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Bekannte deutsch-jüdische Wissenschaftler und

Weniger bekannte Seiten aus ihren Leben.

 

Guten Abend!

Gestatten Sie bitte, dass ich mich zunächst vorstelle. Ich heiße Alexander Kipnis, der       berühmte Bas Alexander Kipnis haben gemeinsame Vorfahren aus Stetl Uschomir in Belarus (nördlich von Zhitomir).

Nun sollte ich erklären, wie das Thema des heutigen Vortrags entstand. Von Haus aus bin ich Chemiker, mein Gebiet war Physikalische Chemie und ich beschäftigte mich mehreren Jahrzehnten mit Forschungen auf diesem Gebiet. Gleichzeitig interessierte ich sehr mit der Geschichte meines Gebiets. Als ich mit 63 Jahren hier gekommen war, wurde es bald klar, dass eine Forschungsarbeit für mich schon unzugänglich ist. So entschied ich mein altes Hobby zu meiner Hauptbeschäftigung zu machen. Insbesondere arbeitete ich für einige biographischen Reihen und verfasste insgesamt über 170 Kurzbiographien von deutschen Naturwissenschaftlern, aber auch von Ingenieuren und Medizinern. Dabei fand ich in verschiedenen Archiven und auch dank Kontakten mit Verwandten der betreffenden Persönlichkeiten viele interessanten Einzelheiten, die zu gedruckten Biographien nicht gehörten. Selbstverständlich waren für mich Schicksale von jüdischen Wissenschaftlern besonders nah. Aus mehreren Dutzenden wählte ich nur 5 Gelehrten, über die ich erzählen möchte. Außerdem wäre es wichtig, das heikle Problem der Beziehungen zwischen Deutschen und Juden in der Wissenschaft Deutschlands zu besprechen. Wollen wir sehen, ob die Zeit dafür noch reicht.

Nach allen diesen vorläufigen Bemerkungen – endlich direkt zum Thema.

Ich beginne mit Heinrich Hertz (1857-1894), dem berühmten Entdecker der Radiowellen. Nach ihm ist die Einheit der Frequenz benannt, die Maßeinheit für Schwingungen. (Ein Hz bedeutet ja: eine Schwingung pro Sekunde, 30 Hz z.B. also 30 Schwingungen pro Sekunde). Heinrich Hertz machte seine bedeutendsten Entdeckungen als Physikprofessor an der TH Karlsruhe. [BILD]

Apropos: Das erste Radiogramm der Welt – es wurde von Alexander Popow im Jahr 1895 aus einem Gebäude der Universität St.-Petersburg in ein anderes Gebäude gesendet – lautete: „Heinrich Hertz“.

Eigentlich war Hertz kein echter Jude: Er wurde als Sohn eines getauften Juden -eines hoch angesehenen Advokaten in Hamburg - geboren, seine Mutter war nicht jüdisch. Vielleicht spielten jüdische Gene eine Rolle, denn Hertz zeigte sich schon als Bub sehr begabt und geschickt, sowohl geistig wie auch bei Handarbeiten. Dazu gibt es folgende Anekdote: Der Bub lernte bei einem Meister das Drehen. Nach vielen Jahren prahlte Hertz‘ Mutter vor diesem Meister, dass ihr Sohn Professor sei. „Wie schade", erwiderte dieser, "er könnte ein ausgezeichneter Dreher werden“. Dieses Gespräch beschrieb die Mutter in ihrem Tagebuch, das ihre Tochter 1927 publizierte.

Andere Geschichten dagegen sind leider nicht so lustig. Im Dritten Reich wurde Hertz' postumer Ruhm durch postume Hetze ersetzt, denn er galt ja als „Halbjude“. Seine Witwe und die beiden Töchter mussten schon bald (i. J. 1936) emigrieren. Man schlug sogar  von deutscher Seite vor, die Maßeinheit der Frequenz von "Hertz"  in  "Helmholtz"  umzubenennen. Das wäre nicht mal teuer, weil die Abkürzung Hz unverändert bleiben könnte. International fand dieser Vorschlag jedoch keine Akzeptanz und blieb ohne Folgen.

In Karlsruhe mangelte es aber nicht an Bemühungen, die Bedeutung von Hertz zu verschweigen oder zu verleugnen. 1938 erschien dort eine Schrift, die die sog. „Mannschaft“ der Fakultät für Physik anlässlich des "Reichsberufswettkampfs“  lieferte. Ihr Titel lautete: „Heinrich Hertz in seinem Wirken und Schaffen, unter besonderer Berücksichtigung seiner rassischen Gebundenheit“. In dieser Schrift bemühten sich die Autoren zu beweisen,  dass die experimentellen Arbeiten von Hertz durch seine arische Hälfte gekennzeichnet seien, die theoretischen Arbeiten  jedoch – durch sein jüdisches Blut. Und mit diesem lächerlichen Machwerk wurde die Mannschaft „Reichssieger“ in der Sparte Naturwissenschaft!  Dokumente dazu fand ich im Universitätsarchiv Karlsruhe.

