Julius, Paul (1862-1931), Farbstoffchemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Julius, Paul , Farbstoffchemiker

*14.10.1862, Liesing bei Wien, ev., + 9.01.1931, Heidelberg

V Hermann Julius (1825-1900), "technischer Chemiker" an d. Chemischen Fabrik Wagenmann, später Fabrikleiter;

M Ernestine, geb. Waldöst (l829-1906);

G ?

Ledig

 

1880 VII                                  Abschluss d. k. k. Staats-Realschule im IV  Bezirk                                                     Wien (Wiedner Kommunal-Oberrealschule)

1881 IX-1884 V                     Studium Chemie an d. TH Wien; 16.07.1883 - 1.                                                 Staatsexamen

1884 IX-1885 VII                   Assistent an d. Handelsakademie Wien

1885/86 (WS)                        Studium Chemie an d. Univ. Basel

1886 III 11                               Promotion insigni cum laude ebd.; Diss.: "1. Das ß-                                                  Dinaphthol u. α,α-Dinaphtil. 2. Die Zusammensetzung                                                 des Magdalarotes"

1886 III -1888 VI                     Assistent bei der Redaktion der "Chemische                                                  Industrie" in Berlin

1886 VI 15                              Eintritt in die BASF

1906 VII 1                                Prokurist; stellvertretender Leiter des                                                   Hauptlaboratoriums

1915 V 15                               Stellvertredender Direktor u. Vorstandsmitglied

1918                                         Leiter des Hauptlaboratoriums

1919 XI 15                               o. Direktor u. Vorstandsmitglied

1925 V 29                                Geheimer Kommerzialrat

1926 I  1                                   Vorstandsmitglied der IG Farbenindustrie

1926 VI 30                               Pensionierung

 

Ehrungen Dr. techn. Wiss. h.c. TH Wien (1917); Preuß. Verdienstkreuz für Kriegshilfe (1918); Dr.-Ing. h.c. TH Karlsruhe (1921)

 

J. wurde als Sohn des "technischen Chemikers" einer Wiener chemischen Fabrik Hermann J. geboren, was  wahrscheinlich seine eigene Berufslaufbahn bestimmte. Im Juli 1880 beendete er die Wiedner Kommunal-Oberrealschule in Wien und inskribierte sich als Hörer der Technischen Chemie an der dortigen TH. Zum Ende des Sommersemesters 1883 bestand er die erste allgemeine Staatsprüfung mit "ausgezeichnetem" Ergebnis. Philipp Weselsky (1828-1889), Prof. für analytische Chemie, wählte J. zu seinem Privatassistenten. In diesem Jahr erschienen die ersten beiden Arbeiten J.s', die schon seinen erfinderischen Geist widerspiegelten. Herbst 1883 ging Weselsky in Pension und J. studierte und arbeitete weiter bei dem Farbstoffchemiker Privatdozenten Rudolf Benedikt (1852-1896), wo die nächsten vier Arbeiten J.s' im Jahre 1884 entstanden.

Im Herbst 1884 engagierte Zdenko Skraup (1850-1910), damals Professor an der Wiener Handelsakademie (und gleichzeitig Privatdozent an der TH), J. als Assistenten. Dieser Dienst dauerte nur einige Monate, da J. gleichzeitig "seiner Militärpflicht Genüge zu leisten" hatte und "ein Unfall im Laboratorium" ihn "für einige Zeit arbeitsunfähig machte", so er selbst.

So entschied J. nach Basel zu wechseln, um dort im bereits ausgewählten Gebiet der künstlichen organischen Farbstoffe zu promovieren. Das konnte er während eines Semesters im organischen Praktikum schaffen, das Rudolf Nietzki (1847-1917) leitete.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass J. in dieser Zeit in Basel auch Vorlesungen von Emil Nölting (1851-1922) über Farbstoffchemie in Mülhausen besuchte: Im nächsten Jahr publizierte der junge Doktor eine Monographie über künstliche organische Farbstoffe "unter Zugrundelegung" von Nöltings Vorlesungen.

Nach der Promotion ging J. nach Berlin, wo er eine Assistentenstelle in der Redaktion der Zeitschrift "Die chemische Industrie" erhielt. In Berlin entwickelte J. eine intensive literarische Arbeit: Außer vier Artikeln über seine Basler Ergebnisse verfasste er bis Mai 1887 die schon erwähnte Monographie, die ihn in der Fachwelt bekannt machte. So lud ihn der Vorstand des wissenschaftlichen Versuchslaboratoriums der AG für Anilinfabrikation Gustav Schultz (1851-1928) zu einer weiteren literarischen Zusammenarbeit ein. Als deren Frucht entstand das rasch bekannt wedende Nachschlagewerk, das 1902 schon in 4. Auflage erschien (1. Aufl. - August 1888) [Später sollte G. Schultz die 5., 6. und 7. Auflagen, 1914, 1923 und 1931, unter dem Titel "Farbstofftabellen" ohne J. bearbeiten und herausgeben; in der NDB sind sie fehlehrhaft als J.s' Werk bezeichnet]. Eine bedeutende weitere Folge war der Einstieg J. bei der BASF. Er brachte das Ende seiner Wanderjahre: Bei der BASF war er fast vier Jahrzehnte tätig, nahm die deutsche Staatsangehörigkeit an und wurde zu einem der führenden Köpfe im Gebiet der Farbstoffe.

