1992)

 

1869-1878                  Besuch d. Gewerbeschule (Oberrealschule) in Mülhausen

1878-1879                  Besuch u. Abschluss d. Kantonsschule in Zürich

1879-1882                                    Studium Chemie am Polytechnikum Zürich

1882 VII                       Diplom-Examen ebd.

1883 VI 23                  Schweizerischer Bürger

1883 XII 19                  Promotion an d. Univ. Zürich; Diss.: "Beiträge zur Kenntniss                                       einiger Oxyazoderivate des Benzols"

1884 I-IV                      Arbeit in d. Kattundruckerei "Rotes Meer", Mülhausen

1884 IV 14                   Eintritt in die BASF, Ludwigshafen

1892                            Vergoldete Denkmünze d. Industriellen Gesellschaft von                                      Mülhausen "für seine gesammten Arbeiten auf dem

                                     Gebiete d. künstlichen Farbstoffe"

1893                           Vertreter d. BASF an d. Weltausstellung in Chicago

1906                           Direktor u. stellvertrendes Vorstandsmitglied d. BASF

1911                           Leiter d. Alizarin-Abteilung ebd.

1914 I 1                      Titel Professor verliehen durch die Bayerische Regierung

1919                           ordentlicher Vorstandsmitglied d. BASF

1922 I 1                      Pensionierung wegen Gesundheitsproblemen

 

B. wurde als zweiter Sohn, von zwölf Kindern des Maschinenindustriellen Charles Bohn im Elsaß geboren. Sein Vater, ein "self-made-man" von starkem Pflichtgefühl, großem Fleiß und vornehmer Anständigkeit, war den Kindern Vorbild. Die Familie wohnte in Dornach, Vorort der Textilindustriestadt Mülhausen. B. besuchte die Gewerbeschule in Mülhausen, darüber hinaus nahm Vieles bei mannigfaltigen Beobachtungen in den von Freunden der Familie geleiteten Mülhauser Färbereien und Kattundruckereien in sich auf. So wuchs in B. schon früh Interesse für die Chemie. Der begabte Junge durfte ein kleines chemisches Labor im väterlichen Betrieb einrichten und experimentierte dort begeistert.

  Mit 16 Jahren ging B. nach Zürich, wo er die letzte Klasse der Kantons-Industrieschule besuchte und mit dem Reifezeugnis "II. Grad" abschloss. Das erlaubte ihm, in das Züricher Polytechnikum aufgenommen zu werden, an die Abteilung für Chemie, damals als "Chemisch-Technische Schule" bezeichnet, wo 1878 ein Lehrplan mit drei Jahreskursen festgelegt worden war. Seine Lehrer waren Victor Meyer (1848-1897) in der Allgemeinen Chemie, dessen Assistent Frederick Treadwell (1857-1918), Georg Lunge (1839-1923) in der Technischen Chemie, und besonders der Organiker Karl Heumann (1850-1893). Im Juli 1882 bestand B. sein Diplom-Examen mit vorzüglichen Noten. Anschließend fungierte er etwa eineinhalb Jahre als Vorlesungsassistent bei Lunge. Dazu musste sich B. nochmals "als Repetent" für den letzten Kurs seiner Abteilung anmelden. Gleichzeitig erarbeitete er dort bei Heumann seine Dissertation und wurde im Dezember 1883 an der Univ. Zürich promoviert (das Polytechnikum erhielt das Promotionsrecht erst 1909; anschließend, 1911, folgte die Umbenennung des Polytechnikums in Eidgenössische Technische Hochschule, ETH). Gutachter waren der o. Professor der Chemie, Organiker Victor Merz (1839-1904) und der Mineralogieprofessor Adolph Kenngott (1818-1897), bei dem B. Mineralogie und Petrographie am Polytechnikum studierte. B. widmete seine Dissertation seinem Doktorvater Heumann "in dankbarer Hochachtung".

Noch zu Studienzeiten, als B. volljährig (21) wurde, erwarb er die schweizerische Staatsangehörigkeit, die er bis zum Lebensende behielt.