Abrunden möchte ich aber mit einer kleinen Geschichte über Hertz mit Happy End:  Eine Tochter von Hertz - sie war Bildhauerin -, schuf eine Bronzebüste des Vaters, die im Jahr 1925 anlässlich des Festes zu „100 Jahre Bestehen der TH Karlsruhe“ im Ehrenhof der TH eingeweiht wurde. Das war eben gegenüber des Gebäudes, in dem die Radiowellen entdeckt worden waren. Später, im Dritten Reich, wurde verlangt, dass die Büste zum Einschmelzen gebracht werden müsse. „Zu Befehl“, antwortete der Hausmeister, und die Büste verschwand.      Nach dem Ende des „tausendjährigen Reichs“ war Rudolf Plank der erste Nachkriegsrektor. Er war schon 1931 Rektor gewesen und kannte seitdem den zuverlässigen alten Hausmeister. Ihm klagte er eines Tages: „Nur schade, dass die Büste von Hertz hier fehlt“.    „Einen Moment“, antwortete ihm der Hausmeister und ging weg. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück, lachend vom Mund bis an die Ohren, mit einer Karre, auf der die Bronzebüste lag. Heute steht die Büste wieder  auf ihrem angestammten Platz. Diese Geschichte hat mir Klaus-Petr Hoepke, der Gründer und  erste Archivar des Uniarchivs Karlsruhe erzählt. ( Leider ist dieser edle Mensch längst verstorben.)

Von dem sog. Halbjuden Hertz möchte ich zum Volljuden Albert Einstein (1879-1955) weitergehen. Zu dieser berühmten Persönlichkeit erwähne ich nur ein paar von den wenig bekannten Einzelheiten.

Eine  weit verbreitete Legende lautet, dass Einstein ein sehr schwacher Schüler war. Tatsächlich aber war er in der Grundschule der Erste. Auch im Gymnasium war er einer der Besten. Vermutlich entstand diese Legende aufgrund einer Äußerung Einsteins, dass er das autoritär geführte Gymnasium nicht leiden mochte. Bereits damals war ihm schon jeglicher Zwang zuwider. Dazu noch ein Detail: Im Matura-Aufsatz schrieb der 17jährige über seine Lebenspläne, dass er sich mit theoretischer Physik beschäftigen wolle. Zum Schluss fügte er hinzu: „Darüber hinaus hat die wissenschaftliche Tätigkeit eine gewisse Unabhängigkeit, die mir sehr gefällt“.

Springen wir in das Jahr 1919, in welchem zwei astronomische Expeditionen zur Beobachtung der  vollen (totalen?) Sonnenfinsternis auf der Südhalbkugel durchgeführt wurden. Insbesondere sollte dabei die Voraussage Einsteins überprüft werden, ob sich das Licht im Schwerefeld von Himmelkörpern auf einer gekrümmten Laufbahn fortpflanze.

Auf die Ergebnisse wartend, bemerkte Einstein: „Wenn diese Voraussage bestätigt werde, redet man in Deutschland über den Erfolg des deutschen Gelehrten, wenn sie aber nicht bestätigt werde, spricht man über den Misserfolg eines Juden. In Frankreich dagegen würde man sprechen entweder über den Erfolg eines jüdischen Gelehrten oder über den Misserfolg der deutschen Wissenschaft“.

 

Bekanntlich wurde die Voraussage bestätigt, und dies verwandelte Einstein  plötzlich in einen Medienstar, was ihn übrigens bis zum Lebensende plagte.

Gleichzeitig wurde er aber zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe. Die berüchtigte Dolchstoßlegende verstärkte  den Antisemitismus in Deutschland ungeheuer. Außerdem richtete sich die Bewegung der sog. “Deutschen Physik“ gegen Einstein. Die Hauptantreiber dabei waren zwei bedeutende Experimentalphysiker - beide Nobelpreisträger - nämlich Johannes Stark und Philipp Lenard (übrigens beide Schüler von Hertz). Sie behaupteten, dass die echte deutsche Physik rein experimental sei und dass die Relativitätstheorie Einsteins nur ein jüdisches ausgeklügeltes Hirngespinst darstelle. Im September 1920, bei der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte, kam es zu direkten Auseinandersetzungen zwischen Einstein und diesen beiden  Prominenzen. Der Streit artete zwar nicht  in Handgreiflichkeiten aus, aber Einstein bekam viele Beleidigungen zu hören. Diese öffentliche Konfrontation leistete weiter starken Vorschub zu Angriffen gegen den Juden Einstein.