  J. wurde in das 1887 neu etablierte Hauptlaboratorium übernommen, das unter direkter Leitung von Heinrich Caro und August Bernthsen (s. dort), ab 1890 von Bernthsen allein stand. Zuerst fungierte J. als Bernthsens Mitarbeiter -  einen besseren konnte Bernthsen sich nicht wünschen - nach und nach arbeitete J. aber immer selbständiger. Als Bernthsen 1898 die gesamte Patentarbeit der Firma übernommen hatte, wurde J. zum Leiter der Forschungsabteilung des Hauptlaboratoriums befördert (Bernthsen blieb der Leiter des  Hauptlaboratoriums und gleichzeitig seiner Patentabteilung). 1906 wurde J. stellvertretender Leiter des Hauptlaboratoriums. Tatsächlich leitete er alle chemischen Arbeiten im Laboratorium bereits ab 1898. J. war glücklich mit seiner Arbeit und lehnte einige Rufe an Hochschulen ab, einschließlich dem verlockenden Ruf zur Professur für organische Technologie an der TH Wien. Das Laboratorium konzentrierte sich damals ausschließlich auf Farbstoffen, was vollständig dem Interesse J.s' entsprach.

Obwohl J. zu verschiedenen Farbstoffklassen mehrere wertvolle Erfindungen beigetragen hatte, wurde er vor allem als großer Kenner und Erfinder auf dem Gebiet der Azofarbstoffe bekannt, die als die wichtigsten technischen Farbstoffe gelten. 1892 entdeckte J. eine Verbindung, 2-Amino-5-naphtol-7-sulfonsäure, nach ihm "Julius-Säure" genannt, die sich selbst, aber auch in Form ihrer Derivate, zu einem außerordentlich wichtigen Zwischenprodukt in der Fabrikation der substantiven oder direkten Azofarbstoffe entwickelte. Der größte Erfolg J.s' war die Schaffung der Lackfarbstoffe: 1899 entdeckte er das "Litholrot R", und damit wurde ein neuer Zweig der Farbstoff-Fabrikation ins Leben gerufen, nämlich die Fabrikation der organischen Pigmente, oder sog. Lackfarbstoffe. So bezeichnet man lösliche Farbstoffe, die sich in wasserunlösliche Salze oder Komplexverbindungen überführen lassen und deswegen als "Körperfarben" zu Anstrichzwecken, in der Tapetenindustrie usw. wertvoll sind. J. selbst war auch am weiteren Ausbau dieses Zweiges hervorragend beteiligt, indem er, teilweise mit Mitarbeitern, weitere zehn Lackfarbstoffe erfand.

Eine weitere wichtige Tätigkeit J.s' bei der BASF war die Anleitung und Ausbildung der Nachwuchskräfte. "Meisterhaft wusste er dem Anfänger den Weg zur Lösung der gestellten Aufgabe zu zeigen und etwa einen unerwarteten Reaktionsverlauf mit wenigen Reagenzglas-Versuchen aufzuklären", bezeugten seine Kollegen und Mitarbeiter. Bei aller Liebe zur Chemie veranlasste J. seine Mitarbeiter, ihre Ergebnisse auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Seite zu kalkulieren. Aus seiner Schule sind eine Reihe namhafter Erfinder hervorgegangen.

J.s Arbeitsmethode bei der Leitung des Laboratoriums war: Wenn er eine neue Perspektive sah, so wurden alle Mitarbeiter an das zu lösende Problem gesetzt. So konnte J. erstaunlich viel leisten. Insgesamt erfand er 35 neue Farbstoffe. Seine Arbeit spiegelt sich in etwa 85 deutschen und 86 amerikanischen Patenten wider; seine Erfindungen wurden auch in England und Frankreich patentiert. Mit Recht gilt J. als einer der produktivsten Erfinder der BASF aus der Vorkriegszeit.

 

Dem Temperament nach Choleriker, konnte J. außer sich vor Wut werden, war aber rasch und willig bereit, geschlagene Wunden zu heilen: Letztendlich war es sein "goldenes Wiener Herz", das ihm Liebe und Verehrung seiner Mitarbeiter sicherte. Zum 25jährigen Dienstjubiläum  J.s' wurde eine schöne und humorvolle Fest-Zeitung durch die Belegschaft des Hauptlaboratoriums herausgegeben. Dem Glückwunschbrief der Direktion wurde eine Gedenktafel aus Edelmetall beigelegt und feierlich überreicht - auch als Hinweis auf seine große Leidenschaft. Denn über seine chemischen Arbeiten hinaus beschäftigte sich J. ernsthaft mit der Numismatik. Er führte einen enormen Briefwechsel mit europäischen Antiquaren und Numismatikern. Besonders wertvoll galt seine Sammlung von Medaillen, Orden, Ehrenzeichen und Münzen der Zeit der Französischen Revolution und Napoleon I., die 4355 Objekte umschloss und als "die bedeutendste Spezialsammlung" auf diesem Gebiet bezeichnet wurde. (1959 wurde sie leider verstreut). J. sammelte auch Medaillen  Österreichs, Medaillen auf Chemiker u. a., außerdem eine hervorragende numismatische Bibliothek. Er erforschte gründlich Ursprung, Zweck und Beziehungen seiner Objekte und stellte seine Sammlung auch anderen Forschern zur Verfügung. Mit seinem gutem Gespür für Schönes sammelte J. auch Malerei. Seine Heidelberger Villa glich einem Museum.