 

Während seiner Semesterferien sowie einige Monate nach seiner Promotion arbeitete B. in Kattundruckereien in Mülhausen. Diese praktischen Erfahrungen bestimmten später spezifisch seine Leistungen: Jedes rein chemische Ergebnis betrachtete B. vom Gesichtspunkt ihrer Anwendungsarten und -möglichkeiten, und er verstand es meisterhaft, diese Anwendungsmöglichkeiten zielstrebig zu verfolgen.

 

Anfang 1884 endete die "Ära Engelhorn" bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen, und der neue technische Direktor der Firma, Heinrich Brunck (s. dort) forcierte die firmeneigene Forschung durch zahlreiche Neueinstellungen. Dank Victor Meyers Vermittlung wurde der 22jährige B. in der Alizarin-Abteilung der BASF im Betriebslabor eingestellt, das hauptsächlich für Analysen und Verfahrens- und Produktionskontrolle eingerichtet war. In der Athmosphäre geistiger Aufgeschlossenheit, die Brunck kultivierte,  zeigte sich B. so schöpferisch und erfinderisch, dass man sein Labor als Forschungslabor zu bezeichnen begann. 1886 erhielt B. seinen ersten Assistenten.

Schon 1885 war es B.gelungen, einen neuen Farbstoff zu entdecken, das sog. Alizarinmarron (ein Gemisch von Aminoverbindungen von Alizarinderivaten), der als Chrombeizenfarbstoff Bedeutung erhielt. Weiter folgten u.a. Anthracenblau (1886), Alizarinschwarz (1887), Carbazolgelb, wie auch Alizaringrün und Alizarinblaugrün (alle 1888) usw. Damit begann eine neue "Alizarinperiode" in der Farbstoffproduktion, nachdem man dieses Gebiet schon als erschöpft betrachtet hatte.

 

B. verfügte über eine geniale Intuition, scharfe Beobachtungsgabe und meisterhaftes Experimentiervermögen. So erreichte er seine Ziele mit relativ wenigen Versuchen; er wusste auch, eine wenig versprechende Versuchsreihe schnell abzubrechen, um einen neuen Weg einzuschlagen. Seine Erfindungen waren "stets eigenartig, verblüffend neu und deshalb grundlegend", so sein Freund und Kollege Paul Julius (s. dort).

 

B. pflegte weiter freundschaftliche und berufliche Beziehungen mit vielen Fachleuten in Mülhausen. So blieb er immer informiert hinsichtlich der aktuellen Ergebnisse und Probleme der Industrie. Er konnte deshalb, dem Färber und Drucker neue Farbstoffe gleich mit technisch brauchbaren Anwendungsvorschriften zur Prüfung unterbreiten. Die zahlreichen von B. vorgeschlagenen Färbe- und Druckmethoden waren meist nicht weniger originell, als seine Darstellungsverfahren von neuen Farbstoffen. So galten sie auch als Erfindungen und wurden entsprechend patentiert. Kein Wunder, dass die Industrielle Gesellschaft von Mülhausen ihm schon 1892 die "vergoldete Denkmünze ... für seine gesammten Arbeiten auf dem Gebiete der künstlichen Farbstoffe" verlieh.

Die größte und bekannteste Leistung B.s ist die Entdeckung des Indanthren, die am 6. Februar 1901 als "Verfahren zur Darstellung eines blaues Farbstoffs der Anthracenreihe" zum Patent angemeldet wurde (DRP Nr. 129845). Anschließend wurde eine verwandte Verbindung, das sog. Flavanthren entdeckt und patentiert. Auf dieser neuen Basis wurden, zuerst durch B. selbst und seine Mitarbeiter, Dutzende hochkarätiger Küpenfarbstoffe von bisher unerreichbarer Echtheit und Beständigkeit entwickelt.