Deswegen beschloss er, auf längeren Reisen sich ein paar Jahre fern vom antisemitischen Deutschland zu halten. Charakteristisch für ihn, dass er auf die Reise nach Stockholm verzichtete, um seinen Nobelpreis für Physik im Dezember 1920 entgegen zu nehmen, und stattdessen seine Reiseplanung fortsetzte.

Im Jahr 1921 reiste Einstein zwei Mal durch die USA, um Gelder für die zionistische Sache zu sammeln. Bei der ersten Fahrt hatte er eingewilligt, gemeinsam mit Chaim Weitzmann Spenden zu sammeln. Ihm war klar, dass man ihn nur wegen seines Namens, wegen dessen werbewirksamer Kraft brauchte, und sagte darüber mit Humor: „Ich musste mich herumzeigen lassen wie ein prämierter Ochse, unzählige Male in großen und kleinen Versammlungen reden". Trotzdem fand er auch einige Tage für wissenschaftliche Vorträge in Princeton über die Relativitätstheorie. Später, ab 1932, lebte Einstein dort bis zu seinem Lebensende.

Ähnlich, nur ohne Weitzmann, lief es bei der zweiten Amerika-Reise. Besonders

fleißig sammelte er finanzielle Mittel für die Hebräische Universität in Jerusalem, die 1918 auf dem Skopus-Berg symbolisch gegründet worden war.

Im Februar 1923, aus Japan zurückkehrend, kam Einstein nach Palästina. Er übergab das gesammelte Geld  der Verwaltung der Universität und hielt mehrere öffentlichen Reden. Bei der ersten, auf dem Skopus-Berg, sprach Einstein mit Tränen in Augen, er war tief bewegt. Zudem besuchte er auch einige Kibutzim und war sehr beeindruckt durch die Arbeit von zionistischen Pionieren. Ihm selbst wurde eine besondere Ehrung zuteil: Die junge Stadt Tel Aviv ernannte Einstein zu ihrem ersten Ehrenbürger. Die Stadt war erst vierzehn Jahre zuvor in den Dünen am Mittelmeer gegründet worden und hatte inzwischen 20.000 Einwohner. Ein Ende des Wachstums war nicht abzusehen. Einstein schrieb davon begeistert: „Die Tätigkeit der Juden in wenigen Jahren in dieser Stadt erregt die höchste Bewunderung. Moderne hebräische Städte werden aus dem Boden gestampft mit regem wirtschaftlichem und geistigem Leben. Ein unglaublich reges Volk, unsere Juden!“  Für die Verwaltung der Universität war der Name Einstein von großer Bedeutung und sie wählte ihn zum Präsidenten des Kuratoriums. Obwohl Einstein nie mehr Palästina besuchte, war er mit der Hebräischen Universität lebenslang verbunden und vererbte ihr alle seine Schriften, wie auch seinen gesamten Besitz

Einstein kehrte erst 1925  nach Deutschland zurück.

Ich vermute, dass die lange Abwesenheit ihm das Leben rettete. Der Mord von Walther Rathenau, mit dem Einstein befreundet war, bestätigt diese Vermutung, denn arische Patrioten hätten möglicherweise auch ihn gerne umgebracht.

Auf ganz anderer Seite zeigten sich die Reisen Einsteins von großer Bedeutung für Deutschland: Einstein hat damit – und er hielt Vorträge weltweit – in Frankreich, in Japan, in Süd Amerika – einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung des Boykotts der deutschen Wissenschaft nach dem II. Weltkrieg geleistet.

Es ist zu betonen, dass Einstein lebenslang sich als Jude verstand. Judentum war für ihn nicht die Konfession – bereits mit 12 Jahren erklärte er sich als konfessionslos, – sondern die „Schicksalsgemeinschaft“, Juden waren für ihn „Stammbrüder“.

Was ich über Einstein als Letztes anführen möchte, ist ein Zitat aus einem seiner Briefe:„Der Mensch denkt und Gott lenkt. Manchmal gibt er aber dieses Amt an des Teufels Großmutter ab“,

 Nun zu einem weiteren enialen Nobelpreisträger, zu Fritz Haber (1868-1934). Der Preis wurde ihm zuerkannt für die Synthese von Ammoniak, direkt aus Stickstoff und Wasserstoff. Haber, damals an der TH Karlsruhe, konnte dies erreichen unter Anwendung von Katalysatoren und unter hohem Druck. Dieses Verfahren wurde in Ludwigshafen in der BASF industriell technisch realisiert. Dadurch wurde die gesamte chemische Industrie weltweit grundlegend verändert und Haber zum Millionär.  Doch dies ist nicht ist mein Hauptgesichtspunkt.