Ein Mensch von heiterer Lebenseinstellung, ein glänzender Redner, gleichzeitig raffinierter Gourmet, bildete J. lange Zeit ein Zentrum der Geselligkeit. Nach dem Krieg konnte er sich aber mit den neuen Verhältnissen nicht mehr zurecht finden. Er zog sich mehr und mehr vom geselligen Umgang zurück und ging mit 63 Jahren in die Pension - zweifellos auch wegen seiner Herzkrankheit, der er schließlich erlag.

Etwa die Hälfte seines Vermögens, das damals ca. 1 Million RM betrug, vererbte J. der IG Farbenindustrie AG "für mildtätige Zwecke an die Belegschaft innerhalb des Reiches" (J.-Stiftung). Mit einem Teil seines Erbes sind noch heute Repräsentationsräume der BASF geschmückt.

J. bleibt in der Geschichte der Farbstoffchemie und -industrie einer ihrer markantesten Bahnbrecher.

 

Q Wiener Stadt- u. LandesA: Bestand M, Abt. 116, K1, Heimatrolle, Kartei 1850-1890; Bestand Bundespolizeidirektion Wien, Historische Meldeunterlagen; Auskunft vom 12.06.2008; StaatsA Basel-Stadt,  Bestand UniversitätsA  Basel XI 4.2c u. R 3.3, S. 295-297 (Promotionsakten J.); UnternehmensA d. BASF, W1 Julius; Auskünfte des ATU Wien vom 17. u. 25.03.2008 u. des StadtA Heidelberg vom 15.04.2008.

 

W Über das Verhalten von Chlor-, Brom u. Jodsilber gegen Brom u. Jod, in: Zs. für analyt. Chemie 22, 1883, 523-525; Ein neuer Exiccatoren-Aufsatz, in: ebd., S. 525f.; (mit R. Benedikt) Über Diresorcin u. Diresorcinphtalein, in: Sitzungsberr. d. k. k. Akad. d. Wiss. Wien (2. Abth.) 89, 1884, 662-672; Über eine neue Reaktion des Benzidins, in: ebd., 678f.; Notiz über das Hydrobromapochinin, in: ebd. 92, 1886, 779-782; Über die Zusammensetzung des Magdalrotes, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 19, 1886, 1365-1368; (mit E. Jacobsen) Über ein Condensationsproduct d. Zimmtsäure u. Gallussäure, in: ebd. 20, 1887, 2588f.; Die künstlichen organischen Farbstoffe, 1887; (mit G. Schultz) Tabellarische Übersicht der künstlichen organischen Farbstoffe, 1888, 21891, 31897, 41902; (mit M. A. Kunz), René Bohn (1862-1922), in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 56, 1923, A, 13-20; Zu August Bernthsens 70. Geburtstag, in: Zs. für angew. Chemie 38, 1925, 737-739.

 

L Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch VI, Teil 2 (1937), 1262; H. Pflitzner, J., in: NDB 10 (1974), 658; L. Blangey, Die Entwicklung d. Lackfarbstoffe. Zum 65. Geburtstag von P. J., in: Zs. für angew. Chemie 40, 1927, 1127-1130; A. Lüttringhaus, P. J. +, in: ebd. 44, 1931, 109-111 (B); K. H. Meyer u. L. Blangey, P. J. +, in: Berr. d. Dt. Chem. Ges. 64A, 1931, 49-57 (B); F. Mayer, P. J. +, in: Chemiker-Ztg. 55, 1931, 69; Anonym, Geheimrat Dr. P. J. +, in: Melliand Textilberr. 12, 1931, 153; Otto Helbing Nachf. München, Auktions-Katalog 66, 1932, Vorwort (B); ); Jens Ulrich Heine, Verstand und Schicksal. Die Männer der IG Farbenindustrie, Weinheim, 1990, S. 95; Carsten Reinhardt, Forschung in d. chemischen Industrie: die Entwicklung synthetischer Farbstoffe bei BASF u. Hoechst, 1863 bis 1914, 1997 (Freiberger Forschungshefte D, 202), S. 15, 153-158, 168-181, 190-195.

 

B s. L; Reichshandbuch d. Dt. Ges., Bd. 1, 1930, S. 855; UnternehmensA d. BASF, Bildersammlung, Julius; Ölgemälde (1925) von L. Bamberger, in Verwaltungsgebäude d. BASF.

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