Die Anwendungsvorschriften waren aber ungewöhnlich für die Färber und Drucker, so dass diese Widerstand gegen die neuen Farbstoffe leisteten. B. begab sich aber nach Mülhausen in die dortigen Färbereien und Druckereien und ließ nicht ab, bis die Herren die neuen Methoden erlernt und sich von der Bedeutung von neuartigen Produkte überzeugt hatten.

1906 wurde B. Direktor und stellvertretendes Vorstandsmitglied. 1909 hatte man, auf Bruncks Veranlassung, festlich das 25jähriges Dienstjubiläum B.s gefeiert. 1911 wurde B. Leiter der ganzen Alizarin-Abteilung, d.h. nicht nur des Labors, sondern auch der Färberei und der Produktionsbetriebe. 1912 erschloss B. mit den Chromium-Komplex-Säure-Farbstoffen eine weitere Farbstoffklasse. Anfang 1914 wurde ihm durch die Bayerische Regierung den Professorentitel verliehen: Obwohl die BASF bis 1919 ihren Sitz in Mannheim, also in Baden hatte, gehörte ihr Betriebsort Ludwigshafen zur Bayerischen Krone.

 

Die hohe Position veränderte B. nicht. Als gutmütiger bescheidener Mensch von offenem geradem Wesen, konnte B. immer erfolgreich in allerlei schwierigen Streitlagen vermitteln, so dass seine Freunde und seine Mitarbeiter ihn stets zum Schiedsrichter beriefen, um Gegensätze zu überbrücken. B.s tiefstes inneres Bedürfnis war das Experimentieren im Labor; als er 1906 zum hohen administrativen Posten befördert wurde, bedauerte er sehr, jetzt keine Möglichkeit mehr zu haben, selbst am Labortisch zu arbeiten. Seinen für ihn bereitgehaltenen Arbeitsplatz im Labor bewahrte er - vergeblich - über 8 Jahre.

Die ersten Jahre seiner Tätigkeit bei der BASF wohnte B. in Ludwigshafen. Als er sich entschied, eine Familie zu gründen wechselte er 1894 nach Mannheim. Fast 20 Jahre mietete die Familie eine Wohnung (in B1, 5). 1914 ließ B. aber den Pariser Architekten L'Ange eine Villa wie ein Barock-Landschlößchen im Nobel-Teil Mannheims (im Oberen Luisenpark, 5) bauen.

 

Der Ausbruch des Krieges wurde für B. die Katastrophe. Franzose seiner Erziehung und Kultur nach - Französisch beherrschte er besser als Deutsch - pflegte er vielseitige Verbindungen mit Frankreich, er hatte dort Verwandte und Freunde. Er blieb weiter in Deutschland, aber viele seiner Lieben lebten in Frankreich. Aus dem lebhaften heiteren Mann, "dessen Anwesenheit allein schon in jedes Haus und jede Gesellschaft Sonnenschein brachte", so Julius, machte der Krieg einen gebrochenen ernsten Menschen. Nach dem Kriegsausbuch meldete B. keine Patente mehr, er beschäftigte sich nur mit den laufenden Arbeiten. 1915 sah er sich gezwungen, die Leitung der Alizarin-Abteilung niederzulegen. Ende 1921 erklärte B. seine Kündigung ab 1. Januar 1922; nach wenigen Monaten, einen Tag vor Vollendung seines 60. Lebensjahres, starb er. Seine Krankheit und sein früher Tod wurden durch diese unerträgliche psychische Belastung verursacht, behauptete sein Bruder Carl.

 

Das Werk B.s gehört grundsätzlich zur Chemie der polyzyklischen aromatischen Verbindungen. Es spiegelt sich in 87 deutschen und 57 amerikanischen Patenten wider; seine Erfindungen wurden auch in England und Frankreich patentiert. Dagegen publizierte B. wenig: Die Auswertung der rein chemischen Seiten seiner Erfindungen überließ er anderen, insbesondere Carl Graebe (1841-1927) und Roland Scholl (1865-1945). Die intensive, fast nur im Briefwechsel erhaltene Zusammenarbeit bereicherte die beiden Seiten sehr. B. kümmerte sich selbst um die praktischen Anwendungen. Jedoch eine seiner Leistungen, die sog. Bohn-Schmidt-Reaktion (1889), d. h. katalytische Einführung von Hydroxylgruppen in Anthrachinone, bekam sofort und erhält bis heute direkte Bedeutung in der organischen Chemie.