Haber war das volle Gegenteil Einsteins.

Während Einstein  sich ganz bewusst als Jude verstand, galt für Haber das Judentum nichts. Ihm war seine jüdische Abstammung hinderlich, denn sie störte seine Karriere. Nachdem Haber sein durch den Vater finanziertes Studium beendet hatte, ließ er sich mit 24 Jahren taufen. Dies bedeutete das Ende der Verbindungen zu seiner Familie.

War Einstein eher heimatlos, gab sich Haber dagegen als ein glühender Patriot Deutschlands.

Ehrgeiz war für Einstein absolut fremd, Haber, dagegen, war äußerst ehrgeizig.

Einstein war Einzelgänger, Haber glänzte als hervorragender Organisator der Wissenschaft, z. B. als Leiter von Instituten. Insbesondere lieferte Haber entscheidende Beiträge zur Entwicklung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (sie wurde nach dem 2. Weltkrieg als "Max-Planck-Gesellschaft" wieder zum Leben erweckt).

Ab 1912 leitete Haber das "Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie" in Berlin, das nach seiner Initiative eingerichtet worden war.          Ihm gelang es, zwei zukünftige Nobelpreisträger, nämlich Albert Einstein und Richard Willstätter (über ihn wird noch die Rede sein) für Berlin zu gewinnen. Haber konnte bei allen maßgebenden Stellen durchsetzen, dass diese Gelehrten, zwar zu Professoren der Berliner Universität berufen, aber völlig frei von Dozentenpflichten sich nur mit eigenen Forschungen beschäftigen konnten. Mit diesem Argument überzeugte Haber Willstätter und Einstein, nach Berlin zu kommen. [FOTO?]

Ich muss zugeben, dass dieser geniale Mensch mir unsympathisch ist, und die wenigen Episoden aus seinem Leben, über die ich nun erzählen werde, eher traurig sind.

Die erste: Habers Einstellungen waren völlig preußisch geprägt: Der Staat sei über alles, man müsse ihm dienen, ohne wenn und aber. Als ehrgeiziger Gelehrter strebte Haber nach Kontakten zu hohen Behörden, besonders beim Militär. Der Krieg gab ihm Möglichkeit, an wichtigen staatlich-militärischen Entscheidungen teilzunehmen. Die weitreichendste und schlimmste war die Entscheidung, chemische Waffen einzusetzen. Obwohl die Idee, chemische Waffen zu planen, von Seiten des Militärs stammte, war es Haber, der sie realisieren konnte. Nach mehreren Monaten akribischer Vorbereitungen wurden  (am 22. April 1915)   etwa 150 000 Kilogramm Chlorgas aus tausenden Ballonen auf die 6 Kilometer langen Front von Ypern über die englisch-französischen Truppen frei gesetzt. Die Anzahl der Opfer wird in der Literatur auf 3 bis 15 Tausend geschätzt. Jedenfalls waren es viele Tausende.

Der Tag des 22. April  (1915)  stellt  eine Zäsur dar, den Anfang des Zeitalters der Massenvernichtung in der Geschichte der Menschheit – so bezeichnen Historiker diese Katastrophe.

Als Zweites  muss erwähnt werden, dass Haber wohl seine Frau Clara, geborene Immerwahr, in den Selbstmord getrieben hat. Sie war eine außerordentlich begabte Dame. Ebenso wie Haber stammte sie aus Breslau. Für damals war es ganz ungewöhnlich, dass ein Mädchen nicht nur Chemie studieren, sondern auch ausgezeichnet promoviert werden konnte. [FOTO]       Um 1890 verliebten sie sich  und als Haber in Karlsruhe angestellt wurde, heirateten sie dort. Bei ihrer Heirat hoffte Clara darauf, mit Haber zusammenzuarbeiten, so wie es während des Studiums war. Es wurde aber ganz anders: Sie sollte nur einfache Hausfrau werden und dabei zusätzlich den schwierigen Charakter und die wechselhaften Launen Habers ertragen. Die militärischen Einstellungen ihres Mannes kritisierte sie grundlegend. Die Tragödie von Ypern bildete für Clara den entscheidenden letzten Tropfen. Während ihr Mann seinen Triumph und seine Beförderung zum Hauptmann feierte [FOTO?], schrieb sie ihren letzten Brief und erschoss sich mit Habers Dienstwaffe. Haber vernichtete den Brief und eilte sofort an die Ostfront, um auch dort den Einsatz chemischer Waffen einzuleiten.

Das Ende Habers war für ihn persönlich schlimm. Im Dritten Reich ignorierte man alle seine wissenschaftlichen Verdienste. Er wurde aus seinem Institut, das er mehr als zwei Jahrzehnte erfolgreich geleitet hatte, vertrieben, musste emigrieren und starb in der Schweiz,  physisch und psychisch zermalmt. Ich glaube, es war wie eine Vergeltung von Oben.

Jetzt, wie schon angekündigt, über den Nobelpreisträger Richard Willstätter (1872-1942). [BILD]                                                

Zunächst eine lustige Charakteristik seiner Mutter, die ich aus den Lebenserinnerungen Willstätters entnehmen konnte. Sie verkörperte eine echte jüdische Mama, immer getrieben von der Sorge, ob ihr Söhnchen gut vorankomme. 1902 wurde Willstätter außerordentlicher Professor in München, und 1905 Ordinarius in Zürich, aber für die Mutter war es noch nicht genügend. Erst als ihm 1915 der Nobelpreis für die Entschlüsselung der Konstitution von Chlorophyll verliehen wurde, fand sie, dass man ihren Sohn endlich richtig einschätzte.

Das Leben Willstätters war jedoch fast immer schwierig und bitter. Bereits in der Schule litt er unter antisemitischen Beleidigungen. Als er Chemie in München studierte, versuchte sein Lehrer, Adolf von Bayerer, ihn zu überzeugen, sich taufen zu lassen, um seine wissenschaftliche Karriere zu sichern. Willstätter fand es unwürdig und blieb Jude, was ihm viele Schwierigkeiten bereitete.

Adolf von Bayerer (1835-1917) erhielt 1905 den Nobelpreis für seine Arbeiten über Chemie und industrielle Produktion von Farbstoffen. Interessant ist das Detail, dass von Bayerer selbst jüdischer Abstammung war, seine Familie aber seit drei Generationen bereits christlich war.

Trotz Willstätters Ablehnung gegenüber einer Taufe, unterstützte Bayerer seinen talentvollen Schüler und konnte ihn als außerordentlichen Professor in seinem Institut anstellen. Als Bayerer in Ruhestand ging, empfahl er Willstätter als seinen Nachfolger. So wurde Willstätter, obwohl Jude, jedoch Nobelpreisträger (1915 Chemie), zum Frühjahr 1916 nach München berufen. Während der ersten Nachkriegsjahre konnte er durchsetzen, dass für sein Institut 1921-1922 ein zusätzliches Gebäude ( der „Willstätter-Bau“) errichtet wurde, mit  einem große Baeyerer-Denkmal vor dem Eingang.

Wie ich bereits erwähnte, tobte  im Nachkriegsdeutschland der Antisemitismus. In der Universität München wurden Flugblätter verbreitet, wie etwa: „Deutsche Studenten, lasst nicht zu, dass Juden euch lehren“. Willstätter selbst wurde Opfer einer tätlichen Bedrohung, man wollte ihn verprügeln. Alles dies konnte er aber standhaft durchhalten.

Im Frühjahr 1924 verzichtete die Fakultät darauf, als Nachfolger des große Kristallografen Paul von Groth, seinen bedeutenden Schüler, den Juden Victor Goldschmidt zu berufen – eben, weil dieser Jude war. Als Willstätter einwandte, man solle über einen Kandidaten nach dessen Leistungen und Fähigkeiten, nicht nach seiner Konfession entscheiden, hielt man ihm vor, dass ein Jude den anderen Juden unterstütze. Dies war zu viel, und Willstätter erklärte seinen Rücktritt. Obwohl über 300 seiner Studenten und mehrere Professoren ihn zu bleiben baten, ging er zum Ende des Sommersemesters 1925. Er musste sein großes Dienstgebäude verlassen, zog in ein kleines bescheidenes Haus, wo er privat zu arbeiten versuchte. Bis 1932 publizierte er in deutschen Zeitschriften seine Arbeitsergebnisse und Übersichtsartikel.

Nach der Pogrom-Nacht (Kristall-Nacht) konnte Willstätter im März 1939, unter Verlust seines gesamten Besitzes, in die Schweiz fliehen, wo er nach drei Jahren verstarb. In der Schweiz unterstützte ihn ein ehemaliger Mitarbeiter, der auch seine Lebenserinnerungen postum herausgab. Der Nobelpreisträger und Nachfolger Willstätters in München, Heinrich Wieland, bezeichnete Willstätter als ein „Opfer des politischen Vandalismus“.