Allein schon die Entdeckung von Indanthren, deren 50-, 75- und 100jährige Jubileen gefeiert wurden, reicht aus, um den Namen B.s zu verewigen: Diese Entdeckung hat eine gewaltige  Umwalzung auf dem Gebiet der organischen Farbstoffe und deren Anwendungsmethoden ausgelöst. Die Geschichte der Farbstoffchemie kennt B. als einen der genialsten und fruchtbarsten Erfinder.

 

Q  StadtA Mülhausen (Archive municipale de Mulhouse): Auskunft vom 8.11.2007; StadtA Zürich: Auskunft vom 15.10.2007; A d. ETH Zürich : Auskunft vom 11.10.2007; Rektoratskanzlei d. ETH Zürich: Studentenakten B., Auskunft vom 7.11.2007; UnternehmensA BASF, Ludwigshafen: W1 Bohn; StadtA Mannheim: Familienbogen; S1/2309; S2/0483-3 (Zeitungsausschnitte).

 

W  (mit K. Heumann) Über Paraazophenol, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 15, 1882, 3037-3039; (mit K. Heumann) Zur Charakteristik d. Azophenole, ebd. 17, 1884, 272-276; (mit C. Graebe) Über Galloflavin, ebd. 20, 1887, 2327-2331; Über Indanthren, ebd. 36, 1903, 1258-1260; Über Indanthrenfarbstoffe, in: Chemiker-Ztg. 32, 1908, 809f.; Über Fortschritte auf dem Gebiete d. Küpenfarbstoffe, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 43, 1910, 987-1007.

 

L  K. Saftien, B. NDB 2, 1971, 421; Anonym. Professor R. B.+, in: Die Chemische Industrie 45, 1922, 198; Anonym. R. B.+, in: Zs. für angewandte Chemie 35, 1922, 180; E. Noelting, R. B. +, in: Helvetica chimica Acta 5, 1922, 566-570; M. A. Kunz, R. B.+, in: Chemiker-Ztg. 46, 1922, 297f.; A. Beyer, R. B.+, in: Revue textile et Revue des chimistes-coloristes 20, 1922, 957f. (B); A. Steigelmann, Professor Dr. R. B.+, in: Textilberr. über Wissenschaft, Industrie u. Handel 3, 1922, 117f.; BASF, R. B.+, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 55, 1922, A, 99-101; P. Julius, M. A. Kunz, R. B. (1862-1922), ebd. 56, 1923, A, 13-20 (B; Schriftenverzeichnis); M. A. Kunz, 50 Jahre Indanthren, in: Melliland Textilberr.33, 1952, 58-69; E. Vaupel, Carl Graebe (1841-1927) ? Leben, Werk u. Wirken im Spiegel seines brieflichen Nachlasses (Diss. Univ. München), 1987, S. 296-301, 531f., 615, Quellenband (Bibl. des Dt. Museums, Signatur 1988 B 15), S. 555-561; Lexikon bedeutender Chemiker, 1989, 53;  Carsten Reinhardt, Forschung in d. chemischen Industrie: die Entwicklung synthetischer Farbstoffe bei BASF u. Hoechst, 1863 bis 1914, 1997 (Freiberger Forschungshefte D, 202), S. 212-224, 338; W. Abelshausen (Hg.), Die BASF. Eine Unternehmensgeschichte, 2002, S. 63, 70-72, 108, 126f..

 

B s. L (Beyer; Julius); StadtA Mannheim: Kleinformat Nr. 36231 (ca. 1895), Nr. 36232 (ca. 1902); UnternehmensA BASF: W1, Bildarchiv, R.B. (zahlreiche Photos 1884-1919)

 

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