 Als Nächstes habe ich vor, über einen Gelehrten zu erzählen, der zwar kein Nobelpreisträger war, jedoch ein bedeutender Biochemiker und Pharmakologe. Sein Name: Philipp Ellinger (1887-1952). Er war Sohn eines sehr reichen und angesehenen Frankfurter Unternehmers und hatte keine materiellen Sorgen. So konnte er lange studieren und zweimal promoviert werden, in beiden Fällen magna cum laude – zunächst in der Chemie (1911, Universität Greifswald), dann in der Medizin, Fach Pharmakologie (Heidelberg, Februar 1914).

Bei Kriegsausbruch meldete sich Ellinger sofort als Freiwilliger. Er war ja Patriot Deuschlands und liebte seine Heimat aufrichtig. Er erhielt eine militärische Ausbildung und wurde im Oktober 1914 zum Unterarzt ernannt. Ab dieser Zeit war er bis Ende 1918 an verschiedenen militärischen Stellen eingesetzt, zuletzt als Oberarzt. Ihm wurde n Eiserner Kreuz und mehrere badischen Militärauszeichnungen zuteilo. [FOTO]

Als Volontärassistent am Pharmakologischen Institut in Heidelberg blieb Ellinger mehrere Jahre als erfolgreicher Forscher tätig, bis er 1925 zum außerordentlichen Professor ernannt wurde. Das ersehnte Ordinariat erhielt E. erst später, als er zum SS 1932  an die Medizinische Akademie Düsseldorf berufen wurde.

Hier möchte ich diese kurze Lebensbeschreibung unterbrechen, um zu erzählen, wie ich im Jahr 2009 ein Foto von ihm als Professor für eine biographische Reihe ausfindig zu machen versuchte. Das war wirklich spannend: Im Archiv der Düsseldorfer Akademie gab es nichts, denn durch den 2. Weltkriegs war Vieles für immer verloren. Dann hoffte ich, das Foto in der Münchener Medizinischen Wochenschrift zu finden. Diese angesehene medizinische Zeitschrift feierte im Jahr 1933 ihr 80jähriges Bestehen. Im ersten Heft des 80. Bands erklärte die Redaktion, dass eine Beilage über die deutschen medizinischen Werkstätten mit Fotos bei jedem Heft publiziert werde. Die Beilage zum ersten Heft war Aachen gewidmet, zum zweitem – Berlin, zum dritten – Bonn. Die Beilage zur vierten Nummer, vom 28. Januar 1933 sollte über Düsseldorf berichten. Ich bestellte den Band 80 in der Uni-Bibliothek Heidelberg – und zu meiner Enttäuschung fand sich keine Beilage zum vierten Heft. Die weiteren Beilagen – über Gießen, Göttingen usw. fehlten nicht. Ich war beharrlich und sah den Band 80 in sechs weiteren Bibliotheken Deutschlands durch – mit demselben Ergebnis!

 Erst dann verstand ich, wo der Hund begraben lag. Das vierte Heft mit der Beilage über Düsseldorf erschien zwar vor der Machtübernahme am 30. Januar 1933, aber die gesamten 52 Hefte gingen zu einem Buchbinder erst Anfang 1934. Damals war wohl schon ganz klar, dass keine positive Information über Juden erlaubt sei, so wurde die Beilage mit dem jüdischen Foto entnommen. Die weiteren Beilagen waren schon sozusagen zeitgemäß, weil die Münchener Redaktion sofort, selbst ziemlich braun, die Zeitschrift umorientierte. Als mir dies klar wurde, bestellte ich die erwünschte vierte Beilage aus der Schweiz. Dort betrieb man keine Rassensäuberung, und ich konnte endlich das ersehnte Foto in Augenschein nehmen.

Nach dieser Abschweifung nun einige Worte über das Schicksal Ellingers.

Als im April 1933  den Juden der Boykott erklärt und das sog. „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ eingeführt wurde, hatte Ellinger sofort die Lage richtig eingeschätzt. Er verzichtete auf die Möglichkeit, ein Sonderrecht für die jüdischen Kriegsteilnehmer zu beanspruchen, nämlich weiter ihre Stellen zu behalten, und entschied sich, nach England zu emigrieren. Der Abschied von dem Heimatland, das ihm zur Stiefmutter geworden war, verlief schmerzhaft, insbesondere wegen der vielen begonnenen Arbeiten.  Er beeilte sich, seine Forschungen zu beenden. Sein Schwanengesang in Deutschland war die Entdeckung von Riboflavinen, zu denen das Vitamin B12 gehört, eine Entdeckung, die die Geschichte der Biochemie bezeugt. Verloren aber ging das gesamte Vermögen Ellingers.

Im Frühjahr 1934 kam Ellinger mit seiner Familie nach England und dank der Unterstützung dortiger Kollegen bekam er eine Anstellung am Lister Institut für Präventive Medizin in London. Er war ja angesehener Professor mit internationalem Ruf. Er und seine Familie hatten das Glück, die britische Staatsangehörigkeit vor dem Kriegsausbruch zu erhalten, die Einstufung als  „feindliche Ausländer“ blieb erspart.

Nach dem Krieg hat man Ellinger auf den Düsseldorfer Lehrstuhl eingeladen – um die frühere Ungerechtigkeit auszugleichen. Er lehnte aber diesen Ruf ab und blieb in London. Viele interessante Informationen über die englische Periode des Lebens Ellingers und dessen Familie konnte ich von seiner jüngsten Tochter Gabriele bekommen, die damals noch in Schottland lebte.

Soweit mit dem ersten und längsten Teil meines Vortrags. Aus Dutzenden von bedeutenden deutsch-jüdischen Wissenschaftlern konnte ich nur über fünf Gelehrte etwas erzählen.

 Jetzt möchte ich kurz ein heikles Problem ansprechen, und zwar das gegenseitige Verhalten deutscher nichtjüdischer und jüdischer Wissenschaftler in Deutschland.

Zunächst zur Mehrheit der  Deutschen. Es gab – und wahrscheinlich  gibt es auch heute – ein breites Spektrum von Einstellungen und Verhalten.

Auf der eine Seite standen die überzeugten Antisemiten. Der Antisemitismus in Deutschland hat ja eine  Jahrhunderte lange Geschichte, aber in der Wissenschaft selbst entstand dieses Thema erst im Kaiserreich. Früher wurde darüber einfach nicht geredet und nahezu keine Juden in dem akademischen Leben.

Aber im Jahr 1879 publizierte Heinrich von Treitschke (1834-1896), Professor der Geschichte in Berlin, eine Denkschrift „Unsere Ansichten“, wo er verlangte, mit dem jüdischen Einfluss in der deutschen Gesellschaft Schluss zu machen. Seine berüchtigt-berühmte Phrase:  „Die Juden sind unser Unglück“    wurde später von den Nationalsozialisten mit Begeisterung übernommen.

In der Weimarer Republik verbesserte sich die Einstellung nicht wesentlich.

Hier das kuriose Beispiel eines bedeutenden Physiologen und Medizinhistorikers namens Achelis (1898-1963). Bei der Taufe gab ihm der Vater den Vornamen "Daniel". Dieser Vorname, recht biblisch-jüdisch, ärgerte ihn, und Achelis nannte sich ab 1925 "Johann". Als er 1934 Ordinarius für Physiologie wurde [FOTO], machte er die Heidelberger Akademie der Wissenschaft „judenfrei“ , wobei er damit begann, die Sitzungen, an denen die jüdischen Mitglieder teilnahmen, demonstrativ zu ignorieren.

Nun zur anderen Seite des erwähnten Spektrums, zu Deutschen, die Juden respektierten und unterstützten, obwohl dies im Dritten Reich lebensgefährlich war.

Ich möchte hier als vorbildliches Beispiel den Münchener Psychiater Kurt Schneider (1887-1967)  nennen [FOTO]. Er leitete die psychiatrische Klinik eines großen Krankenhauses und versteckte jüdischen Kollegen und Patienten in der Infektionsabteilung seiner Klinik. Die Inspektoren der NS-Behörden durften dorthin nicht. So konnte er Juden retten – und dies in der Zeit, in welcher  nahezu alle deutschen Ärzte ihren Hippokratischen Eid vergessen zu haben schienen.

Den Namen Heinrich Wieland (1877-1957) habe ich schon erwähnt. [FOTO] Der Nationalsozialismus war ihm verhasst. Dazu eine Anekdote. Im Jahr 1934 hielt er eine Chemievorlesung über Phosphor und betonte, dass dieses Element für die Funktion des menschlichen Gehirns äußerst wichtig ist – und in demselben Atemzug: „Deutschland leidet unter Phosphormangel“. Obwohl sofort eine Denunziation folgte, wagte man noch nicht, gegen ihn als den echten Arier, dazu Nobelpreisträger, Sanktionen anzuwenden.

Wieland half aus ihren Anstellungen vertriebenen Juden, indem er sie in sein Institut aufnahm und bei Emigration zu unterstützen versuchte. Ein besonderer Fall war dabei Richard Willstätter. Wieland wusste, dass ihm Mittel für die Emigration fehlten, dass er aber auch kein Geld-Geschenk annehmen würde. So kaufte er von Willstätter verschiedene Möbel und andere Gegenstände, die er eigentlich gar nicht benötigte. Später wurden einige dieser gekauften Dinge zu wirklichen Reliquien. Ich habe sie selbst im Haus von Theodor Wieland, dem Sohn Heinrich Wielands, in Schlierbach bei Heidelberg gesehen.

 Schließlich sollte ich aber auch sog. „jüdisch versippte“ Deutsche erwähnen, das heißt: Deutsche, die jüdische Frauen hatten und sich nicht trennen wollten. Sie verrieten ihre Frauen nicht, retteten sie und setzten sich selbst Verfolgungen aus. Ich möchte hier wenigstens zwei solche edlen Männer nennen – den Botaniker und Genetiker Friedrich Oehlkers (1890-1971) und den Kreislaufforscher und Arzt Karl Matthes (1907-1962). Beide waren bedeutende Spezialisten und beide sollten heftige Schwierigkeiten ertragen. Darüber zu erzählen fehlt aber hier die Zeit, Ihre Biographien in deutscher Sprache wurden von mir im Internet publiziert.

Abschließend kurz zum Thema  "Juden in Deutschland": Wie jede Minderheit befanden sie sich immer in zwiespältiger Lage. Aber gerade der jüdischen Minderheit erging es besonders schlimm, weil es Judenhass bereits seit vorchristlichen Zeiten gab und er sich seitdem immer weiter entwickelte und immer neue Facetten erwarb.

Über viele Jahrhunderte lebten die Juden isoliert. Dank Moses Mendelsohn (1729-1788) begann bei den Juden durch Aneignung der deutschen Sprache und Kultur ein Anfang der Assimilation von Juden in Deutschland.

 Eine charakteristische Einzelheit dazu: Nachdem Treitschke, wie erwähnt, seine antisemitische Schrift publiziert hatte, proklammierte der berühmte Historiker Theodor Mommsen (1867-1903) in seinem Aufsatz „Auch ein Wort über unser Judentum“ den Standpunkt, dass der einzige Ausweg, sich vor dem Antisemitismus zu retten, die völlige Assimilation der Juden sei.

Der Druck zur Assimilation wurde äußerst stark, und nur wenige Wissenschaftler gaben ihrer jüdische Identität höheren Rang als Karriereüberlegungen. Einige Namen habe ich genannt Einstein, Willstätter, Ellinger, aber auch der Kristallograf Victor Goldschmidt, der unbewusst den Weggang Willstätters vorbereitete. Ich möchte aber doch noch den Mathematiker Max Noether und die Physiker Max Born und Otto Stern (beide Nobelpreisträger) erwähnen.

Für die Mehrheit der Juden jedoch, die wissenschaftlich arbeiten wollten, war die Taufe die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen. Dazu kam noch, dass sie sich nach  Sprache und Kultur als Deutsche fühlten. (In Klammern sei hinzugefügt, dass es so nicht nur für die Wissenschaftler war – wollen wir uns auch an den Dichter Heinrich Heine und den Komponisten Felix Mendelsohn erinnern).

Ein sehr angesehener Heidelberger Mathematiker - Leo Koenigsberger (1837-1920) -, der in Berlin studiert hatte und dort rechtzeitig getauft war, erzählte in seinen Lebenserinnerungen über einen seiner Kommilitonen, der viel begabter als er war, aber keine Taufe wollte. Ihm war es unmöglich, eine Anstellung zu finden, er musste mit Hilfe privater Unterrichtsstunden sein Brot verdienen, sein Talent konnte er nicht realisieren.

Große Gelehrte, wie Willstätter oder Max Born, von Einstein ganz zu schweigen, oder die finanziell unabhängigen Wissenschaftler wie Victor Goldschmidt und Philipp Ellinger, blieben Juden.

Der erzwungene Konformismus hatte jedoch auch eine gewisse positive Seite: er erlaubte bedeutenden Wissenschaftlern ihre Talente zu nutzen und wesentliche Beiträge zur Wissenschaft zu leisten. Außer dem eben genannten Leo Koenigsberger müsste ich unbedingt abschließend noch zwei hervorragende Chemiker erwähnen – Albert Ladenburg und Georg Bredig. Ihre Biographien in  deutscher Sprache habe ich im Internet publiziert.

Zusammenfassend: Die Lehre von Hegel über den Kampf und die Einheit der Gegensätze bestätigt sich auch hier. Hegel darf ruhig schlafen.

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit..